Juni - Viel Schmuck macht begehrenswert

Foto: Eric Lafforgue/agefotostock
Text: Ulrich Delius


Vorderseite

Die übereinander getürmten Halsräder aus bunten Glasperlen wippen bei den Tänzen rhythmisch aneinander klirrend auf und ab. Foto: Eric Lafforgue / agefotostock

von Ulrich Delius

Für das Hirtenvolk der Turkana in Kenia ist es ganz normal, reich mit Schmuck behängt zu sein. Das entspricht nicht nur ihrem Schönheitsideal, sondern ist zugleich auch Statussymbol. Je mehr selbst gemachte Ketten eine Frau trägt, desto höher ist ihr sozialer Status und desto begehrenswerter erscheint sie heiratsfähigen Männern. Ohne die übereinander getürmten Halsräder aus bunten Glasperlen, manchmal auch aus Samen und Muscheln, wird sie ignoriert und missachtet. Nur in Ausnahmefällen - bei schwerer Krankheit oder beim Tod eines nahen Angehörigen - wird der Schmuck abgelegt. Auch Männer schmücken sich. Ihre traditionellen Armreifen aus Metall können sie sogar zur Selbstverteidigung oder zum Schneiden von Fleisch verwenden.

Stolz wird der dekorative Schmuck bei Festen zur Schau getragen. Trotz aller Armut und Abgeschiedenheit, in der dieses Hirtenvolk lebt, gibt es viele Anlässe, bei denen die Turkana traditionelle Tänze und Musik aufführen. Ihre Region hat eine reiche kulturelle Tradition und Vergangenheit. Sie gilt als die Wiege der Menschheit, da man dort die ältesten Spuren menschlichen Lebens auf der Erde gefunden hat.

Viele Turkana wollten 2017 auf einer Wahlveranstaltung im Ort Lorugum hören, was Politiker zur Lösung ihrer Probleme vorschlagen. Foto: Trocaire / Flickr CC BY 2.0

Klimawandel ist bittere Realität

Wie kaum ein anderes Volk in Ostafrika stehen die Turkana heute vor immensen Herausforderungen. Seit altersher ziehen sie mit ihren Ziegen, Rindern, Eseln und Kamelen durch die trockene Savanne zu den fruchtbaren Weidegründen im Dreiländereck Kenia, Äthiopien und Südsudan. Die Nomaden leben von ihrem Vieh. Es liefert ihnen Fleisch, Blut und Milch. Ihre Herde ist jedoch auch Statussymbol. Je mehr Vieh ein Turkana besitzt, desto größer ist sein Ansehen. All das ist ins Wanken geraten. Der Klimawandel und Großprojekte zur ländlichen Entwicklung gefährden den Lebensraum der Turkana und ihre traditionelle Wirtschaftsweise. Es gibt immer häufiger Dürren, sie dauern länger und Weideflächen verbrennen regelrecht unter der sengenden Sonne, oder Starkregen überflutet weite Flächen. Das Vieh findet nicht mehr genug Futter und die Herden schrumpfen dramatisch: Die Nomaden müssen ihr Wertesystem ändern.

Trinkwasser - das wichtigste Element für das Überleben von Mensch und Tier in der trockenen Savanne. Foto: EU / ECHO / Martin Karimi / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Turkana-See droht auszutrocknen

Die rund eine Million Turkana zählen neben den indigenen Bewohnern der Arktis und der Pazifischen Inseln zu den größten Opfern des Klimawandels. Er ist für sie längst bittere Realität, da nützt auch kein Streit über verschiedene wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Um zu überleben, müssen die Turkana sich und ihre Lebensweise quasi neu erfinden. Selbst die traditionellen Anpassungsmechanismen indigener Völker, die ihnen Jahrtausende geholfen haben, reichen nicht mehr aus. So verdingen sich die ehemaligen Nomaden als Ackerbauern oder ernähren sich von Fisch aus dem Turkana-See, der rund zwölf Mal so groß ist wie der Bodensee. Aber selbst diese Alternative steht auf wackligen Füßen. So warnte die Weltkulturorganisation UNESCO im Juni 2018, die Nationalparks am Turkana-See könnten ihren Status als Weltkulturerbe verlieren, der ihnen 1997 verliehen worden war. Hintergrund sind die massive Austrocknung des Sees und sein hoher Salzgehalt, der durch die Drosselung seines Zuflusses und aufgrund hoher Verdunstung drastisch gestiegen ist. Er ist mindestens drei Mal so hoch wie der des Atlantik. Wer das Wasser des Turkana-Sees trinkt, muss sich erbrechen und bekommt Durchfall. Entwicklungsexperten haben sogar Projekte aufgebaut, um das Wasser unter Einsatz von Sonnenenergie zu entsalzen. So sollen in der Halbwüste Nahrungsmittel erzeugt werden. Doch diese Projekte werden scheitern, wenn Äthiopien das Wasser aus dem Omo-Fluss durch immer mehr Staudämme zurückhält oder Großplantagen an seinen Ufern bewässert. Der absinkende Wasserspiegel und der steigende Salzgehalt bedrohen nicht nur die Turkana und andere am See lebende ethnische Gemeinschaften, sondern zerstört auch die Lebensgrundlage vieler kleinerer indigener Völker im Omo-Tal in Äthiopien. Doch trotz internationaler Proteste hält die äthiopische Regierung an der Vertreibung dieser ethnischen Gruppen aus ihrer Heimat fest. 

Neue Probleme könnten für die Turkana entstehen, nachdem jüngst Erdöl in der Region entdeckt wurde. Erste Analysen weisen darauf hin, dass die Vorräte dort ergiebig sein könnten. Doch für die meisten Bewohner ölreicher Regionen erwies sich der Bodenschatz als Fluch. Landverlust und Verschmutzung durch rücksichtslose Abbauverfahren machen meist jeden Nutzen des Rohstoffreichtums zunichte. Trotzdem treiben Regierung und Behörden die kommerzielle Förderung des Erdöls voran. Was dann aus den Turkana werden soll, überlassen sie dem Schicksal.

über den Autoren

Ulrich Delius leitet das Afrikareferat und ist seit März 2017 Direktor unserer Menschenrechtsorganisation. Er ist Autor vieler Menschenrechtsreporte, Memoranden, Bücher und Artikel über verfolgte ethnische und religiöse Minderheiten. Seine Kompetenz und sein Wissen sind auch bei Journalisten sehr gefragt.