September - "Das Wichtigste ist, dass ein Mensch gut singen kann"

Foto: Huang Xiaohai/Photoshot-agefotostock
Text: Hanno Schedler


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Lusheng-Spieler in blauen Gewändern begleiten die reich geschmückten Tänzerinnen in der Ortschaft Fanyang in der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas. Foto: Huang Xiaohai/Photoshot – agefotostock

von Hanno Schedler

Die traditionelle Mundorgel, die im Chinesischen „Lusheng“ genannt wird, ist das Lieblingsinstrument der Miao im Süden Chinas. Sie wird aus fünf bis sechs Bambusröhren gefertigt und kann bis zu drei Meter lang sein. Konnten die Lushengs noch vor 30 Jahren nur sechs Töne erzeugen, sind es heute auf den weiter entwickelten Instrumenten bis zu 24. Zum Flötenspiel wird gerne gesungen und getanzt. Die Lusheng kommt das ganze Jahr über zum Einsatz: bei Besuchen, Hochzeiten, Trauerfeiern und Ernten. Für ihre Vielseitigkeit gerühmt, wird die Lusheng auch von anderen Minderheiten wie den Dong, den Shui oder den Yao genutzt.

Viele Bewohner der pittoresken Stadt Feng Huang am Fluss Tuojiang schmücken ihre alten Holzhäuser mit roten Lampions. Foto: Will de Freitas / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Siedlungsgebiet: Der Süden Chinas

Die Miao sind mit ungefähr 9,5 Millionen Angehörigen eine der zahlenmäßig größeren ethnischen Minderheiten in der Volksrepublik China. Der Begriff „Miao-Volk“ ist etwas irreführend, schließlich werden mehr als einhundert Volksgruppen unter dem Begriff „Miao“ zusammengefasst. Die meisten von
ihnen leben in den bewaldeten Bergen der südchinesischen Provinzen Guizhou, Yunnan, Sichuan, Hubei, Guangdong, Guangxi, Hunan und Hainan. Fast die Hälfte der Miao beherbergt die arme Provinz Guizhou, zweieinhalb Flugstunden von Shanghai entfernt. Angehörige des Miao-Volkes gibt es auch in den Nachbarländern Burma, Vietnam, Laos und Thailand. Dort sind sie als Hmong bekannt. In Guizhou leben die Miao seit etwa 1.000 Jahren. Ursprünglich stammen sie aus dem Norden Chinas. Ihre Dörfer sind oft von Reisfeldern umgeben.

"Ohne Silber ist ein Mädchen kein Mädchen"

Die chinesische Mehrheitsbevölkerung der HanEthnie hat verschiedene Bezeichnungen für die Miao. Sie orientieren sich daran, welche Farben die Miao-Frauen tragen. Im Westen von Hunan werden sie als „Rote Miao“, im Süden von Sichuan hingegen als „Grüne Miao“ oder „Blaue Miao“ bezeichnet. Bereits im Alter von sieben Jahren lernen Miao-Mädchen, wie man die eigenen Trachten bestickt. Ältere Frauen und Männer tragen im Alltag einfache, schwere Silber-Halsketten, junge Mädchen und Frauen feiner gearbeiteten Schmuck. Viele Familien sparen bis zu zehn Jahre für den Kopfschmuck aus Silber, der bis zu fünf Kilo wiegen kann. Erst wenn so eine beeindruckende „Krone“ für ein Mädchen erworben worden ist, darf sie heiraten, meinen die Miao. Eines ihrer Sprichworte lautet: „Ohne Silber ist ein Mädchen kein Mädchen“. Das anspruchsvolle Handwerk der Silberschmiede hat bei den Miao seit langem Tradition.

Infobox

In der Volksrepublik China gibt es 55 offiziell anerkannte ethnische Minderheiten. Sie waren von der bis 2015 bestehenden Ein-KindPolitik ausgenommen. Ungefähr 91 Prozent der 1,4 Milliarden Einwohner Chinas gehören der Ethnie der Han an. Die etwa 120 Millionen Angehörigen der Minderheiten sind über 60 Prozent des Staatsgebietes verteilt. Die Behörden üben vor allem in strategisch bedeutsamen Grenzregionen und Gebieten mit großen Rohstoffvorkommen massiven Assimilierungsdruck auf sie aus. Besonders vier Volksgruppen - die Uiguren, Tibeter, Mongolen und Kasachen - leiden unter starken Repressionen der chinesischen Regierung.
Seit 2017 wurden hunderttausende muslimische Uiguren in sogenannten Umerziehungslagern interniert, in denen sie massiver Gehirnwäsche durch den Staat unterzogen werden. Mit neuen Industrie-Unternehmen in Unruheregionen schafft Chinas Regierung Fakten: Uiguren, Tibeter und Mongolen werden noch stärker ausgegrenzt und zur Minderheit in ihrer eigenen Heimat gemacht. Obwohl die chinesische Verfassung für die Regionen Xinjiang/Ostturkestan, Tibet und Innere MongoleiAutonomie vorsieht, ist die seit 1949 diktatorisch regierende Kommunistische Partei letztlich immer entscheidende Instanz.

Erst wenn eine junge Frau eine "Krone" besitzt, die Silberschmiede kunstvoll anfertigen, darf sie heiraten. Gern schmücken sich die Miao auch mit filigranen Halsreifen oder klingelnden Glöckchen aus dem Edelmetall. Foto: Anja Disseldorp / CC BY 2.0

Ihre Traditionen und ihre Geschichte geben die Miao nur mündlich weiter. Eine schriftliche Überlieferung existiert nicht. Die meisten Miao sprechen Mandarin (Hochchinesisch). Sie haben aber auch eigene Sprachen, die zur Familie der Hmong-Mien-Sprachfamilie gezählt werden. Die Zahl der Sprecher nimmt jedoch ab, weil immer mehr Eltern ausschließlich Mandarin mit ihren Kindern sprechen.

Kennenlernen durch Singen

Die australische Journalistin Louisa Lim erfuhr bei einem Besuch während des Blumenberg-Festes der Miao in der Yunnan-Provinz im Jahr 2007, dass der Gesang der Miao eine besondere Rolle beim Kennenlernen der Geschlechter hat. „Han-Chinesen singen keine Berg-Lieder,“ erzählte ihr ein Miao. „Sie achten auf die Talente des Partners, seine Figur, sein Gewicht, sein Familienvermögen. Aber wir finden unsere Partner durch das Singen. Selbst wenn jemand sehr hässlich ist, ist das Wichtigste, dass er singen kann. Gutaussehende Menschen lieben nur sich selbst.

über den Autoren

Hanno Schedler ist Mitarbeiter im Asien-/Afrikareferat der GfbV. Er hat Politik, Soziologie und Sinologie studiert und arbeitet seit 2008 bei unserer Menschenrechtsorganisation.