Für die Angehörigen ist der Schmerz groß: Ein geliebter Mensch ist gestorben und er ist nicht einmal der Tradition entsprechend bestattet worden. Für Indigene ist es wichtig, ihre verstorbenen Angehörigen nahe bei sich zu haben. Foto: Paulo Desana/Dabakuri/Amazônia Real/Flickr CC BY 2.0

Eine der bitteren Folgen der Corona-Pandemie in Brasilien: Indigene sterben und werden begraben – weit weg von ihren Dörfern. Dabei haben die eigene Erde und das Land eine kulturelle Bedeutung für indigene Völker. So verschieden Beerdigungen und Bestattungen bei den Völkern sind, den Schmerz über diese Distanz teilen sie. Nilcélio Jiahui von der COIAB hat uns von der Situation im Amazonas berichtet.

 

Nilcélio Jiahui, erzählen Sie uns bitte ein wenig über sich und Ihr Volk.

Mein Name ist Nilcélio Jiahui. Ich bin vom indigenen Volk der Jiahui und ein leitender Koordinator im COIAB, dem Dachverband der indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonasgebiets. Es ist eine große Freude für uns, mit der Gesellschaft für bedrohte Völker sprechen zu können. So können wir ein wenig über die Probleme berichten, die wir im Zuge der Covid-19-Pandemie haben.

Mein Volk ist das Volk der Jiahui hier im Bundesstaat Amazonas. Wir leben in der Gemeinde Maitá. Es ist ein Volk, das in den 1930er und 1940er Jahren durch Krankheiten und die Eröffnung der Autobahn BR 230, auch Transamazônica genannt, fast ausgerottet worden ist. Damals waren wir nur noch sechs Menschen – heute ist unser Volk wieder auf 220 Personen angewachsen.

Was bedeutet das Element Erde für euch Jiahui?

Unsere Erde ist ein Teil von uns, ohne den wir nicht leben könnten: Wir könnten nicht pflanzen, wir könnten nicht ernten, ohne unser Land hätten kein Wasser. Wir hätten keine Wälder, die uns mit der Luft versorgen, die wir jetzt atmen. Das Land hat also eine immense Bedeutung für uns indigene Völker. Ohne die Erde sind wir nichts – sie ist unsere Mutter. In der heutigen Zeit, durch die Politik der vergangenen Regierungen und der jetzigen, wird uns immer mehr Land genommen. Aber wir leisten Widerstand. Wir haben seit der Entdeckung Brasiliens dafür gekämpft, unser Territorium zu behalten: für unsere zukünftigen Generationen, damit sie in diesen Territorien leben können. Das Land hat einfach eine immense Bedeutung für uns.

Die indigenen Völker des Amazonas sind von der Pandemie stark betroffen und die Gesundheitskrise in der Stadt Manaus hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Es gab auch Berichte, dass indigene Bestattungsrechte verletzt wurden. Können Sie uns ein wenig über diese Fälle berichten? Was ist passiert? Und wie findet eine traditionelle Bestattung bei Ihrem Volk statt?

Bei meinem Volk gibt es ein bestimmtes Ritual, wenn es einen Todesfall gibt: Wir wählen zwei Personen aus unserer Familie, die mit jemandem aus einem anderen Clan des Volks verheiratet sind, um das Grab auszuheben. Wir haben zwei Clans, die Mutum und die Taravé. Dann bemalen wir uns und singen Lieder, in denen wir Tupã (Gott) danken, dass er unseren Bruder (im Sinne von „Verwandter“/ „Lieben“; Anm. d. Red.) mitgenommen hat. Alle Dinge, die der Verstorbene besaß, werden zu ihm in das Grab gelegt. Dann wird ein bestimmtes Ritual mit Liedern und Tänzen durchgeführt, um sich von dieser Person, die gegangen ist, zu verabschieden.

Die aktuelle Situation im Amazonas ist unmenschlich. Sie ist unmenschlich in Bezug auf den Umgang mit der indigenen Bevölkerung in der Pandemie und in Bezug auf die Gesundheitskrise in den Krankenhäusern. Alle Indigenen hier im Bundesstaat Amazonas, die mit dem Covid-19-Virus infiziert sind, müssen in Manaus versorgt werden. Die Regierung des Bundesstaates hat aber keinen guten Plan für die Versorgung der indigenen Bevölkerung. Wir sind der Gnade der Bundesbehörden ausgeliefert. Wenn einer unserer indigenen Geschwister stirbt, erleben wir, wie sowohl unsere Grundrechte als auch das Recht auf die kollektive Gesundheit der indigenen Völker mit Füßen getreten werden.

