
Menschenrechtsaktivist, Dokumentarfilmer und Holistic-Security-Trainer Peter Steudtner.
Foto: PANPHOTOS.COOPERATIVE
Peter Steudtner ist Menschenrechtsaktivist, Dokumentarfilmer und Holistic-Security-Trainer. 2017 wurde er während eines Workshops in der Türkei festgenommen und verbrachte 113 Tage unschuldig in Untersuchungshaft – der Vorwurf: Vorbereitung eines Umsturzes. Über die Erfahrungen im türkischen Gefängnis, den Verräter in der Hosentasche und die Frage, wer sich Gedanken um die eigene Sicherheit machen sollte, sprachen wir per Signal. Warum? Die Auflösung steckt in der Überschrift und im Interview …
Von Holger Isermann
Peter, auf eurer Internetseite schreibt ihr, dass Menschenrechtler*innen akzeptieren müssen, nicht vollständig sicher zu sein. Das heißt, wer sich engagiert, begibt sich damit, je nachdem, wo er lebt, automatisch in Gefahr?
Wir begeben uns unabhängig vom Wohnort immer in Gefahr, wenn wir uns politisch engagieren. Denn es gibt überall Menschen, die unsere Haltung verurteilen, die rassistisch oder demokratiefeindlich sind. Natürlich ist die Gewalt, der Menschenrechtsaktivist*innen oder Journalist*innen im Sudan oder in Kolumbien ausgesetzt sind, eine andere als in Ungarn oder Deutschland. Aber auch hier gibt es Repressionen, wenn man sich beispielsweise pro-palästinensisch engagiert.
Welchen Gefahren oder Bedrohungen sind Menschenrechtler*innen denn besonders häufig ausgesetzt und hat sich das verändert?
In den letzten Jahren hat insbesondere die Verknüpfung von digitalen mit physischen Gefahren stark zugenommen, weil unsere Kommunikation sich auf Geräte wie das Smartphone verschoben hat. Das sind die Verräter in unserer Tasche. Denn viele Regierungen oder Aggressoren nutzen intensiv Spionagesoftware, um so lange Daten zu sammeln, bis es sich lohnt, jemanden juristisch zu verfolgen oder aus der Welt zu räumen. Die digitale Welt ist das Einfallstor geworden, um physisch zuschlagen zu können.
Du verfolgst einen holistischen Sicherheitsansatz. Dazu gehört wahrscheinlich eben jene Erkenntnis, dass Sicherheit schon auf dem Smartphone beginnt und nicht erst, wenn Vermummte vor der eigenen Haustür stehen, oder?
Ja. Der ganzheitliche Sicherheitsansatz von Holistic Security stammt aus den feministischen Bewegungen, die körperliche Sicherheit, emotionales Wohlbefinden, digitale und juristische Aspekte immer zusammen gedacht haben. Im Menschenrechtsbereich war das lange anders und in Vorbereitungskursen für Einsätze im Kriegsgebiet wurden viele Aspekte ausgeblendet. Auch viele von uns Trainer*innen haben Fehler gemacht, weil sie nur auf einen Bereich spezialisiert waren. In den Jahren 2012 bis 2015 gab es glücklicherweise Bestrebungen von Organisationen wie Frontline Defenders, Access Now, Tactical Tech und anderen, daran etwas zu ändern und Sicherheit integrierter zu behandeln. Heute schauen wir sehr systematisch, wo konkret die Risiken liegen, und können darauf eingehen.

Das heißt, es ist auch kein Zufall, dass wir jetzt über den Messaging-Dienst Signal sprechen?
Definitiv nicht. Ich benutze schon manchmal WhatsApp, wenn in bestimmten Regionen andere Programme nicht verfügbar sind, aber diese kommerziellen Apps teilen einfach sehr viele Metadaten über uns – zum Beispiel mit den Behörden oder anderen potenziellen Angreifern. Also ist es unser Ansatz, die Shrinking Spaces wieder zu erweitern, indem wir dem nicht tatenlos zusehen, sondern uns zum Beispiel digitale Freiräume erarbeiten.
Das klingt nach Selbstermächtigung statt Ohnmacht …
Auf jeden Fall. Vielleicht können wir nicht in den nächsten zwei Tagen ein repressives Regime stürzen, aber wir können uns den Atem verschaffen, um die nächsten 20 Jahre durchzuhalten. Dazu gehört auch, Tools zu benutzen, die frei verfügbar und vielleicht nicht so schick poliert sind, wie die kommerziellen. Dafür holen wir uns mit ihnen die digitale Souveränität von den großen Tech-Konzernen zurück, weil wir beispielsweise unseren Server selbst abstellen können, wenn er bedroht ist. Das fühlt sich gut an und es hat in der Tat etwas Ermächtigendes.
