Wer sind die Yeziden?

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Eine yezidische Frau drückt mit der rötlichen Färbung ihrer Hände ihre Freude über das yezidische Neujahrsfest aus, das auch "Roter Mittwoch" genannt wird. Foto: Robert Leutheuser

 

von Jan Ilhan Kizilhan

„Die Yezidi sind ein schöner, langgelockter Menschenschlag, mit dem Selbstgefühl des unabhängigen Bergbewohners, von meist gewaltigem Körperbau. Die unverschleierten Frauen sind von eigenartiger Regelmäßigkeit der Gesichtszüge. Früher waren die Yeziden gefürchtete Rebellen und Räuber, die sich gegen alle Übergriffe und Gewalttaten der anderen unerschrocken wehrten. Ihre Treue dem gegebenen Wort gegenüber und ihre Loyalität wurden auch von ihren Feinden anerkannt. Sie sind fleißige Land- und Gartenbebauer und Viehzüchter, die ihren Nachbarn an Tätigkeit und Geschicklichkeit überlegen sind. Besonders hervorzuheben ist die peinliche Sauberkeit ihrer Person und ihrer Häuser, die vorteilhaft vom Schmutz der übrigen Kurden absticht“, steht in dem 1941 in den Niederlanden erschienenen „Handwörterbuch des Islam“.

„Yezidi“, „Izîdî“ oder „Ezdayi“, „Êzîdî“ kommt aus dem Kurdischen und bedeutet „der, der mich erschaffen hat“, also der Schöpfer und Gott. Seit Hunderten Jahren ist in der westlichen Literatur und der kurdischen Öffentlichkeit der Begriff „Yezide“ am geläufigsten. Deshalb werde ich diesen im folgenden Text verwenden.

Die Yeziden sehen sich selbst als Angehörige der ältesten Religion der Welt. Sie glauben an einen Gott. Somit ist das Yezidentum eine monotheistische Religion. Die sieben Erzengel, die auch im Judentum, Christentum und im Islam erwähnt werden, folgen Gott. Die Yeziden beziehen sie in ihre täglichen Gebete ein. Ihr Oberhaupt ist Tausi Melek, der Engel Pfau, den Gott als seinen Vertreter mit der Aufsicht über die Erde beauftragte und der im Besonderen die Yeziden schützen soll.

Im August 2014 erfuhr die Weltöffentlichkeit von den Yeziden und von ihrem tragischen Schicksal. Kämpfer des Islamischen Staates (IS) gingen mit unerbittlicher Härte gegen Angehörige der Religionsgemeinschaft im Irak vor, weil Yeziden für die Islamisten „Ungläubige“ sind. 7.000 wurden getötet, yezidische Mädchen und Frauen missbraucht und versklavt. Mehr als 400.000 Yeziden flohen aus dem Sinjar, ihrem Hauptsiedlungsgebiet, in die Autonome Region Kurdistan im Norden des Landes.

Geschichte der Yeziden

Ihre Jahrtausende alte Geschichte ist eine Geschichte von Verfolgung und Vertreibung, sie ist jedoch zugleich auch Teil der Geschichte des kurdischen Volkes, denn Yeziden sind Kurden. Doch gab es auch kurdische Fürsten wie Bedirkhan und Mehmed Rawanduz, die die Yeziden im 19. Jahrhundert aus religiösen Gründen verfolgt haben. Die Kämpfe der Araber gegen die Kurden 637, die Mongolenstürme im Jahr 1246 sowie Zwangsislamisierungen haben die Zahl der Yeziden dezimiert. Sie waren als „Teufelsanbeter“ verschrien, wurden ferner als „muslimische Sekte“, als „Abtrünnige“, bezeichnet und galten nicht als Angehörige einer Buchreligion, wie beispielsweise die Christen, die die Bibel als Offenbarungsschrift haben. Aufgrund von Islamisierungswellen zogen sich die Yeziden in die Berge zurück und hatten nur begrenzt Kontakt zu der mehrheitlich muslimischen kurdischen Bevölkerung. Die Priester gaben ihre Religion mündlich weiter. Es gibt nur wenige schriftliche Dokumente, wie Sammlungen von Gebeten, Geschichten und Erzählungen über die Religion von Yeziden über Yeziden. Das hat sich erst in den vergangenen 50 Jahren geändert. In der deutschsprachigen Literatur haben sich seit dem 18. Jahrhundert nur wenige Orientalisten und Anthropologen mit dieser Religionsgemeinschaft beschäftigt. Daher ist auch in der Öffentlichkeit nur wenig über die Yeziden bekannt.

