Foto: Kretã Kaingang

Brasilien ist längst ein Brennpunkt der Covid-19-Pandemie geworden. Die prekäre Situation und die Nachlässigkeit der Regierung könnten ganze indigene Völker auslöschen. Für Indigene, die in Städten leben, verstärkt die Pandemie außerdem den täglichen Rassismus, die Diskriminierung und den Identitätsraub.

 

von Juliana Miyazaki

Seit Beginn der Pandemie ist klar: Indigene sind durch das neuartige Coronavirus stärker gefährdet als andere Bevölkerungsgruppen. Die indigenenfeindliche Politik unter Präsident Jair Bolsonaro ist ein Faktor dafür. Besonders die Situation der Indigenen, die in der Stadt wohnen und arbeiten, verschlechtert sich durch das Virus enorm. Auf der einen Seite haften städtischen Indigenen Vorurteile über ihre Kultur und Traditionen an. Auf der anderen Seite wird ihnen strukturell die Zugehörigkeit zu ihrer ethnischen Gruppe aberkannt, was mit Diskriminierung und der Verweigerung staatlicher Unterstützung einhergeht. In Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie verstärkt dies bestehende Menschenrechtsverletzungen und fördert die Entrechtung der Indigenen in Brasilien.

Ein deutliches Indiz dieser Entwicklung ist die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Covid-19-Todesfälle, die von den offiziellen brasilianischen Behörden veröffentlicht werden und der Zahl, welche der Dachverband der Indigenen Organisationen Brasiliens (APIB) ermittelt: die von der APIB berichtete Sterberate unter Indigenen ist mindestens doppelt so hoch wie die mittlere nationale Sterberate – Tendenz noch immer steigend. Die offizielle Zahl der Verstorbenen laut der staatlichen Behörde für indigene Gesundheit (SESAI) ist um einen Faktor drei niedriger als die Zahl der APIB. Der Grund dafür liegt in der Zählung. Indigene in Städten werden von der SESAI nicht als Indigene erfasst und gehen damit nicht in die Statistik der Sterberate von Indigenen ein. Diesen Affront gegenüber indigenen Völkern haben indigene Organisationen bereits vielfach kritisiert.

Noch gravierender als das Vorgehen bei der Statistik ist die Richtlinie der Indigenen-Schutzbehörde FUNAI: Sie besagt, dass Indigenen staatliche Unterstützungen für Gesundheitsversorgung, Wohnraum oder Bildung versagt werden, wenn diese nicht auf offiziell anerkanntem indigenem Land erbracht werden. Städtische Indigene, aber auch Indigene, welche auf nicht anerkanntem Land leben, werden damit von ihren Rechten ausgeschlossen. Diese Richtlinie hierarchisiert indigene Völker, schließt viele von nötiger Unterstützung aus und verstößt gegen geltendes brasilianisches Recht.

Foto: Wikipedia; gemeinfrei. Bearbeitung: Alexander Becker

Abhängigkeit von der Stadt

In der Stadt Manaus im Nordwesten Brasiliens, mitten im Amazonas-Regenwald, leben in der größten urbanen indigenen Gemeinde „Parque das Tribos“ (dt. etwa: Gebiet der Volksgruppen) etwa 2.500 Indigene aus 37 ethnischen Gruppen. Diese Indigenen werden weder von der SESAI versorgt, noch in den offiziellen Berichten über die Verbreitung des Coronavirus unter Indigenen berücksichtigt.

„Die Indigenen von Manaus sind durch die Gesundheitspolitik völlig auf sich allein gestellt. Diese Politik spaltet uns, weshalb wir noch mehr unter dieser Pandemie leiden. Wir sehen, dass wir vom Gesundheitssystem ausgeschlossen sind und unsere Auslöschung für die Bevölkerung unsichtbar ist. Indigene sind überall Indigene, egal wo sie sich befinden", ärgert sich Marcivana Paiva der Nachrichtenwebseite Amazonia real gegenüber über diese Praktik der Behörden. Sie selbst gehört dem indigenen Volk der Sateré-Mawé an und ist Koordinatorin der COPIME, der Indigenen Organisation von Manaus und der Region.

