Artivismus: Tanzen, Theaterspielen und Rappen gegen den Klimawandel

Die Tanzgruppe Dancing Earth, die sich aus Angehörigen verschiedener indigener Völker zusammensetzt, posiert vor der Kulisse des "ursprünglichen" Amerikas. Mit ihren Auftritten wollen die Tänzer Umweltbewusstsein fördern. Foto: © Colleen Miniuk-Sperry for Dancing Earth

 

 „Die Wissenschaft erklärt sehr gut, was die Welt ist, doch nicht, was man über sie denken oder fühlen könnte. Das ist die Aufgabe der Kunst“, hält der Umweltschützer Carl Safina fest. Artivismus, die Symbiose aus Kunst und Aktivismus, hat das Potenzial, auf Umweltzerstörung aufmerksam zu machen, insbesondere wenn die Kunst von Menschen gemacht wird, die von den Konsequenzen der Zerstörung bereits heute betroffen sind.

von Emil Minar

 

„Wir sind verbunden mit der heiligen Weisheit unserer Vorfahren. Befreit euch meine Leute, wir erheben uns endlich. Um unser heiliges Land, unsere einzige Heimat und unsere heiligen Gewässer zu verteidigen.“
Liest man diese Zeilen, vermutet man wohl kaum, dass sie aus einem Rap-Song stammen. Ebenso wenig würde man erwarten, dass sie von einem 15-jährigen indigenen Amerikaner mit aztekischen Wurzeln gerappt werden. Und noch überraschender ist, dass dieser Rapper bereits vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York zum Thema Umweltschutz und Klimawandel sprechen durfte. Xiuhtezcatl Martinez stammt aus einem umweltpolitisch engagierten Elternhaus. Seine Mutter ist Gründerin der Umweltschutzorganisation Earth Guardians, deren Jugendvorsitzender er nun ist. Gemeinsam mit seinem elfjährigen Bruder Itzcuauhtli hat er das Lied „Speak for the trees“ aufgenommen. Das Sekretariat der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCC) hat es sogar zu einem der Titelsongs der Weltklimakonferenz in Paris gewählt. „What the Frack“ in Anlehnung an die Förderpraxis des Frackings oder „Live as if our future matters“ sind weitere seiner Titel. Das Leitmotto seiner Raps ist dabei stets: „Wir sind alle indigene Bewohner dieser Erde.“ Er kritisiert, dass viele Menschen in der heutigen Welt sich nicht als Teil der Natur empfinden, und wirbt dafür, die Umwelt als ein Geschenk zu betrachten, das es zu beschützen gilt. „Ich sehe die Berge, Flüsse und Wälder von Colorado und sehe sie als meine Heimat. Ich gehöre ihnen viel mehr, als dass sie mir gehörten.“

Rappend macht der Sicangu-Lakota Frank Waln auf die Zerstörung seiner Heimat aufmerksam. Foto: © Ben Powless / Peoples' Social Forum via Flickr

Martinez singt nicht bloß, er appelliert mit seiner Kunst an das Gewissen der Menschen, sich für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft zu engagieren. Somit ist er „Artivist“ – also Künstler und Aktivist zugleich. Unter den indigenen Völkern der Welt gibt es zunehmend Aktivisten, die den Problemen, mit denen sie konfrontiert sind, künstlerisch begegnen. Sie versuchen so auf Missstände nicht nur sachlich, sondern auch emotional aufmerksam zu machen. Das ist besonders bei Themen wie Umweltschutz und Klimawandel wichtig, da die meisten Menschen in Industriestaaten im Vergleich zu indigenen Völkern bisher nur sehr wenig von den Auswirkungen ihrer Lebensweise auf die Umwelt und das Klima spüren. Beim Artivismus sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Es gibt ihn in Form von Tanz, Gesang, bildenden Künsten oder Theater.

