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Juden

- Nahost -

Seit 1969 setzt sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) weltweit für Juden ein. In vielen Ländern werden religiöse Minderheiten marginalisiert und stigmatisiert. Daher setzen wir uns für jegliche unterdrückten Religionsgemeinschaften ein und machen auf Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Ländern und Regionen aufmerksam.  Im Nahen Osten kommt es immer wieder zu Diskriminierung jüdischer Minderheiten. So machten wir im Jahre 2011 die Lage der Juden in Syrien deutlich, die von der Religionsfreiheit ausgeschlossen und offen diskriminiert wurden. Ihnen wurden grundlegende Rechte verwehrt. Auch im Iran beobachten wir die Diskriminierung der iranischen Republik gegenüber der 20.000 bis 30.000 Juden, die im Iran leben. In dem Memorandum „Minderheiten im Iran“ aus dem Jahr 2013 behandelten wir dieses Thema ausführlicher.

Zum Thema: Antisemitismus

Viele Menschen in Deutschland wissen viel zu wenig über das Judentum, über jüdische Kultur und jüdische Bräuche. Da kaum jemand persönliche Erfahrungen mit Jüdinnen und Juden hat, wird das vermeintliche Wissen oft geprägt durch Klischees und Stereotypen. Diese finden sich auch in Schulbüchern und in Massenmedien wieder. Vorurteile und Antisemitismus werden dadurch nicht nur nicht erkannt, sondern oftmals auch bagatellisiert oder verschwiegen.

Wie erkennt man nun Antisemitismus und wo fängt er an? Zunächst einmal: nicht jede antisemitische Äußerung oder Handlung ist strafbar. Die Presse- und Meinungsfreiheit genießt in Deutschland einen hohen Wert und wird durch Artikel 5 Grundgesetz geschützt. Dennoch müssen wir Grenzen ziehen wo antisemitisches Gedankengut kursiert und wir müssen dem entschieden widersprechen.

Hierzu gibt die IHRA-Definition (International Holocaust Remembrance Alliance), die inzwischen 34 Staaten übernommen haben, eine wichtige Handreichung: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“ Diese Definition besagt, dass Antisemitismus eine bestimmte Wahrnehmung von Juden ist, also eine bestimmte Sicht auf die Menschen dominiert, anstatt die Unterschiedlichkeit und Individualität der Personen wahrzunehmen.

Wer sich über jüdische Menschen eine Meinung bildet, die von ihrem Judentum abgeleitet wird anstatt von ihrem konkreten persönlichen Verhalten, der handelt antisemitisch. Juden und Jüdinnen haben außer ihrem Jüdischsein erst einmal nichts gemeinsam. Sie sind genauso unterschiedlich wie Angehörige anderer Religionen und Kulturen. Auf dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe kommt es an: Antisemitismus fängt da an, wo aus der Gruppenzugehörigkeit Eigenschaften Einzelner abgeleitet werden und umgekehrt. Wenn Juden als Gruppe Eigenschaften zugeschrieben werden, die über ihr faktisches Jüdischsein hinausgehen, ist das antisemitisch. Das gilt ebenso für positive Eigenschaften, wenn etwa behauptet wird, Juden seien besonders klug. Solche philosemitisch genannten Verallgemeinerungen sind ebenfalls eine Form von Antisemitismus.

Das Besondere am Antisemitismus ist, dass er sein Feindbild nicht nur wie im Rassismus oder in der Xenophobie als unterlegen oder minderwertig konstruiert, sondern auch als übermächtig und überzivilisiert. Im antisemitischen Denken verkörpern „die Juden“ oftmals das Abstrakte und die Werte der modernen, globalisierten Welt.

Die Komplexität moderner Gesellschaften wird auf ein einfaches Schema reduziert: Mächtige Juden ziehen angeblich heimlich die Fäden und kontrollieren etwa die Wirtschaft, die Medien oder politische Institutionen. Insofern ist Antisemitismus auch ein Weltdeutungsmuster und tritt oft in Verbindung mit Verschwörungsmythen auf. Die Grundstruktur ist dabei immer gleich: Täter-Opfer-Umkehr und Kollektivismus zeichnen jede Form von Judenhass aus. Die eigentlichen Opfer – die so Angegriffenen – werden zu Tätern stilisiert, zum Beispiel, wenn behauptet wird, Juden profitierten heute vom Holocaust oder redeten zu häufig darüber. Das wird sekundärer Antisemitismus genannt: Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen der Shoah.

Auch die Gleichsetzung der Begriffe „israelisch“ mit „jüdisch“ ist problematisch, da hierdurch Juden allgemein für die Politik der israelischen Regierung in Gesamthaftung genommen werden. Dies gilt auch für den Umgang mit dem Nahostkonflikt, wenn Meinungen als kulturrelativistisch verharmlost werden wie z.B. „Israelhass gehöre eben zur Kultur der Palästinenser“. Die Grenze zu legitimer Kritik ist überschritten, wenn der Staat Israel dämonisiert und ihm sein Existenzrecht abgesprochen wird.

Wir müssen uns bewusst sein, dass antisemitische Denkmuster bereits seit Jahrhunderten bestehen, weit verbreitet und tief verwurzelt sind. Dementgegen wirkt nur Aufklärung, Sensibilität im Umgang mit Sprache und Bildern, eine lebendige Erinnerungskultur sowie gegenseitiges Kennenlernen von Juden und Nichtjuden.
 

Textbeitrag BAK, März 2022

Dr. Felix Klein
Büro des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus
Bundesministerium des Innern und für Heimat
Alt-Moabit 140, 10557 Berlin
030 - 18 681-11049

Gabriele Czornohuz
Gabriele.Czornohuz@bmi.bund.de / BAKlein@bmi.bund.de

Jasna Causevic
Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)
jcausevic@gfbv.de

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