
Ursula Dorn. Foto: Hanno Schedler/GfbV
Ich heiße Ursula Dorn, geboren 1935 in Königsberg (Ostpreußen), dem heutigen Kaliningrad (Russland). Meine Eltern hatten fünf Kinder; ich war die älteste Tochter mit drei Brüdern und einer Schwester. Unsere Familie war nicht auf Rosen gebettet und hatte es schwer, in den Kriegsjahren durchzukommen. Es mangelte an allem, was man für ein normales Leben braucht, um als Kind heranzuwachsen. Der ständige Kriegszustand bestimmte unser Leben Tag und Nacht, sodass wir bis zum Einmarsch der Roten Armee am 9. April 1945 Angst und Schrecken in Luftschutzbunkern und Kellern erlebt haben.
Mein Vater war seit 1939 im Krieg, und ich merkte schon sehr früh, dass meine Mutter mit ihren fünf Kindern überfordert war. Ich musste mich immer mehr in die Familie einbringen. Ich hatte Verantwortung für meine Geschwister zu tragen, beim Spielen auf der Straße während des Fliegeralarms aufzupassen, Einkäufe zu erledigen, obwohl es immer weniger Waren in den Geschäften gab und alles nur noch mit Lebensmittelmarken zugeteilt wurde. Fünf Kinder hatten immer Hunger und nie das, was sie für ihr Wohlbefinden brauchten.
So verließ ich im Februar 1946 meine Mutter und Geschwister, um – wie jeden Tag – betteln zu gehen. Überall sah ich die steifgefrorenen toten Menschen auf den Straßen liegen und wollte nur noch weg, weil ich furchtbare Angst hatte, irgendwann die Nächste zu sein. Auf dem Güterbahnhof, wo ich zwischen den Gleisen nach etwas Essbarem suchte, stand ein Güterzug, vollgeladen mit Beutewaren aus Königsberg. Ich beobachtete das Treiben der russischen Soldaten, als mich einer von ihnen ansprach und fragte, ob ich mitfahren wolle. Ohne zu zögern stieg ich in den Waggon ein.
Mein innerer Drang war so stark, ich dachte nur noch: weg aus Königsberg. Einige Zeit später setzte sich der Beutezug in Bewegung, und ich wusste nicht, wohin die Reise für mich gehen oder enden würde. Die Hauptsache war, am Leben zu bleiben. Nach einer langen Fahrt hielt der Zug. Der Soldat, der mich hinter einer großen Kohlenkiste versteckt hatte, schob das Rolltor auf und wies mich an, den Waggon zu verlassen. In furchtbarer Kälte und Dunkelheit stand ich zwischen den Schienen eines Bahnhofs oder Güterbahnhofs und wusste nicht, wo ich mich befand. Wie ich einige Zeit später erfuhr, war es Litauen – und ich hatte großes Glück, nicht in Russland angekommen zu sein; der Beutezug fuhr ja in diese Richtung.
Ab und zu fanden wir eine Unterkunft bei den Litauern – aber nur, wenn wir auch Arbeiten verrichteten, die sie uns auftrugen. Das waren meist Feld- und Waldarbeiten, also sehr schwere Tätigkeiten für ein elf- bis dreizehnjähriges Kind. Dass meine Geschwister verhungert waren, erfuhren wir durch eine Begegnung mit einer Frau auf einem Feldweg. Es war die Schwester meines Vaters, deren Kinder in Königsberg ebenfalls an Hunger verstorben waren. Vor ihrer Flucht nach Litauen hatte sie uns noch einmal sehen wollen - aber es war keiner mehr da. Auch die Nachbarin, die auf meine Geschwister aufpassen wollte, war verhungert.
Es war etwa Mitte des Jahres 1948, als ich bei einem Müller um etwas zu essen für meine Mutter und mich bettelte. Er fragte meine Mutter, ob sie mich bei seiner Familie lassen würde. Ich entschied selbst und blieb bei der Familie, bis die sogenannten Wolfskinder – also Kinder ohne Eltern oder Angehörige aus Königsberg – im Herbst 1948 von der russischen Miliz im Land Litauen zum Abtransport nach Deutschland, überwiegend in die DDR, per Güterzüge gebracht wurden. Bis dahin war ich gut und sicher bei der Familie untergekommen. Für eine kurze Zeit war es ein Zuhause für mich geworden, trotz der schweren Arbeit, die ich jeden Tag verrichten musste – und obwohl ich von Tag zu Tag meine deutsche Sprache ablegen musste. Ich wurde als Verwandte ausgegeben, aus Sicherheitsgründen für die Familie. Sie hatten mir eine Zeitlang das Überleben im Land Litauen ermöglicht. Meine Mutter musste ihr tägliches Überleben allein meistern. Wie es ihr in dieser Zeit ergangen ist, darüber hat sie nie gesprochen.

Nach etwa fünf Wochen in der Stadt Kaunas, wo ich angekommen war und mich ein Mann von der Straße zu seiner Familie mitgenommen hatte, musste ich wieder zurück nach Königsberg. Ich hatte in dieser Zeit meine Mutter und Geschwister verleugnet, aber die Familie glaubte mir nicht – und so musste ich zurück. Vom Verschiebebahnhof, wohin mich der Mann gebracht hatte, fuhr ich mit einem Güterzug voller russischer Soldaten zurück. Kaum angekommen, machte ich mich erneut auf den Weg nach Kaunas, diesmal mit meiner Mutter als Begleitung und völlig abgemagert. Sie hatte beschlossen, in Litauen – in Kaunas – Lebensmittel zu erbetteln, um meine Geschwister dadurch am Leben zu halten. Sie waren dem Hungertod schon nahe und hätten die Fahrt nach Litauen nicht mehr überstanden. Eine Nachbarin wollte meine Geschwister so lange in Obhut nehmen. Die Fahrt nach Kaunas hatten wir mit Glück geschafft, aber wir konnten nicht mehr nach Königsberg zurück.
