Noor und Sufayat: Ein Leben ohne Menschenrechte

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Noor und ihr Mann Sufayat sind Rohingya, also Angehörige einer ethnischen Minderheit muslimischen Glaubens in Burma. Wie viele andere Rohingya kommen Noor und Sufayat aus dem Bundesstaat Rakhine, in dem vor allem im Norden ethnische und religiöse Spannungen immer wieder eskalieren. Die Rohingya werden von der burmesischen Regierung nicht als Bürger angesehen, sondern werden abwertend als „Bengali“, also als Flüchtlinge aus dem Nachbarland Bangladesch, bezeichnet. Dabei sind die Rohingya seit Jahrhunderten in der Region ansässig.

Rophingya sind in Burma schweren Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung ausgesetzt, die viele Alltagssituationen für Rohingya schwierig, teils sogar lebensbedrohlich machen. Wir wollen diese Situationen durch die fiktive Geschichte von Noor und Sufayat veranschaulichen. Denn auch wenn diese Geschichte erfunden ist, so müssen tausende Rohingya solche und ähnliche Situationen tagtäglich erleben.


Keine freie Eheschließung für Rohingya

In der Verfassung Burmas sind Grundrechte wie Gleichheit festgeschrieben, jedoch werden die Rohingya in Burma nicht als Staatsbürger behandelt. Aufgrund des Staatsbürgerschaftsgesetzes von 1982 ist die Mehrheit der Rohingya staatenlos; sie besitzen also keine gültigen Papiere, was wiederum die Freiheitsrechte von Rohingya stark einschränkt. So dürfen Rohingya nicht einfach heiraten. Im Gegensatz zu anderen ethnischen Gruppen Burmas müssen sie einen langwierigen Prozess durchlaufen, um heiraten zu dürfen. Oft verlangen die Behörden eine hohe Gebühr, damit sie eine Heiratserlaubnis ausstellen. Diese Schikanen dauern mitunter Jahre. Wenn Paare sich entscheiden, ohne Erlaubnis zusammenzuleben, riskieren sie hohe Geld- oder Haftstrafen. Aber auch Scheidungen, erneute Heirat nach dem Tod des Ehepartners und „interreligiöse“ Eheschließungen sind streng geregelt.


Rohingya dürfen sich nicht frei bewegen

Die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung Burmas lebt im Rakhine-Staat. Während sich buddhistische Einwohner allerdings frei bewegen und hinfahren können, wohin sie möchten, wird die Bewegungsfreiheit der muslimischen Minderheiten deutlich eingeschränkt. Um aus ihren Dörfern oder Townships auszureisen, müssen Rohingya die Behörden spätestens sieben Tage im Voraus informieren und um Erlaubnis bitten. Hierfür werden Ausweispapiere benötigt, die die Rohingya meist nicht besitzen. Auch fallen hohe Gebühren an. Reist man ohne Anmeldung und Erlaubnis, drohen hohe Geld- und Haftstrafen. Diese Einschränkungen haben enorme Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Rohingya, da sie dadurch nur sehr eingeschränkten Zugang zu Bildung, Arbeitsmöglichkeiten oder medizinischer Versorgung haben.


Meinungs- und Redefreiheit gilt nicht für alle

50 Jahre lang war die Meinungs- und Redefreiheit unter Burmas Militärjunta stark eingeschränkt. Seit dem Beginn der demokratischen Reformen im Jahr 2011 verbessert sich die Lage jedoch. Doch Rohingya profitieren nicht von diesen Reformen. Sie dürfen sich  noch nicht einmal selbst als „Rohingya“ bezeichnen. Auch können sie nicht an Wahlen teilnehmen, geschweige denn für ein politisches Amt kandidieren. Da ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt ist, sind sie auf Handys angewiesen, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Oft werden ihnen diese Handys aber von der Polizei weggenommen, um ihren Kontakt zur Außenwelt zu unterbinden.


