Juli - Bhangra: Tanz des Glücks

Foto: CaptSuresh Sharma
Text: Ruchira Chakrabarty


Vorderseite

Tänzerinnen und Tänzer lassen sich schnell vom Bhangra-Rhythmus mitreißen. Begeistert beherzigen viele das Motto: „Tanze so, als würde niemand zusehen.“ Foto: Capt Suresh Sharma

von Ruchira Chakrabarty

Bhangra – das ist ein Rhythmus, nach dem heute die ganze Welt tanzt! Wer hätte voraussehen können, dass ausgerechnet ein Volkstanz aus Indien so populär werden würde? Seine Entstehungsgeschichte ist längst nicht so bekannt wie er selbst: Bhangra hat seine Wurzeln im ‚Punjab', einem Gebiet, das durch die Grenze zwischen Indien und Pakistan geteilt wird. Es gibt Spekulationen, dass sich der heutige Bhangra aus dem Kampftanz ‚Bagaa' entwickelt hat, der ebenfalls aus dem Punjab stammt. Andere meinen, dass Bhangra das Ergebnis einer Vermischung von vielen Tänzen dieser Region ist, er also Elemente des „Sammi“, „Giddha“, „Jhummar“, „Dhamaal“ und anderer in sich vereint. Bhangra wurde erstmals in Berichten des 19. Jahrhunderts erwähnt. Ob es den Tanz schon davor gab, ist nicht bekannt. 

Traditionell wird Bhangra beim Erntefest getanzt. Es findet im Frühling am Neujahrstag der Sikhs statt und heißt „Vaisakhi“. Die Sikhs, deren Religion im Punjab entstanden ist, stellen im gleichnamigen indischen Bundesstaat mit rund 58 Prozent mehr als die Hälfte der 28 Millionen Einwohner (laut Volkszählung von 2011). Ihr wichtigstes Heiligtum, der Goldene Tempel von Amritsar, steht hier. Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft im Punjab bilden die Hindus mit 39 Prozent der Bevölkerung, während Muslime nur zwei Prozent und Christen kaum mehr als ein Prozent ausmachen. Die früher mit fast 40 Prozent Bevölkerungsanteil starke muslimische Einwohnerschaft wurde nach der Teilung der ehemals britischen Kolonie Indien 1947 fast vollständig aus dem Ostpunjab vertrieben. Umgekehrt flohen fast alle Sikhs und Hindus aus dem pakistanischen Westpunjab in den indischen Teil. Der Bürgerkrieg forderte hunderttausende Menschenleben. Manche Schätzungen gehen von bis zu einer Million Toten aus.

Bhangra ist mitreißend: Ausgelassen tanzen auf Festen schließlich - fast - alle Gäste mit. Foto: Ishan Kosla / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Bestandteil von Kultur oder Religion?

Kaum ein Tanz drückt so viel Lebensfreude aus wie der Bhangra. Bei einer Vorführung tragen die Tänzerinnen und Tänzer knallbunte Kostüme, die „Vardiyaan“ heißen. Die Männer kleiden sich mit dem „Chadr“, einer Art langem Rock, und dem langen Hemd „Kurta“. Darüber tragen sie wie die Frauen eine bunte Weste. Die Tänzerinnen haben jedoch lange Hosen mit weiten Beinen an, die „Salwar“ genannt werden. Die Kopfbedeckung der Männer heißt „Pagh“, die der Frauen „Chunni“. Sie symbolisieren die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der Sikhs. Aber ob Bhangra eher Ausdruck der Kultur des Punjab oder untrennbar mit dem Sikhismus verbunden ist, lässt sich kaum entscheiden. Einige behaupten auch, dass sich viele der kurzen Lieder, die beim Bhangra gesungen werden, auf die hohe Kaste der „Jatts“ beziehen. Die Sikhs allerdings sind keine Anhänger des indischen Kastensystems und halten von dieser Interpretation eher wenig.

Die große Trommel „Dhol“ ist für den Bhangra sehr wichtig. Es werden jedoch auch einige ganz besondere Instrumente für die Begleitmusik eingesetzt, die nur bei diesem Tanz benutzt werden, z.B. die kleine Trommel „Dhad“, die Flöte „Algozey“, Streichinstrumente wie „Tumbi“ und „Katos“ oder das metallene „Chimta“ mit seiner kleinen Glocke und das hölzerne Scherengitter „Saap“ oder „Shikke“, das schwungvoll zusammengeschoben charakteristisch klackert. Einige Instrumente werden von den Tanzenden gespielt. Dazu werden kurze Lieder gesungen, die oft vom Erntefest, gesellschaftlichen Problemen und der Geschichte der Bevölkerung des Punjab erzählen. Die Lieder werden enthusiastisch vorgetragen und von anfeuernden freudig-stolzen Zwischenrufen wie „Balle Balle“ und „Chakde Phatte“ begleitet.

Wenn das Scherengitter mit Schwung zusammengeschoben wird, wird ein typisches trockenes Klackern erzeugt. Foto: Anthony / Flickr CC BY-NC 2.0

Von lokal bis global

Hauptsächlich seine Musik mit ihrem ansteckenden Rhythmus hat den Bhangra-Tanz populär gemacht. Im Londoner Stadtteil Southhall, in dem viele Emigranten aus Indien und Pakistan leben, kam in den 1970er Jahren „Pop-Bhangra“ auf. Die traditionelle Musik wurde mit modernem Bass, Gitarre, Geige und anderen Instrumenten verstärkt und Elemente des HipHop fanden Eingang in den Bhangra, der in den Clubs immer beliebter wurde. Ein neues Popgenre war entstanden. Die Bollywood-Musik wurde stark vom Bhangra beeinflusst, große Bhangra-Musiker arbeiten seitdem mit der  Filmbranche zusammen. Die Lieder ‚Mundiyan Toh Bachke Rahi' und ‚Jogi' des britisch-indischen Popmusikers Panjabi MC sind auch in Deutschland bekannt.

Nicht nur Großbritannien, sondern auch in Kanada und den USA wird Bhangra-Musik gern gespielt – besonders von und für die vielen indisch-stämmigen Bürgerinnen und Bürger. Bhangra erinnert die jüngeren Generationen von Punjabis aus den Migrantenfamilien an ihre Wurzeln. Auch wenn dort weniger sozialkritische Lieder vorgetragen, sondern eher romantischere Themen mit einfacheren Texten gewählt werden.

Der „Siegeszug“ des traditionellen Bhangra ist ein Paradebeispiel für positive Effekte der Globalisierung. Er hat Musiker wie Jay-Z, The Fugees und Missy Elliot in ihrem Lied „Get Your Freak On“ beeinflusst. Vor allem aber hat er mit seinem beschwingenden Rhythmus viel Freude in die Welt gebracht.

über den Autoren

Ruchira Chakrabarty studiert Internationale Beziehungen an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. Ihr Beitrag entstand im Rahmen eines Praktikums bei der Gesellschaft für bedrohte Völker im Sommer 2018.