Durch die Sahel-Stiftung konnten im Schuljahr 2017/2018 insgesamt 1.159 Mädchen und Jungen eine Schule besuchen. Foto: Hanno Schedler/GfbV

Gemeinsam mit dem Ehrenmitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Abidine Ould-Merzough konnte GfbV-Mitarbeiter Hanno Schedler Ende Januar/Anfang Februar 2018 in Mauretanien zahlreiche Kämpfer gegen Sklaverei sprechen. Einen von ihnen stellen wir in diesem Artikel vor.

Brahims friedlicher Kampf

 

Von Hanno Schedler

„Wenn wir wollen, dass Sklaverei wirklich abgeschafft wird, müssen wir dafür sorgen, dass Kinder zur Schule gehen.“ Brahim Bilal Ramdhane unterstreicht das Wort „abgeschafft“ mit einer entschlossenen Handbewegung von links nach rechts. An einem frühen Vormittag Anfang Februar 2018 sitzt der Sklavereigegner im Büro der von ihm gegründeten „Sahel-Stiftung“ im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott. Brahim berichtet über sein Leben und erklärt den Zusammenhang zwischen fehlender Bildung und Sklaverei.

Brahim selbst wurde als Sklave geboren. Nur durch Zufall konnte er zur Schule gehen: In seinem Dorf im Landesinneren Mauretaniens sollte eine Schule eröffnen. Die Mindestanzahl an Schülern konnte jedoch nur dadurch erreicht werden, dass Brahim und ein weiterer Sklave ebenfalls aufgenommen wurden.

Brahim wurde schließlich Lehrer für Philosophie. Der Familienvater setzt sich seit Jahrzehnten gegen Sklaverei ein. Obwohl die Leibeigenschaft in Mauretanien mehrfach gesetzlich abgeschafft wurde, sind immer noch bis zu 500.000 der rund 3,5 Millionen Mauretanier Sklaven. Sie müssen unentgeltlich Hausarbeit leisten, Viehherden hüten und auf Feldern arbeiten. Es wird geschätzt, dass bis zu 90 Prozent der Sklaven Frauen und Mädchen sind.

Mauretanien liegt im Nordwesten Afrikas direkt am Atlantik. Es grenzt an Algerien, Mali, Senegal und an das von Marokko besetzte Territorium der Westsahara. Bild: GfbV

Sklaverei existiert seit Jahrhunderten im Land. Wer als Kind einer Sklavin geboren wird, ist automatisch selbst Sklave und gehört den „Herren“ der Eltern. Ein Leben in Sklaverei bedeutet auch ein Leben ohne Bildung. Und ohne Bildung kann man nichts über die Rechte lernen, die einem als Mensch zustehen.

Der Islam wird von den Sklavenhaltern dazu missbraucht, Sklaverei zu rechtfertigen und Sklaven einzubläuen, Leibeigenschaft entspreche dem Willen Allahs. Ohne den Zugang zu Bildung, so Brahim, könne man nicht verstehen, dass alle Menschen gleich an Rechten geboren seien. „In der Schule wirst Du im selben Raum sein wie Dein „Herr“, der Sohn des Dorfchefs, der Sohn des Präsidenten, der Sohn des Direktors. Und Du wirst verstehen, dass es keinen Unterschied zwischen Euch gibt. Der einzige Unterschied sind Eure Schulnoten, und die sind von Eurem eigenen Einsatz abhängig.“

Brahim engagierte sich lange Zeit als Vizepräsident der mauretanischen Anti-Sklaverei Organisation IRA (Initiative pour la Résurgence du Mouvement Abolitionniste, Initiative zur Wiederbelebung der Abschaffungsbewegung). Zwischen 2014 und 2016 waren er und der Präsident der IRA, Biram Dah Abeid, für 18 Monate in Haft. Gemeinsam mit anderen Menschenrechtsaktivisten waren sie am Rande einer Demonstration gegen Sklaverei in der Stadt Rosso festgenommen worden. Sie hatten einen Streit zwischen Demonstranten und Polizisten schlichten wollen. In einem Unrechtsprozess wurden sie zu zwei Jahren Gefängnis mit dem Vorwurf, sich in einer „illegalen Organisation“ zu betätigen, verurteilt.