Schwieriger Zugang zu gesundheitlicher Versorgung

Im Rakhine-Staat, wo die meisten Rohingya leben, gibt es nur wenige Ärzte und Krankenhäuser. Im Durchschnitt ist Arzt für die Versorgung von 75.000 Menschen zuständig. Zudem wird der Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert, weil Rohingya in vielen Krankenhäusern nicht als Patienten aufgenommen oder nur in gesonderten Abteilungen behandelt werden. Oft erhalten sie auch eine schlechtere Behandlung als andere Burmesen.

Rohingya-Frauen werden oft Opfer sexueller Gewalt, was in vielen Fällen wiederum zu Krankheiten, Traumata und ungewollten Schwangerschaften führt. Aus Angst vor Geld- und Haftstrafen entscheiden sich viele Frauen für illegale Abtreibungen im benachbarten Ausland, die Komplikationen mit sich bringen und sogar zum Tod führen können.


Diskriminiert bei Bildung und Arbeit

Da die meisten Rohingya keine Staatsbürger Burmas sind, ist es für sie besonders schwer, eine gute Ausbildung zu erhalten. Auch die Tatsache, dass sie nicht einfach ihre Dörfer verlassen können, um in einem anderen Ort zur Schule zu gehen, erschwert den Zugang zu Bildung für sie. Etwa 80 Prozent der Rohingya sind Analphabeten, 60 Prozent haben noch nie eine Schule besucht. Die wenigen, die doch eine Schule besuchen, fliehen mittlerweile oft mit ihren Eltern vor der Gewalt der Armee oder radikalen Buddhisten. Ein Schulabschluss rückt für sie in weite Ferne. Rohingya, die es trotz der vielen Hindernisse schaffen, die Schule abzuschließen, dürfen auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit keine staatliche Universität besuchen.

Durch die mangelnde Bildung und die fehlende Staatsbürgerschaft ist es für Rohingya deutlich schwerer, eine Arbeit zu finden. So arbeiten viele als Fischer, im Oktober 2016 wurde ihnen aber verboten, ihre Boote weiterhin für Fischerei zu nutzen. Auch Rohingya-Bauern dürfen auf Grund der Bewegungseinschränkungen ihre Felder größtenteils nicht mehr bewirtschaften und werden oft willkürlich ihres Landes enteignet. Diese minimalen oder oft fehlenden Einkommen macht es wiederum für Eltern unmöglich, ihre Kinder in die Schule zu schicken, da sie zu arm sind, um den Schulbesuch zu finanzieren. Sie sind gefangen in einem Kreislauf aus Armut und mangelnder Bildung, der durch die Diskriminierung entstanden ist und auch aufrecht gehalten wird.


Religionsfreiheit gibt es für Muslime nur auf dem Papier

Seitdem die Regierung in Burma versucht, das bis 2011 politisch isolierte Land zu öffnen und auch zu demokratisieren, erstarkt der buddhistische Nationalismus. Und so werden, obwohl sich das Land durch eine Vielzahl an Kulturen, Sprachen und Religionen auszeichnet und Religionsfreiheit in Burmas Verfassung garantiert ist, Angehörige von religiösen Minderheiten, insbesondere Muslime, oft diskriminiert. Mittlerweile ist es für Burmas Muslime besonders schwer, religiöse Veranstaltungen zu organisieren, religiöse Einrichtungen zu bauen oder zu renovieren. Seit Juni 2012 wurden tausende Gebäude, darunter unzählige Moscheen, zerstört, Muslime – auch solche, die nicht Angehörige der Rohingya sind – angegriffen und Muslime im Rakhine-Staat werden von radikal-buddhistischen Organisationen gezielt angefeindet und ausgegrenzt.

Rohingya sind von diesem religiösen Nationalismus besonders betroffen, weil sie sowohl eine ethnische als auch eine religiöse Minderheit in Burma sind. Neben den diskriminierende Gesetzen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, werden viele Rohingya im Alltag wegen ihres Glaubens misshandelt, gedemütigt, willkürlich verhaftet oder sogar getötet. Auch Rohingya-Frauen müssen Schreckliches erleben: Sie werden wegen ihres Glaubens von Soldaten des burmesischen Militärs vergewaltigt.


