Wie eine Identitätsverwechslung fast ein halbes Jahrhundert unentdeckt blieb

Anna Maria „Settela“ Steinbach

Settela im Zug nach Auschwitz. Foto: Aus dem Film Westerbork von Rudolf Breslauer 1944 NIOD, Amsterdam

Ein junges Mädchen schaut ängstlich aus der halbgeöffneten Seitentür eines Viehwaggons, dessen Zielort schrecklicher nicht sein könnte: Auschwitz im Jahr 1944. Jahrzehntelang galt die Aufnahme des Fotografen Rudolf Breslauer weltweit als Symbol für die Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus – bis ein niederländisches Journalist 1994 „das Mädchen mit dem Kopftuch“ als Sintezza identifizierte.

Von Rainer Schulze

Das eindringliche Bild eines unschuldigen Mädchens, das in den Tod geschickt wurde, ist in den Niederlanden so berühmt wie das Tagebuch von Anne Frank. Sie hat uns jedoch nichts hinterlassen außer dieser Momentaufnahme – nur ein paar flüchtige Sekunden aus dem Film über das Durchgangslager Westerbork im Nordosten der Niederlande. Aufgenommen hat es Rudolf Breslauer im Mai 1944, ein jüdischer Gefangener, der von dem Lagerkommandanten beauftragt worden war, einen Film über das Lager zu drehen.

Nahezu fünfzig Jahre war sie „das Mädchen mit dem Kopftuch“, ohne Namen, und jeder nahm an, dass es sich um ein jüdisches Mädchen handelte. Erst Mitte der 1990er Jahre fand der niederländische Journalist Aad Wagenaar durch sorgfältige detektivische Spürarbeit heraus, dass es sich hier um kein jüdisches Mädchen handelte, sondern um die neunjährige niederländische Sintezza Anna Maria „Settela“ Steinbach.

Settela wurde am 23. Dezember 1934 in Buchten nahe Grevenbicht im Südosten der Niederlande geboren, wo ihre Familie, die ursprünglich aus Deutschland gekommen war, ihr Winterquartier aufgeschlagen hatte. Der Vater arbeitete als Händler und spielte auf Dorffesten die Geige; die Mutter sorgte für die sieben Kinder, während sie von Dorf zu Dorf zogen. Ihren Namen „Anna Maria“ bekam Settela von der Ehefrau des örtlichen Arztes, Anna Maria Duysens, die von der Geburt des Kindes hörte und ihre Patentante wurde.

Im Mai 1940 wurden die Niederlande von den Deutschen besetzt, aber erst drei Jahre später gingen sie gegen die Sinti und Roma vor und zwangen sie, sich in eines der 27 eigens zu diesem Zweck eingerichteten umzäunten und bewachten Sammellager zu begeben. Die Steinbach-Familie kam ins Lager Eindhoven, wo Settelas Vater von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde. Am 16. Mai wurden sie von Eindhoven in das Transitlager Westerbork überstellt und nur wenige Tage später von dort weiter nach Auschwitz deportiert.

Bei der Ankunft wurden alle Sinti und Roma in das „Zigeunerfamilienlager“ gebracht. Die als arbeitsfähig eingestuften Männer wurden später in Arbeitslager überstellt. Settela und ihre Familie wurden in den Gaskammern ermordet, höchstwahrscheinlich in der Nacht vom 2. auf den 3. August, als das „Zigeunerfamilienlager“ liquidiert wurde. Von der Familie Steinbach überlebte nur Settelas Vater Heinrich „Moeselman“ Krieg und Verfolgung. Er starb 1946.

2008 veröffentlichte die britische Romni Janna Eliot, Schriftstellerin und Musikerin aus London, ein Buch über Settela, das auf den Recherchen von Wagenaar beruht. In „Settela‘s Last Road“ entwirft Eliot eine tagebuchähnliche Erzählung über die letzten Monate von Settela. Die Autorin erzählt von den Gedanken, Ängsten und dem Traum des Mädchens, ihrem Volk Freiheit zu verschaffen. Viele Rezensenten waren so beeindruckt von dem Buch, dass sie empfahlen, es in den Schulen zusammen mit dem Tagebuch von Anne Frank zu lesen. Bisher hat das breitere Publikum das Buch aber kaum zur Kenntnis genommen – ein weiterer Beleg dafür, dass es noch ein langer Weg ist bis zu einer wirklichen Anerkennung und Würdigung des Schicksals der Roma und Sinti unter dem Nationalsozialismus.

https://www.flickr.com/photos/naiyaru/9100629966/
Heute befindet sich nahe dem ehemaligen Durchgangslager Westerbork ein Museum. Dort wird über das Leben der Lagerinsassen berichtet. Filmaufnahmen von 1944, eine zum Teil eingerichtete Baracke, ein aus dem Zug geworfener letzter Abschiedsgruß, ein großes Modell des Lagers, Zeichnungen von spielenden Kindern und vieles mehr vermitteln einen Eindruck dieser Periode und sensibilisieren den Besucher für das schwierige Thema. Foto: Naiyaru via Flickr

Aus dem Englischen von Jasna Causevic. Dies ist eine gekürzte und stark redigierte Version des Textes von Rainer Schulze, der für die Reihe „Life Stories“ des UK Holocaust Memorial Day Trust geschrieben wurde. Hier finden Sie den Originaltext.

Rainer Schulze ist Professor für Moderne Europäische Geschichte an der Universität von Essex, Großbritannien. Von 2011 bis 2013 leitete er das Menschenrechtsinstitut der Universität. Er ist ein international renommierter Holocaust-Experte, der jetzt vor allem zu den nicht-jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung arbeitet. Schulze war einer der Projektleiter bei der Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen und historischer Berater bei der Restauration der britischen Dokumentation aus dem Jahre 1945 „German Concentration Camps Factual Survey“. Er ist Begründer und Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift The Holocaust in History and Memory.Zurzeit präsentiert er wöchentlich das Filmprogramm „Tales from the Margins“ mit Filmen zu LGBTIQ-Rechten weltweit auf dem britischen Lokalsender Latest LGBT+TVin Brighton.



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