Zwei verheerende Kriege führte die russische Regierung in Tschetschenien. Mit blanker Gewalt erstickte sie die Hoffnung auf Unabhängigkeit der Republik. Bis heute sichert Wladimir Putin seine Macht dort durch Brutalität. Im Krieg um die Ukraine formieren sich nun Tschetschen*innen auf beiden Seiten – und führen auch den Kampf aus der Vergangenheit weiter.

Von Kaan Orhon

Karte der Ukraine mit den von Russland annektierten Gebieten und den Separatistengebieten (Stand: 21. Februar 2022, also drei Tage vor Kriegsbeginn)
Foto: NordNordWest using Ukraine adm location map/Wikipedia CC BY-SA 3.0de

Am 24. Februar 2022 haben russische Truppen auf Befehl Wladimir Putins die Ukraine überfallen. Bomben fallen seither immer wieder auf die Hauptstadt Kyjiv und andere ukrainische Städte. Tausende Menschen sind tot, Millionen auf der Flucht – vor allem in die Nachbarländer, aber auch nach Deutschland. Hier und in ganz Europa stehen viele Menschen förmlich unter Schock. Dass Krieg in Europa „im Jahr 2022 wieder möglich“ ist, können viele scheinbar nicht glauben. Solche Reaktionen kann aber nur zeigen, wer die Geschichte Putins und seiner Herrschaft nicht kennt oder wer bewusst die Augen vor ihr verschließt. Der Aufstieg des ehemaligen Agenten des sowjetischen In- und Auslandsgeheimdiensts KGB zum autokratischen Herrscher Russlands erfolgte über die Leichen zehntausender Ermordeter in Tschetschenien.

Als Premierminister unter Boris Jeltsin befahl Putin 1999 den Einmarsch russischer Truppen in das de facto unabhängige Tschetschenien. Sie machten zivile Wohngebiete dem Erdboden gleich, bombardierten Flüchtende, folterten und ermordeten Gefangene. Bis zum offiziellen Ende des Krieges im Jahr 2009 wurden bis zu 80.000 Menschen getötet, Hunderttausende misshandelt, vergewaltigt oder vertrieben. Dennoch lud die damalige Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Putin im Herbst 2001 ein, vor dem Bundestag zu sprechen und seinen unmenschlichen Angriffskrieg gegen die Tschetschen*innen als Teil des globalen Krieges gegen den Terror zu präsentieren. „Anhaltender Beifall Die Abgeordneten erheben sich“, hält das Transkript der Rede auf der Internetseite des deutschen Bundestages am Ende fest. Zwei Jahre später, 2003, bezeichnen die Vereinten Nationen die tschetschenische Hauptstadt Grosny als die am schwersten zerstörte Stadt der Welt.

Putins Krieg war bereits der zweite russische Krieg gegen die kleine Kaukasusrepublik. Aber schon der erste Krieg von 1994 bis 1996, der mit einem militärischen Sieg der Unabhängigkeitsbewegung geendet hatte, war von enormer Grausamkeit geprägt gewesen. Damals hatte die Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ihre Stimme gegen die verbrecherische Kriegsführung erhoben und von einem schleichenden Völkermord gesprochen.

Herrscher von Putins Gnaden: Ramzan Kadyrow (rechts) regiert als Präsident der russischen autonomen Republik Tschetschenien willkürlich und brutal – und er ist Putins Mann fürs Grobe.
Foto: kremlin.ru/Wikipedia CC BY 4.0

Herrscher von Russlands Gnaden

Nachdem es ihm gelungen war, mit dem zweiten Krieg die russische „Ordnung“ in Tschetschenien wiederherzustellen, setzte Putin anstelle der gewählten Regierung einen neuen Machthaber ein: einen Überläufer aus den Reihen der Aufständischen namens Ahkmed Kadyrow. Nach dessen Tod im Mai 2010 bei einem Attentat folgte ihm später sein Sohn Ramzan nach, der Tschetschenien bis heute mit brutaler Gewalt regiert. Jede Regung der Unabhängigkeit erstickt er gnadenlos. Dafür lässt ihn Putin walten, wie es ihm beliebt und finanzierte den Wiederaufbau der Republik und Kadyrows Machtapparat aus dem föderalen Budget.