Keine Sicherheit für die Minderheit

Jahrzehntelange Konflikte zwischen ethnischen Gruppen haben im Jahr 2012 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen buddhistischen Nationalisten und muslimischen Rohingya im Rakhine-Staat geführt. Die burmesischen Sicherheitskräfte griffen nicht ein, um die Beteiligten zu trennen. In manchen Fällen beteiligten sie sich sogar aktiv an der Verfolgung und Ermordung von Rohingya.

Vier Jahre später, im Oktober 2016, kam es erneut zu gewaltsamen Einsätzen der Armee gegen Rohingya. Viele Dörfer wurden dabei zerstört, Frauen vergewaltigt, Familien vertrieben. Mehr als 70.000 Rohingya flohen vor der Armee. Die Vereinten Nationen fordern eine unabhängige Untersuchung der massiven Übergriffe, da der Verdacht besteht, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden. Die Täter blieben bislang meist straflos, denn die staatlichen Behörden tun nichts, um dem Hass gegen die Rohingya entgegenzutreten.


Fehlende Nahrungsmittel

Nicht alle Einwohner Burmas haben die gleichen Möglichkeiten, Lebensmittel zu erhalten. Vor allem Rohingya fehlt es oft an ausreichender Nahrung, weil sie keine Erlaubnis haben, ihre Felder zu bestellen oder in ein Nachbardorf zu fahren, um dort auf dem Markt einzukaufen. Oft wird den Bauern das Land einfach von den Behörden genommen oder sie werden willkürlich mit hohen Steuern und Abgaben belegt. Auch die Fischer dürfen seit einigen Monaten ihre Boote nicht mehr zur Fischerei einsetzen, so dass sie nun improvisierte Flöße benutzen und damit ihr Leben riskieren.

Mittlerweile sind viele Rohingya auf Lieferungen humanitärer Hilfsorganisationen angewiesen. Doch selbst diese Helfer werden von den Behörden immer wieder an ihrer Arbeit gehindert, da der Staat kein Interesse an einer guten Versorgung von Rohingya hat. Dieser Diskriminierung fallen besonders die Rohingya-Kinder zum Opfer. Rund 15 Prozent von ihnen leiden an akuter Mangelernährung.


Flucht und Vertreibung

In den vergangen Jahren wurden zehntausende Rohingya aus ihren Wohnorten vertrieben. Viele der 800.000 Rohingya leben seitdem in Camps für Binnenvertriebene, wo sie weder Bildungs- noch Arbeitsmöglichkeiten haben. Weitere zehntausende sind in die Nachbarländer Bangladesch, Indien, Thailand oder Malaysia geflohen. Auf der Flucht werden viele Rohingya Opfer von Schmuggler- oder Menschenhändlernetzwerken: Sie müssen den Schmugglern hohe Summen zahlen, um in vollkommen überfüllten Booten in die Nachbarländer zu kommen. Oder die Menschenhändler verkaufen sie als Arbeitssklaven.

Wenn sie es in die Nachbarländer geschafft haben, werden sie dort oft nicht als Flüchtlinge anerkannt. Die Regierungen dieser Länder planen, die Rohingya in abgelegene Regionen umzusiedeln oder wieder nach Burma abzuschieben, auch wenn ihnen dort schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Aus Angst vor Abschiebung leben daher viele im Untergrund unter menschenunwürdigen Bedingungen ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Lebensmitteln.

 

Text: Salomé Persyn und Isabelle Ortmüller

Comic-Konzept: Felicia Terasa und Salomé Persyn


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Foto: Holger Mette / istock

Minderheiten in Burma: Aufbruch in eine friedliche Zukunft?

Der 8. November 2015 war mit dem Sieg der Nationalen Liga für Demokratie ein historischer Tag für Burma. Denn der Weg scheint jetzt frei zu sein für die erste demokratisch gewählte Regierung seit 1962. Vor allem ethnische und religiöse Minderheiten hoffen, dass Burma die fast 50 Jahre andauernde hinter sich lassen kann und den bereits eingeschlagenen Weg zu einem demokratischen Staat, in dem alle Menschen die gleichen Rechte haben, konsequent weiter geht.

Lesen Sie mehr dazu in unserer Ausgabe 04/2015 >


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