Vorwort - Beschwingt: Musik und Tanz in aller Welt

Foto: Jason O. Watson/Alamy Stock Photo
Text: Inse Geismar



Vorderseite

Guelaguetza ist das wichtigste Fest im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Es wird im Juli gefeiert. In farbenprächtigen Kostümen präsentieren indigene Gemeinschaften ihre überlieferten Tänze. In Erinnerung an die Opfergaben für die Götter der präkolumbianischen Zeit werden beim Guelaguetza kleine Geschenke an die Zuschauer verteilt. Foto: Jason O. Watson / Alamy Stock Photo

 

von Inse Geismar,
       Konzeption und Redaktion des GfbV-Bildkalenders

Pure Lebensfreude! Anders ist das strahlende Lächeln der Tänzerin auf dem Titel unseres Bildkalenders 2019 gar nicht zu beschreiben. Es wirkt so ansteckend, dass meine Kolleginnen und Kollegen schon in der Entstehungsphase des Kalenders immer wieder fasziniert auf dieses Foto tippten, wenn ich sie bei der Auswahl des Titelbildes um ihr Votum bat. Auch die fröhliche Ausgelassenheit der im Kreis tobenden Bhangra-Tänzer im indischen Punjab auf dem Juli-Blatt ist mitreißend. Und wie glücklich leuchten die Augen der Turkana-Nomadin in Kenia, die zum gemeinsamen Tanzen und Singen in die Hände klatscht, auf dem Juni-Blatt!

Wie Walzer, Rock'n Roll und Salsa
Musik und Tanz gehören zusammen. Wer Feuer fängt und selbst dem Rhythmus folgt, kann entdecken, was für vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten das Tanzen zur Musik eines Orchesters, einer Musikgruppe mit Instrumenten oder auch nur zu Gesang bietet und wie tief diese besondere Form der Kommunikation berührt. Man kann aber auch ganz ohne Musik zum Beispiel einen Freudentanz aufführen. Schon in eine kleine Bewegung kann beim Tanzen viel mehr Bedeutung gelegt werden als in ein gesprochenes Wort. 

Die große Maske aus Rinde, Bambus und Blättern nutzen die Baining auf Papua-Neuguinea nur ein einziges Mal bei ihrem Feuertanz. Ursprünglich wurde so die Geburt eines Babys gefeiert. Diesen Tanz vollführen ausschließlich Männer. Foto: Taro Taylor /Flickr CC BY 2.0

Das gilt nicht nur für die in unserer Gesellschaft entwickelten Kunstformen des Ausdruckstanzes und des klassischen Balletts oder für das freie Tanzen in der Disco. Nein, schon im Miteinander der Partner beim Walzer, Rock'n Roll oder Salsa bei uns bis hin zu den Tänzen der Miao in China, der Lumad auf der philippinischen Insel Mindanao oder der Besucher des Durbar-Festes in Nigeria sind Körpersprache und Einfühlungsvermögen gefragt. Das gilt eben auch für stärker standardisierte Tänze mit ihren mehr oder weniger festgelegten Schrittfolgen.

Lieder und Tänze erzählen Geschichten
Zusammen mit der Musik und den dazugehörigen traditionellen Instrumenten erfüllen die eigenen Tänze der unterschiedlichen Volksgruppen noch eine ganz wichtige Funktion: Sie stärken den Zusammenhalt der Gemeinschaft, tragen zu ihrem Selbstverständnis bei und sind gerade auch in schriftlosen Gesellschaften Ausdruck und Transportmittel für die Weitergabe von Traditionen, Sprache und Kultur. Das beschreibt unsere Autorin Tjan Zaotschnaja in ihrem persönlichen Beitrag über die Itelmenen auf dem Oktober-Blatt unseres Kalenders sehr anschaulich. Nicht nur Lieder, auch Tänze können ganze Geschichten erzählen, Ursprungsmythen, Sagen und Legenden wach und lebendig halten. Schon als ganz junge Mädchen üben beispielsweise viele Tempeltänzerinnen in Südostasien jahrelang vielsagende Finger- und Körperhaltungen. Es gibt Tänze, bei denen sich die Darstellerinnen und Darsteller mit schaurigschönen Masken und Kostümen in Tiere, Hexen oder Gottheiten verwandeln. Manche kommen auf Stelzen daher, andere fallen ekstatisch in einen Trancezustand und müssen von Helfern betreut werden. Es gibt Hochzeitstänze, Totentänze, Solotänze, Gruppentänze, Frauentänze, Männertänze und viele andere mehr. Es würde den Rahmen sprengen, wenn wir hier versuchen würden, alle Tanzformen anzuführen. Das ist selbst für die Anlässe, zu denen ein Fest gefeiert und Tänze aufgeführt werden, bei denen das Publikum nur kritisch zusieht und nicht selbst mittanzt, nicht möglich.

In Feierlaune: Diese Frauen in Ägypten hat es bei der Flussüberquerung nicht auf den Sitzen gehalten. Foto: Jürgen Freymann

Eines tanzt aus der Reihe
In unserem Kalender sind auf nur einigen Seiten mit ganz besonderen Bildern auch Musikinstrumente zu sehen. Eines davon ist das Novemberbild. Es tanzt ein wenig aus der Reihe. Auf dem Foto ist ein Mann zu sehen, der mit einer Pferdekopfgeige zwischen den Knien mitten in der Wüste Gobi sitzt und offenbar für eine Kamel-Mutter und ihr Baby-Kamel aufspielt. Ein zweiter Mann singt den Trampeltieren etwas vor. Dieses Besänftigungsritual der Nomaden, mit dem sie Tiermütter beruhigen, die ihre verstoßenen Kinder oder verwaiste Jungtiere annehmen sollen, kann viele Stunden dauern. Es ist so außergewöhnlich, dass die UNESCO es zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt hat. Die Pferdekopfgeige setzen die Mongolen natürlich auch für andere Musikstile ein!

Einige Volksgruppen haben kaum oder keine Instrumente entwickelt. Sie konzentrieren sich auf rhythmisches Klatschen, Stampfen und den Gesang. Andere könnten mit ihren großen Musikgruppen auch unsere Konzerthäuser mit differenzierten und lange nachhallenden Klängen fülle wie die Gamelan-Orchester aus Bali und Java mit ihren vielen Bronzegongs, hölzernen Xylophonen, Trommeln und manchmal auch Flöten und Singstimmen.

Es gibt eine überwältigende Fülle von Instrumenten auf der Welt. Experten haben alle Hände voll zu tun, sie zu erfassen, zu systematisieren und ihre Spielweise zu dokumentieren. Viele traditionelle Instrumente drohen in Vergessenheit zu geraten und für immer verloren zu gehen. Mit ihnen würden jedoch auch Klänge von Kulturen verschwinden, die zur beglückenden Vielfalt unserer Welt beitragen. Es gilt, sie wertzuschätzen und zu bewahren!

über die Autorin

Inse Geismar ist Ethnologin und arbeitet seit mehr als 30 Jahren für die GfbV. Als erste Aktionsreferentin organisierte sie zahlreiche Aufsehen erregende Menschenrechtsaktionen, Mahnwachen und Demonstrationen, bevor sie das Pressereferat übernahm.