„Wir sind die Feuerstelle, die niemals kalt wird!“

Indigene Filmfestivals

www.shanafilm.com
Shana und ihr spiritueller Wolf Aijana im Zauberwald: Der preisekrönte Film „Shana - The Wolf’s Music“ lief 2016 auch auf dem Nordamerika Filmfestival in Stuttgart. Das Festival ist einzigartig in Europa. Exklusiv werden dort Filme gezeigt, in denen Indianer und Inuit als Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren ihre Kulturen und Lebenswirklichkeiten vorstellen. Vom 18. bis 21. Januar 2018 ist es wieder soweit, indigenen Lebenswelten auf und vor der Leinwand in der baden-württembergischen Hauptstadt zu begegnen. Weitere Infos unter: www.nordamerika –filmfestival.com; Pressefoto: www.shanafilm.com

Eine Dokumentation über die Kogi in Kolumbien, ein Film über die Machiguenga in Peru: Wie authentisch sind diese Filme über indigene Völker wirklich? Filmemacher porträtieren eher die „Exotik“ der Ureinwohner, als sich mit ihrer Lebenswirklichkeit auseinander zu setzen. Das wollen Indigene nun ändern, indem sie selbst Filme drehen.

Von Lilly von Consbruch

„Die Geschichten, die wir erzählen, kommen von innen und sind auf eine Weise erzählt, wie nur wir es können. Es ist jetzt das erste Mal, dass das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, wirklich das ist, was unsere Realität, unsere Träume und Visionen repräsentiert“, sagt ein indigener Filmproduzent aus Grönland. Auf selbstorganisierten Festivals werden diese Filme zudem vielen Menschen zugänglich gemacht. Hakon Isak Vars, Direktor des Sámi Film Festivals in Norwegen, erklärt, dass früher traditionell Geschichten erzählt wurden, als die Menschen abends am Feuer zusammensaßen. Heute ist die Leinwand der Ort, an dem die Erzähltradition bewahrt wird. „Und diese Feuerstelle wird niemals kalt werden“, fasst er die Bedeutung indigener Filmfestivals zusammen.

Mit 48 indigenen Kurz- und zehn Spielfilmen startete 2014 das von Maori initiierte Filmfestival Maoriland in der neuseeländischen Stadt Otaki. „Der Großteil unserer Stadt hatte vorher noch nie ein Filmfestival gesehen, geschweige denn einen indigenen Film“, heißt es auf der Homepage der Organisatoren. Das Festival traf einen Nerv: Bereits 2015 wurden doppelt so viele Tickets verkauft und mehr als 120 Produktionen gezeigt.

Indigene Filme an der Spitze der amerikanischen Unterhaltungsindustrie? Warum eigentlich nicht! Diese Vision trieb Joanelle Romero an, eine Filmproduzentin mit indigenen Wurzeln, als sie ihren Fernseh- und Internetkanal Red Nation Media gründete. Auch sie wollte etwas gegen Rassismus und Vorurteile, denen Native Americans immer noch ausgesetzt sind, unternehmen. Um dies zu erreichen und um Anerkennung für indianische Kunst, Kultur und Geschichte zu werben, rief sie 2003 das Red Nation Film Festival ins Leben, das seitdem jährlich in Los Angeles stattfindet. Fast 60 Prozent der Spiel- und Kurzfilme stammen von indigenen Frauen. Außerdem werden insbesondere indigene Jugendliche mit dem Programm „Native Youth Matters – If I Can See It I Can Be It“ motiviert, ihre Geschichten zu erzählen. Das nächste Festival findet vom 8. bis 18. November 2017 statt.

http://skabmagovat.fi/skabmagovat_2014/?page_id=1245
Das samische Filmfestival Skábmagovat im finnischen Inari findet in romantischer Kulisse statt. Foto: Tapio Seppälä

„Filme sind ein machtvolles Instrument, mit dem du das zurückerobern kannst, was ursprünglich dir gehörte: Wir können unsere Wahrheit abbilden und die Welt durch indigene Augen sehen, der Welt erzählen, dass es uns gibt“, erklärt die Samin Anna Lajla Utsi vom International Sámi Film Institut in Norwegen, das samische Filmemacher bei der Umsetzung ihrer Projekte fördert und unterstützt und das Samische Filmfestival ausrichtet. Die Samen sind Europas einziges indigenes Volk, das in den nördlichen Teilen Finnlands, Schwedens, Norwegens und Russlands lebt. Viele ihrer Vorfahren durften aufgrund politischer Assimilierung im 20. Jahrhundert ihre Sprachen nicht mehr sprechen. Deshalb beherrschen heute viele Samen ihre Muttersprache nicht mehr. Durch ihre Filme wollen die Samen ihre Sprache wieder in Erinnerung rufen.

