15.01.2026

Interview mit dem Oberhaupt der Alawiten in Syrien

Islamistisches Regime ist „ständige Gefahr für alle Teile der syrischen Gesellschaft“

Scheich Ghazal Ghazal, Vorsitzender des Obersten Islamischen Rates der Alawiten in Syrien und im Ausland. Foto: GfbV/privat

Ein Interview mit Scheich Ghazal Ghazal, dem Vorsitzenden des Obersten Islamischen Rates der Alawiten in Syrien und im Ausland. Das Interview führte Dr. Kamal Sido, GfbV-Referent für ethnische, religiöse und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten.

Scheich Ghazal, das neue islamistische Regime in Damaskus und seine Anhänger würden Sie sofort umbringen, wenn sie wüssten, wo Sie sich befinden. Dennoch haben Sie sich die Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten. Dafür danken wir Ihnen. Dürfen wir Sie fragen, wo Sie leben?

Zunächst möchte ich Ihnen dafür danken, dass Sie es uns ermöglichen, die Stimme unseres Volkes in die Welt zu tragen, während die Medien über die Realität der Alawiten unter der derzeitigen Übergangsregierung bewusst schweigen. Die Alawiten sind ein integraler Bestandteil des syrischen Volkes in der Syrischen Republik. Ohne Kenntnis ihrer Situation und ihrer politischen Positionen ist das Bild Syriens nicht vollständig.

Was meinen derzeitigen Aufenthaltsort betrifft, bin ich mir sicher, dass Vorsicht nicht vor dem Schicksal bewahrt, aber ich glaube, dass Gerechtigkeit und Schicksal in Gottes Händen liegen. Ich war und bin nach wie vor davon überzeugt, dass ernsthafte und wirksame Arbeit innerhalb des Landes und mit den Menschen im Land geleistet werden muss. Daher bestätige ich, dass ich mich in Syrien befand und mich immer noch hier aufhalte.

Warum wird gegen Sie seitens des islamistischen Regimes in Damaskus und seiner Anhänger sowohl in Syrien als auch international gehetzt?

Die Ideologie dieses Regimes und seiner Anhänger beruht auf Gewalt und Verachtung Andersdenkender. Ihr Ansatz ist Ausgrenzung und Takfir (Personen gleichen Glaubens werden der Ungläubigkeit oder Abtrünnigkeit bezichtigt, Anm. d. Red.). Das Regime hat am 7. März durch ein Massaker an den Alawiten seine wahre Natur offenbart. Dabei wurden aus konfessionellen Gründen Morde, Entführungen und Versklavungen begangen sowie ein ernsthafter Versuch der ethnischen Säuberung unternommen. Dieses Regime betreibt eine Politik der umfassenden politischen Isolierung der Alawiten vom politischen Leben und vom öffentlichen Sektor. Jede Drohung gegen einen Alawiten ist auch eine Drohung gegen mich. Ich erhalte Mord- und Verhaftungsdrohungen, die mich dazu gezwungen haben, unterzutauchen. Alle Mitglieder meiner Familie haben Drohungen erhalten. Meine drei Kinder, die Ärzte sind, mussten ihre Arbeit aufgeben und ebenfalls untertauchen. Dennoch ist es meine Verantwortung, das Leben und die Würde der Alawiten zu verteidigen, ihren Schutz zu fordern und die ihnen widerfahrene Ungerechtigkeit zu beseitigen. Wir fordern einen echten Föderalismus innerhalb eines säkularen, demokratischen Systems, in dem die Minderheiten einen gleichberechtigten Platz in Staat und Gesellschaft einnehmen. Gewiss hat meine politische Haltung, die den von dieser Autorität vertretenen grenzüberschreitenden Terrorismus ablehnt, die Situation verschärft, da sie im Widerspruch zu dieser extremistischen Autorität steht.

Dieses Regime beschränkt sich nicht darauf, Drohungen auszusprechen, sondern zielt darauf ab, andere zu vernichten. Dadurch stellt es eine ständige Gefahr für alle Teile der syrischen Gesellschaft dar. So hat es Massaker an der alawitischen Glaubensgemeinschaft verübt, bei denen auch Kinder, Männer und Frauen getötet wurden. Es hat Frauen entführt und vergewaltigt, unsere religiösen Stätten geschändet, unsere Symbole beleidigt und unser Land niedergebrannt. Diese Praktiken wurden auch auf die Drusen, Kurden und Christen ausgeweitet.