Sie geben uns nicht das Recht, unsere Verwandten gemäß unserer Kultur, gemäß unseren Wurzeln und gemäß unseren Traditionen zu bestatten. Das würde bedeuten, dass sie im indigenen Dorf begraben werden. Die Behörden wollen, dass wir unsere Verstorbenen in Manaus begraben. Das widerspricht unsere Tradition. Deshalb verletzen der brasilianische Staat und der Staat Amazonas die Rechte der indigenen Völker zutiefst. Wir versuchen, uns zu wehren. Wir wenden uns an alle Institutionen, die uns helfen können, unser Recht durchzusetzen. Wir wollen, dass sie in diese Situation eingreifen und uns zu unserem Recht verhelfen. Unsere Verstorbenen dürfen nicht weiter in den Städten beerdigt werden! Weder die SESAI (dt: Sondersekretariat für indigene Gesundheit) noch die Landesregierung haben Mechanismen geschaffen, um verstorbene Indigene in ihre Dörfer zurückzubringen. Sie stellen die Logistik dafür nicht zur Verfügung, weil sie wissen, dass hier im Amazonasgebiet indigene Territorien schwer zu erreichen sind.

Sie sagen, dass sie nicht die Ressourcen und das Budget hätten, um die Körper der Indigenen zurück ins Dorf zu bringen. Aber wir wissen, dass diese Regierung zwar die Ressourcen hat, aber nicht den Willen, um solche Überführungen vorzunehmen. Die Regierung sollte eigentlich das Ziel haben, uns indigene Völker zu unterstützen. Stattdessen arbeitet sie gegen uns.

Wie geht es den Angehörigen der Verstorbenen?

Der Schmerz, den wir empfinden, ist unermesslich – nicht nur wegen des Verlustes geliebter Menschen, sondern auch wegen der Vernachlässigung durch die Regierung und ihrer Untätigkeit. Die Mütter weinen, die Väter weinen, die Geschwister weinen, weil jemand woanders begraben wurde und nicht an dem Ort, an dem er geboren wurde, nicht an seinem Heimatort. Außerdem entsteht eine Situation der Demütigung für die Angehörigen, die immer wieder die zuständigen Behörden bitten müssen, den Leichnam des Verstorbenen zurück ins Dorf zu bringen. Manchmal werden wir nicht einmal über den Tod eines Verwandten informiert.

Was sind die Folgen für die indigenen Völker?

Es ist schlimm, dass unsere Geschwister außerhalb unserer Territorien begraben werden. Das ist beschämend für unsere Leute und es schadet dem Zusammenleben hier im Dorf. Denn für uns ist es heilig, unsere Familienmitglieder in unserer Nähe zu haben, auch wenn sie zu einer anderen, einer spirituellen Welt übergegangen sind. Wenn jemand bei uns begraben ist, ist noch immer ein Teil von ihm bei uns. Die psychischen Folgen durch die fehlenden Begräbnisse sind immens.

Welche Instanzen stehen im Konflikt und was ist die Rolle von COIAB?

In diesem Fall sind es das Gesundheitsministerium, die SESAI und die Indigenenschutzbehörde FUNAI selbst, die sich quer stellen und nicht machen, was gemacht werden muss – was den indigenen Völkern zusteht! Sie legen uns immer wieder Steine in den Weg und sagen, dass es keine Ressourcen gebe und dass solch ein Transport nicht vorgesehen sei. Natürlich war es vor der Pandemie nicht absehbar, dass es jemals zu solchen tragischen Transporten kommen müsste. Trotzdem gibt es Haushaltsgelder, mit denen diese Überführungen bezahlt werden könnten.

Die FUNAI ist die Aufsichtsbehörde für Angelegenheiten, welche indigene Völker betreffen. Das sind zum Beispiel Angelegenheiten im Bereich des Gesundheitswesens, der Bildung oder der nachhaltigen Entwicklung. Die FUNAI muss in unserem Fall beim Gesundheitsministerium und der SESAI intervenieren, damit die Indigenen nicht den technischen und juristischen Prozessen dieser Institutionen ausgeliefert sind.

Unsere Aufgabe als COIAB ist es, uns für die Rechte der indigenen Völker einzusetzen. Wir machen Lobbyarbeit, damit diese Behörden den indigenen Völkern die notwendige Unterstützung und Beachtung zukommen lassen. Wir mobilisieren, damit der Staat sich seiner Pflicht zur Überführung der Körper der Indigenen bewusst wird. Die Hauptaufgabe von COIAB ist es, die Rechte der indigenen Völker im Amazonasgebiet zu verteidigen. Insbesondere setzt sich COIAB für den Schutz und die Demarkierung von indigenen Gebieten und für eine bessere Gesundheitsversorgung ein.


Juliana Miyazaki führte das Interview am 09. Februar 2021 per Videoanruf, transkribierte und übersetzte es aus dem Portugiesischen. Eine Herausforderung bei der Übersetzung: Das brasilianische Wort „terra“ bedeutet sowohl „Erde“ als auch „Land“.



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