Unter Kadyrow hat Tschetschenien traurige Berühmtheit erlangt als einer der schlimmsten Orte auf der Welt für LGBT*- (homo- und bisexuelle, transgender und andere) Personen. Oppositionelle und Kritiker*innen des Regimes wurden ermordet, so etwa 2009 die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa. Und der Schrecken endet nicht an Tschetscheniens Grenzen: Ein undurchsichtiges Geflecht aus russischen Geheimdiensten und den privaten Mordkommandos Kadyrows bringt in Russland, der EU, der Türkei und im Nahen Osten unbequeme Stimmen zum Schweigen. In den vergangenen 20 Jahren sind dutzende Kritiker*innen Kadyrows und der russischen Tschetschenien-Politik ermordet worden. Aufsehen in Deutschland erregte der Mord an dem ehemaligen tschetschenischen Kämpfer Selimchan Changoschwili in Berlin im August 2019. Viele Angehörige der großen tschetschenischen Diaspora in der Türkei, im Nahen Osten und in Europa leben in einem Zustand ständiger Bedrohung.

Doch nicht nur durch individuelle Morde zeigt sich der Herrscher von Putins Gnaden bei seinem Meister erkenntlich: In den Jahren seit seiner Machtübernahme hat Kadyrow einen militärischen Apparat (die sogenannten „Kadyrowzy“) aufgebaut, der formal in die russischen Militärstrukturen integriert ist. In Wahrheit fungiert er aber als Kadyrows Privatarmee. Diese Einheiten beteiligten sich an Russlands Kriegen in Georgien, Syrien und im Donbass. Am Tag nach der russischen Invasion ließ Kadyrow seine Kämpfer in Grosny aufmarschieren und verkündete, er werde 10.000 von ihnen in die Ukraine schicken.

Auch wenn diese Zahlen stark übertrieben sind – vermutlich sind weniger als 3.500 Kadyrowzy am Angriff auf die Ukraine beteiligt – wird ihnen große Aufmerksamkeit zuteil. Die Kadyrowzy gelten als besonders effektive, aber auch grausame und rücksichtslose Kämpfer. Vermutlich nutzt der Kreml diesen Ruf auch zur psychologischen Kriegsführung. In dieser Betrachtung schwingen aber auch seit den Tschetschenienkriegen in der russischen Gesellschaft vorhandene rassistische Narrative gegenüber Menschen aus dem Nordkaukasus als „Banditen“ mit. Darüber hinaus gilt, dass Verluste in ihren Reihen, wie auch unter anderen Minderheiten, ausländischen Kämpfern oder privaten Militärfirmen wie der „Wagner-Gruppe“, für die russische Öffentlichkeit nicht von Bedeutung sind und sich so weniger negativ auf die gesellschaftliche Unterstützung für den Krieg auswirken.

Bilder der Verwüstung gehen bereits in den ersten Wochen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine um die Welt. Dieses ehemalige Einkaufszentrum im kyjiver Distrikt Podilskyi wurde am 20. März 2022 bombardiert.
Foto: Kyivcity.gov.ua/Olexiy Samsonov/Wikipedia CC BY 4.0

Aufeinandertreffen in der Ukraine

Es gehört zum tragischen Vermächtnis von Jahrzehnten russischer Gewaltpolitik im Kaukasus, dass im aktuellen Krieg in der Ukraine nun auch Tschetschen*innen gegen Tschetschen*innen kämpfen. Denn während sich die Berichterstattung vor allem auf die Kadyrowzy konzentriert, gibt es auch Verbände von Diaspora-Tschetschen*innen, die bereits seit 2014 auf der Seite der Ukraine kämpfen. Sie begreifen den Krieg im Donbass und nun im ganzen Land als eine Fortsetzung ihres eigenen Kampfes gegen Russland und Kadyrow. Außerdem empfinden viele von ihnen eine Verbundenheit mit der Ukraine: Während des ersten Tschetschenienkrieges fanden Geflüchtete aus Tschetschenien dort Aufnahme, wenn auch nicht immer Sicherheit: 1996 war der berühmte tschetschenische Musiker Imam Alimsultanow in der Stadt Odessa, wo er Konzerte gab, um Geld für Opfer des Krieges zu sammeln, vermutlich vom russischen Geheimdienst ermordet worden. Auch waren Freiwillige aus der gerade seit drei Jahren unabhängigen Ukraine nach Tschetschenien gegangen, um an der Seite der Unabhängigkeitsbewegung zu kämpfen.

