Der Regenwald im Kongobecken ist das Zuhause und die spirituelle Heimat der "Pygmäen". Bild: CIFOR/ Flickr CC BY-NC-ND 2.0

 

Der Regenwald und seine natürlichen Ressourcen sind Heimat und Lebensgrundlage der in Zentralafrika lebenden indigenen Völker. Mit dem Wasser der Flüsse und Instrumenten aus Holz machen sie Musik. Doch Holzunternehmen und Naturschützer bedrohen diese jahrtausendealte Musikkultur. 

 

Von Cora Luisa Lorbeer

Wer in Europa den Begriff „Wassermusik“ hört, denkt vermutlich an die deutschen Komponisten Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann. Wassermusik gibt es jedoch auch in einigen Regionen Zentralafrikas. Dort – in der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, Ruanda, Uganda und Kamerun – schlagen die Mitglieder indigener Gemeinschaften mit den Handflächen auf das Wasser der Flussläufe. Sie erzeugen damit komplexe Rhythmen, mit denen sie ihre Gesänge begleiten. Diese indigenen Gemeinschaften werden unter dem Begriff „Pygmäen“  zusammengefasst. Es gibt etwa 2.000 solch verschiedener Gemeinschaften, in denen etwa 60 bis 80 Menschen zusammenleben, darunter die Aka, Mbuti und Mbendjele.

Im Leben der „Pygmäen“ spielt die Musik eine große Rolle: Sie ergänzt das alltägliche Leben, dient der Unterhaltung und erleichtert die Arbeit. Das Waschen, Jagen, Sammeln und das Ende einer erfolgreichen Jagd werden besungen. So sind viele Lieder vom Alltag inspiriert. Zunehmend han-deln die Lieder aber auch von sozialen Problemen: der schweren und schlecht bezahlten Arbeit auf Feldern, die nicht ihre sind, oder dem Rassismus, der den „Pygmäen“ vielerorts entgegenschlägt.

 

Musik als gemeinschaftliches Erlebnis

Jedes Gemeinschaftsmitglied unabhängig von Alter und Geschlecht ist an der Musik beteiligt. Hie-rarchien, wie in der Musik hierzulande, bei der sich ein Musiker als Solist von den Begleitstimmen abhebt, sind den „Pygmäen“ fremd. Unisono-Gesänge, bei denen alle Musiker die gleiche Melodie singen, ebenfalls. Stattdessen teilen sie die Melodien auf mehrere Sänger auf.
Bei der als „Hoquetus“ bezeichneten Kompositionsform wechseln sich die Sänger in einem schnel-len Tempo gegenseitig ab – häufig sogar Ton für Ton. Während einer singt, pausiert der andere. Erst im Zusammenspiel der einzelnen Musiker erklingt eine durchgehende, nahezu pulsierende Melodie. Die Musik wird zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis, in dem die Gruppe über dem Ein-zelnen steht. Darin spiegelt sich, so die Auffassung von Musikethnologen, die nicht-hierarchische Struktur dieser indigenen Völker wider.


"Pygmäen"

Der Sammelbegriff „Pygmäe“ wird umgangssprachlich verwendet. Er ist jedoch umstritten, da er unterschiedli-che indigene Gruppen allein nach dem Kriterium der relativ geringen Körpergröße zusammenfasst. „Pygmäen“ wird ebenso wie „Waldvölker“ jedoch von einigen dieser Gruppen zur Selbstbezeichnung verwendet.


Die Musik der „Pygmäen“ ist außerdem eng mit Riten und Zeremonien verbunden. Es werden Beschwörungslieder für Geister und Gottheiten gesungen. Wortlose Gesänge und Tänze begleiten Heilzeremonien. Dankeslieder an die Natur sind für die „Pygmäen“ ein fester Bestandteil des Lebens. Denn der tropische Regenwald und seine natürlichen Ressourcen sind für die „Pygmäen“ Lebensgrundlage und Heimat. „Ein ‚Pygmäe‘ liebt den Wald wie den eigenen Körper“ lautet ein Sprichwort der Mbendjele.

Ihre Instrumente stellen die „Pygmäen“ aus natürlichen Ressourcen des Regenwaldes her: Trom-meln und Mundbögen aus Holz und Pflanzenfasern, Eintonflöten aus den hohlen Blattstielen der Papayabäume oder das Wasser der Flussläufe des Kongos und anderer Flüsse Zentralafrikas selbst werden als Perkussionsinstrument genutzt. Mit den Handflächen schlagen sie dabei auf die Was-seroberfläche. Verändern sie die Schlagintensität und die Wölbung ihrer Handflächen, wandelt sich der Klang des Wassers. In der Gemeinschaft entstehen so komplexe und vielfältig klingende Rhythmen.

