Für Sufis ist Musik ihr Ausdruck der Freude in der Gegenwart Gottes. (Dieses Foto entstand in Italien.) Foto: Sufi Dance Sicily Women/Wikipedia CC BY-SA 4.0

 

Der Sufismus prägte den Islam in Afrika. Spirituelle und intellektuelle Zentren bereicherten die Gesellschaften. Doch Anhänger dieser Glaubenspraxis geraten seit Jahren ins Visier salafistischer Organisationen. Die Vernichtung des Sufismus ist das erklärte Ziel. Doch trotz der Gewalt behalten sufische Gemeinschaften ihren Vorbildcharakter.

Von Kaan Orhon

Wikipedia; gemeinfrei. Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Als am 22. August 2016 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag der Prozess gegen den malischen Dschihadisten Ahmad al-Faqi al-Mahdi begann, bedeutete dieser in zweifacher Hinsicht eine Premiere für das Gericht: Al-Mahdi war der erste Angeklagte vor dem Gericht, der sich für die Zerstörung historisch, kulturell und religiös bedeutsamer Gebäude verantworten musste. Und er war der erste Angeklagte, der sich vor dem Gericht schuldig bekannte.

Begangen hatte al-Mahdi seine Verbrechen vier Jahre zuvor in Mali, während des Konfliktes zwischen aufständischen Tuareg, Dschihadisten und Regierungstruppen im Norden des Landes. Militante islamistische Milizen, darunter auch die Gruppe „Ansar Dine“, der al-Mahdi angehörte, hatten sich einer Erhebung der Tuareg-Befreiungsbewegung MNLA angeschlossen. Die MNLA kämpfte damals in der angestammten Heimat der Tuareg für Autonomie oder einen eigenen Staat. Binnen kurzer Zeit vertrieb dieses Bündnis die malische Armee weitgehend aus dem Gebiet, das die Tuareg selbst Azawad nennen. Doch dann wandten sich die Dschihadisten, denen sowohl lokale Kämpfer als auch Angehörige des transnationalen westafrikanischen Ablegers des al-Qaida Netzwerkes angehörten, gegen die Tuareg-Rebellen und Übernahmen die alleinige Macht in weiten Teilen des nördlichen Mali.

So auch unter anderem in der malischen Stadt Timbuktu. Hier beging al-Mahdi die Verbrechen, für die er sich später in Den Haag verantworten musste. Die „Sittenpolizei“ der Dschihadisten, der er angehörte, unterwarf in dem von ihr kontrollierten Gebiet nicht nur die Bevölkerung einem drakonischen Terrorregime, das in dem Oscar-nominierten und international vielfach ausgezeichneten, französisch-mauretanischen Film „Timbuktu“ aus dem Jahr 2014 eindrucksvoll dargestellt wird. Sie begann auch eine organisierte Kampagne zur Vernichtung materieller Kultur: Die selbsternannten Gotteskrieger vernichteten eine Vielzahl unschätzbarer historischer Manuskripte und Kunstgegenstände, schändeten Gräber und verwüsteten Moscheen.

Timbuktu, das auch als die „Stadt der 333 Heiligen“ bekannt ist, war über Jahrhunderte ein herausragendes spirituelles und intellektuelles Zentrum des muslimischen Afrikas. Die erwähnten „Heiligen“ sind Generationen von Sufis, Gelehrte der islamischen Mystik, die den Islam nicht nur in Mali, sondern in ganz Afrika wesentlich prägten. Ihre Gräber sind wichtige Zentren des Glaubens der Menschen in der ganzen Region. Gegen sie richtete sich primär die Zerstörungswut der Dschihadisten. Unter den zehn namentlich in der Anklageschrift gegen al-Mahdi erwähnten Kulturdenkmälern, die auf seine Anordnung hin zerstört oder schwer beschädigt wurden, befinden sich neun Mausoleen sufischer Gelehrter.

