Miteinander füreinander: Für eine friedliche Zukunft für religiöse Minderheiten im Nahen Osten 

Sowohl im Irak als auch in Syrien ist das Leben religiöser Minderheiten wie den Yezid*innen, Christ*innen, Mandäer*innen, Baha’i und Alevit*innen geprägt von interreligiösen Spannungen, nicht nur gegenüber der muslimischen Mehrheitsgesellschaft, sondern teilweise auch untereinander. Es mangelt an Austausch und Zusammenarbeit zwischen religiösen Gruppen. Die Minderheiten werden von der Mehrheitsgesellschaft nicht als teilnehmendes Glied der Gesellschaft wahrgenommen und haben keinerlei Mitgestaltungsrecht. Darüber hinaus fehlt es auch an politischer und allgemeiner Aufklärungsarbeit, was die Unterdrückung der Minderheiten, Genozid und Menschenrechtsverletzungen betrifft. Doch auch in Deutschland sind Dialog und gegenseitiges Verständnis keine Selbstverständlichkeit. Feindlichkeit durch die Mehrheitsgesellschaft und Abgrenzungen zwischen verschiedenen religiösen Gruppen aus dem Nahen Osten spielen auch hier eine Rolle.

Mit unserem Projekt wollen wir Foren zum Dialog bieten und gemeinsam Lösungen erarbeiten – für Deutschland und den Nahen Osten. Gegen das Vergessen von Genoziden und Menschenrechtsverletzungen und für eine gemeinsame Perspektive für eine bessere Zukunft. Diese Visionen wollen wir zusammen mit Minderheitenvertreter*innen im Gespräch mit der deutschen Innen-, Entwicklungs- und Außenpolitik durchsetzen. Und wir wollen sofort helfen: Mit unserer Unterstützung humanitärer Projekte fördern wir direkt lokale Initiativen zur Versöhnung und Stärkung von Minderheiten.


Demirtas erhält den Weimarer Menschenrechtspreis

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) bleibt hoffnungsvoll, dass der kurdische Politiker Selahattin Demirtas bald aus seiner türkischen Haft freikommt und zu seiner Frau und seinen beiden Töchtern zurückkehren kann. „Dafür muss der internationale Druck auf den autoritär regierenden türkischen Präsidenten Erdogan steigen – insbesondere durch die neue deutsche Bundesregierung“, fordert der GfbV-Nahostexperte Dr. Kamal Sido. Umso erfreulicher sei, dass die Stadt Weimar den seit 2016 inhaftierten Kurden am Freitag, den 10. Dezember mit ihrem Menschenrechtspreis 2021 ehrte. Die GfbV begrüßt auch, dass das Ministerkomitee des Europarats bei seiner letzten Sitzung zum wiederholten Male die Freilassung des Politikers gefordert hat.

Die Laudatio auf Selahattin Demirtas hielten Heidi Merk und Herbert Schmalstieg. Heidi Merk war unter anderem Justizministerin von Niedersachsen, Ministerin für Frauen, Arbeit und Soziales, Stellvertreterin des Ministerpräsidenten und Mitglied des Bundesrats. Herbert Schmalstieg war von 1972 bis 2006 Oberbürgermeister von Hannover, zeitweise auch Mitglied des Niedersächsischen Landtages. Er engagiert sich unter anderem ehrenamtlich als Sprecher des Beirats der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Zu Leitlinien der beiden SPD-Politiker gehört es, „Für diejenigen da zu sein, die keine Lobby haben.“ Frau Merk und Herr Schmalstieg kennen Demirtas sehr gut und waren als Prozessbeobachter bei diversen Gerichtsverhandlungen in der Türkei. Bei ihrer Arbeit stehen Menschenrechte, Rechts- und Justizpolitik, Europa, Good Governance, Frauenrechte, Chancengleichheit und Gleichberechtigung im Vordergrund. Sie engagieren sich in diversen Vereinen und unterstützen die Menschen in Kurdistan und anderen Regionen seit vielen Jahren.