Sicherheit in eurem Sinne heißt also nicht, Menschen zu erklären, wie man Pfefferspray einsetzt …
Das kann es auch bedeuten. Es kommt immer darauf an, was die jeweiligen Menschenrechtsverteidiger*innen oder Journalist*innen brauchen. Als Holistic Protection Collective, mit dem wir vor allem EU-weit unterwegs sind, haben wir auch Partner*innen, die in Selbstverteidigung unterrichten oder bewaffneten Personenschutz übernehmen, wenn es entsprechende Bedrohungen gibt.
Ihr verfolgt den „Do no harm“-Ansatz, den man vor allem aus der Entwicklungszusammenarbeit kennt. Was bedeutet er für die Sicherheit?
Unsere Ausgangsbasis für alle Trainings ist, dass die Menschen es bislang geschafft haben, zu überleben. Auf dieses Überlebenswissen bauen wir auf und überlegen gemeinsam, was dazu passt. Wir überreden also niemanden, bestimmte Schutzmechanismen zu ergreifen oder Plattformen zu nutzen, sondern sagen immer: Euer Kontext ist das, was zählt! Denn ihr müsst euch damit wohlfühlen.
Das ist ein gutes Stichwort. Von außen betrachtet sind viele Menschenrechtsaktivist*innen mutig, unbeugsam, setzen möglicherweise ihr Leben für die Sache aufs Spiel. Aber wie sieht es im Inneren aus? Wie viel Stress und Trauma findet sich dort?
Das Stresslevel ist bei Menschen, die sich solchen Gefahren aussetzen und darauf beharren, gegen jeden Widerstand bei der Wahrheit zu bleiben, natürlich sehr hoch. Das sind oft spezielle Persönlichkeiten, Querköpfe, die aus meiner Sicht auch mehr aushalten als andere. Gleichzeitig bleibt äußerer und innerer Druck nicht ohne Folgen. Deshalb sind wir momentan in vielen Bewegungen auf dem Weg zu sagen: „Care is resistance.“






Zeichnungen aus Steudtners Tagebuch, das er in der türkischen Haft geführt hat.
Fotos: Peter Steudtner
Der Spruch steht als Motto in deinem Signal-Account …
Genau, das ist eines meiner Mantras. Wenn wir uns umeinander kümmern oder ich eine Auszeit nehme, ist das Teil des Widerstands, weil ich dadurch mich und die Gemeinschaft stärke. Wir brauchen Kraft und einen langen Atem.
Fällt das nicht gerade dem klassisch maskulin geprägten Widerstandskämpfer schwer?
Na klar, da schlagen unsere Männlichkeiten voll durch. Unser Aktivismus-Bild ist eines von 24/7, aber jede*r muss einmal ihre oder seine Akkus aufladen und sollte dafür keine schrägen Blicke erhalten. Es findet hier auch viel Selbstzensur statt, weil die Menschen glauben, dass es in der Menschenrechtsarbeit keinen Platz für Gefühle gibt. Und da ist antipatriarchale oder feministische Arbeit total wichtig. Ich bin weiß, männlich, über 50. Das ist sicherlich kein Qualitätsmerkmal für sensible solidarische Sicherheits- oder Care-Arbeit, aber ich befinde mich da in Selbstreflexionsschleifen: Raus aus der Männlichkeit, rein ins Scheitern und wieder zurück.
Was ist, wenn es zu körperlicher Gewalt kommt, wenn Menschen im Gefängnis landen, sogar Folter ausgesetzt sind. Kann man so etwas trainieren, sich darauf vorbereiten?
Absolut. Ich habe die Erfahrung selbst gemacht, als ich 2017 während eines Sicherheitstrainings in der Türkei festgenommen wurde. All das, was ich vorher von anderen Menschenrechtsaktivist*innen gelernt habe – zur Selbstfürsorge, darüber wie Festnahmen ablaufen und wie ein Gefängnis funktioniert, war eine gute Vorbereitung.
Kannst du das genauer beschreiben?
Mini-Yoga-, Finger- oder Atemübungen schützen zwar nicht vor Folter oder Misshandlung, aber diese Körperarbeit gibt Kraft und hilft auch nach der Zeit im Gefängnis, den dort erlebten Kontrollverlust zu verarbeiten, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Hat dich im Gefängnis oder während der Festnahme trotzdem etwas überrascht, was du heute in deinen Trainings weitergibst?
Den ersten Überraschungsmoment gab es schon während der Festnahme. Nach rund vier Stunden Befra-gungen saßen wir noch mit allen Habseligkeiten und Dokumenten im Trainingsraum. Überall um uns herum Polizei, wir durften unsere Plätze nicht verlassen. Da schaute eine Trainingsteilnehmerin auf den Flipchart sowie auf die Uhr an der Wand und sagte: „Ach Peter, eigentlich ist ja gerade Zeit für Entspannungsübungen. Kannst du mit uns was machen?“ Damit hat sie mich aktiviert. Ich war total eingefroren und konnte mich so innerlich wieder in eine Form des Widerstands begeben. Also haben wir gemeinsam Fingerübungen gemacht. Eine ganz ähnliche Situation habe ich auch im Anti-Terror Gewahrsam des Istanbuler Polizeihauptquartiers erlebt.
