Februar - Powwows stärken Zusammenhalt

Foto: Johny Day
Text: Yvonne Bangert


Vorderseite

„Dance like a bird“ - Amanda Lee Murray Nepinak, eine Anishinabe aus Manitoba in Kanada, geht während des Powwow ganz in ihrem Fancy-Schaltanz auf. Foto: Johny Day

 

von Yvonne Bangert

In mystisches Blau getaucht tanzt eine Frau selbstvergessen, die Arme ausgebreitet wie ein Vogel im Flug, ganz in ihre Bewegung versunken. Ihr Fransentuch, das sie um sich spannt, changiert von hellem, fast durchscheinenden Türkis bis Azurblau. Ihr Kleid nimmt die Farbe auf, ebenso die Spangen, mit denen ihre langen schwarzen Zöpfe gehalten werden, und die Feder an ihrem Hinterkopf. Das Bild zieht den Betrachter in seinen Bann und lässt erahnen, welch zentrale Bedeutung solche Tänze für das kulturelle Selbstverständnis der Native Nations in Nordamerika haben müssen.

Junge Powwow-Teilnehmer können von den Alten lernen und so ihre Tradition weitertragen. Foto: Ron Ardis / Flickr CC BY-SA 2.0

Der Fotograf Johny Day hat diese Stimmung in seinem Portrait „Dance like a bird“ von Amanda Lee Murray Nepinak, einer Anishinabe von der Pine Creek First Nation aus Manitoba in Kanada, meisterhaft eingefangen. Es entstand bei einem Powwow, einer jener großen, in der Regel mehrtägigen Versammlungen, auf denen die nordamerikanischen Native Nations ihren Zusammenhalt bekräftigen, Körper, Seele und Geist stärken. Die Geschichten, die sie mit ihren Tänzen und in den von großen Trommeln getragenen Powwow–Liedern erzählen, die Tanzkleider und die Muster, mit denen sie verziert werden, sind Zeugnisse gelebter Kultur.

Kanadas First Peoples
Nach eigenen Angaben hat die Pine Creek First Nation 3.170 Angehörige. Sie gehören zu den Saulteaux, den „Menschen von den Stromschnellen“, werden aber auch als Plains Ojibwe oder Anishinabe bezeichnet. Ursprünglich stammen sie aus der Gegend von Sault Ste. Marie am Lake Superior in Ontario. Von dort sind sie an den Lake Winnipegosis in Manitoba gezogen, wo sie Fische fangen, Wasservögel und Wild jagen können.

Als Unterzeichner des Vertrags #4 vom 14. September 1874 ist die Pine Creek First Nation offiziell anerkannt. Insgesamt haben First Nations zwischen 1871 und 1921 elf Verträge mit dem britischen Monarchen geschlossen. Darin wurden die Bedingungen für Landnutzung und -abtretungen geregelt. Vertrag #4 hat auf indigener Seite insgesamt 36 Vertragspartner und deckt eine Fläche ab, die den größten Teil Süd-Saskatchewans sowie Teile des südlichen Alberta und westlichen Manitoba umfasst. 1.200 Anishinabe leben auf ihrem vertraglich zugesicherten Reservatsland.

1,4 Millionen Menschen oder 4,3 Prozent der kanadischen Gesamtbevölkerung betrachten sich einer Umfrage von 2011 zufolge den First Peoples zugehörig. Diese bestehen aus den drei Gruppen der First Nations, Metis und Inuit. Die First Nations sind mit 60,8 Prozent die größte Gruppe. Von ihren 632 Gemeinschaften sind nach dem kanadischen Indianergesetz (Indian Act) 617 offiziell anerkannt. Die rund 452.000 Métis sind Nachkommen indianischer Völker und europäischer, meist französischer Pelzhändler. Die dritte und kleinste Gruppe bilden mit rund 150.000 Menschen die Inuit.

Wettbewerbe spornen auch junge Tänzer an zu zeigen, was sie können. Foto: SheltieBoy / Flickr CC BY 2.0

Was ist eigentlich eine Powwow?
Powwows sind wichtig für die Pflege kultureller Traditionen, von sozialen Kontakten und für den kulturellen Zusammenhalt. Sie sind Ansporn für die Tänzerinnen und Tänzer, den überlieferten Stil von Kleidung und Choreographie zu bewahren. Dabei bieten Wettbewerbe zusätzliche Anreize. Das gilt auch für die vier- bis zehnköpfigen Trommler- und Sängergruppen. Unter ihnen gibt es richtige Stars, die CDs veröffentlichen und Preise wie den Native American Music Award bekommen. Die Trommel selbst genießt einen hohen Status und wird fast wie eine Person verehrt.

Ein Powwow ist mehr als ein Tanzturnier oder ein Volksfest. Themen, die alle betreffen, können besprochen, Streitigkeiten geschlichtet werden. Personen, die sich durch herausragende Leistungen ausgezeichnet haben, werden öffentlich geehrt. Früher präsentierten sich bei diesen Gelegenheiten die Kriegerbünde. Seit Ende des Ersten Weltkriegs sind an ihre Stelle die Kriegsveteranen getreten, die überall größtes Ansehen genießen.

Der feierliche Einzug aller Teilnehmer, der sog. Great Entry, eröffnet ein Powwow. Er wird angeführt von einem Geistlichen und Fahnenträgern, meist Kriegsveteranen. Ihnen folgen die Tänzerinnen und Tänzer und die Sänger mit der Trommel, die den Einzug musikalisch begleiten. Dieses Zeremoniell gilt als heilig und darf oft nicht gefilmt oder fotografiert werden. Zu Ehren der Veteranen wird der Flagsong gesungen, bevor die Tänze beginnen. Sie unterscheiden sich in Musik- und Tanzstil, Schrittfolge und Kleidung. Nur der Rundtanz wird von Frauen und Männern gemeinsam getanzt, nicht-indigene Gäste inbegriffen.

Powwows stärken den sozialen Zusammenhalt durch Begegnungen und Gespräche. Foto: cjuneau / Flickr CC BY 2.0

Die Auswahl und Abfolge der Tänze sind nicht festgelegt. Typisch sind der traditionelle Gras-Tanz der Männer und der Glöckchenkleid-Tanz der Frauen, der Fancy-Federtanz der Männer und der Fancy-Schaltanz der Frauen, den Amanda Murray auf unserem Foto darbietet. Eine eigene Kategorie bildet der Hoop-Tanz, bei dem Akteure beiderlei Geschlechts bis zu 30 Hoops (Reifen) gleichzeitig an Armen, Beinen und am ganzen Leib in Bewegung halten. Er verlangt höchste Konzentration und Koordinationsfähigkeit, und wer ihn beherrscht genießt hohes Ansehen.

Powwows gibt es inzwischen auch in Europa, meist veranstaltet von nicht-indigenen Anhängern, die im Internet sogar einen eigenen Powwow-Kalender veröffentlichen. Native Americans, die als Angehörige des Militärs nach Deutschland kamen, sehen manche dieser Veranstaltungen nicht gern und bleiben bei ihren Powwows lieber unter sich. Warum das so ist, erklärt die Native American Association of Germany NAAoG auf ihrer Internetseite. http://www.naaog.de/powwows-in-europe.html und http://www.naaog.de/dancing-and-singing.html


über die Autorin

Yvonne Bangert ist seit mehr als 30 Jahren für die GfbV in Göttingen tätig, zunächst als Redakteurin der Zeitschrift “bedrohte Völker – pogrom“ und der Internetseiten, seit 2005 als Referentin für indigene Völker.