So führte Allison Warden, eine interdisziplinäre Künstlerin von den Iñupiat-Inuit aus Kaktovik (Alaska), in ihrem Soloprogramm „Calling all Polar Bears“ 2011 vor, was ein Polarbär zu den Veränderungen seines Lebensraumes sagen würde, wenn er könnte, oder wie eine kleine indigene Gemeinschaft gegen einen multinationalen Konzern kämpft, der die Ressourcen auf ihrem Gebiet ausbeuten will. Sie schlüpft in die Rollen von Tieren und betroffener indigener Menschen, um dem Zuschauer vor Augen zu führen, wie notwendig ein politischer Wandel ist. Ihre Aufführungen sind humorvoll, aber gleichzeitig traurig und fesselnd. Sie sollen den Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern auch zur kritischen Reflektion und im besten Fall zur Teilnahme am Kampf für indigene Selbstbestimmung und den Erhalt traditioneller Lebensweisen anregen.

Allison Warden ist außerdem „Aku-Matu“, eine indigene Rapperin, die traditionelle Klänge für ihre Beats sowie die Sprache Iñupiat für ihre Reime verwendet. Ihre Auftritte richten sich vor allem an junge Indigene, deren Potenziale und Stimmen sie entfalten möchte. Auch an der Columbia-Universität in New York ist sie schon aufgetreten. Dabei betont sie, dass sie nicht vorgeben möchte, für alle Iñupiat zu sprechen – nicht alle seien so verrückt wie sie.

Rappen ist auch Frank Walns Art, Probleme zu thematisieren, die ihn als Sicangu-Lakota beschäftigen. Er gibt mit seiner Musik vielen jungen Native Americans Selbstvertrauen und Hoffnung für ein integres Leben in den noch immer von den „Weißen“ dominierten USA, ohne dass sie ihre Wurzeln verleugnen müssen. Er betont immer wieder die Tatsache, dass die heutigen USA ein Siedlerstaat sind, der sein Territorium durch den Genozid an den Ureinwohnern erlangt hat.

Dabei ist Waln wichtig, dass an diesen Aussagen nichts Rebellisches ist. Er spreche lediglich jedem bekannte Tatsachen an und wirft die Frage auf, was es über die US-amerikanische Gesellschaft aussagt, dass jemand, der diese Wahrheit ausspricht, als Rebell gilt. In seinen Liedern setzt er sich auch mit der Verschmutzung und Vernichtung indigener Lebensräume in den USA auseinander. So etwa in „Oil 4 Blood“, wo er sich gegen den Bau der Keystone-XL-Pipeline ausspricht.

Nicht nur auf der Bühne bringt die Performance-Künstlerin Allison Warden (rechts) ihren Unmut über die Zerstörung der Erde zum Ausdruck. Im September 2015 forderte sie mit vielen weiteren Aktivisten vor dem Weißen Haus, dass die US-Regierung die Hände von neuen Förderungsmethoden wie Fracking lassen sollte. Foto: © Suchat Pederson / Rainforest Action Network via Flickr

Auch tanzend begegnen Artivisten dem Klimawandel und der Umweltzerstörung: „Getanzte Botschaften aus Australien“ titelte der SWR2 im Herbst 2015, als die Gruppe Marrugeku in Ludwigshafen auftrat. Dalisa Pigram, eine der beiden Regisseurinnen, erläutert, dass die Diskussion um den Klimawandel von Menschen dominiert werde, die logisch und wissenschaftlich denken. Diese Ansätze möchte Marrugeku um eine emotionale Komponente ergänzen. Die zur Hälfte aus Aboriginal Australians bestehende Gruppe thematisiert in ihrer Show „Cut the Sky“ die systematische Zerstörung der Natur im westaustralischen Kimberley. Die Region ist neben ihrer fast surrealen Schönheit mit orangefarbener Erdoberfläche auch reich an Ressourcen wie Erdgas. Deshalb ist es dort bereits häufiger zu Konflikten zwischen Einwohnern, Aktivisten und großen Rohstoffkonzernen gekommen. Diese Geschichten von zivilem Protest und der vom Staat unterstützten Umweltzerstörung erzählt Marrugeku. Der Titel „Cut the Sky“ steht für die Fähigkeit der Aboriginal-Ältesten, bei wichtigen Zeremonien das Wetter günstig zu beeinflussen. Eine Gaspipeline, Wirbelstürme, kahle Landschaften und Hitze – Darstellungen aktueller und zukünftiger Probleme in ihrer Heimat, die der Klimawandel mit sich bringen wird – sind die Kulissen, vor denen die Künstler spielen. Doch am Ende die überraschende Wendung: Es fällt Regen, die Tänzer wälzen sich in der nassen Erde – die Ureinwohner triumphieren dank des Zaubers ihrer Ältesten: „Cut the sky“.