Nun, fast dreißig Jahre später, kämpfen Tschetschen*innen in ukrainischen Verbänden gegen die russische Invasion – und damit auch gegen jene Angehörige ihres eigenen Volkes, die auf der Seite Russlands stehen. In der Ukraine gründeten sie zwei Einheiten: die eine benannt nach Scheich Mansur, einem der Führer des antikolonialen Widerstandes im Kaukasus im 19. Jahrhundert; die andere nach Dzokhar Dudajew, dem ersten Präsidenten Tschetscheniens nach der de facto Unabhängigkeit in den 1990er Jahren.

Der erste Kommandant des Dudajew-Bataillons war Isa Munajew. Der ehemalige Polizeibeamte hatte im zweiten Tschetschenien-Krieg zu den Verteidiger*innen von Grosny gehört. Nach dem Krieg lebte er als Teil der europäisch-tschetschenischen Diaspora in Dänemark, ging aber kurz nach Ausbruch des Konfliktes in den Donbass; 2015 fiel er in den Kämpfen um die ostukrainische Stadt Debalzewe. Eine weitere Angehörige der Einheit war die in der Ukraine geborene polnisch-tschetschenische Ärztin Amina Okujewa. Auch sie hatte in Tschetschenien gekämpft. Später kehrte sie in die Ukraine zurück, wo sie sich ab 2013 zunächst an der friedlichen Revolution, dem Euromaidan, beteiligte. Ab 2014 kämpfte sie an der Front im Osten. 2017 wurde sie in der Nähe von Kyjiv ermordet. Seit 2020 trägt eine Straße der ostukrainischen Stadt Dnipro ihren Namen.

Der Witwer Okujewas, Adam Osmajew, ist heute der Kommandant des Dudajew-Bataillons und kämpft gegen die russische Invasion. Am Beginn des Krieges wendete er sich in einem YouTube-Video an die ukrainische Bevölkerung, um ihnen zu versichern, dass die Milizen des Gewaltherrschers Kadyrow nicht das tschetschenische Volk repräsentierten. Die „wahren Tschetschenen“ würden Seite an Seite mit den Ukrainer*innen für ihre Freiheit kämpfen.

Kadyrow sind die pro-ukrainischen Exilant*innen ein besonderer Dorn im Auge, repräsentieren sie doch eine lebende Kritik an seiner Herrschaft und der offiziellen Geschichtsschreibung, nach der Putin ein Gönner und Freund Tschetscheniens sei. In vertraut martialischer Art hat er ein „Kopfgeld“ auf sie ausgesetzt. Doch unter der Oberfläche scheint sich Unsicherheit bemerkbar zu machen: Kadyrow und weitere Verantwortliche seines Regimes sollen in aller Heimlichkeit Mitglieder ihrer Familien aus Tschetschenien ausgeflogen und in Dubai in Sicherheit gebracht haben. Dies könnte ein Anzeichen sein, dass sie Instabilität befürchten.

Entgegen der Inszenierung ist der Angriff auf die Ukraine in der Bevölkerung der autonomen Republik Tschetschenien nicht populär – und die zu erwartenden Todesfälle von jungen, in den Krieg geschickten Männern könnten zu Unruhen führen. Auch fehlen die in der Ukraine kämpfenden Kräfte nun im eigenen Land. Und jede auch nur vermutete Schwächung des Unterdrückungsapparates könnte die Opposition ermuntern.

Noch ist es zu früh, um von einem möglichen neuen Aufstand im Nordkaukasus zu sprechen. Doch sollte es zu einem solchen kommen, so wäre er ein weiteres Kapitel der Geschichte der russischen Gewalt in Tschetschenien, mit der Wladimir Putins Aufstieg zur totalen Macht begann. Es bleibt die Hoffnung, dass die Welt unter dem Eindruck der Bilder aus der Ukraine diesem dieses Mal anders begegnen würde.

 

[Der Autor]

Kaan Orhon ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker. Der Ausbruch des zweiten Tschetschenien-Krieges 1999 markierte den Beginn seines Interesses an Menschenrechtsfragen; Tschetschenien und der Kaukasus blieben seither zentraler Gegenstand seiner menschenrechtlichen und politischen Arbeit.



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