„Ich wünsche mir, dass die Zeitschrift noch lange weiter besteht“

300. Ausgabe von bedrohte Völker - pogrom

Lilly von Consbruch und Jonas Scholle haben sich mit GfbV-Gründer und Herausgeber Tilman Zülch über das Magazin unterhalten. Foto: Werner H. T. Fuhrmann

„Pogrom stellt dar, weist auf, klagt an, rüttelt auf. Die warme Vernunft mag mitunter mehr bewirken als der Schrei. Aber wer die Menschenrechte verteidigen will, der muss auch schreien können. Sonst läuft er Gefahr, zu spät zu kommen. Über das Geschehene klagen, ist nicht unnütz. Besser noch ist es, rechtzeitig lautstark zu werden, damit es nicht geschehe!“, sagt der deutsch-französische Publizist und Politologe Alfred Grosser über die Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). 300 Ausgaben sind mittlerweile erschienen. Zeit, einen Blick zurück zu werfen. Lilly von Consbruch und Jonas Scholle haben sich mit GfbV-Gründer und Herausgeber Tilman Zülch über das Magazin unterhalten. 

Können Sie uns kurz die Entstehungsgeschichte von bedrohte Völker - pogrom schildern? Gab es Wegbegleiter, ohne die das Magazin nie machbar gewesen wäre? 

Da muss ich etwas ausholen. Im Juni 1968 stand Deutschland Kopf. Ich habe nie wieder erlebt, dass ein Menschenrechtsproblem die deutsche Gesellschaft so aus der Ruhe gebracht hat, wie es bei der Hungersnot von Biafra der Fall war. Ich habe zusammen mit einem Medizinstudenten an der Hamburger Universität ein Komitee gegründet, weil wir etwas gegen diese Katastrophe unternehmen wollten. Wir haben einen ganzen, leer stehenden Pavillon am Eppendorfer Krankenhaus bekommen, um unsere Arbeit dort zukoordinieren. Bald existierten mehr als 95 solcher Komitees in ganz Westdeutschland, weil jede Presseerklärung, jede Verlautbarung von uns sofort bundesweit in den Medien war. Wir mussten uns organisieren, brauchten einen humanitären und einen politischen Zweig, mussten die entsprechenden Konten einrichten, brauchten Rat, vor allem von Ärzten und Pastoren, sodass das Ganze abgesichert war und wir nicht irgendwie selber attackiert werden konnten.

Jeden Tag haben wir uns irgendetwas Neues überlegt. Wir konnten zum Beispiel Plakate in den zentralen U-Bahn-Stationen kleben. So wurden unsere Aktionen noch bekannter. Es war Wahnsinn, wie weit das getragen wurde und wie viele Menschen auf uns zukamen, um uns zu helfen. Wir wurden mit Unterstützung überschwemmt und die Öffentlichkeit hatte sich daran gewöhnt, von uns zu hören. Wir wurden faktisch gezwungen, uns jeden Tag mit neuen Angeboten und Tipps auseinanderzusetzen. Es war alles spontan, wie das gelaufen ist. Aber wir waren froh über jeden, der mithelfen wollte. Keiner wurde bezahlt, aber trotzdem gab es genug Menschen, die freiwillig mitgemacht haben.

Nach einer Weile meldeten sich Menschen bei uns und sagten, wir würden uns zwar vorbildlich um Biafra kümmern, aber der Südsudan oder Kurdistan würden ganz außer Acht gelassen. Auch dort würden Tausende Menschen umgebracht und niemand würde sich dafür verantwortlich fühlen. Die linken und entwicklungspolitischen Gruppen wollten davon nichts wissen, also haben wir beschlossen weiter zu machen. Mit Wandzeitungen haben wir auch auf diese Probleme aufmerksam gemacht. Und da entstand dann die erste pogrom-Ausgabe zu den Themen Biafra, Südsudan und Kurdistan. Unser Vorteil war, dass wir die Blüte der Deutschen Literatur hinter uns stehen hatten. Wir wurden von Persönlichkeiten wie Ernst Bloch, Heinrich Böll, Paul Celan, Max von der Grün, Erich Kästner oder Klaus Wagenbach unterstützt. Außerdem gab es Vorbilder. Es gab ja schon vor uns Gruppen, die sich für die Dritte Welt einsetzten und ebenfalls anfingen, ein Blatt zu drucken. Die haben sich auch darum gekümmert, dass das wirklich jemand liest. Im Laufe der Zeit wurde pogrom ein fester Bestandteil der GfbV.

