Puerto Rico wurde schwer von den Hurrikans Irma und Maria getroffen – Präsident Trump gibt nur wenig Mittel für den Wiederaufbau frei. Foto: Western Area Power/Flickr CC BY 2.0

Puerto Rico ist Teil der USA. Doch bis heute wird die Insel, deren Bewohner*innen die US-amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen, aber nicht an den Präsidentschafts- und Kongresswahlen teilnehmen dürfen, von der Politik in Washington vernachlässigt. Dies zeigte sich besonders während und nach den Hurrikans Irma und Maria, die die Insel im September 2017 verwüsteten.

 

Von Hanno Schedler

Bereits bevor Irma und Maria kamen, war Puerto Rico eine ökonomisch und sozial vernachlässigte Insel. Ihre Bewohner*innen sind durchschnittlich deutlich ärmer als der Rest der US-Bevölkerung. Sie haben weniger politische Rechte als ihre Landsleute. Aber die Hurrikans sowie der schleppende Wiederaufbau offenbarten, in welchem Maße die Puerto Ricaner*innen bis heute US-Bürger zweiter Klasse sind.

Von der spanischen zur amerikanischen Kolonie

Nach seiner Entdeckung durch Christopher Kolumbus im Jahr 1493 gehörte Puerto Rico (dt. etwa: „Reicher Hafen“) mehrere Jahrhunderte zum spanischen Königreich. Nach der Niederlage im Krieg gegen die Vereinigten Staaten musste Spanien im Jahr 1899 die 1.600 Kilometer südöstlich von Miami gelegene Insel an die USA abgeben. Diese hatte ein Jahr zuvor eine Invasion der Insel begonnen. 1917 beschloss der US-Kongress, dass die nach 1898 geborenen Puerto Ricaner*innen die US-amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen sollten. Der Publizist Kyle Sammin geht davon aus, dass diese Entscheidung vom Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg motiviert war: Von nun an konnte die US-Regierung auch Puerto Ricaner*innen zum Militär einziehen, das 1917 und 1918 in Europa an der Seite des Britischen Königreiches, Frankreichs und Russlands gegen die Achsenmächte kämpfte.

Politische Mitspracherechte haben die 3,4 Millionen Menschen der Insel bis heute jedoch nur bedingt. Sie wählen eine*n Gouverneur*in und ein Parlament, können sich an den Vorwahlen der Demokraten und Republikaner beteiligen, besitzen aber keine stimmberechtigten Abgeordneten im Repräsentantenhaus und stellen keine*n Senator*innen. Auch bei Präsidentschaftswahlen dürfen sie nicht mitstimmen – es sei denn, sie leben auf dem US-Festland.

Das Prinzip „No taxation without representation“ (dt.: keine Besteuerung ohne Repräsentation), mit dem Ende des 18. Jahrhunderts 13 Kolonien für die Unabhängigkeit von der britischen Krone eingetreten waren, gilt nicht für Puerto Rico. Puerto Ricaner*innen kämpfen in den US-Streitkräften. Mehrmals gab es auf der Insel Abstimmungen darüber, ob man der 51. Bundesstaat der USA werden wolle. Zuletzt stimmten 97 Prozent der Puerto Ricaner*innen, die an dem Referendum teilgenommen hatten, für eine Aufnahme. Die Beteiligung an der Abstimmung lag jedoch nur bei 23 Prozent. 

Schweres Ausmaß der Verwüstung

In einem Abstand von zwei Wochen verwüsteten die Hurrikans Irma und Maria Puerto Rico. Das ohnehin marode Stromnetz wurde zerstört. Millionen von Menschen waren mehrere Monate von der Stromversorgung abgeschnitten. Ohne ausreichend mit Strom versorgtes medizinisches Equipment fiel aus. Essen faulte. Medikamente konnten nicht mehr gekühlt werden und Sanitärsysteme fielen aus. Infektionen breiteten sich aus. Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Menschen während und nach Irma und Maria ums Leben kamen. Die Schätzungen liegen bei 3.000 bis 5.000 Menschen.