Eine Hasskampagne gegen Sufis

Die Ereignisse in Mali im Sommer 2012 hingen zwar unmittelbar mit dem lokalen Konflikt im Norden des Landes zusammen, sie sind aber Teil einer Kampagne zur Ausrottung des Sufismus, der mystischen Tradition des Islam, die viele Regionen des muslimischen Afrikas betrifft. Diese Kampagne hält bis heute an. Betrieben wird sie von den Anhängern des salafistischen Dschihadismus – der Ideologie, aus der Terrororganisationen wie der sogenannte „Islamische Staat“, al-Qaida, die Gruppe al-Shabaab in Somalia, Boko Haram in Nigeria oder eben Ansar Dine in Mali hervorgegangen sind. Ihnen allen gemein ist das Feindbild des Sufismus als vermeintlich „ketzerische“ Form der Glaubensausübung.

Der Sufismus wird in Deutschland meist mit den „tanzenden Derwischen“ in der Türkei oder mit den Gedichten Rumis in Verbindung gebracht. Die prägende Bedeutung des Sufismus für den Islam in Afrika ist dagegen weit weniger bekannt. Neben Mali sind Marokko und der Senegal wichtige Zentren sufischer Spiritualität. Anhänger der vielen mystischen Orden finden sich in Afrika aber fast in jedem Gebiet mit muslimischer Bevölkerung.

An vielen Orten sind Sufis in den vergangenen Jahren Gewalt und Verfolgung ausgesetzt. In Libyen begannen salafistische Milizen schon 2011 während des Aufstandes gegen das Regime Muammar al-Ghaddafis im Rahmen des „arabischen Frühlings“ mit der Verwüstung von Friedhöfen, Mausoleen und Moscheen, die sie mit dem Sufismus assoziierten.

Auch in Somalia begann in den Gebieten, die unter der Kontrolle von al-Shabaab stehen, eine Kampagne der Zerstörung von Heiligtümern und der Unterdrückung sufischer Glaubenspraxis. Rituale der Sufi-Gemeinschaften wurden verboten, Moscheen geschlossen und führende Personen verschleppt oder ermordet. Mehr als 1.000 Gräber sollen zwischen 2008 und 2018 zerstört worden sein.

Noch einmal drastisch verschärft hat sich die Lage, seit der in Syrien und im Irak entstandene sogenannte „Islamische Staat“ (IS) versucht, sich in Afrika auszubreiten. Zwar gingen auch al-Qaida und die mit ihr assoziierten Gruppen aus ihrer salafistischen Ausrichtung heraus gegen Sufis vor, aber dies war eher ein nachrangiges Ziel. Außerdem legten ihre Versuche, die lokale Bevölkerung in ihren Operationsgebieten für sich zu gewinnen, ihrer Brutalität gewisse Schranken auf – eine Strategie, die beispielsweise auch in Syrien zu beobachten ist.

Für den IS dagegen ist die Verfolgung anderer muslimischer Glaubensrichtungen die oberste Priorität. In den Propagandamedien der Terrorgruppe wird sie als wichtiger und verdienstvoller als die Bekämpfung vermeintlich „Ungläubiger“ dargestellt. So war es dann auch der IS, der das bisher schwerste Verbrechen im Rahmen der Kampagne gegen den Sufismus verübte.

Einer der aktivsten Ableger des IS in Afrika war lange Zeit die Gruppe auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel – und der Sinai ist auch ein Gebiet mit einer starken sufischen Tradition und lebendigen Gemeinschaft. Die Dschihadisten machten aus ihren Absichten keinen Hehl: In ihrem Propaganda-Magazin „Rumiyah“ veröffentlichte der IS Anfang 2017 ein Interview mit dem Befehlshaber der Sittenpolizei im Sinai, der unmissverständlich erklärte, man werde Sufismus unter keinen Umständen dulden, weder auf dem Sinai noch anderswo in Ägypten. Jede Person, die an sufischen Praktiken festhalte, werde getötet. Trotzdem nahm außerhalb gewisser Kreise von Sicherheitsbehörden und Akademikern, die sich mit dschihadistischer Propaganda beschäftigen, kaum jemand Notiz von dem angekündigten Genozid.