Haben Sie gedacht, dass die Alawiten in Syrien nach den Massakern und dem versuchten Völkermord im März 2025 auf die Straße gehen und gegen ihre Unterdrücker protestieren würden?

Die Alawiten haben das Recht, ihr Schicksal selbst zu bestimmen und ihrem Schmerz, ihrer Unterdrückung und ihrem Leid Ausdruck zu verleihen. Nachdem ihnen alle lebensnotwendigen Güter vorenthalten wurden, konnten sie nicht länger schweigen. Sie gingen aus Protest auf die Straße, um ihrer Hoffnungslosigkeit gegenüber einer Änderung der Behandlung durch die de-facto-Machthaber Ausdruck zu verleihen. Wir sehen, dass die Demonstrationen der Alawiten absolut friedlich verliefen und nicht durch gewalttätige Zwischenfälle seitens der Demonstranten getrübt wurden. Die alawitische Bevölkerung ist sich der Gefahr in Syrien bewusst. Darüber hinaus ist die alawitische Elite aufgrund ihres hohen Bildungsniveaus am besten in der Lage, die aktuelle politische Lage zu verstehen und die Versuche der derzeitigen Machthaber zu durchschauen, Syrien in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Daher hat die alawitische Bevölkerung ihre legitimen Forderungen nach Föderalismus absolut friedlich zum Ausdruck gebracht.

Sie haben die Alawiten in Syrien aufgerufen, auf die Straße zu gehen und gegen die täglichen Morde, Massaker und den versuchten Völkermord zu protestieren. Warum sind die Alawiten Ihren Aufrufen gefolgt?

Das Leben der Alawiten ist voller Demütigungen und sie wollten ihre Ablehnung kundtun. Die Hölle mit ihrer Herrlichkeit wäre für jeden freien und ehrenhaften Alawiten unserer Gemeinschaft ein besseres Zuhause, denn das Leben in Syrien ist gleichbedeutend mit dem Tod. Sie reagierten entschlossen auf diese friedlichen Aufrufe, da sie mit ihrem Protest ihr Leiden, ihren Wunsch nach Frieden und ihre Ablehnung, erneut in Gewalt hineingezogen zu werden, zum Ausdruck bringen konnten. Sie wollten, dass ihre Forderungen angesichts dessen, was ihnen angetan wird, gehört werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die alawitische Gesellschaft über die Fähigkeit zu Disziplin und organisiertem Handeln verfügt. Die Demonstrationen spiegelten das Wesen dieser Gesellschaft wider: Frauen und Kinder gingen gemeinsam mit Männern auf die Straße, ließen ein Höchstmaß an Disziplin und Vorsicht walten und brachten ihre Forderungen friedlich und bewusst zum Ausdruck.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) berichtet von etwa 30.000 bis 60.000 getöteten, verletzten oder verschwundenen Alawiten seit März 2025. Können Sie diese Zahlen bestätigen?

Die Zahlen steigen, daher handelt es sich um ungefähre Zahlen. Es ist aus mehreren Gründen unmöglich, die Zahl der Gefallenen, Toten oder Entführten genau zu ermitteln. Seit die de-facto-Regierung die Macht übernommen hat, dauern die Verstöße an. Zunächst verhinderte sie die Registrierung oder Ausstellung offizieller Sterbe- oder Geburtsurkunden vor den Massakern. Während der Massaker wurden Tausende Leichen von Gefallenen verbrannt, ins Meer geworfen oder von Berggipfeln hinabgestürzt. Ihr Ziel ist die ethnische Säuberung. Wir verfügen über Institutionen, die dies dokumentieren, und werden daran arbeiten, die genauen Zahlen in naher Zukunft zu veröffentlichen.

Die Drusen im Süden des Landes haben Ähnliches erlebt. Zuvor waren es die Kurden in Afrin und anderen Regionen, die von der Türkei und islamistischen Gruppen angegriffen wurden. Stehen Sie mit der drusischen Führung und mit jener der Kurden in Kontakt?

