Das organisierte Verbrechen hat den mexikanischen Bundesstaat Chiapas fest im Griff. Angesichts der Untätigkeit des Staats haben indigene Tzotzil in der Gemeinde Pantelhó sich nun in einer Selbstverteidigungsmiliz namens „El Machete“ organisiert – und die Narcos samt Lokalregierung rausgeworfen.

Von Theresa Luedtke

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Foto: Wikipedia; gemeinfrei
Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Es ist Anfang Juli 2021, als vermummte Bewaffnete die indigene mexikanische Gemeinde Pantelhó stürmen und gewaltsam übernehmen. Einige Tage herrscht Verwirrung, bis sich die Gruppe in einem öffentlichen Statement erklärt: Sie nennt sich El Machete und ist gekommen, um das organisierte Verbrechen zu vertreiben. Was ist passiert?

Pantelhó liegt im Hochland des südmexikanischen Bundesstaats Chiapas, der an Guatemala grenzt. Die indigene Identität ist hier stärker erhalten als in anderen Landesteilen. Gerade im Hochland gibt es viele indigene Gemeinden. Viele gehören zur Maya-Gruppe, am zahlreichsten sind die Tzeltal und die Tzotzil. Chiapas ist landwirtschaftlich geprägt, der Boden sehr fruchtbar. Dennoch ist Chiapas einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Viele Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Kindersterblichkeit ist hoch, gerade aufgrund von Unterernährung.

Indigene Gemeinden sind von Benachteiligungen besonders betroffen; beispielsweise ist ihr Zugang zum Gesundheitssystem schlechter, ihre Lebenserwartung geringer. Die Probleme sind nicht neu: 1994 entzündete sich ihretwegen in Chiapas der indigene Aufstand der „Zapatistas“, welcher weltweit Aufmerksamkeit erregte. Auch mehr als 20 Jahre später ist der Zündstoff für neue Aufstände in Chiapas noch vorhanden – und neuer ist dazugekommen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hielt die organisierte Kriminalität Einzug.

In den Händen der Drogenkartelle

Viele Gemeinden werden inzwischen von den „Narcos“ kontrolliert, also von Drogenhändler*innen. Mitschuld daran trägt die mexikanische Regierung. In der Vergangenheit förderte sie paramilitärische Gruppen, um die Zapatistas zu bekämpfen – ohne ihr eigenes Gesicht durch Einsätze des eigenen Militärs zu verlieren. Das Ergebnis: Verbrechen wie das Massaker von Acteal, bei dem Paramilitärs 45 Zivilist*innen ermordeten, darunter Kinder und schwangere Frauen. Die Paramilitärs wurden nie entwaffnet. Viele vermischten sich mit dem organisierten Verbrechen.

Heutzutage kontrollieren Kartelle viele Gemeinden in Chiapas. Gewalt und Mord sind an der Tagesordnung. Diese Verbrechen bleiben in der Regel straffrei, in den lokalen Behörden herrscht viel Korruption. Das Amt des*der Gemeindepräsident*in – vergleichbar mit einem Bürgermeisteramt – ist in vielen Gemeinden von Politiker*innen besetzt, die mit den örtlichen Kriminellen verbandelt sind. Die Narcos sorgen mit Gewalt dafür, dass die ihnen genehmen Kandidierenden gewählt werden. Wer es wagt, sich zu beschweren, muss um sein Leben fürchten.

Auch in Pantelhó sorgte die örtliche Bande Los Herrera dafür, dass bei den Lokalwahlen in Chiapas Anfang Juni 2021 der ihr genehme Kandidat Raquel Trujillo Morales „gewählt“ wurde. Einige Einwohner*innen beschwerten sich nach der Wahl mit einem Brief bei der Regierung von Chiapas. Kurz darauf, Anfang Juli, wurde der bekannte indigene Aktivist Simón Pedro Pérez López, der sie unterstützt hatte, auf offener Straße erschossen.

El Machete hatte sich wohl schon länger im Verborgenen organisiert. Doch der Mord an López scheint für die Gruppe das auslösende Ereignis gewesen zu sein, in die Öffentlichkeit zu treten und gegen den Terror der Narcos zu agieren. Sie vertrieb die Herreras mit Gewalt, dazu die noch amtierende Gemeindepräsidentin und ihren, mit ihr verheirateten, „gewählten“ Nachfolger. Vertreter*innen Pantelhós und der zugehörigen Gemeinden versammelten sich daraufhin, um nach ihren eigenen, indigenen Gebräuchen einen Gemeinderat als Regierung zu bestimmen.

