Vermummte Jugendliche bewachen im Juni 2011 die Straßen von Cherán, um Vergeltungsmaßnahmen durch Kartelle oder illegale Holzfäller zu verhindern.
Foto: Eneas De Troya/Wikipedia BY 2.0

 

 

Von Anton Eickel

 

Cherán, eine Stadt mit rund 20.000 Einwohner*innen in der Meseta Purépecha, einer Hochebene im mexikanischen Bundesstaat Michoacán, steht für eine bedeutende Geschichte des Widerstands. Während Michoacán zu den gefährlichsten Regionen des Landes zählt, geprägt von Kartellen, Korruption und Gewalt, gelingt es der indigenen Bevölkerung Cheráns, ein gallisches Dorf zu errichten – mit Mut, kollektiver Organisation und einer Rückbesinnung auf ihre eigenen Traditionen.

 

Leben im Schatten der Kartelle

Ab 2006 breitet sich die Macht der organisierten Kriminalität in Cherán massiv aus. Gewaltvolle Kartelle übernehmen Schritt für Schritt die Kontrolle über das Leben in der Stadt. Sie infiltrieren die lokale Polizei, kaufen oder bedrohen Politiker*innen und nutzen die institutionelle Schwäche des Staates aus.

Ihr Fokus liegt nicht nur auf Drogenhandel und Schutzgelderpressung, sondern auch auf den natürlichen Ressourcen der Region. Vor allem die Wälder Cheráns werden zum Ziel. Bewaffnete Holzfäller roden im Auftrag der Kartelle ganze Landstriche. Innerhalb weniger Jahre verliert Cherán über 70 Prozent seiner Waldbestände. Was für die Kartelle ein Geschäft ist – Holzverkauf, Geldwäsche, spätere Nutzung der Böden für lukrative Avocado-Plantagen – bedeutet für die indigene Bevölkerung den Verlust der Lebensgrundlage, ihrer Einkommensquelle und nicht zuletzt ihres kulturellen Erbes.

Schließlich eskaliert die Gewalt: Entführungen, Erpressungen und Morde prägen den Alltag – über die Jahre werden mindestens 16 Menschen getötet, sechs weitere verschwinden. Cherán scheint wie unter einer Besatzung. Die Bevölkerung lebt in einem permanenten Klima der Angst, während Polizei und Behörden wegsehen – oder direkt mit den Kartellen kooperieren.

 

Misstrauen gegenüber Polizei und Behörden

Das daraus resultierende Misstrauen gegenüber den staatlichen Sicherheitsorganen spiegelt eine landesweite Realität wider: Minderheiten und Indigene Völker leiden in Mexiko wie in vielen anderen Ländern unter Polizeibrutalität, Diskriminierung und institutionellem Rassismus. Studien zeigen, dass Indigene ein besonders geringes Vertrauen in die Polizei haben und diese oft nicht als Schutz-, sondern als Bedrohungsfaktor wahrnehmen. In Cherán ist diese Erfahrung besonders drastisch, da die Polizei direkt mit den Kartellen kollaboriert und damit jede Legitimität verliert.

 

Der Aufstand beginnt – Frauen an vorderster Front

Am 15. April 2011 kommt es zur Wende. Als illegale Holzfäller beginnen, eine für Cherán lebenswichtige Wasserquelle zu bedrohen, greifen die Frauen der Stadt ein. Früh am Morgen läuten sie die Kirchenglocken, entzünden Feuerwerk und rufen ihre Nachbar*innen zusammen. Gemeinsam stoppen sie mehrere Lkw voller Holz, nehmen die Fahrer gefangen und setzen die beladenen Fahrzeuge in Brand.

Innerhalb weniger Stunden schließen sich viele Bewohner*innen der Stadt dem Aufstand an. Der Versuch der Polizei, zusammen mit den Kartellen die Gefangenen zu befreien, scheitert. Schließlich fliehen nicht nur die Kriminellen, sondern auch Polizei, Bürgermeister und andere lokale Autoritäten.

Die Einwohnerschaft Cheráns beginnt, sich selbst zu organisieren. An allen Eingängen zur Gemeinde werden Barrikaden errichtet, an jeder Straßenecke entzündet man fogatas – Feuerstellen, die als Wachposten dienen. Doch sie werden schnell mehr als das: soziale Orte, an denen Nachbar*innen zusammenkommen, Erfahrungen teilen, politische Ideen entwickeln und ihre Zukunft neu zu denken beginnen.

„Sicherheit, Gerechtigkeit und Verteidigung der Wälder“. Unter diesem Leitspruch formiert sich eine ethno-politische Bewegung, die radikale Beschlüsse fasst: Alle politischen Parteien, staatlichen Behörden und Wahlen werden aus der Stadt verbannt. Stattdessen will man eine neue Regierungsform schaffen, basierend auf den Traditionen der Purépecha – auf den lokalen usos y costumbres (Gebräuchen und Sitten).

Juristisch ist dies möglich, wenn auch bisher nur theoretisch. Die mexikanische Verfassung sieht vor, dass Gemeinden mit indigener Mehrheit das Recht auf Selbstverwaltung beanspruchen können, sofern sie ihre eigenen Gebräuche und Sitten zur Grundlage machen. Cherán beschreitet diesen Weg und wird damit zur ersten offiziell autonomen Gemeinde des Landes – und zu einem Präzedenzfall.

