Aus dem Leben eines Menschenrechtlers

Kamal Sido kämpft für Minderheiten

Kamal Sido ist Menschenrechtler. Täglich setzt er sich für religiöse oder ethnische Minderheiten ein. Dabei geht er Risiken ein und nimmt Einschränkungen auf sich – sie sind kein Grund für ihn, in seiner Motivation nachzulassen.

Kamal Sido (links) bei einer Aktion vor dem Brandenburger Tor. Es wird an die Opfer des Giftgasangriffs auf Halabja 1988 erinnert und der türkische Angriff auf die syrische Stadt Afrin 2018 mit deutschen Panzern angeprangert. Foto: Hanno Schedler für GfbV

von Johanna Fischotter

Zwei Türen führen zu Kamal Sidos Büro. Durch die eine streckt er gerade seinen Kopf und Oberkörper heraus. Mit einer Hand pappt er ein Blatt Papier an die Tür. In großen Lettern steht darauf: „Achtung! Interview“. Die Nachricht für die Kollegen: Kamal darf jetzt nicht gestört werden. Per Skype oder Telefon gibt er ein Interview. Bald darauf tönt seine Stimme durch die wieder verschlossene Bürotür.

Heute spricht er Deutsch. Gestern war es Arabisch, Kurdisch oder Englisch. Mal ist es Russisch – Kamal bekommt Presseanfragen aus der ganzen Welt: von New York über Bagdad bis nach Sydney. Als Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist er Experte für die Situation von Kurden, Assyrern/Chaldäern/Aramäern, Christen, Yeziden oder Bahá’í, für sämtliche religiöse oder ethnische Minderheiten im Nahen Osten. Stets hält er mit Kontaktpersonen in den verschiedenen Ländern die Verbindung. Stets prangert er Missstände an. Stets klingelt sein Telefon.

In den vergangenen Wochen bilden tiefe Schatten Ringe unter Kamals Augen. Seine sonst glatt nach hinten gekämmten Haare stehen ein wenig widerspenstig vom Kopf ab. Er hat zu wenig geschlafen. Trotzdem steht heute ein Fernsehinterview auf seinem Programm. Er trägt das weiße Hemd und die blau gestreifte Krawatte. Fernsehinterviews gibt er am liebsten. Denn dann sieht ihn seine Mutter in Afrin. Sieht, dass es ihrem Sohn gut geht. Sieht, dass er sein Möglichstes tut, den Kurden in Afrin beizustehen.

Seit Jahren kämpft Kamal für Menschenrechte. Doch dieses Mal ist seine Familie direkt betroffen und bedroht. Eine besondere Situation und eine doppelte Belastung. Seit Anfang des Jahres ist Afrin ein Brennpunktthema für den Nahostreferenten der GfbV. Die türkische Regierung startete im Januar ihre Offensive gegen die friedliche, hauptsächlich von Kurden bewohnte Stadt im Nordwesten Syriens.

Kurz bevor Kamal die Petition gegen deutsche Waffenlieferungen an Claudia Roth vom Bündnis 90/ Die Grünen übergibt, appelliert er an sie für mehr Einsatz für Menschenrechte. Foto: Hanno Schedler für GfbV

Kamals „Waffe“: Kreativität

Und doch, trotz der besonderen Lage, in der sich Kamal im Fall Afrin befindet, geht er wie bei jedem Thema der Gesellschaft für bedrohte Völker vor: Zuerst muss die Organisation wissen, was in dem Land geschieht. Dafür sind die Referenten zuständig. Kamal telefoniert, wenn möglich täglich, mit seinen Verwandten, Bekannten und Gewährsleuten in Afrin. Manchmal hält die Verbindung nur kurz. Dann schicken sie Sprachnachrichten. Für diesen Notfall ist irgendein Handy von irgendjemandem vor Ort immer noch genug geladen – selbst wenn die Stromversorgung miserabel ist. So erfährt Kamal aus erster Hand, wie es den Menschen geht, was ihre Ängste sind.

Außerdem behält Kamal die Nachrichtenlage und die politischen Entwicklungen in Deutschland und deren internationale Verflechtungen im Auge. Es gilt, Politik und Situation vor Ort miteinander zu verknüpfen, Verbindungen aufzuzeigen. Hauptaugenmerk der GfbV dabei ist es, sachlich und unabhängig zu agieren.