Die erste Ausgabe von bedrohte Völker - pogrom aus dem Jahr 1970, die damals noch unter dem Titel pogrom erschien.

Mit welchen Problemen hatten Sie in der Anfangszeit von pogrom zu kämpfen? Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt aufzugeben? 

Natürlich war am Anfang das Geld knapp, aber wir wurden in der ersten Zeit von einer Hamburger Studentengruppe unterstützt. Eine linke Gruppe in St. Pauli hatte selbst eine Zeitung aus der Taufe gehoben gegründet und uns angeboten, unsere Zeitschrift mit zu drucken. So konnten wir die ersten drei Ausgaben kostenlos produzieren. Mit der Zeit unterstützten und förderten uns immer mehr Menschen, sodass wir weitermachen konnten. Heute hat pogrom fast 2.500 Abonnenten und kann sich dadurch selbst tragen. Das war zwar nie eine Bedingung, aber es ist trotzdem wichtig für die GfbV. Ich persönlich habe nie mit dem Gedanken gespielt aufzugeben. Es war überhaupt nicht möglich, weil wir so viel Unterstützung bekommen haben und dadurch auf gewisse Weise eine Verpflichtung hatten, weiterzumachen. Wir ertranken fast in Solidarität und die ganze Entwicklung ließ sich gar nicht mehr aufhalten. Zum Glück haben mich meine Eltern und auch meine heutige Frau unterstützt und motiviert fortzufahren. Für mich war die GfbV immer eine Herzensangelegenheit, das konnte ich nicht aufgeben.

„Pogrom“ weckt unschöne Assoziationen und ist kein besonders einladender Name. Warum haben Sie die Zeitschrift so genannt, obwohl der Name so negativ vorbelastet ist?

Ja, darüber kann man sich tatsächlich wundern. Wir wollten damals provozieren. Biafra war zu der Zeit in aller Munde und es war unheimlich schön, dass so große Teile der Bevölkerung sich damit identifizierten. Es gab unzählige Menschen, die auch unabhängig von uns humanitäre Hilfe geleistet haben. Unser Ziel war es aber, möglichst alle Menschen wachzurütteln. Ihnen zu zeigen, dass Pogrome nicht der Vergangenheit angehörten und es auch neben Biafra noch viele andere verheerende Menschenrechtsverletzungen gab. Ich habe immer gesagt, es reicht nicht, wenn man die Verbrechen von damals bedauert, aber den heutigen zusieht. Wir wollten einen Namen, der erschreckt und die Menschen aufhorchen lässt. Einen schrecklichen Terminus, den aber viele Leute letztlich gar nicht als so schlimm empfanden, weil sie den Ausdruck entweder nicht kannten oder ihn eben nur mit der Vergangenheit assoziierten.

Welche Aufgabe hat bedrohte Völker - pogrom? Wie wichtig ist das Magazin für die gesamte Arbeit der GfbV? 

Die Zeitschrift wird immer professioneller und auf einem hohen Niveau hergestellt. Sie unterscheidet sich in dieser Hinsicht in keiner Weise von anderen Blättern, wie zum Beispiel dem Spiegel. Sie wird mit viel Elan und Herzensblut gemacht und ich sehe immer wieder, dass sie bei einer Menge von Leuten gut ankommt. Natürlich fließt unheimlich viel Arbeit da hinein, aber es ist auch eine große Chance, immer wieder neue Menschen für uns und unsere Arbeit zu gewinnen. Die Zeitschrift sollte ursprünglich auf Verfolgungen, Genozide und Vertreibungen aufmerksam machen und so auch unsere Aktionen unterstützen. Inzwischen werden aber auch Völker und ihre Lebensformen porträtiert. Pogrom dient in erster Linie immer noch dazu, Menschen, die bereit sind, für Menschenrechte einzustehen, mit Informationen zu versorgen. Von daher ist die Zeitschrift schon wichtig für die Arbeit der GfbV.

Welche Schwierigkeiten oder besondere Herausforderungen haben die Redakteure zu bewältigen? 

Natürlich ist es schwierig, sich immer wieder in die komplexen Themen einzulesen und genug darüber zu wissen, um Artikel für die pogrom schreiben zu können. Aber zum einen haben wir ja glücklicherweise unser Archiv, in dem Informationen zu unendlich vielen Themen zu finden sind. Und zum anderen haben wir viele Kontakte zu einzelnen Leuten, die in bestimmten Gebieten weiterhelfen können. Es ist auch eine große Herausforderung, dass die Verantwortung für eine ganze Ausgabe in den Händen einer Chefredakteurin liegt. Sie arbeitet zwar mit wahnsinnig viel Elan und überprüft die Texte sehr gewissenhaft, aber eigentlich kann man nicht erwarten, dass sie über alles Bescheid weiß. Dafür ist das Leben auf dem Globus viel zu vielfältig. Deshalb ist es wichtig, wenn möglich, die Texte vor der Veröffentlichung an die betroffenen Menschen weiterzuleiten und ihnen die Chance zu geben, sie zu kommentieren.