 

Basisdemokratie und neue Sicherheitsstrukturen

Die neuen Strukturen basieren auf kollektiver Entscheidungsfindung. In Nachbarschaftsversammlungen werden Delegierte bestimmt, die wiederum thematische Räte und den Ältestenrat (Consejo Mayor) wählen. Letzterer gilt als moralische Autorität der Gemeinde. Entscheidungen werden nicht geheim, sondern öffentlich getroffen. Alle Mandatsträger*innen müssen ihre Arbeit regelmäßig vor der Gemeinschaft rechtfertigen.

Auch im Bereich der Sicherheit geht Cherán eigene Wege. Die Einwohner*innen gründen die Ronda Co-munitaria, eine Selbstverteidigungseinheit, die zunächst aus etwa 60 freiwilligen Männern und Frauen besteht. Sie rüsten sich mit Waffen aus, organisieren Patrouillen und bewachen die Checkpoints an den Stadteingängen. Die Ronda folgt damit einer langen Tradition: Schon im 20. Jahrhundert existierten ähnliche Ge-meinschaftseinheiten, die aus der Purépecha-Kultur hervorgingen – heute werden diese Praktiken wiederbelebt und angepasst.

 

Gewählte Rondines statt Polizei

Entscheidend ist, dass Sicherheit in Cherán nicht als Dienst einer Institution, sondern als Gemeinschaftsaufgabe verstanden wird. Über Nachbarschaftsversammlungen können Bewohner*innen direkt Einfluss auf die Ronda ausüben, Kritik und Beschwerden einbringen und sogar über den Verbleib oder Ausschluss einzelner Rondines – so werden die Mitglieder der Polizeieinheit bezeichnet – entscheiden. Diese starke Partizipation unterscheidet das Modell grundlegend von der staatlichen Polizei: Die Menschen sind nicht nur Objekte von Sicherheitspolitik, sondern aktive Mitgestalter*innen derselben.

Alle Rondines stammen aus Cherán selbst und werden von den fogatas, den nachbarschaftlich-organisierten Wachposten, gewählt. Neben der Ronda entstand zudem die Gruppe der Guardabosques, die speziell den Schutz der Wälder übernehmen.

Damit ist ein einzigartiges Sicherheitsmodell entstanden: Es basiert auf Transparenz, direkter Partizipation und gegenseitiger Verantwortung. Alle tragen zur Sicherheit bei, indem sie sich umeinander kümmern, Informationen austauschen und wachsam bleiben. Sicherheit wird nicht einfach an die neue Polizei delegiert, sondern kollektiv organisiert.

Zentrale Verteidigungs- und Alarmpunkte in der Selbstverwaltung von Cherán sind die so genannten fogatas. Foto: Eneas De Troya/Wikipedia BY 2.0
Das Zentrum von Cherán. Foto: Eneas De Troya/Wikipedia BY 2.0

 

Vom Ausnahmezustand zur Sicherheit

Die Bilanz dieser Selbstorganisation ist beeindruckend. Nach Jahren der Angst gilt Cherán heute als eine der sichersten Städte Mexikos. Die Mordrate ist die niedrigste im gesamten Bundesstaat. Entführungen, Erpressungen und gewaltsames Verschwinden sind im Alltag nicht mehr zu finden.

Die Stadt hat begonnen, ihre Wäl-der wieder aufzuforsten. Landwirtschaftliche Flächen werden zurückgewonnen, Straßen füllen sich wieder mit Leben. Kinder spielen im Freien, Feste finden statt, und auch nachts kehrt das soziale Leben in die Gemeinde zurück.

 

 

Unser Autor Anton Eickel in Cherán im Jahr 2024. Foto: Génesis Cornelio Cerino

Ein fragiles Modell – und ein Vorbild

Trotz aller Erfolge bleibt die Gefahr real. Die Kartelle sind weiterhin in der Region aktiv und die Furcht vor einem erneuten Eindringen in das autonome Gebiet ist allgegenwärtig. Und tatsächlich greifen im Juli dieses Jahres bewaffnete Gruppen die Gemeinde an und töten ein Mitglied der Ronda Comunitaria. Dennoch gelingt es dank der schnellen und effektiven Reaktion der Rondines, Cherán erfolgreich zu verteidigen.

Die Geschichte der Stadt zeigt, dass indigene Gemeinschaften, die anderswo unter Diskriminierung, Polizeigewalt und Unsicherheit leiden, eigene Sicherheitsmodelle entwickeln können – und damit erfolgreicher sind als staatliche Strukturen. Mit Mut, Solidarität und kollektiver Selbstorganisation hat sich Cherán aus dem Würgegriff von Gewalt und Korruption befreit – und ein einzigartiges Beispiel ge-schaffen, das weit über Mexiko hinausstrahlt.

[Info]

Anton Eickel studiert Friedens- und Konfliktforschung und hat ein Praktikum bei der Gesellschaft für bedrohte Völker absolviert. Nach dessen Ende schreibt er weiter für die „Für Vielfalt“.


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