Trotz der langen Zeit in Litauen und all der furchtbaren Strapazen, die wir gemeinsam durchmachen mussten, war die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir für immer verloren gegangen. Ich habe nie vergessen, dass meine Mutter sich geweigert hatte, Königsberg zu verlassen, als noch die Möglichkeit bestand – mit ihren fünf Kindern.
Die Hunger- und Wolfskindzeit haben mich mein Leben lang geprägt und beschäftigen mich bis heute. Dieses furchtbare Trauma hat mich lange im Stillen begleitet, bis ich 1990 den Mut fand, alles herauszulassen. Ich wollte alles aufschreiben, um es an die Öffentlichkeit zu bringen und daran zu erinnern, was meine Generation – die Kriegskinder – durchmachen musste, um weiterleben zu können. Mein Trauma habe ich für mich selbst bekämpft. Lesungen helfen mir, eine gewisse Heilung zu erreichen. Nur selbst Erlebtes formt einen fürs ganze Leben.
Wir mussten schon als Kinder unser junges Leben opfern. Tausende Kinder Ostpreußens sind wegen des Krieges an Hunger, Krankheiten, Seuchen und Erfrierungen gestorben. Auch meine Geschwister sind an Hunger gestorben – etwas, das ich bis heute nicht vergessen kann. Wir, die damals nach 1945 heranwuchsen, trugen so viel Elend in uns und doch arbeiteten wir, um ein in Schutt und Asche liegendes Land wieder zum Leben zu erwecken. Unser Ziel war, wieder normal leben zu können. Durch Fleiß und Zuversicht ist es uns – ob jung oder alt – gelungen, einen Wohlstand für unser Land zu schaffen, um den uns andere Länder bis heute beneiden. Dieses möchte ich den jüngeren Generationen mitgeben, die diesen Wohlstand bis heute genießen dürfen:
Und noch etwas: Wir müssen endlich anfangen, Lehren daraus zu ziehen – in Deutschland, in Europa und eigentlich überall. Denn Freiheit und Frieden, die sich alle wünschen, müssen bewahrt werden. Kriege haben noch nie etwas Gutes gebracht.
Flüchtende Menschen aus verschiedenen Ländern und Orten hat es zu allen Zeiten gegeben. Doch es gibt immer Gründe, warum sie fliehen – oder fliehen müssen. Kein Mensch, oder nur sehr wenige, verlassen freiwillig ihre Heimat, den Ort, an dem sie geboren sind. Die häufigsten Gründe sind Kriege und Gewalt.
Überall dort, wo diese Menschen ankommen, sind sie oft nicht willkommen. Es entstehen Konflikte, Neid und Hass. Kaum jemand möchte „vom Kuchen etwas abgeben“. Vor allem Menschen, die selbst Kriegserlebnisse in sich tragen, haben häufig eine andere Haltung gegenüber Flüchtenden. Die Menschenrechtsarbeit auf der ganzen Welt wird zwar sehr geachtet, und doch gibt es viele Menschen und Regierungen, die sie mit aller Macht verhindern oder bekämpfen wollen. Die Menschheit muss mehr tun, um Gerechtigkeit für jeden Einzelnen zu schaffen.
Ich hoffe, dass es die kommenden Generationen besser machen werden, als es unsere Generationen zuvor getan haben – jene, die als Kriegskinder darunter leiden mussten und dieses Trauma bis an ihr Lebensende in sich tragen. Den Regierenden unseres Landes lege ich ans Herz, die furchtbare Geschichte der Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und sie endlich als Lehrmaterial an Schulen zuzulassen. Nur so kann es Aufklärung für junge Menschen geben – sie wollen wissen, was ihre Großeltern im Krieg erleben mussten.
Wir haben ein Recht darauf, zu erzählen, was uns nach 1945 oft von unseren eigenen Eltern verboten wurde: Fragen zu stellen, warum wir Kinder das alles erleben mussten. Damals hieß es nur: Fragt nicht, arbeitet und lernt lieber – damit es euch einmal gut geht.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) setzt sich seit über 55 Jahren dafür ein, dass solche Schicksale nicht im Dunkeln bleiben. Wir haben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie Ursula Dorn auf großen Veranstaltungen – etwa der Leipziger Buchmesse – ermöglicht, ihre Geschichten zu erzählen, wissenschaftliche Stellungnahmen erarbeitet, einen umfassenden Bericht über Deutschlands vergessene Wolfskinder veröffentlicht und mit Mahnwachen, Pressearbeit und politischen Appellen dafür gesorgt, dass ihr Leiden endlich anerkannt wurde.
Dank dieses Engagements wurde 2017 erstmals eine ermöglicht, symbolische Entschädigung für Wolfskinder ein wichtiger Schritt, aber längst nicht das Ende unserer Arbeit. Wir dokumentieren auch heute Menschenrechtsverletzungen, veröffentlichen Berichte und organisieren Veranstaltungen, um aufzuklären und Betroffene zu schützen.
Danke für Ihr Interesse und Ihre Solidarität.
Aktuelle Aktionen und weitere Informationen finden Sie auf unserer Website.
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