Am 24. November 2017 griffen bis zu 40 Dschihadisten eine Moschee in der Ortschaft al-Rawda im nördlichen Sinai an. Die Moschee, die dem lokalen Sufi-Orden der Jaririya verbunden ist und eine Zaouia, ein sufisches spirituelles Zentrum, einschließt, war zum Freitagsgebet gut besucht. Die Angreifer zündeten mehrere Autobomben, versperrten Fluchtwege und schossen dann mit automatischen Waffen und Panzerfäusten auf die eingeschlossenen Gemeindemitglieder. Mehr als 300 Menschen starben bei dem Angriff, darunter viele Kinder. Etwa jeder vierte männliche Einwohner des Ortes wurde ermordet. Es war der schwerste Terroranschlag in der Geschichte Ägyptens.

Diese Zaouia, ein sufisches spirituelles Zentrum, steht in Marokko. Foto: Nassima Chahboun/Wikipedia CC BY-SA 4.0

„Götzenverehrung“ und unterschiedliche Konzepte des Dschihads

Der Hass der Extremisten auf die Anhänger des Sufismus hat sowohl religiöse als auch politische Gründe. Auch wenn sich die einzelnen mystischen Orden natürlich in Details voneinander unterscheiden, sind verallgemeinernd zum Beispiel die wichtige Rolle von Musik, die gemeinschaftliche Teilnahme von Männern und Frauen an religiösen Anlässen und die große Verehrung, die den Ordensgründern und ihren Grabstätten entgegengebracht wird, zu nennen. Letztere vor allem wird von Salafisten als Götzenverehrung verurteilt.

In politischer Hinsicht verweigern sich die Sufis dem Dschihad, so wie ihn die militanten Salafisten verstehen – also der kriegerischen Gewalt und dem Terrorismus zur Erreichung politisch-religiöser Ziele. Es ist dabei eine verbreitete, aber nicht ganz zutreffende Sicht, dass im Sufismus Dschihad nur als spirituelle Anstrengung, als Ringen des Menschen mit seinen eigenen Schwächen und seinem Ego verstanden wird. Dieses Verständnis gibt es und es ist von großer Bedeutung. Aber es gibt daneben durchaus auch im Sufismus eine Tradition des bewaffneten Kampfes zur Verteidigung des Glaubens. Nicht zuletzt in Afrika. Allerdings ist diese grundverschieden von den Konzepten des modernen Dschihadismus.

Als zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges der populäre jemenitische Sufi-Gelehrte Habib Ali al-Jifri in einer arabischen Talkshow vom Moderator bedrängt wurde, warum sich die Sufis denn nicht dem „Dschihad“ gegen Syriens Machthaber Bashar al-Assad anschließen würden, entgegnete dieser: Sufis seien in der Geschichte immer bereit gewesen zu kämpfen, wenn dies unumgänglich gewesen wäre und es auf Basis islamischer ethischer Prinzipien geschehe. Dies sei aber in Syrien und überhaupt bei der gegenwärtigen globalen religiösen Gewalt und dem Terror der Dschihadisten nicht der Fall.

Zur Veranschaulichung verwies er unter anderem auf zwei herausragende historische Figuren des Sufismus in Afrika: Abdelkader al-Jazairi in Algerien und Omar al-Mukhtar in Libyen. Beide hatten in ihrer jeweiligen Heimat den Widerstand gegen den Kolonialismus angeführt: al-Jazairi im 19. Jahrhundert gegen Frankreich, Omar al-Mukhtar im 20. Jahrhundert gegen das faschistische Italien.