Während es in der westlichen Musikkultur üblich ist, mehrstimmige Melodien aufzuschreiben, ist die Musik der „Pygmäen“ offen für spontane Improvisationen. Festgesetzte Notentexte oder gar detaillierte Partituren sind den „Pygmäen“ fremd. Das musikalische Wissen wird in der Gemein-schaft an die Kinder weitergegeben. So ist durch die praktische Anwendung die jahrtausendealte Musiktradition der Pygmäen entstanden. Doch die Zukunft dieser Musikkultur ist in Gefahr.

Dieses Baka-Mädchen spielt die Wassertrommeln, sogenannte Liquindi. Bild: Ant Howard

Holzindustrie und Naturschutz bedrohen den Lebensraum

Der Artenreichtum des tropischen Regenwaldes lockt zunehmend Holzfäller und Naturschützer in das Kongobecken. Die Holzwirtschaft in Zentralafrika wächst kontinuierlich. Abholzungsfirmen und Naturschützer aus der ganzen Welt erheben Anspruch auf die artenreichen Wälder. Dabei nehmen sie keine Rücksicht auf die dort beheimateten indigenen Gemeinschaften.

Die Holzindustrie ist eine lukrative Branche. Die Regierungen der Staaten im Kongobecken verge-ben ohne Rücksicht auf Natur und Bevölkerung Rodungskonzessionen an ausländische Firmen. Die Holzindustrie bringt wiederum Siedler in den tropischen Regenwald. Es entstehen Straßen, Holzla-ger, Sägewerke und Arbeitercamps. Wilderer nutzen die in den Regenwald geschlagenen Schnei-sen zur Jagd. Den „Pygmäen“ werden damit Heimat und Nahrungsgrundlage geraubt.

Doch Maßnahmen, die Flora und Fauna im Kongobecken retten sollen, lassen die indigenen Völker ebenfalls außen vor. Seit den 90er Jahren werden zunehmend Flächen zu Naturschutzgebieten erklärt, wie etwa der Bwindi-Regenwald im südwestlichen Uganda. Die „Pygmäen“, die von den Regierungen der Staaten nicht als indigene Völker angesehen werden, haben keine Rechte und keinen offiziellen Anspruch auf das Land. Sie werden gewaltsam von den Gebieten der National-parks vertrieben. Über den Verlust ihres Landes werden sie weder vorher informiert noch nach-träglich entschädigt. Sie sind gezwungen, ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben. Häufig enden sie als Bettler und Tagelöhner am Rand von Nationalparks und Siedlungen der Mehrheitsbevölkerung – den Bantu.

 

Entstehung einer neuen sozialen Unterschicht

Von Seiten der Bantu schlägt den „Pygmäen“ extremer Rassismus entgegen. Sie respektieren we-der die egalitären sozialen Strukturen der „Pygmäen“ noch deren enge Bindung zur Natur. Die Ban-tu nehmen die Mitglieder der „Pygmäen“ als rückständig, verarmt und minderwertig wahr. Durch die Vertreibung aus ihrer Heimat, geraten die „Pygmäen“ zunehmend in die Abhängigkeit von Landwirten der Bantuvölker. Der Menschenrechtsorganisation Survival International zufolge, wer-den einige „Pygmäen“ noch immer in Sklaverei gehalten. Die „Pygmäen“, die nicht in Sklaverei en-den, geraten in den Sog einer Abwärtsspirale. Der Rassismus und der Verlust ihres traditionellen Lebens treiben sie in die Armut. Mit dem sinkenden sozialen Status schwinden die ohnehin gerin-gen Möglichkeiten, ihre Rechte durchzusetzen.

Menschen wie der Kongolese Sorel Eta versuchen, die Musik und damit ein Stück Identität der Aka-„Pygmäen“ am Leben zu erhalten. 2003 gründete er die Band „Ndima“. „Ndima“ bedeutet in der Sprache der Aka-„Pygmäen“ „Wald“ – ein Verweis auf die tiefe Bindung der „Pygmäen“ mit dem tropischen Regenwald. 2003 wird der polyphone Gesang der Aka-„Pygmäen“ zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.
Doch nachdem ein großer Teil ihres Lebensraumes zerstört worden ist und ihnen Nationalparks den Zutritt in ihre Heimat verwehren, können die „Pygmäen“ ihr traditionelles Leben nicht wiederauf-nehmen. Missachten die zentralafrikanischen Staaten auch weiterhin die Rechte der „Pygmäen“, werden sie über kurz oder lang als eigenständige Ethnie untergehen – und mit ihnen ihre jahrtausendealte Kultur.

Hier können Sie sich die Musik der „Pygmäen“ anhören:


Cora Luisa Lorbeer studiert Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In ihrer Bachelor-Arbeit befasst sie sich mit der Diskriminierung der Rohingya in Burma.


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