Die mexikanische Verfassung erkennt das Recht indigener Gemeinden auf eine gewisse Autonomie an. Daher wurde die Wahl in Pantelhó akzeptiert – aber die Wahl von Trujillo Morales trotzdem nicht rückgängig gemacht. Am 1. Oktober, an dem die neuen Gemeindepräsident*innen in Chiapas ihre Ämter antraten, schwor er sich aus dem Exil heraus selbst ein. Die Einwohner*innen Pantelhós protestierten. Und schließlich hob der Kongress von Chiapas seine Immunität auf. Die Begründung: Mordverdacht.

Pantelhó scheint die neu gewonnene Autonomie bislang gegen die Kartelle verteidigen zu können. Und dazu ist Gewalt nicht ihr einziges Mittel; sie suchen auch den Dialog mit regionalen Behörden. El Machete betont, nicht gegen den Staat zu sein, sondern gegen das organisierte Verbrechen.

Staatsgewalt gegen Indigene

Trotzdem verurteilt Andrés Manuel López Obrador, Präsident Mexikos, die bewaffnete Selbstjustiz. Keine Unsicherheit könne rechtfertigen, dass Zivilist*innen sich bewaffnen. Er pocht auf das Gewaltmonopol des Staates. Doch indigene Gemeinden erhalten selten staatliche Unterstützung gegen paramilitärische Gruppen und/oder Drogenkartelle. Im Gegenteil ist staatliche Gewalt oft sogar selbst ein Problem. Die in Chiapas ansässige Menschenrechtsorganisation Fray Bartolomé de Las Casas A.C. berichtet zum Beispiel über Fälle von Polizeigewalt gegen Indigene, darunter auch Folter.

Außerdem ignoriert auch die oberste Ebene des Staats häufig indigene Rechte. Große Infrastrukturprojekte sollen strukturschwache Regionen wie Chiapas wirtschaftlich fördern. Indigenen bringen diese wenig Nutzen, dafür aber viel Ärger. Eines der größten und umstrittensten Projekte ist der Tren Maya, eine Zugstrecke durch die Halbinsel Yucatán. Teile der Strecke sollen auch durch Chiapas verlaufen. Das Projekt droht, Natur und indigenes Territorium zu zerstören. Statt Arbeitsplätzen bringt es den Einwohner*innen den Verlust ihrer Lebensgrundlage.

Mexiko hat die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu den Rechten indigener Völker ratifiziert und müsste somit eigentlich die Prinzipien zur freien, vorherigen und informierten Konsultation und Zustimmung einhalten. Davon kann beim Tren Maya aber keine Rede sein – stattdessen treibt die Regierung das Projekt aggressiv voran, Gegner*innen attackiert Lopéz Obrador scharf und stellt ihre Bedenken in Abrede.

Trotzdem ist bewaffnete Selbstjustiz problematisch. Prinzipiell besteht bei paramilitärischen Gruppen immer das Risiko, selbst zum Problem zu werden. Wer kann sie für Verbrechen sanktionieren? Wer stoppt sie, wenn ihre Gewalt exzessiv wird? Auch gegen El Machete bestehen bereits besorgniserregende Vorwürfe: etwa ein Mord und die Entführung von 21 Personen.

Der SPIEGEL meldet, dass El Machete sich zu dem Mord am Staatsanwalt für indigene Gerechtigkeit in San Cristóbal de Las Casas im August 2021 bekannt hätte. Dagegen spricht jedoch, dass die Behörden als verdächtigen Auftraggeber des Mordes den mutmaßlichen Kopf der organisierten Kriminalität in Pantelhó verhaftet haben. Die 21 Personen sind verschwunden, seit ein Mob in Pantelhó Häuser durchsuchte, teils niederbrannte und diejenigen festnahm, die für Narcos oder mit ihnen verbandelt gehalten wurden. El Machete streitet jede Verantwortung für das Verschwinden der Menschen ab. Aber der Verdacht bleibt bestehen.

In welche Richtung wird sich Pantelhó entwickeln? In Mexiko gibt es bereits positive Beispiele für indigene Autonomie: die Gemeinde Cherán in Michoacán beispielsweise regiert sich seit mehr als zehn Jahren erfolgreich autonom. Auch die zapatistischen Gemeinden – mittlerweile nicht mehr gegen den Staat kämpfend – verwalten sich erfolgreich selbst. Die Zeit wird zeigen, ob Pantelhó in Zukunft ebenfalls zu den positiven Beispielen gehören kann – oder ob sich nur der Urheber der Gewalt geändert hat.

 

[Die Autorin]
Theresa Luedtke studiert Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie interessiert sich insbesondere für Friedens- und Konfliktforschung.



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