Aufgrund der allgemein schlechten staatlichen Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung müssen aber auch Indigene, die weit außerhalb von Städten leben, trotz des hohen Ansteckungsrisikos in Städte reisen. Nur hier können sie das geringe Corona-Unterstützungsgeld von der Bank bekommen oder im Supermarkt einkaufen. Infizieren sich Indigene dabei in der Stadt mit dem Virus, tragen sie es in die indigenen Territorien.

Seit mehr als 520 Jahren werden Indigene in Brasilien von ihren ursprünglichen Territorien verdrängt und verlieren seitdem täglich an Lebensraum. Gleichzeitig wachsen die Städte, dehnen sich aus und nehmen so selbst indigenen Lebensraums ein. Seit den 1950er Jahre steigt der Anteil an Indigenen, die in Städten leben, beständig. Viele Indigene suchen hier Arbeit, um ihren Unterhalt durch formelle oder auch informelle Jobs oder durch den Verkauf von Handwerk zu sichern. Auch ein Studium, Fortbildungen oder politisches Engagement sind Gründe, warum Indigene in Städten leben wollen oder müssen.

In Südbrasilien infizierten sich Indigene des Volkes der Kaingang bei der Arbeit in Schlachthöfen mit dem Virus. „Viele Kaingangs müssen in den Städten arbeiten, auch in Schlachthöfen. Die Todesfälle in Folge einer Covid-19-Erkrankung sind bis jetzt alle auf die Arbeit in Schlachthöfen zurückzuführen” berichtet Kretã Kaingang, Koordinator der APIB und des Dachverbands der indigener Völker Südbrasiliens (ARPINSUL), unserer Redaktion. Auch in der Stadt Dourados, im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, haben sich Guarani Kaiowá Indigene durch die Arbeit in Schlachthöfen mit dem Coronavirus angesteckt.

Kretã Kaingang hält bei einer Demonstration die Verfassung Brasiliens in den Händen. Sie sichert Indigenen eigentlich ihre Rechte zu. Foto: Kretã Kaingang

In der Stadt sind Rassismus und Diskriminierung am stärksten

Vanda Ortega vom Witoto Volk ist ausgebildete Krankenschwester und steht jetzt an vorderster Front im Kampf gegen das Virus. „Unsere Identität ist nicht etwas Vages oder nur auf unser abgegrenztes Territorium beschränkt. Unsere Identität ist dort, wo wir sind – wo unsere Körper sind. […] Wir sind nicht aus der Stadt; wir sind in der Stadt. Wir sind aus der Not heraus hier. Und hier ist es, wo uns unsere Identität am meisten verweigert wird“, sagt sie lokalen Medien.

Gemäß der Richtlinie der FUNAI müssen Indigene in der Stadt das öffentliche Gesundheitssystem nutzen. Dieses ist in vielen Regionen Brasilien jedoch bereits überfordert. Ortega berichtet über Indigene, die wegen Covid-19 ins städtische Krankenhaus gebracht wurden. Viele seien ignoriert worden, hätten mehr als 24 Stunden im Wartezimmer warten müssen und seien oft schlecht versorgt worden. Das zeigt, dass Indigene auch im Krankenhaus oft systematisch diskriminiert werden – besonders aktuell, beim derzeitigen Kollaps des Gesundheitssystems.

Anders in Nordbrasilien: Hier wurden in Krankenhäusern jüngst Abteilungen für Indigene eingerichtet, die der Kultur und Tradition der Indigenen auch im Krankenhaus genug Raum bieten sollen. Lokale Maßnahmen wie diese, aber auch nationale Erfolge, zeigen die Wirkung und Kraft der indigenen Widerstandsbewegung. Neustes Beispiel hierfür ist auch der Gesetzentwurf 1142/20, der eine Hilfestellung für Indigene in der Pandemie gewährleisten soll. Dieser Gesetzentwurf wurde von der indigenen Abgeordneten Joênia Wapichana vorgetragen und ist mittlerweile vom brasilianischen Senat gebilligt.


Juliana Miyazaki ist Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.



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