Die dänische Minderheit in Deutschland und die deutsche Minderheit in Dänemark organisierten gemeinsam die „Grænszaun Games“ – einen kreativen Protest gegen den Schweinezaun. Foto: Südschleswigscher Wählerverband

Wo Grenzen verlaufen: Nach Jahren der Kontrolle weichten die Grenzen – mentale wie haptische – zwischen Dänemark und Deutschland endlich auf. Menschen verschiedener Kulturen lebten, arbeiteten und wuchsen zusammen. Doch ein Zaun gegen Schweine zerschneidet seit dem Jahr 2019 nun wieder eine Region, die Menschen als Zuhause gilt.

 

Von Katrine Hoop

In meiner Kindheit fuhr ich mindestens einmal im Monat mit meinen Eltern den weiten Weg aus der südwestlichen Ecke Südschleswigs an die dänisch-deutsche Grenze, um in Dänemark einzukaufen. Denn bei uns zu Hause war der Käse auf dem Brot selbstverständlich kein Emmentaler aus dem Allgäu, sondern Danbo aus Dänemark. Als Kind der dänischen Minderheit in Deutschland trug ich in den 70er Jahren natürlich auch keinen Bundeswehrparka und Turnschuhe wie die gleichaltrigen deutschen Kinder im Dorf, sondern einen Anorak mit Pelzkragen im Grönlandstil und dänische Entenfußstiefel.

Auch die Möbel meiner Eltern glichen nicht denen in den Nachbarhäusern. Bei uns stand keine deutsche Eiche, sondern dänisches Möbeldesign. Wir deckten unseren täglichen Bedarf in Dänemark. Dafür fuhren wir früh morgens los, um stundenlang im Stau an der Grenze zu warten, bis unsere Pässe gründlich kontrolliert wurden und wir endlich weiterfahren durften. Auch als ich in den 80ern als Gymnasiastin allein in Flensburg lebte, gehörten die Grenzkontrollen zu meinem Leben – wenn ich zum Beispiel an einem deutschen Feiertag schnell noch Lebensmittel in Dänemark kaufen musste.

Die offene Grenze schien mir daher wie ein Wunder, als ich nach vielen Jahren in Hamburg Anfang 2007 ins Grenzland zurückkehrte. Ungehindert und befreit konnten wir nun den ganzen Raum nutzen, in dem ich mich zu Hause fühlte. Ich erzählte meinem Sohn von den Grenzkontrollen, wie meine Eltern mir Geschichten aus der Nachkriegszeit erzählten: Befremdliche Erzählungen längst vergangener Zeiten – kaum vorstellbar.

In meiner Kindheit spielte nicht nur die Landesgrenze, sondern auch die Grenze in den Köpfen eine große Rolle. Die deutsche Minderheit in Dänemark gehörte genau wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft damals für uns tendenziell zum feindlichen Lager. Doch im Zuge der Befriedung der Grenzregion weichten auch die mentalen Grenzen auf. Und sowohl die dänische Minderheit in Deutschland als auch die deutsche Minderheit in Dänemark wurden zu wichtigen Katalysatoren in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Als 2015 die ersten Rufe nach Wiedereinführung der Grenzkontrollen laut wurden, hielt daher nicht nur ich dies für einen bösen Scherz. Unser Wohnort Flensburg war zum Zentrum einer zusammenwachsenden Grenzregion geworden, ein Vorbild für die grenz- und kulturüberschreitende Zusammenarbeit. Um uns herum wuchs das Dänische und Deutsche immer mehr zu einer neuen Grenzlandidentität zusammen. Natürlich würde niemand wieder einen Schnitt durch unser Zuhause ziehen und die gute Zusammenarbeit stören.

Doch es war kein Witz. Anfang 2016 kamen erst die Kontrollen zurück, dann die Häuschen und bald wurde die Grenze wieder ein spürbarer Teil unseres Alltags. Trotzdem war es anders als früher: Während in meiner frühen Kindheit noch alle ihre Pässe vorzeigen mussten, trafen die Stichproben nun nur noch Menschen, deren äußere Merkmale einen Migrationshintergrund vermuten ließen. Wenn ich die Grenze alleine passierte, wurde ich durchgewinkt. Aber sobald mein kurdischer Freund neben mir im Auto saß, mussten wir unsere Pässe zücken und sie gründlich kontrollieren lassen.