Die Tanzgruppe Dancing Earth versucht durch ihre Aufführungen ebenso, Umweltbewusstsein zu fördern, und lebt dieses auch gleich vor: Kostüme und Kulissen bestehen vollständig aus recycelten und organischen Materialien. Die Gruppe setzt sich aus Angehörigen verschiedenster indigener Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas zusammen, wie den Métis, Hopi, Shoshone oder Maya. Dancing Earth tritt vor regionalem, nationalem oder internationalem Publikum auf, etwa bei Festivals, in Universitäten und Kunstmuseen oder auf Symposien zu Umweltgerechtigkeit. Die Tänzer möchten mit ihrer Arbeit ihre uralten kulturellen Wurzeln wiederbeleben und indigene Perspektiven in die heutige Welt einfließen lassen. Künstlerische und kulturelle Rituale der verschiedenen indigenen Völker von Nord- bis Südamerika werden vorgeführt und zum Teil so vermischt, dass eine abwechslungsreiche Kombination aus traditionellen Tänzen und neuartigen Choreographien entsteht.

Baobab-Bäume in der westaustralischen Region Kimberley. Das Gebiet ist reich an Ressourcen wie Erdgas. Doch es regt sich Widerstand gegen die Förderung. Die zur Hälfte aus Aboriginal Australians bestehende Tanzgruppe Marrugeku erzählt mit ihren Auftritten diese Geschichten von zivilem Protest und der vom Staat unterstützten Umweltzerstörung. Foto: © Pictruer via Flickr

Eigens für die Weltklimakonferenz in Paris hat die samische Sängerin Sara Marielle Gaup Beaska einen „Joik“ komponiert. Joik ist die Bezeichnung für den traditionellen Gesang der Samen, deren Heimat sich vom hohen Norden Norwegens und Schwedens über Finnland bis in den Nordwesten Russlands streckt. Beaskas Joik trägt den Titel „Gulahallat Eatnamiin“, das bedeutet so viel wie „Wir sprechen Erde”. Dieser Titel soll zeigen, dass der Mensch, obgleich er sich weitgehend von der Natur entfremdet hat, trotzdem noch in Verbindung zur Erde steht. Wie die meisten Joiks kommt „Gulahallat Eatnamiin” ohne Text aus und besteht aus gefühl- und kraftvoll gesungenen Lauten. Im Vorlauf der Konferenz in Paris animierte Beaska über die sozialen Medien Menschen dazu, ihren Joik zu singen, sich dabei zu filmen und ihn im Internet zu teilen.

Ob Kunst neben dem Bewusstsein des Publikums auch das Verhalten der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft verändern kann, darüber gibt es wohl sehr unterschiedliche Ansichten. Bei der Rolle, die die Kunst für das Umweltbewusstsein in der Zivilgesellschaft spielen kann, ist sich Amy Westervelt vom Sierra Club, der ältesten und größten Umweltschutzorganisation der USA, jedoch sicher: „Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die umweltpolitische Kunst in den kommenden Jahrzehnten einen ähnlich starken Einfluss haben wird, wie die soziale und politische Kunst in der Vergangenheit hatte.“ Artivismus scheint also neben anderen Ansätzen ein guter Weg für indigene Gemeinschaften zu sein, sich endlich mehr Gehör zu verschaffen.

Klicken Sie auf die orangefarbene Abspieltaste und lauschen Sie den Klängen von Sara Marielle Gaup Beaskas Joik.

 


Header Foto: Colleen Miniuk-Sperry for Dancing Earth

Bild oben rechts: Ben Powless/Peoples‘ Social Forum via Flickr

Bild Mitte: Suchat Pederson/Rainforest Action Network via Flickr

Bild unten links: Pictruer via Flickr

 



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