Puerto Rico ist noch nicht wiederaufgebaut. Auf der zu Puerto Rico gehörenden Insel Vieques gibt es immer noch nicht wieder ein voll funktionierendes Krankenhaus. Die 9.000 Bewohner*innen von Vieques müssen meist mit Booten auf die 13 Kilometer entfernte Hauptinsel gelangen, um in ein Krankenhaus zu können. Es gab bereits mehrere Notgeburten in einem notdürftig umgebauten Schutzraum gegen Stürme. 

Im September 2018 beantragte der Gouverneur von Puerto Rico, Ricardo Rosselló, die Aufnahme Puerto Ricos als 51. Bundesstaat. In einem Brief an US-Präsident Donald Trump schrieb er: „Wenn wir uns anschauen, was wir im letzten Jahr durchgemacht haben, blockiert ein Fakt den Wiederaufbau von Puerto Rico: Die Ungleichheiten, denen Puerto Rico als die älteste, bevölkerungsreichste Kolonie der Welt gegenübersteht.“ Doch weder Donald Trump noch die Parteiführung der Republikaner in Washington haben ein wirkliches Interesse daran, dass Puerto Rico zum Bundesstaat wird – schließlich stimmen die auf dem US-Festland lebenden Puerto Ricaner*innen überwiegend für die Demokraten. 

In Chicago, Illinois, fand ein Solidarität-Marsch für Puerto Rico aufgrund der massiven Zerstörung durch Hurrikans statt. Foto: Charles Edward Miller/ Flickr CC BY-SA 2.0

Ein gefundener Gegenspieler für Donald Trump

Für Donald Trump ist Puerto Rico mit seiner Bevölkerung, die zu rund 95 Prozent Spanisch als Muttersprache spricht, ein politischer Widersacher nach rassistischem Gusto. Mit absurd verfälschten Zahlen à la „Puerto Rico hat 91 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau bekommen, mehr als je jemand anders zuvor nach einem Hurrikan.“ befeuerte er am 8. Mai 2019 bei einer Rede vor seinen Unterstützer*innen rassistische Gelüste gegenüber der hispanischen Bevölkerung. Tatsächlich erhielt Puerto Rico laut einem Bericht der Associated Press vom 9. Mai bis dato nur 11 Milliarden US-Dollar.

Trump nutzt dabei die Unkenntnis vieler US-Amerikaner über Puerto Rico: Laut einer Umfrage der Firma Morning Consult (dt. etwa: morgendliche Beratung) von September 2017 wussten nur 54 Prozent der US-Amerikaner*innen, dass auf Puerto Rico geborene Menschen die US-amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen.

Bereits seit 2006 befindet sich die Wirtschaft Puerto Ricos in einer Rezession. Irma und Maria und der schleppende Wiederaufbau haben die ohnehin schwierige Lage der Inselbewohner*innen noch einmal verschärft. Die Vernachlässigung Puerto Ricos durch die Regierung in Washington zeigt sich auch in der Armutsrate, die bereits vor den Hurrikans bei 45 Prozent lag. Zum Vergleich: Der ärmste US-Bundesstaat, Mississippi, hat eine Armutsrate von 21 Prozent. Einer Studie der Universität Puerto Rico zufolge lag die Armutsrate nach Maria bei 52 Prozent. 43 Prozent der Bevölkerung sind laut New York Times auf Lebensmittelmarken angewiesen. Viele haben keine Hoffnung darauf, dass sich ihre wirtschaftliche Situation verbessert.

Nach Irma und Maria verließen mit 130.000 Menschen ungefähr 4 Prozent der Bewohner*innen die Insel und zogen auf das US-Festland, überwiegend nach Florida. Rick Scott gehört zu den wenigen Republikanern, die dafür eintreten, dass Puerto Rico US-Bundesstaat wird. Er weiß, dass viele Puerto Ricaner*innen nach Florida gegangen sind, um dort eine bessere Zukunft zu suchen, gleichzeitig aber weiterhin die Lage in der alten Heimat beobachten. Ihre Wahlentscheidung richten sie auch danach aus, ob Puerto Rico US-Bundesstaat wird und die Hilfe aus Washington bekommt, die die Insel braucht.


Hanno Schedler ist Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker im Bereich „Schutz der Zivilbevölkerung und Völkermordprävention“



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