Yeziden gehen generell davon aus, dass ihre Ursprünge im Mithraskult – einer vorchristlichen Religion, die im ganzen Römischen Reich verbreitet war – bis zum 14. Jahrhundert vor Christus liegen. Historische Quellen erwähnen bis zum siebten Jahrhundert nach Christus nicht den Begriff „Yezide“. Erst um 1000 benutzen arabische Geistliche und Historiker diesen Terminus. Im zwölften Jahrhundert bezeichnete der arabische Historiker Al-Samani die Yeziden als eine Gruppe asketischer Individuen, die in den Halwan-Bergen, in der heutigen Autonomen Region Kurdistans, lebten. In seinem Buch Al-Ansab erwähnt er des Weiteren, dass die Yeziden loyal gegenüber dem zweiten Umayyaden-Kalifen, Yazid Ibn Muawiya gewesen seien, der in der islamischen Geschichte einen besonders schlechten Ruf hat. Diese nicht zutreffende Behauptung hat sich bis heute bei einigen Gemeinschaften, wie beispielsweise bei den Aleviten und Schiiten, in den kurdischen Gebieten gehalten und wurde öfter als Argument und Rechtfertigung genutzt, um Yeziden auszuplündern oder zu versklaven. So glauben einige Schiiten und Aleviten noch immer, dass Yeziden als Anhänger von Yazid Ibn Muawiya den Propheten Ali, der Nachfolger des Propheten Mohammed werden sollte, töteten. Erst in den vergangenen vierzig Jahren und aufgrund des Lebens in der Diaspora haben Yeziden und Aleviten wieder zusammengefunden und stehen heute im Dialog.

Sheikh Adi und die Gründung eines neuen Religionssystems

Der letzte Reformator der Yeziden, Sheikh Adi, war in den vergangenen Jahren innerhalb der Gemeinschaft immer wieder Gegenstand zahlreicher Diskussionen. So soll er etwa Muslim gewesen sein. Diese Behauptung lehnen viele Yeziden ab, da man nur durch Geburt Yezide werden kann. Zahlreiche Dokumente belegen allerdings, dass Sheikh Adi Ibin Musafir in Bait al-Far in der Gegend von Baalbak im Libanon um 1050 oder 1075 geboren wurde. Er zählt zur Ahnenreihe der muslimischen Familie Ibrahim. Sheikh Adi starb im Alter von 90 Jahren. Für die Yeziden ist er die Inkarnation des Tausi Melek, des Engel Pfau. Das Tal Lalish im Nordirak war sowohl das Hauptquartier als auch die Begräbnisstätte des Reformators. Seitdem ist Lalish das zentrale Heiligtum der Yeziden. Der Überlieferung nach soll Tausi Melek Sheikh Adi seine geistige und spirituelle Macht übertragen und ihm aufgetragen haben, die Yeziden zu führen. Er ließ sich bei Yeziden nieder und legte eine neue religiöse Doktrin fest: „Sad u Had“ („Rechte und Pflichten“). Die yezidische Gemeinschaft war vorher nicht als ein Kastensystem strukturiert, sondern hatte lediglich eine Priesterschicht, die für die religiöse Lehre zuständig war. Dies sollte sich aber durch ein striktes hierarchisches Kastensystem und neue religiöse Führer, den Sheikhs, ändern.


365 Kerzen, die alle Tage des Jahres symbolisieren, werden während des yezidischen Neujahrsfest im heiligen Tempel Lalish angezündet.

Die Sprache der Yeziden

Die Sprache der Yeziden in ihren Herkunftsländern ist Kurdisch. Sie sprechen Kurmanci, einen der kurdischen Dialekte. Das Kurdische ist eine nordwest-neuiranische Sprache innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie. Mehr als 40 Millionen Menschen sprechen Kurdisch. Die kurdische Sprache besteht aus drei Hauptdialektgrupen: Nordkurdisch (Kurmanci), Zentralkurdisch (Sorani) und Südkurdisch. Diese Gruppen untergliedern sich wiederum in eine Reihe von Nebendialekten. Darüber hinaus ist es sicher nicht übertrieben zu sagen, dass in Kurdistan jede Siedlung oder jedes abgelegene Tal seine sprachlichen Besonderheiten aufweist.* Die Yeziden sprechen in der Regel die jeweilige Mundart des Kurmanci, die in ihrem Siedlungsgebiet gesprochen wird.