Was ist dort passiert?
Wir durften mehrmals am Tag einige Minuten auf einem Gang im Kreis laufen. Für alle Mitgefangenen war klar, dass man dazu die Hände auf den Rücken nimmt und auf den Boden schaut. Ich habe mich gefragt, warum das so sein muss. Wir haben uns mit dieser Körperhaltung noch kleiner gemacht, so als wenn wir schon verurteilt gewesen wären. Also habe ich einen Mitinsassen gefragt, der Englisch sprach und übersetzen konnte. Es stellt sich heraus, dass es keine Anweisung der Wärter gegeben hat, sondern alle einfach sicher waren, dass man das im Gefängnis eben so mache. Also habe ich die anderen ermutigt, die Hände vom Rücken zu nehmen und uns gegenseitig anzuschauen. Plötzlich gab es Blicke, Gelächter und die Wärter haben uns gewähren lassen.
Ihr habt euch selbst im Gefängnis Räume zurückerobert …
Genau. Ebenso wichtig war für mich, die Langeweile zu füllen. Die ersten Wochen hatte ich keinen Stift, kein Papier, nichts zu lesen. Also habe ich aus den Einwegwasserflaschen Jonglierbälle gebaut. Aus den Banderolen der Flaschen haben wir kleine Bändchen geflochten und damit unsere Hosen fixiert. Denn aufgrund der wirk-lich gräuslichen Verpflegung haben wir alle extrem abgenommen. Mit den Bändern ließen sich auch die Schuhe zusammenbinden.
Wie sehr warst du eingeschüchtert?
Ich hatte viel Angst, war mir aber ziemlich sicher, dass sich die türkische Regierung nicht trauen würde, mich zu foltern. Das hätte zu riesigem internationalem Protest geführt. Spannend für mich war, dass die Wärter unheimliche Angst vor mir hatten.
Warum?
Weil ich wochenlang in den türkischen Medien als gefährlicher Spion und Terrorist bezeichnet wurde. Das war absurd. Ich hatte Angst vor ihnen, sie waren aber eingeschüchtert von mir. Also habe ich versucht, mich menschlicher zu machen, um ihre Angst nicht zu triggern und Gewalt auszulösen. Später im Gefängnis von Maltepe gab es nämlich sehr viel Gewalt von den Wärtern gegenüber den Gefangenen.

Auch unter den Gefangenen?
Ja, wir sind davon allerdings verschont geblieben. Da sie nicht wussten, was sie mit uns politischen Gefangenen machen sollten, haben sie uns in einen stillgelegten Trakt gesperrt, sodass wir nicht mit der Alltagsgewalt im Gefängnis konfrontiert waren.
Bist du seit dieser Zeit vorsichtiger geworden?
Total, ich mache viel intensivere Risikoanalysen und schaue genau, in welche Länder ich reise: Gibt es Kooperationen mit der Türkei, vielleicht einen Interpol-Haftbefehl gegen mich? Insgesamt mache ich deutlich weniger Vor-Ort-Trainings, weil ich mit meinem Gesicht und Namen mittlerweile potenziell gefährlich für viele Organisationen bin.
Wer sollte sich deiner Einschätzung nach Gedanken um die eigene Sicherheit machen?
Eigentlich alle. Auch in Deutschland, wo jene, die von sich behaupten in der politischen Mitte zu stehen, faktisch rechte Politik machen, sollten wir auf uns aufpassen: Welche Daten stellen wir zur Verfügung? Was sind eigentlich unsere Netzwerke, unsere Gemeinschaften, in denen wir aktiv sind und die uns helfen, nicht zu vereinsamen? Die Solidaritäts- und Menschenrechtsarbeit bietet Raum für alle Nischen. Egal, ob ich an vorderster Front im Krisengebiet unterwegs bin oder eigentlich die Buchhaltung mache. Es braucht uns alle. Für mich gab es einen Aha-Moment in der Nacht, als ich freigelassen wurde.
Inwiefern?
Auf dem Gefängnisvorplatz kam gegen vier Uhr morgens eine Frau auf mich zu, umarmte mich und sagte: „Der Pulli sieht nett aus. Steht dir.“ Ich war total überrascht, aber am Ende stellte sich heraus, dass diese Frau für mich immer wieder Kleidung gekauft und ins Gefängnis geschickt hat. Ich dachte, das waren die Anwälte und wusste gar nicht, dass es diese helfende Person überhaupt gab. Also … jede*r wird gebraucht und das macht uns zum Ziel von Leuten, die rechte Politik verfolgen. Wir spüren gerade alle, dass der Gegenwind schärfer wird. Also lasst uns aufeinander aufpassen ...
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