Foto: Wikipedia gemeinfrei. Bearbeitung: Alexander Becker

Ich bewegte mich noch immer täglich überall im dänisch-deutschen Grenzland. Dabei wurde ich aber stets daran erinnert, dass sich hier nicht alle Menschen gleichermaßen zu Hause fühlen durften. Wie alle Menschen in meinem Bekanntenkreis hoffte ich darauf, dass dieser Spuk bald ein Ende nehmen würde. Denn unabhängig von der eigenen Haltung zur Sicherheitspolitik war es ja logisch, dass Leute, die wirklich etwas zu verbergen hätten, nicht den regulären Weg über die Grenze nehmen würden. Sie wären eher über grenzüberschreitende Polizeizusammenarbeit zu fassen.

Doch die Kontrollen wurden nicht wieder abgeschafft – es kam sogar noch schlimmer. Die dänische Regierung hat sich im Jahr 2019 entschieden, die Furcht vor der Schweinepest mit einem symbolischen Akt zu bannen: der Errichtung eines Wildschweinezauns entlang der gesamten deutsch-dänischen Grenze. Dabei wird diese Maßnahme kaum einen Schutzzweck erfüllen. Denn erstens sind bisher gar keine infizierten Schweine in der Region gesichtet worden. Zweitens können Wildschweine gut springen und problemlos schwimmen. Und drittens wird die Krankheit vorwiegend über Insekten übertragen.

Da ich keine Tiere esse, fehlt mir zugegebenermaßen die Empathie für die dänische Schweinemastindustrie, die durch eine Infektion ihrer Tiere mit Schweinepest empfindlich getroffen wäre. Aber unabhängig von der eigenen Haltung zu Massentierhaltung erscheint mir eine grenzüberschreitende veterinärmedizinische Zusammenarbeit unmittelbar erfolgversprechender als ein Zaun. Aber Symbolpolitik scheint gerade weltweit en vogue zu sein. Doch auch Symbolhandlungen entfalten ganz konkrete Nebenwirkungen.

Bei mir persönlich löst der Zaun vor allen Dingen Mutlosigkeit aus. Unser besonderes Zusammenleben in der Grenzregion, das für die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes nominiert worden ist, wird mit dem Zaun ad absurdum geführt. Es ist mir unangenehm, wenn ich von Außenstehenden darauf angesprochen werde, ob ernsthaft ein Schweinezaun gezogen würde. Immerhin lockt der Zaunbau zahlreiche Filmschaffende in die Grenzregion. Und auch an Kunstprojekten mit Wildschweinethematik fehlt es momentan nicht.

Es ist sicher nicht zufällig, dass gerade die Angehörigen der dänischen Minderheit in Deutschland und deutschen Minderheit in Dänemark ein ganz besonderes Problem mit dem Zaun haben. Denn mit dieser markierten Grenzlinie treten die Nationalstaaten wieder sichtbarer hervor. Während wir für einige Zeit das Gefühl gehabt haben, mit unserer mehrkulturellen Grenzlandkultur eine neue Mehrheitskultur mitzugestalten, werden wir wieder zu klassischen Minderheiten in klar beschriebenen und umzäunten Mehrheitsgebieten.

Doch der kreative Widerstand wächst. Die Jugendorganisationen der beiden Minderheiten luden im Mai dieses Jahres zum Beispiel zu »Grænszaun Games« ein. Mit verschiedenen Ballspielen quer über den Wildschweinezaun warben sie für offene Grenzen. Der Zaunbau zu Schleswig scheint glücklicherweise nicht eine mentale Aufsplittung der Menschen im Grenzland zu bewirken. Vielmehr führt uns der Zaun deutlich vor Augen, welchen Weg es nehmen kann, wenn man sich abgrenzt, statt gemeinschaftlich an Herausforderungen zu arbeiten.

Wir leben in beängstigenden Zeiten mit zahlreichen Bedrohungen. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir versuchen, Probleme mit altbewährten Lösungen zu bewältigen. Aber die Probleme der Welt lassen sich nicht durch Zäune und Grenzen fernhalten, sondern nur durch vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit über Kultur-, Sprach- und Landesgrenzen hinaus. Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass der Zaun irgendwann wieder der Vergangenheit angehören wird und ich meinen Enkelkindern davon als lustige Episode aus alten Zeiten erzählen kann.


Katrine Hoop ist Pädagogin, Kriminologin und Kommunikationsberaterin. Sie ist als Teil der dänischen und friesischen Minderheit in Deutschland aufgewachsen und lebt derzeit in Flensburg.



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