Selahattin Demirtas wurde 1973 in Palu, im kurdischen Teil der Türkei geboren. Mit 18 Jahren entschied sich Demirtas dazu, sich politisch zu engagieren. Er war Co-Vorsitzender der Partei HDP. 2015 kandidierte er erneut bei der Parlamentswahl erfolgreich. Bei dieser Wahl erhielt die HDP 13,1 Prozent der Stimmen; sie überwand damit die Zehn-Prozent-Sperrklausel für den Einzug ins türkische Parlament. In diesem Erfolg sah Recep Tayyip Erdogan eine Gefahr. 2016 ließ er Demirtas verhaften, dieser sitzt seitdem in einem Hochsicherheitsgefängnis. Als Mensch und Politiker steht Demirtas für ein friedliches Miteinander in der Türkei, für Menschen- und Minderheitenrechte für alle, Gleichberechtigung von Frau und Mann, Glaubensfreiheit für alle und für eine friedliche Lösung der Kurdenfrage.


Immersive Ausstellung: NOBODY’S LISTENING

 

»Nobody's Listening« ist eine Virtual-Reality-Erfahrung und immersive Ausstellung, die an den Genozid an der yezidischen Gemeinschaft erinnert, der von der Terrormiliz Islamischer Staat im Sommer 2014 im Nordirak begangen wurde.

Neben der Virtual-Reality-Erfahrung werden Fotografien und Kunstwerke yezidischer Künstler*innen ausgestellt. »Nobody's Listening« würdigt insbesondere den Mut, die Entschlossenheit und die Handlungsfähigkeit der Überlebenden und bietet ihnen einen Raum, in dem sie von Menschen weltweit gehört werden können. Gemeinsam bilden sie eine Stimme, die internationale Anerkennung und Gerechtigkeit fordert.

Wir übertragen die Veranstaltung zur Eröffnung als Livestream in Englisch, Arabisch und Kumandschi unter www.zkm.de/en/livestream.

Die Ausstellung findet vom 02.10.21 bis zum 09.01.2022 im |ZKM| Karlsruhe statt. Der Eintritt ist kostenfrei.

Auf folgender Webseite finden Sie mehr Informationen zu »Nobody's Listening«:

https://zkm.de/de/ausstellung/2021/10/nobodys-listening


BILDUNGSKAMPAGNE

Die Gesellschaft für bedrohte Völker bietet eine Bildungskampagne an, die politisch-gesellschaftliche Aufklärungsarbeit leisten will. Im Rahmen von Unterrichts- und Seminareinheiten erhalten Schüler*innen und Student*innen eine Einführung in die vergessenen Menschenrechtsverletzungen mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem Yezidentum und dem Genozid an den Yezid*innen.

Unser Projekt findet in Kooperation mit der Ausstellung "Nobody's Listening" statt. Sowohl die Ausstellung als auch die yezidische Gemeinschaft fordern Gerechtigkeit und mehr Solidarität von der deutschen Gesellschaft. Daher ist es uns ein großes Anliegen, dieses aktuelle Thema auch an Schüler*innen und Student*innen heranzutragen. Die Sensibilisierung der jungen Generation ist essenziell, um eine strukturelle Veränderung zu generieren, in der auch Minderheiten gehört werden.

Was wollen wir machen?

  • Inhaltlicher Input zur Thematik Yezidentum und den Genozid an den Yezid*innen von 2014
  • Kreative Aufgaben und Gruppenarbeit, um die Schüler*innen selbst aktiv werden zu lassen
  • Gemeinsame Diskussion zu Menschenrechtsverletzungen, Probleme von Minderheiten (Verfolgung, Hass, strukturelle Probleme)

Was sind unsere Ziele?

  • Aufklärung über Probleme von Minderheiten in unserer heutigen Gesellschaft
  • Kritikvermögen der Student*innen gegenüber eigenen Denkgewohnheiten, Weltanschauungen und Handlungsmustern schärfen
  • Student*innen anregen, sich für Yezid*innen (und andere Minderheiten) auch in ihrem Alltag einzusetzen
  • Sensibilisierung von Student*innen in Hinsicht auf Hassreden und Extremismus

Die Einheit ist für Schüler*innen ab 16 Jahren geeignet und streckt sich über eine Doppelstunde. Wenn Interesse besteht, kann die Einheit verlängert und so die Themen intensiver besprochen werden.

Bei Interesse können Sie sich an die Projektleiterin Tabea Giesecke wenden: t.giesecke@gfbv.de

Mehr Informationen finden Sie hier.


* Die Seite wird laufend aktualisiert.

Headerimage: Geflüchtete aus der kurdischen Region Afrin in Nordsyrien. Foto: K. Sido/GfbV (April 2019)