Die GfbV ist bzw. war teilweise sehr umstritten. Zum einen wurde sie von linken Aktivisten und Antifaschisten als „neurechts“ und „völkisch“ bezeichnet und zum anderen gab es Anfeindungen von der rechten Szene. Inwieweit haben diese Angriffe etwas mit bedrohte Völker - pogrom zu tun?

Wären die GfbV und die Zeitschrift bedrohte Völker - pogrom nicht umstritten, dann wären sie nicht wirksam. Ihr habt angesprochen, dass die anti-imperialistische Linke sich gegen die GfbV wandte. Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen haben Ideologien, aber so auch Vorurteile und Antipathien. Das wirkt sich auch bei der Solidarität mit den Opfern von Genoziden, Massenvertreibung und Massenvergewaltigung aus. Wenn man es ganz böse ausdrückt, dann hat jeder seine entsprechenden Verbrechen, die er verurteilt. Und dann gibt es andere Verbrechen, die er nicht verurteilt, sondern sogar rechtfertigt, und sich dann noch darüber aufregt, dass andere davon reden.

Gibt es eine Ausgabe von bedrohteVölker - pogrom, die Ihnen besonders viel bedeutet? 

Die 1981 erschienene Ausgabe über den Welt-Roma-Kongress liegt Tilman Zülch besonders am Herzen.

Besonders am Herzen liegt mir die Sinti-und-Roma-Ausgabe (Nr. 80/81, Jahrgang 1981), da sie für einen unserer größten Erfolge steht: die offizielle Anerkennung des Leidens der Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg. Ebenso das Buch „In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt: Zur Situation der Roma in Deutschland und Europa“, das die Gesellschaft herausgegeben hat. Damit kann man sich total identifizieren, weil die Nazi-Verbrechen an den Sinti und verschwiegen wurden. 

Nennenswert sind auch die Hefte über den Bosnienkrieg, weil da Deutschland und fast alle anderen europäischen Staaten einfach brav zugeschaut haben. Es waren Konzentrationslager über das Land verstreut, es gab 150.000 Tote und Frauen wurden systematisch vergewaltigt. Wir haben damals viel über diese menschenverachtenden Verbrechen informiert und viel erreichen können. Wir konnten so die Medien und Menschen auf die Geschehnisse in Bosnien aufmerksam machen.

Können Sie sich an eine Ausgabe erinnern, die besondere öffentliche Resonanz gefunden hat? Sowohl positiv als auch negativ?

Die Indianer-Ausgaben haben unheimlich viel Anklang gefunden und da gab es auch sehr viel Material. Ich kann mich jetzt aber an keine Ausgabe direkt erinnern, es sind ja bisher 300 Ausgaben erschienen. Aber es kam auch vor, dass wir uns über die eine oder andere Ausgabe geärgert haben, weil wir uns nicht genügend über ein Thema informiert haben, aber dann ist es meistens schon gedruckt. Ich rede da aber jetzt nur über einzelne Texte einer Ausgabe. Dann kommt vielleicht jemand der sagt, das ist völlig ungenügend und dann muss man so fair sein und das anerkennen. Wenn man zum Beispiel über Flüchtende, Vertriebene oder Vergewaltigte berichtet, gibt es selbstverständlich immer Leute, denen das nicht passt. 

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre für die GfbV und insbesondere für bedrohte Völker - pogrom? 

Ein Wunsch von mir ist, dass dem Publizieren und dem Kommunizieren mit dem Freundes-, Förderer- und Abonnentenkreis, Kontakte zu den Organisationen der Betroffenen weiter intensiviert und ausgebaut werden. Was man von außen vielleicht gar nicht so mitbekommt ist, dass die Gesellschaft immer mit Leuten zusammengearbeitet hat, die zum Beispiel Experten für Kurden, Assyrer oder Aramäer waren und sind. Das sind ganz wichtige Menschen für uns, da sie uns mit ihrem Wissen unterstützen. Ansonsten wünsche ich mir selbstverständlich, dass die Gesellschaft und bedrohte Völker - pogrom noch lange weiter bestehen.



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