Für das Samische Filmfestival haben sich die Organisatoren etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die Filme werden in einem Freilichtkino im norwegischen Kautokeino gezeigt. Wem es bei Minusgraden auf den Eisblöcken des Schneetheaters zu kalt wird, kann man sogar mit seinem Schneemobil oder Rentierschlitten vorfahren. Das Drive-In-Kino unter Sternenhimmel lässt samische Filme noch authentischer wirken.

Ein ähnliches Erlebnis erwartet Filmfans auch während des Festivals Skábmagovat im finnischen Inari: Dort werden Vorstellungen bei bis zu minus 40 Grad angeboten. Sowohl die Sitze als auch die Leinwand bestehen aus Eis. Kerzen beleuchten das Kino, Schneelaternen zeigen den Weg in den Kiefernwald und mit etwas Glück verzaubern Nordlichter die ohnehin romantische Idylle des Freilufttheaters. „Besinnung der endlosen Nacht“ heißt das Filmfestival Skábmagovat übersetzt, das der indigene Kulturverein Friends of Sámi Art 1999 aus der Taufe gehoben hat. Nicht nur samische Produktionen werden dort vorgeführt, sondern auch Filme anderer indigener Regisseure.

Einmal im Jahr kommt auch die Samen-Gemeinschaft in Schweden auf dem Filmfestival Dellie Maa in Östersund zusammen und präsentiert Filme aus aller Welt – mit dem Kriterium, dass entweder der Regisseur oder der Produzent sich als indigen bezeichnen.

https://www.flickr.com/photos/us_embassy_newzealand/13415739593
Nach alter Maori-Tradition findet vor dem Filmfestival Maoriland ein Willkommensritual statt. Dabei halten die Gastgeber Reden und singen Lieder. Außerdem ist es üblich, dass die indigenen Organisatoren mit einem Handschlag und Berühren der Nase von den Gästen begrüßt werden. Foto: US Embassy via Flickr

Ever The Land

Die Dokumentation „Ever The Land“ wurde im März 2017 auf dem Festival Maoriland gezeigt. Der 90-minütige Film zeigt das beeindruckende Verhältnis der Maori-Nation Ngai Tuhoe zu ihrem Land und zu der Waldregion Te Urewera sowie ihr 150 Jahre dauernder Kampf um Landrechte. Der Film fängt einen Zeitpunkt des positiven Wandels ein: Die Klagen der Tuhoe waren erfolgreich. Die britische Krone entschuldigte sich für ihre Vergehen und zahlte einen finanziellen Ausgleich für den entstandenen Schaden. Mithilfe dieser Gelder bauten die Tuhoe ein Gemeindezentrum, das zum Mittelpunkt der Dokumentation wird. „Ever The Land“ gibt einen spannenden Eindruck in den Stolz der Tuhoe und ihrer Verbundenheit zur Natur. www.evertheland.com

The Land of Rock and Gold

Der Spielfilm „The Land of Rock and Gold” fand auf dem Red Nation Film Festival in Los Angeles besonders große Zustimmung. Daniel Redenbach und Janine Windolph drehten ein spannendes Drama über die schwierige Situation von alleinerziehenden indigenen Frauen in Kanada. Die Hauptfigur Rochelle ist verzweifelt, als ihr Lebensgefährte plötzlich verschwindet und sie mit ihrer gemeinsamen Tochter allein zurücklässt. Da sie als arbeitslose Mutter schnell das Sorgerecht für ihr Kind verlieren würde, begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Partner. Aber alles, was sie herausfindet, führt zu weiterer Verwirrung und hinterlässt neue Fragen, auf die sie keine Antworten finden kann. Der Zuschauer begleitet Rochelle auf einer aufwühlenden Reise, die von Enttäuschung, Angst und Hoffnungslosigkeit geprägt ist.

SAMI BLOOD

„Mein Name ist nicht mehr Elle Marja. Ich möchte meine Rentiere und die, die ich von Dad geerbt habe, verkaufen“, verkündet die 14-Jährige in dem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Spielfilm „Sami Blood“. Der bewegende und mitreißende Film von Amanda Kernell handelt von einem samischen Mädchen aus Schweden, das in den 1930er Jahren auf ein Internat geschickt wird und dort aufgrund seiner indigenen Wurzeln Ausgrenzung und Ablehnung erfahren muss. Anstatt zu seiner Familie zu stehen, bricht das junge Mädchen mit seiner Vergangenheit und Kultur und will sich der schwedischen Kultur anpassen. „Sami Blood“ beleuchtet ein wenig bekanntes Kapitel schwedischer Geschichte: die staatlich veranlasste Assimilierung der Samen, der sie vor allem im 20. Jahrhundert immer wieder ausgesetzt waren. 


Lilly von Consbruch hat Anfang 2017 ein Praktikum in der Redaktion von bedrohte Völker - pogrom absolviert. Zuvor sammelte sie journalistische Erfahrungen bei einer Tageszeitung und unterstützte in den vergangenen Jahren soziale Projekte in Rumänien und Namibia, für die sie regelmäßig Berichte verfasste. Zurzeit studiert sie Ethnologie und Politikwissenschaft in Heidelberg.




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