Wir stehen in direktem Kontakt mit der drusischen Führung unter Scheich Hikmat Hajari sowie mit der kurdischen Führung. Unsere kurdischen Brüder organisierten die erste nationale Dialogkonferenz in al-Hasakah, an der wir teilnahmen. Zudem nahmen wir mit einer Delegation der syrischen Volksgruppen an diplomatischen Treffen in Genf mit Vertretern der von der Syrien-Frage betroffenen Länder teil. Wir haben ein klares Bild von der künftigen Form des syrischen Staates, der auf politischer Dezentralisierung und Demokratie basieren wird. Unser gemeinsames Ziel ist der Aufbau eines Staates, der jede Form von Ausgrenzung und Marginalisierung ablehnt.

Wie soll ein neues Syrien Ihrer Ansicht nach aussehen? Was fordern Sie?

Nach dem verheerenden Bürgerkrieg und der daraus resultierenden Zerstörung des sozialen Gefüges kann Syrien nur dann vereint bleiben, wenn es im Rahmen eines politischen Prozesses, an dem alle Syrer beteiligt sind, ein politisch dezentrales, föderales System einführt, das in einer Verfassung verankert ist. Außerdem ist es unerlässlich, ein säkulares, demokratisches System zu etablieren.

Sie sind für eine Trennung von Religion und Staat?

In all unseren Erklärungen haben wir einen pluralistischen, säkularen Zivilstaat gefordert, der von Recht und Staatsbürgerschaft geprägt ist. Die Trennung von Religion und Staat liegt nicht nur im Interesse des Staates und der Gesellschaft, sondern schützt auch die Religion selbst vor Missbrauch und Instrumentalisierung in politischen Auseinandersetzungen.

Wie stehen Sie zur Rolle der Frau und zu Frauenrechten im zukünftigen Syrien?

Es muss ein System eingerichtet werden, das die echte und wirksame Teilhabe von Frauen gewährleistet – sei es durch eine faire Vertretung in allen staatlichen Institutionen oder durch ein System der gemeinsamen Leitung. Im Islamischen Rat der Alawiten beispielsweise spielen Frauen eine führende Rolle: die offizielle Sprecherin des Rates ist eine Politikerin. Wenn wir unsere Gesellschaft voranbringen wollen, sehe ich keinen Faktor, der tiefgreifender ist als die Mutter. Frauen sind die Gesellschaft, und Mütter gebären die eine Hälfte der Gesellschaft und bilden die andere.

Die Türkei – hier meinen wir nicht die Menschen, sondern den Staat – unterstützt das Regime in Damaskus. Warum ist das so?

Die Türkei unterstützte die Hardliner-Fraktionen in Syrien in der Überzeugung, dass diese das Machtgleichgewicht im Land so verschieben könnten, dass es ihren regionalen Interessen und ihrer Vision eines neuen Nahen Ostens dient. Sie will ihren Einfluss und ihre Grenzen ausdehnen. Gefühle spielen in politischen und militärischen Konflikten natürlich keine Rolle, aber es ist klar, dass die Unterstützung extremistischer Gruppierungen der Türkei nicht viel gebracht hat. Im Gegenteil: Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen haben sich verschlechtert. Wir erleben derzeit, dass sich die Auswirkungen der Syrien-Krise unweigerlich auch auf die Türkei auswirken werden.

Was können Demokraten und Kurden in der Türkei tun, damit das Regime Erdoğan seine Unterstützung für radikale sunnitische Gruppen in Syrien beendet?

Meiner Meinung nach ist es für die Alawiten und Kurden sowie für die türkische Regierung heute am besten, einen politischen Verhandlungsprozess einzuleiten. So können sie eine echte politische Teilhabe gewährleisten und ihre vollen Rechte in der Verfassung verankern. Das wird zweifellos mehr Sicherheit und Stabilität für beide Länder bringen. Die weitere Unterstützung extremistischer Gruppierungen in Syrien wird sich negativ auf die interne Lage in beiden Ländern auswirken – politisch, wirtschaftlich und sozial. Meine Botschaft an die Alawiten in der Türkei und in Europa lautet, ihren alawitischen Brüdern und Schwestern in Syrien beizustehen und sich laut gegen Ungerechtigkeit auszusprechen.

Welchen Appell haben Sie an die Menschen in Deutschland?