17 beziehungsweise 20 Jahre standen sie an der Spitze der Freiheitsbewegungen, die den materiell weit überlegenen ausländischen Unterdrückern standhielten. Doch der Grund für ihren Ruhm liegt nicht in erster Linie in militärischen Erfolgen begründet, sondern in ihrer Humanität in Zeiten des Krieges: Beide wurden über die Grenzen ihrer Länder und Afrikas hinaus bekannt für ihre vorbildliche Behandlung von Kriegsgefangenen und ihre religiöse Toleranz.

Vor allem Abdelkader al-Jazairi, nachdem er 1847 in französische Gefangenschaft geraten und aus seiner Heimat verbannt worden war, erwarb sich in seinem Exil in der syrischen Hauptstadt Damaskus weiteren Ruhm. 1860 rettete er während eines Pogroms gegen syrische Christen viele Verfolgte von den umkämpften Straßen und brachte sie in seinem Haus in Sicherheit.

Ein ägyptischer Sufi betet. Foto: Mona Hassan Abo-Abda/Wikipedia CC BY-SA 4.0

Von Sufis lernen

Bei diesen Beispielen handelt es sich nicht um reine historische Anekdoten, sondern sie wirken in gegenwärtige bewaffnete Konflikte fort. In Somalia kämpften Anhänger des Sufismus in einer eigenen Miliz (Ahlu Suna Waljamaaca) gegen die Verfolgung durch al-Shabaab. Wo es ihnen gelang, die Dschihadisten zurückzudrängen, erlebten verbotene sufische Rituale eine Renaissance. Einige der zerstörten Gräber und Mausoleen konnten wiederaufgebaut werden und die mystischen Rituale der Sufi-Orden können nun wieder an kommende Generationen weitergegeben werden. Neben der wiedergewonnenen religiösen Freiheit sind auch andere Dinge in den befreiten Gebieten wieder möglich: etwa Musik machen oder der Schulbesuch für Mädchen.

Wichtiger aber als die militärischen Erfolge, die die Sufi-Miliz gegen al-Shabaab erzielen konnte, war vielleicht die mit der somalischen Regierung getroffene Vereinbarung, ihre Kämpfer in die staatlichen Sicherheitskräfte zu integrieren. In Somalia, wo lange Zeit de facto kein Staat existierte und die Kämpfe zahlloser verschiedener Milizen gegeneinander in der Vergangenheit großes Leid verursacht haben, ist die freiwillige Überführung einer bewaffneten Streitmacht unter die Autorität der international anerkannten Regierung ein wichtiges Zeichen. Sollten sich dies andere nichtstaatliche Akteure zum Vorbild nehmen, wäre das ein wichtiger Schritt vorwärts für Somalia.

Auch in Mali konnten trotz anhaltender Instabilität und terroristischer Gewalt zerstörte Heiligtümer und Kulturschätze wiederaufgebaut oder restauriert werden. Mehr als 20.000 historische Manuskripte, die vor der Zerstörungswut der Dschihadisten gerettet und aus Timbuktu in die malische Hauptstadt Bamako geschmuggelt werden konnten, sollen so bald wie möglich an ihren ursprünglichen Aufbewahrungsort zurückkehren. Internationale Institutionen wie die UNESCO und die Europäische Union unterstützen den Wiederaufbau finanziell, doch es sind Menschen aus den lokalen Gemeinden, die ihn nach überlieferten Methoden in Handarbeit ausführen. Man kann nur hoffen, dass es ihnen gelingt, die reiche Kultur und Spiritualität des afrikanischen Sufismus im Angesicht der noch immer präsenten Bedrohung durch die Extremisten zu bewahren.


Kaan Orhon ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker. Er arbeitet hauptamtlich für den Verein Grüner Vogel e.V., der Menschen beim Ausstieg aus der islamistischen Szene unterstützt, darunter auch ehemalige Angehörige terroristischer Organisationen wie dem IS oder al-Shabaab. Im Rahmen dieser Tätigkeit beobachtet er auch die Aktivitäten militanter Salafisten weltweit und die daraus resultierenden Bedrohungen für Minderheiten.



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