Um Menschen vor Ort zu helfen, will die GfbV politische Entscheidungen und Lösungen herbeiführen. Um Druck auf Politiker auszuüben, braucht es öffentliche Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit erzeugt die Menschenrechtsorganisation durch Pressemitteilungen und Interviews, Petitionen, die an Politiker überreicht werden und öffentliche Aktionen – je kreativer, desto besser.

Für diese Aktionen arbeitet Kamal eng mit Daniel Matt, dem Aktionsreferenten der GfbV, zusammen. Die beiden setzen sich zusammen, diskutieren, was passiert ist und wie sie reagieren können. Eine solche Aktion braucht in der Regel mindestens zwei bis drei Tage Vorlauf: Materialien und Plakate müssen organisiert oder gebastelt, Slogans optimiert und Teilnehmer mobilisiert werden.

Auf diese Weise entstand die erste Idee einer Aktion für Afrin: eine Teeparty für den damaligen Außenminister Sigmar Gabriel. Gabriel hatte einige Tage vor der türkischen Offensive auf Afrin seinen türkischen Amtskollegen zu sich nach Hause zum Tee geladen. Also deckten Kamal und Daniel einen Teetisch vor dem Auswärtigen Amt in Berlin. Ein Platz war reserviert für Sigmar Gabriel, der andere für Kurden aus Afrin, den Opfern der türkischen Offensive. Viele Praktikanten der Gesellschaft für bedrohte Völker haben bei der Aktion mitgeholfen. Außerdem hatte Kamal einige Kurden aus Afrin zu dem Termin eingeladen. Sie kamen – ebenso wie einige Kamerateams deutscher TV-Sender. So gibt die Gesellschaft für bedrohte Völker jenen eine Stimme, die sonst überhört würden. Von Kurden und Vertretern anderer Minderheiten fordert Kamal: „Sie sollen von uns lernen, wie man ausschließlich friedliche und kreative Aktionen organisiert!“

Umringt von Reportern und Kameraleuten: Journalisten erklären, was im Nahen Osten geschieht, ist Alltag für Kamal Sido. Foto: Hanno Schedler für GfbV

Risiko Menschenrechtler

Menschenrechtsarbeit hat seinen Preis. Je nachdem, für welche Minderheit er sich einsetzt, wird Kamal massiv beschimpft – per Telefon, per Facebook, in der Öffentlichkeit. Auch persönlich muss Kamal sich durch seine Arbeit einschränken. Eine Reise in seine alte Heimat Syrien wird mit jedem kritischen Interview, mit jeder Aktion unwahrscheinlicher. Die Türkei, Saudi-Arabien oder (sonstige) Länder im Nahen Osten kann er ebenfalls nicht mehr einfach bereisen. Zu groß ist die Gefahr einer Verhaftung. Menschenrechtler sind in diesen Ländern meist nicht willkommen. Was motiviert ihn, trotz all dieser Risiken und Einschränkungen, an Menschenrechtsarbeit festzuhalten?

Andere Zeit, anderer Ort. Kamal sitzt im Zug. Er ist auf dem Weg zu einem Vortrag über die Situation im Jemen. Wie so oft brummt sein Telefon. Ein kurzes Gespräch. Es geht um die Beratung von Geflüchteten. Er nimmt sich des Falls an, will tun was er kann, meldet sich später zurück, legt auf. In Gedanken noch bei dem Telefonat merkt Kamal nicht, dass eine Frau neben ihm stehengeblieben ist. „Sind Sie Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker?“, spricht sie ihn schüchtern an. Kamal blickt auf, überrascht. Ja, der ist er. Die Frau wolle ihm danken. Für seinen Einsatz für die Bahá’í im Jemen. Sie selbst gehört der Bahá’í-Glaubensgemeinschaft an. Es sind diese Momente, die kleinen und großen Erfolge, die es wert sind, jede Mühe und Gefahr auf sich zu nehmen, jeden Rückschritt auszuhalten. Es ist die Überzeugung, das Richtige zu tun.

 

Johanna Fischotter ist Journalistin und seit 2018 leitende Redakteurin der Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“ der Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker.


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