Im Mai 2016 hob das Oberste Gericht Mauretaniens die Haftstrafe auf. Endlich konnte Brahim seine Frau und seine fünf Kinder wiedersehen. Im letzten Jahr (2017) gründete er die „Sahel-Stiftung“, die es Kindern aus den ärmsten Familien ermöglicht, zur Schule zu gehen.

Der Eingang zu den Klassenräumen in einer Privatschule. In Mauretanien sind auch viele Privatschulen nur notdürftig eingerichtet. Dennoch werden Kinder, die auf eine Privatschule gehen, besser und zuverlässiger unterrichtet als auf einer öffentlichen Schule. Bild: Hanno Schedler/GfbV

Bei den Kindern handelt es sich meist um Angehörige der Volksgruppe der Haratin, also Sklaven und Nachfahren von Sklaven. In den ärmsten Regionen der großen Städte, aber auch im Landesinneren gibt es zu wenig öffentliche Schulen. Die Lehrer an diesen Schulen sind darüber hinaus schlecht bezahlt und entsprechend häufig wenig motiviert.

Wenn Kinder aus armen Familien sich den Schulbesuch nicht leisten können, landen sie auf der Straße oder müssen Kinderarbeit leisten. Die Sahel-Stiftung unterstützt Kinder aus armen Familien beim Besuch von Privatschulen. Ihre Mitarbeiter gehen von Haus zu Haus und fragen Eltern, ob ihre Kinder zur Schule gehen – und falls nicht, warum nicht. Diejenigen, die sich den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten können, bekommen Unterstützung von der Sahel-Stiftung. Sie zahlt entweder das Schulgeld oder überredet Privatschulen dazu, Kinder kostenfrei zu unterrichten.

Die Privatschulen sind im Hinblick auf Ausstattung und Gehalt des Personals nicht mit Privatschulen in Europa vergleichbar. Aber im Vergleich mit den öffentlichen Schulen in Mauretanien bieten sie den Kindern eine deutlich bessere Bildung und damit auch die Aussicht auf ein besseres Leben.

Selbst als Sklave geboren, konnte Brahim Bilal Ramdhane durch Zufall zur Schule gehen. Heute kämpft der fünffache Familienvater mit seiner Sahel-Stiftung dafür, dass Kinder aus armen Familien Zugang zu Bildung bekommen. Bild: Hanno Schedler/GfbV

Brahim ist weiterhin als Lehrer tätig. Daneben widmet er der Sahel-Stiftung viel Zeit. Drei seiner älteren Kinder arbeiten in der Stiftung mit. „Ich zeige ihnen alles, damit sie lernen, wie wichtig es ist, zu lernen, und mit konkreten Maßnahmen gegen Sklaverei zu kämpfen.“

Im Schuljahr 2017-2018 hat Brahims Stiftung insgesamt 1.159 Kindern in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott und in der nördlich gelegenen Stadt Nouadhibou den Schulbesuch ermöglicht. In diesem Schuljahr fährt die Sahel-Stiftung ins Landesinnere, um Eltern in abgelegenen Dörfern über den Zusammenhang von Bildung und Sklaverei aufzuklären. Sie will es möglichst vielen Kindern ermöglichen, zur Schule zu gehen.
Der Einsatz der Sahel-Stiftung ersetzt nicht den politischen Kampf gegen Sklaverei. Im alltäglichen Einsatz gegen Sklaverei und ihre Folgen ist sie aber unersetzlich. Der „Förderverein für bedrohte Völker“ unterstützt die Sahel-Stiftung bei ihrer wichtigen Arbeit.


Mehr Informationen zum Thema, Förderverein und Spendenkonto finden Sie unter:
www.gfbv.de/de/humanitaere-initiativen/unsere-projekte/gegen-sklaverei-in-mauretanien/


Hanno Schedler ist Referent im Bereich "Schutz der Zivilbevölkerung" bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.


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