Imam Ali ibn Abi Talib (Friede sei mit ihm) sagte: „Es gibt zwei Arten von Menschen: Entweder sind sie deine Brüder im Glauben, oder sie sind deine Gleichen in der Schöpfung.“

Basierend auf diesem tiefgründigen humanitären Prinzip verbindet uns mit dem deutschen Volk unsere gemeinsame Menschlichkeit. Diese ist in den letzten Jahren durch die Sympathie und Aufnahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft gegenüber Syrern deutlich zum Ausdruck gekommen. Deshalb appellieren wir an das deutsche Volk: Wir bitten Sie, sich gegen unsere Unterdrückung zu stellen und gemeinsam mit uns Ihre Stimme zu erheben – durch die öffentliche Meinung, die Medien, die Zivilgesellschaft, gewählte Vertreter, Organisationen und alle verfügbaren demokratischen Mittel –, um Unterstützung und Schutz für Minderheiten in Syrien zu fordern. Nur so können unsere Forderungen nach Föderalismus, der Verteidigung der Menschenrechte und der Abschaffung der Unterdrückung, wie wir sie kennen, erfüllt werden.

Wer könnte die alawitische Bevölkerung in Syrien unterstützen?

Die Alawiten sind eine der wichtigsten Säulen der Stabilität. Deshalb ist es wichtig, auf ein politisches Gleichgewicht sowohl innerhalb Syriens als auch auf regionaler und internationaler Ebene hinzuarbeiten. Diese Gleichgewichte bilden die Grundlage für den Aufbau einer auf Frieden basierenden Gleichung sowie für die Stärkung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit allen Ländern, die sich mit der Syrien-Frage befassen, insbesondere in Gebieten, in denen Alawiten leben. Es sei darauf hingewiesen, dass der Iran keinen Einfluss auf die Alawiten hat, da diese sich aus regionalen Konflikten heraushalten wollen.

Das Assad-Regime hat jahrzehntelang die Alawiten instrumentalisiert und sie dann ihrem Schicksal überlassen. Könnten Männer des alten Regimes (Flul) eine Rolle spielen, damit die Verfolgung der Alawiten beendet wird?

Die Überreste des Regimes (Flul) flohen mit diesem. Wie kann die Krankheit die Heilung sein? Bis heute hoffen und streben wir nach einer friedlichen politischen Lösung und der friedlichen Durchsetzung von Rechten. Wir befürworten diesen Ansatz, um mit Vernunft zu überzeugen und Blutvergießen zu verhindern. Die De-facto-Autorität unterstützt diesen Weg jedoch nicht, da sie die Alawiten weiterhin provoziert und verletzt. Daher betone ich die internationale Rolle, Druck auf diese Autorität auszuüben, um zu verhindern, dass wir einen Weg einschlagen, der in niemandes Interesse ist.

Verehrter Scheich Ghazal Ghazal, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrem Volk alles Gute.

Hinweis der Redaktion:

Die Fragen wurden von Dr. Kamal Sido, dem Nahost-Referenten der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), gestellt. Sie wurden über der GfbV bekannte und verlässliche Drittpersonen weitergeleitet, um die Sicherheit und den geheimen Aufenthaltsort von Scheich Ghazal Ghazal zu schützen. Die Antworten in arabischer Sprache erhielten wir am 17. Dezember 2025. Sie wurden von Dr. Kamal Sido übersetzt.

Scheich Ghazal Wahb Ghazal kam 1962 im Dorf Tella im Distrikt Al-Haffah in der westsyrischen Provinz Latakia zur Welt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, die allesamt Mediziner sind. Er besuchte die Grundschule in seinem Dorf und anschließend das Gymnasium in Latakia. Danach studierte er islamische Theologie an der Universität Damaskus sowie an einer Universität in London. Er hat mehrere Veröffentlichungen zur islamischen Theologie verfasst. Im Jahr 2003 wurde er Mufti von Latakia. Als 2011 die syrische Krise begann, nahm er klar Stellung, indem er Gewalt ablehnte. Er setzte sich stets gegen religiösen und konfessionellen Hass ein. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 und insbesondere nachdem die Alawiten in Syrien mit einem Völkermord konfrontiert waren, bemühte er sich, einen friedlichen Widerstand gegen das neue islamistische Regime in Damaskus zu organisieren. Dabei setzte er ausschließlich auf friedliche Mittel des Protests. Scheich Ghazal Ghazal ist derzeit Vorsitzender des Obersten Islamischen Rates der Alawiten in Syrien und im Ausland. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt.