August - Tanzfest stärken Zusammenhalt

Foto: Jean-Sebastien Evrard/AFP
Text: Ulrich Delius


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Selbstbewusst und ein wenig stolz konzentriert sich diese junge Tänzerin auf die Musiker, um ihren Einsatz nicht zu verpassen. Foto: Jean-Sebastien Evrard/AFP

von Ulrich Delius

Wer schon einmal Urlaub in der Bretagne gemacht hat, kennt die Schilder: „Heute Abend fest-noz im Gemeindesaal“. Vor allem im Hochsommer gibt es überall fest-noz. Touristenbüros machen darauf aufmerksam und preisen die Tanzfeste als traditionelles bretonisches Erbe an. Trachten tragen die Tänzerinnen und Tänzer heute nicht mehr so oft. Die meisten von ihnen kommen in Alltagskleidung. Touristen sind gern gesehene Gäste. Sie füllen mit ihren Eintrittsgeldern die Kassen von Vereinen und Dörfern, die fest-noz inzwischen auch als zusätzliche Finanzierungsquelle sehen.

Typische Musikinstrumente der bretonischen Folklore: der Dudelsack und die Bombarde, das führende Instrument der traditionellen bretonischen Musikgruppen, die Bagad genannt werden. Foto: Etienne Valois / Flickr CC BY-ND 2.0

Bauern feierten ihr Tagwerk am Abend

Früher musste man keinen Eintritt zahlen, wenn man am fest-noz teilnehmen wollte. Es waren die einfachen Bauern, die vor allem im Herbst zu Zeiten der Ernte nach einem langen Tag intensiver Feldarbeit auf dem Dorfplatz oder im Innenhof eines Bauernhofes zusammenkamen, um am Abend gemeinsam das Vollbrachte zu feiern. Fest-noz ist ein bretonisches Wort und bedeutet „nächtliche Feier“. Daneben gab es auch die fest-deiz, die Feiern am Tage, die heute aber nicht mehr verbreitet sind. Vor allem in ländlichen Regionen im Innern der Bretagne waren die fest-noz sehr bekannt.

Bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Tanzfeste ganz alltäglich. Erst die zunehmende Mechanisierung der Arbeit der Bauern und die Landflucht ließen die Tradition der fest-noz fast verschwinden. Unter der Besetzung durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg waren solche Massenveranstaltungen strikt verboten, so dass die Tradition weiter ins Abseits geriet. Erst in den 1950er-Jahren begannen gemeinnützige Kulturvereine, sie wiederzubeleben. Doch die Tanzabende bekamen eine ganz andere Bedeutung, denn die meisten Bretoninnen und Bretonen lebten inzwischen in Städten und die mühsame Feldarbeit machten Maschinen. Nun ging es um die bretonische Kultur, die Förderung der traditionellen Sprache, Musik und des Tanzes, für die die fest-noz beispielhaft standen.

Ein mitreißender Rhythmus! Foto: Chris de la Verrerie / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Keltisches Erbe Europa

Den Bretonen ist ihre Kultur sehr wichtig. In Umfragen bekräftigen 69 Prozent der Befragten, dass sie sich ihrer Kultur sehr verbunden fühlen. Musik und Tanz wurde dabei die größte Bedeutung zugeschrieben. Nur 24 Prozent hatten weniger Interesse an ihrer Kultur. Auch auf ihre eigene Sprache legen die Bretoninnen und Bretonen großen Wert. In langwierigen Auseinandersetzungen mit dem französischen Zentralstaat, der Bemühungen um eine Wiederbelebung der bretonischen Kultur lange argwöhnisch verfolgte, haben sie bretonische Orts- und Straßenschilder erkämpft.

Die Französische Republik hat traditionell ein gebrochenes Verhältnis zu ihren ethnischen und sprachlichen Minderheiten. Sie strebt nach einer Assimilierung ihrer Sprachen und Kulturen. Das sind keine guten  Bedingungen für die Bretonen, die sich immer als Teil einer größeren keltischen Bewegung in Westeuropa verstanden haben. Gemeinsam mit Asturien und Galizien auf der Iberischen Halbinsel, Cornwall, Wales und Irland betonen sie das keltische Erbe Europas. Und so kämpfen sie für die bretonischen Sprachenrechte und Schulbildung. Überall sieht man in der Region heute Aufkleber mit der bretonischen Fahne und der Aufschrift „Breizh“, Bretagne. Manchmal scheint diese Kultur zum Markenzeichen der Kommerzialisierung der Bretagne missbraucht zu werden. Aber sie ist auch beeindruckend lebendig in allen Generationen und besitzt weit über die Grenzen der Bretagne hinaus eine große Anziehungskraft.

In der Sommerhitze schützt ein Strohhut besser vor der Sonne als die traditionellen Spitzenhäubchen. Foto: Chris de la Verrerie / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Vielseitige Musik- und Vereinsszene

So wurden fest-noz in den 1970er- und 1980erJahren in den Städten sehr beliebt und von der aufkommenden Folk-Bewegung mitgetragen. Bekannte bretonische Musiker wie Alan Stivell oder die Gruppe Tri Yann interpretierten traditionelle Lieder neu und machten sie weltweit bekannt. Heute ist die Musikszene der Bretagne so vielseitig und lebendig wie in nur wenigen Nationalitäten-Regionen Europas. Und die in traditioneller Tracht auftretende Tänzerin findet genauso ihr begeistertes Publikum wie die Rockgruppen Matmatah, Kreposuk, Merzhin oder Ar Re Yaouank.

Ähnlich pulsierend ist die Vereinsszene, die sich engagiert um die Pflege der bretonischen Kultur bemüht. So ist es vor allem dem gemeinnützigen Verein Dastum zu verdanken und nicht dem französischen
Staat, dass fest-noz im Jahr 2012 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde.

über den Autoren

Ulrich Delius arbeitet seit 1986 für die GfbV. Seit März 2017 ist er Direktor unserer Menschenrechtsorganisation. Er ist Autor vieler Menschenrechtsreporte, Memoranden, Bücher und Artikel über verfolgte ethnische und religiöse Minderheiten. Seine Kompetenz und sein Wissen sind auch bei Journalisten sehr gefragt.