April - Musik und Tanz halten Tradition lebendig

Foto: Delil Souleiman/AFP
Text: Kamal Sido


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Die Musik- und Tanzgruppe "Barmaya" aus Nordsyrien will die Kunst und Kultur der Assyrer/Aramäer/Chaldäer bekannt machen. Tänzer "Rabi" ist trotz des Krieges in seinem Heimatland geblieben. Foto: Delil Souleiman/AFP

von Kamal Sido

„Barmaya“ heißt die Musik- und Tanzgruppe der christlichen Assyrer/Chaldäer/Aramäer, zu der der Tänzer auf dem Titelblatt gehört – „Söhne bzw. Kinder des Wassers“. Die Gruppe wurde von George Koriakos im multiethnischen und multireligiösen Qamishli in Nordsyrien gegründet. Er wohnt seit 2013 in Paderborn. Der Krieg hat ihn aus seiner Heimat vertrieben. Der Tänzer jedoch ist wohl noch dort. Er wird „Rabi" genannt, das heißt „mein Lehrer“ oder „mein Meister“, berichtete mir George Koriakos, mit dem ich mehrmals telefoniert habe. Durch eine kleine Suchaktion auf Facebook habe ich ihn in Nordrhein-Westfalen ausfindig gemacht. Er bringt jetzt dort Kindern das Musizieren und Tanzen bei, wirbt um ein tolerantes Miteinander aller Religionsgemeinschaften und unterstützt ehrenamtlich die Arbeit des Roten Kreuzes.

Kamal Sido traf diese drei festlich gekleideten Christinnen 2016 im Dorf Girsheran in der Provinz Al-Hasakah im Nordosten Syriens. Foto: Kamal Sido

Die traditionelle assyro-aramäische Kultur und Kunst in Syrien, aber auch in der ganzen Welt bekannt zu machen ist das Ziel von „Barmaya“. Laut ihrem Selbstverständnis ist die Gruppe „Trägerin“ der alten Kultur der Sumerer, Phönizier, Akkadier, Chaldäer, Babylonier, Assyrer und Aramäer. „Durch Tanz und Musik will sie für den Frieden eintreten und zur Völkerverständigung beitragen“, erzählte mir George Koriakos. Mehrmals ist „Barmaya“ auf internationalen Festivals in der syrischen Hauptstadt Damaskus, in der nordsyrischen, heute zum Teil zerstörten Metropole Aleppo, aber auch im Ausland aufgetreten wie in Katar, Zypern oder im Libanon. Die Gruppe wurde mehrmals ausgezeichnet. 2014 ist das Foto mit Rabi entstanden. Damals gehörten rund 100 Frauen und Männer unterschiedlicher Altersgruppen zu „Barmaya“. Die jüngeren sollen von den älteren Mitgliedern lernen und die Traditionen ihres Volkes fortführen. In der Gruppe kommen verschiedene orientalische Musikinstrumente zum Einsatz, wie die Becher-Trommel Darbuka, die Rahmentrommel Riq mit ihren Schellen, die Flöte Nai, das entfernt einer Oboe ähnelnde Blasinstrument Mizmar, die orientalische Kurzhalslaute Ud, die Kastenzither Kanun, die Laute Bouzouki und das Jombosh, das an ein Banjo erinnert.

 

Wer sind die Assyrer/Chaldäer/Aramäer?
Die Assyrer/Aramäer/Chaldäer sind ein urchristliches Volk des Nahen Ostens. Sie betrachten Teile Syriens, des Irak und der Türkei als ihre historische Heimat, die sie „Bethnahrin“ (Mesopotamien) nennen. Auch wenn viele von ihnen ihre alte Sprache Aramäisch, die Sprache Jesu, nicht mehr sprechen, nennen sie sich dennoch Assyrer, Aramäer oder Chaldäer. All diese Namen bezeichnen ein und dasselbe Volk, dessen Angehörige sich über die Grenzen der Länder des Nahen Ostens hinweg in ihrer gemeinsamen Sprache verständigen können. Das Christentum mit seinen verschiedenen Kirchen – unter ihnen die syrisch-orthodoxe, chaldäische oder assyrische Kirche - eint diese Volksgruppe. Hinzu kommt die gemeinsame Leidensgeschichte. Denn gemeinsam mit den Armeniern wurden sie 1915 Opfer eines Völkermordes, bei dem etwa zwei Millionen Menschen ihr Leben verloren. Der Völkermord an den syrischen Christen im Osmanischen Reich und in der türkisch-iranischen Grenzregion während des Ersten Weltkrieges heißt in ihrer Sprache Sayfo oder Seyfo („Schwert“). Gabriele Yonan veröffentlichte 1989 mit Unterstützung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) eine Dokumentation über diesen Genozid mit dem Titel: „Ein vergessener Holocaust - Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei“.

Der Leiter der Tanzgruppe Barmaya, George Koriakos (Mitte vordere Reihe), musste aus Nordsyrien fliehen. Er lebt seit 2013 in Paderborn und hat auch dort eine Tanzgruppe gegründet. Foto: privat

Christen im Nahen Osten unter Bedrängnis
Es grenzt an ein Wunder, dass Angehörige dieses Volkes noch immer im syrischen Qamischli, im irakischen Ankawa oder bei Midyat in der Türkei leben, ihre Tänze, Musik und Lieder pflegen und am Leben erhalten. Von 2016 bis 2018 besuchte ich Qamischli insgesamt vier Mal. Immer wenn ich dort war, sprach ich mit Vertretern verschiedener politischer, zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Gemeinschaften wie zum Beispiel mit Elizabeth Koriyeh von der „Suryoye-Einheitspartei“. Sie beteiligt sich aktiv an der Arbeit der nordsyrischen Verwaltung. Auch Vertreter der oppositionellen „Assyrischen Demokratischen Union“ (ADO) waren meine Gesprächspartner. Sie alle trieb eine Sorge um. Was sollte aus dem Christentum in ihrer Region werden, wenn während des Krieges so viele Christen aus Syrien flüchten müssen? Sie gaben mir eine Botschaft an Deutschland, Europa und Amerika mit: „Die Fluchtursachen vor Ort, in Qamishli, müssen bekämpft werden!“ Sie erwarten Unterstützung von westlichen demokratischen Ländern und träumen davon, dass in einem multiethnischen und -religiösen Syrien alle Volksgruppen unabhängig von ihrer Religion, Volkszugehörigkeit und Sprache gleichberechtigt miteinander leben können.

Dennoch verließen oder verlassen viele Assyrer/Chaldäer/Aramäer ihre historische Heimat in der Südosttürkei, im Nordirak oder Nordsyrien Richtung Europa. In Deutschland sollen inzwischen etwa 100.000 Angehörige dieser Minderheit leben. Weltweit soll es nahezu drei Millionen von ihnen geben. In Deutschland sind sie in verschiedenen Vereinen und Verbänden wie im „Bundesverband der Aramäer in Deutschland“, „Zentralverband der assyrischen Vereinigungen in Deutschland und europäischen Sektionen“ oder „European Syriac Union“ organisiert. Ihre Zentren befinden sich insbesondere in Wiesbaden, Paderborn, Essen, Augsburg, Gütersloh, Gießen und in Delmenhorst.

über den Autoren

Dr. Kamal Sido ist Nahost-Referent der GfbV. Er steht in direktem Kontakt mit Repräsentanten vieler Volksgruppen des Nahen Ostens, informiert unablässig in Vorträgen, Rundfunk- und Fernsehinterviews über ihre Situation.