* Zitiert aus: Omar, Feryad Fazil: Kurdisch-Deutsches Wörterbuch (Soranî). Institut für Kurdische Studien. Berlin 2005.

Weitere Literatur: Omar, Feryad Fazil: Kurdisch-Deutsches Wörterbuch (Kurmancî). Institut für Kurdische Studien. Berlin 2005.


Das Kastensystem

Der Eintritt Sheikh Adis in die Gemeinschaft der Yeziden im zwölften Jahrhundert hatte nicht nur eine religiöse Bedeutung. Das Kastensystem veränderte die gesamte Gesellschaftsstruktur und definierte die Beziehungen der Gruppen zueinander neu. Auf der einen Seite waren nun die Sheikhs (Lehrer), auf der anderen die Murids (Laien, Volk). Diese Struktur findet sich auch bei den Sufis. Die Gruppe der Priester (der Pirs) verlor ihre Aufgabe als Hauptunterweiser in der Religion der Yeziden. Die Pirs waren jedoch stark in der yezidischen Gesellschaft verankert, sodass sie weiterhin eine wichtige religiöse Rolle spielten, allerdings eine untergeordnete. Die Stämme der Yeziden wurden unter den Sheikhs und Pirs aufgeteilt. Jeder Sheikh und Pir, der für einen Stamm zuständig war, musste gleichzeitig eine Verbindung zum jeweils anderen Unterweiser haben. Dies bedeutet, dass jeder Sheikh und Pir selbst einen Unterweiser aus der Kaste der Sheikh und Pirs hat. Eine Heirat zwischen den Pirs und Sheikhs ist verboten. In der Pir-Kaste ist es tabu, Personen aus der Nachfolgerschaft Pir Hasan Mamans zu heiraten. Sonst dürfen die Pirs untereinander heiraten. Murids ist es strikt untersagt, Sheikhs oder Pirs zu heiraten. Ob diese Heiratsverbote bereits vor Sheikh Adis Reformen existierten oder mit ihnen eingeführt wurden, ist nicht geklärt. Aus ethischer Sicht betrachtet, sorgen diese religiösen Vorschriften für klare Beziehungen und sollen einen Machtkampf zwischen den Kasten verhindern. Mitglied einer Gruppe beziehungsweise Yezide kann man nur durch Geburt werden. Es ist auch nicht möglich, die Kaste zu wechseln. Eine Heirat mit Personen aus anderen Religionsgemeinschaften ist ebenfalls nicht möglich. Wenn ein Yezide dies doch tut, ist er kein Yezide mehr. Diese Heiratsregel entstand über die Jahrhunderte, um den Zusammenhalt der Yeziden zu stärken, denn sie wurden seit jeher verfolgt.

Das Yezidentum ist im Gegensatz zum Islam und dem Christentum keine missionierende Religion. Yeziden versuchten bisher, ihre Werte, Normen und Rituale durch mündliche Überlieferungen weiterzugeben. Sie schufen bereits im zwölften Jahrhundert dafür die Institution der „Qewwals“. Die Aufgabe war und ist es heute noch, Gedichte, Gebete und Erzählungen auswendig zu lernen, um so ein kulturelles Gedächtnis entstehen zu lassen, das von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Neben den Bemühungen yezidischer Wissenschaftler, die Geschichten, Erzählungen und Gebete zu sammeln und zu verschriftlichen, dienen bestimmte Symbole, Feiertage und Rituale dazu, das Vergangene zu vergegenwärtigen und das religiöse Erbe nicht zu vergessen: beispielsweise Statuen, die an den obersten Engel Tausi Melek erinnern, Fastentage, Neujahrsfeier am ersten Mittwoch im April, dem sogenannten roten Mittwoch (Kurdisch: Charshema Sor), das Fest Cumaiya zu Ehren des Reformators Sheikh Adi im Oktober, Haarbeschneidung im Sinne einer Taufe oder Gebete.

 

[Zum Autor]

Der Yezide Prof. Dr. Dr. Ilhan Kizilhan ist Psychologischer Sachverständiger, Psychotherapeut und Orientalist. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen transkulturelle Psychiatrie, Konflikt- und Friedensforschung, Sozialisation im Krieg, Kurden und Yeziden, Islam sowie Migrationsforschung.


Header Foto: Robert Leutheuser/www.beyondbordersphotography.com


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