"Zurückgeschaut": Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit

Die Herero müssen dieses Erinnerungsfoto aus Berlin mit ins Hereroland genommen haben. Dort wurde es nach Plünderungen während des Völkermords 1904 –08 gefunden und wieder mit zurück nach Deutschland gebracht. Es steht damit nicht nur symbolisch für die verwobene namibisch-deutsche Geschichte, sondern vor allem auch für den Weg von der Kolonialausstellung in Treptow 1896 in den kolonialen Genozid. Foto: Museum Berlin Treptow

Von Sandy Naake

Die Dauerausstellung „zurückGESCHAUT“ im Museum Berlin Treptow setzt sich, 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft, kritisch mit der Ersten Deutschen Kolonialausstellung, die anlässlich der Berliner Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park stattfand, auseinander.

 „Neben der modernen europäischen Kultur soll sich die eigenthümliche afrikanische, welche zum größten Theil eben er sich zum emporbringen beginnt, wo sie nicht vollkommen verknöchert sind, zum Vergleich zeigen“, hieß es in dem offiziellen Ausstellungskatalog. Kolonialausstellungen waren damals en vogue. Europäische Mächte wollten ihre Kolonialpolitik rechtfertigen und gewinnbringend vermarkten. Einige Organisatoren zeigten Völkerschauen, um viele Schaulustige anzulocken. In Berlin wollte sich auch Deutschland als humaner Kolonisator inszenieren.

106 Menschen aus den deutschen Kolonien in Afrika wurden angeworben, sich im „Negerdorf“ zu präsentieren. Die Afrikaner mussten sich folkloristisch kleiden, ihre Bräuche praktizieren und sich dabei vom morgens bis abends anstarren lassen. Doch es gab auch Widerstand: Der Herero Friedrich Maharero trug grundsätzlich einen Anzug. Und der Kameruner Bismarck Bell mokierte sich über den Voyeurismus, indem er die Ausstellungsbesucher selbst Minuten lang durch ein Opernglas musterte.

Nach der Erledigung ihrer „Aufgaben“ waren die „ausgestellten“ Menschen in beengten Baracken untergebracht. Gemessen an dem damaligen Standard für Berliner Wohnungen galten die Unterkünfte als fortschrittlich. Die Kolonisierten sollten nämlich nach ihrer Rückkehr positiv über Deutschland berichten. Wöchentlich wurden sie wie beim Militär medizinisch untersucht. Die Ärzte begutachteten Männer und Frauen einer Kolonie gemeinsam. Erst nach energischem Widerstand wurden diese unwürdigen Untersuchungen eingestellt. Nach Ausstellungsende kehrten die meisten in ihre Heimat zurück. Über ihr Schicksal ist bisher nur wenig bekannt. Etwa 20 von ihnen blieben in Deutschland. 

„zurückGESCHAUT“ ist ein Kooperationsprojekt der Museen Treptow-Köpenick mit dem Verein Berlin Postkolonial und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Den Kuratoren war es wichtig, nicht eine Ausstellung über, sondern mit Betroffenen zu machen. Doch wie sollte die Kolonialgeschichte visualisiert werden? Stammten doch nahezu alle Fotos von den Kolonisatoren selbst und waren durch ihren „kolonialen Blick“ geprägt. Ein verantwortungsvoller und kritischer Umgang war daher nötig: „Wir haben bei jeder verwendeten Abbildung abgewogen, ob sie die Würde und Individualität von Schwarzen Menschen und People of Colour wahrt.“ Deshalb wurde auf kolonial-rassistische Abbildungen weitgehend verzichtet, etwa dann, wenn die Teilnehmenden der Ausstellung bewusst zur Schau gestellt wurden. Bei diskriminierenden Darstellungen begleiten kritische Texte das Bildmaterial.

Um den „ausgestellten“ Menschen ein Gesicht zu geben, haben die Initiatoren – soweit es möglich war – Namen, Geburts- und Sterbedaten sowie ihre Lebensgeschichten recherchiert. Einer von ihnen ist John Calvert Nayo Bruce, der aus Togo 1896 nach Berlin gekommen und in Europa geblieben ist. Über ihn ist etwa zu lesen: „Schon 1896 hat er im aufsehenerregenden Interview mit der Kölnischen Zeitung in ironischer Weise die rassistischen Vorurteile des deutschen Publikums attackiert. Zugleich erläutert er den Plan, seine Kinder bei europäischen Pflegeeltern unterzubringen, um ihnen so ein gutes Fortkommen zu ermöglichen. Mit seiner pragmatischen Lebenseinstellung löst er in Europa oft ambivalente Gefühle aus: Einerseits bewundert man sein selbstbewusstes Auftreten, die sprachlichen Kompetenzen und weltmännischen Umgangsformen. Andererseits irritierte sein Festhalten an afrikanischen Traditionen, insbesondere an der Polygamie.“

Die Eröffnung der Ausstellung am 13. Oktober 2017 zog etwa 200 Menschen an, die sich neugierig durch die Räumlichkeiten des Regionalmuseums Berlin Treptow drängten. Angereist war auch eine Nama, die an den Völkermord an den Herero und Nama 1904 erinnerte. Bis heute warten die Nachfahren der Opfer auf Entschädigung. Sie mahnte: „Wir sind die Ohren, die Augen und der Mund der Opfer. Nur wenn du es schaffst, dich von der Vergangenheit zu befreien, wirst du fähig sein weiter zu gehen. Die deutsche Regierung erkennt bis heute ihre historische Verantwortung nicht an. Sie spricht nicht mit uns, sie ist nur bereit, mit der namibischen Regierung zu verhandeln. Aber die gab es damals noch nicht, als der Völkermord geschah. Die Kolonialherren schlossen Verträge mit unseren spirituellen Führern. Dann muss es doch auch heute möglich sein, mit uns zu reden!“



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