Völkermord verjährt nicht!

Warum wird der Völkermord an den Herero und Nama auch heute von deutscher Seite nicht anerkannt?

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan durch seine Kritik an der Armenien-Resolution des Bundestags dafür gesorgt hat, dass der Völkermord in Namibia auch in Deutschland wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Foto: © Michaela Böttcher für GfbV

von Tina Walther und Ulrich Delius, GfbV-Afrikareferat und Flora Hallmann, GfbV-Onlineredaktion

Im Jahr 2004 jährte sich der Beginn der Herero- und Nama-Aufstände in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, der heutigen Republik Namibia, zum 100. Mal. Zwischen 1904 und 1908 hatten die Herero und Nama gewaltsam gegen die Willkür und Unrechtmäßigkeit der deutschen Kolonialherren aufbegehrt, nachdem diese ihnen fast alles genommen hatten: das Land, das Vieh und die eigene Identität. In Folge der Auseinandersetzungen mit der Deutschen Schutztruppe unter dem Kommando des berüchtigten Generalleutnant Lothar von Trotha sowie der anschließenden Internierung der Überlebenden in sogenannten Konzentrationslagern kam es zur beinahe vollständigen Vernichtung der beiden Völker: Etwa 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama fielen der Vernichtungswut des Schutztruppenkommandanten zum Opfer.


Für die Nachfahren der Opfer sowie zahlreiche Historiker steht fest: Die Verbrechen an den Herero und Nama in den Jahren von 1904 bis 1908 waren der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Bis heute trauern die Herero und Nama um ihre ermordeten oder an Hunger und Erschöpfung verstorbenen Vorfahren – und bis heute warten sie auf eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung. Zwar bekannte sich diese im Jahr 1989 erstmals zur „besonderen Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für Namibia und alle seine Bürger“, doch das Word Völkermord fiel dabei nicht. Als erste deutsche Politikerin wagte es die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) im Rahmen eines Namibia-Besuchs im Jahr 2004, die namibische Bevölkerung um Vergebung zu bitten und von einem Verbrechen zu sprechen, das im heutigen Verständnis als Völkermord bezeichnet würde – doch hatte sie ihre Wortwahl ohne Absprache mit dem Außenministerium oder dem Bundespräsidialamt getroffen. Als offizielles Statement der Bundesregierung galt ihre Rede daher nicht. Und während sich die Oppositionsparteien zunehmend für eine offizielle Entschuldigung sowie eine gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit und Wiedergutmachung einsetzten, verhallten ihre diesbezüglichen Anträge im Bundestag weitgehend ungehört. Erst 2015 bekannte sich das Auswärtige Amt im Rahmen einer Regierungspressekonferenz zur Einstufung der lange zurückliegenden Ereignisse als Genozid.


Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan durch seine Kritik an der Armenien-Resolution des Bundestags dafür gesorgt hat, dass der Völkermord in Namibia auch in Deutschland wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Ausgerechnet die Bundesrepublik solle sich beim Thema Genozid lieber zurückhalten, vor allem im Hinblick auf den Holocaust und die fast vollständige Vernichtung der Herero und Nama, so Erdogan. Von namibischer Seite aus wird das Streben der Bundesregierung nach einem baldigen Verhandlungsende teilweise kritisiert, man wolle die namibischen Akteure unter Druck setzen und zu schnellen Zugeständnissen bewegen, heißt es. Vor diesem Hintergrund ist fraglich, inwiefern es der Bundesregierung in ihrem Bemühen um ein schnelles Verhandlungsende wirklich um die Herero und Nama als Menschen geht, oder ob nicht vielmehr ein politischer Schachzug dahintersteckt, um weiterer Kritik von türkischer oder sonstiger Seite zu entgehen.

Sie können das vollständige Memorandum online lesen oder kostenlos herunterladen: Völkermord verjährt nicht! Die Debatte um die Anerkennung des Genozides an den Herero und Nama durch Deutschland (pdf)


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