Januar - "Wüstenblues" als Protestmusik

Foto: Franck Charton
Text: Lena Heitkamp



Vorderseite

Die mit Kamelhaut bespannte ein- oder zweisaitige Schalenspießlaute Imzad, deren Korpus aus einer halben Kalebasse besteht, wird nur von Tuareg-Frauen gespielt. Sie wird wie eine Geige mit einem Bogen gestrichen. Foto: Franck Charto

 

von Lena Heitkamp

Die Imzad, eine Streichlaute aus einer oft bunt mit Mustern bemalten halben Kalebasse, spielen bei den „Tuareg“ nur Frauen. Ihr Instrument hat eine Saite aus Rosshaar und begleitet poetische Lieder, in denen Geschichten erzählt oder an besondere Ereignisse erinnert wird. Mittlerweile beherrschen nur noch wenige Musikerinnen das klassische Imzadspiel. Musik ist für die „Tuareg“ jedoch nach wie vor ein wichtiges Mittel, um auszudrücken, was ihren Lebensalltag prägt: Sie „erzählt“ heute von Vertreibung und Exil, unterstreicht politische Forderungen

Die Frauen der Tuareg verschleiern sich in der Regel nicht und haben viele Rechte. Diese Tänzerinnen traten beim Ghat-Festival in Libyen 2016 auf. Foto: Ahmed Albaroudi

Unser Bild auf dem Monatsblatt zeigt „Tuareg“ in Algerien, die Imuhar. Der Begriff „Tuareg“ ist eine kolonial geprägte Fremdbezeichnung für die zwischen 1,5 und drei Millionen Angehörigen dieser muslimischen Gemeinschaft, die über Algerien, Mali, Libyen, Burkina Faso und Niger verteilt lebt. Die „Tuareg“ bezeichnen sich selbst je nach Region als Imuhar, Imuschar oder Imascheren. Traditionell verstehen sie sich als nomadische Gemeinschaft, betreiben Viehhaltung und Karawanenhandel. Heute sind sie jedoch meist zu Sesshaftigkeit oder Migration gezwungen. In ihren jeweiligen Staaten stellen sie überall nur eine Minderheit, deren Identität und Lebensweise nicht anerkannt oder gar unterdrückt wird.

Musik der Revolte
Die Imzad-Musik ist ein starker Ausdruck dieser Identität. Die UNESCO hat sie zum Weltkulturerbe erklärt: Sie webt eine Poesie um die Wüste - eine Landschaft, die die Lebensgrundlage darstellt für das durch Mobilität gekennzeichnete Leben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn die Imzad nun weniger gespielt wird, dann zeigt dies auch, dass die Lebensgrundlage der Imuhargefährdet ist. Doch die traditionelle Musik legte den Grundstein für den neuen Musik-Stil, der akute politische Missstände in den Mittelpunkt rückt: In den 1970er Jahren griffen junge Männer, die aus dem wirtschaftlich geschwächten Mali ins algerische oder libysche Exil geflohen waren, zu Gitarren und beklagten in ihren Liedern die sozial und politisch schwierige Lage der „Tuareg“. Sie verbanden Elemente des englischen Blues mit arabischer und klassischer Imzad-Musik und nannten ihren Stil „Assouf“ -Sehnsucht. Die Texte sind metaphernreiche Schilderungen von der Einsamkeit im Exil und sie sprechen subtil vom Widerstandgegendie Unterdrückung der Tuareg“ sowie von einer eigenen Nation.

Tahardent heißt die dreisaitige Langhalslaute der Tuareg, die gezupft wird. Foto: http://nepzenetar.fszek.hu

Besonders durch ihre politische Botschaft avancierte „Assouf“ zur Protestmusik der Aufstände der 1990er Jahre, bei denen Imuhar/Imuschar/Imascheren die politische und wirtschaftliche Einbindung in ihre Nationalstaaten forderten. Seit Beginn der Kolonialzeit zieht sich das Ringen um Anerkennung durch ihre Geschichte.

Migration, Flucht und Repression
Erfuhren „Tuareg“-Gruppen als ethnische Minderheit und vor allem aufgrund ihrer nomadischen Lebensweise unterder Kolonialherrschaft bereits besondere Repressalien, so gab die Unabhängigkeit vieler Staaten in den 1960er Jahren durch willkürliche Grenzziehungen Anlass für eine erste Welle von Revolten, die blutig niedergeschlagen wurden. Dürren, Viehsterben und die Einschränkung des Karawanenhandels gepaart mit fehlender wirtschaftlicher und politischer Einbindung ließen viele „Tuareg“ verarmen und in Nachbarstaaten fliehen. Friedensverträge, die in den 1990er Jahren geschlossen werden konnte
wurden nur bedingt eingehalten und so kam es in den 2000ern sowie 2012 wieder zu „Tuareg“-Aufstände. Sie wirken bis heute spürbar nach. Besonders angespannt ist die Lage zwischen „Tuareg“ und Armee nach wie vor im Norden von Mali. Dort hatten ehemalige „Tuareg“-Soldaten den „Tuareg“-Staat „Azawad" ausgerufen, der bald wieder zerschlagen wurde. 2018 lebten in Lagern von Vertriebenen in Burkina Faso bis zu 40.000 der insgesamt rund 300.000 geflüchteten „Tuareg“ aus Mali. Banditentum und Militärgewalt machen ihnen eine Rückkehr unmöglich.

Mit Schwertern tanzen Tuareg-Männer jedes Jahr auf dem Sbiba-Festival bei Djanet in der algerischen Wüste. Foto: Magharebia / Flickr CC BY 2.0

In mehreren Ländern schränkt der Abbau von Bodenschätzen seitens internationaler Großkonzerne das von „Tuareg“ genutzte Territorium empfindlich ein. Insbesondere der Uran-Tagebau in Niger verseucht ganze Landstriche radioaktiv und zwingt nomadische Gemeinschaften zur Umsiedlung in Städte. Dort prägen geringer Lebensstandard und hohe Arbeitslosigkeit den Alltag der „Tuareg“, viele von ihnen müssen von Gelegenheitsjobs leben.

Nicht selten werden „Tuareg“ als „edle Ritter der Wüste“ romantisch verklärt. Doch sie erleiden auch Repressionen oder kämpfen selbst gewaltvoll, unterdrücken andere. Was trotzdem wesentlich bleibt, sind ihre Forderungen nach Gewährung grundlegender Rechte: Sie brauchen die Möglichkeit zur wirtschaftlichen und politischen Mitbestimmung und die Anerkennung ihrer Gruppen in den Gebieten, in denen „Tuareg“ seit Jahrhunderten leben.


über die Autorin

Lena Heitkamp studiert Ethnologie an der Universität Göttingen. Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Praktikums im Asien- und Afrikareferat der Gesellschaft für bedrohte Völker.