März - Im Angesicht des Terrors Feste feiern

Foto: Tim Graham/agefotostock
Text: Ulrich Delius


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Das Durbar-Fest bringt für kurze Zeit Lebensfreude in die von Boko-Haram-Terror bedrohte Stadt Maiduguri. Foto: Tim Graham / age fotostock

von Ulrich Delius

Endlich. Nach Wochen des Fastens, der Enthaltsamkeit und Entbehrungen feiern die Menschen in Maiduguri überschwänglich das Ende des Fastenmonats Ramadan. Dann begehen sie mit Tänzen und Musik in den Straßen der Millionen-Metropole jedes Jahr das Durbar-Fest. Freude und Lebensmut erfüllen Straßen und Plätze. Die Kanuri und andere ethnische Gruppen im Nordosten Nigerias erinnern mit ihren Tänzen an ihre reichen kulturellen Traditionen.

In der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Stadt Gusau in Nordnigeria wurde 1999 die Scharia eingeführt. Foto: pjotr05 / Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Das Fest bietet Abwechslung zur Tristesse des Alltags. Denn Freude und Überschwang finden in Maiduguri selten Ausdruck, seit die Stadt zum Epi-Zentrum terroristischer Gewalt in Westafrika wurde. Der Horror begann im Jahr 2011, als die Gewalt der radikal-islamischen Terrorgruppe Boko Haram eskalierte. Die islamistische Gruppe liefert sich einen blutigen Machtkampf mit den nigerianischen Behörden, um ein Kalifat im Norden des Landes aufzubauen. Brutal geht die Bewegung dabei auch gegen muslimische und christliche Zivilisten vor. Sie will den Staat vorführen und unmissverständlich deutlich machen, dass man nicht auf den Schutz staatlicher Sicherheitskräfte vertrauen kann.

Tiefe Verunsicherung durch Attentate
Die Menschen in Maiduguri sind tief verunsichert. Denn durch entsetzliche Selbstmordanschläge werden sie immer wieder an den nahen Bürgerkrieg im Umland ihrer Stadt erinnert. Im Bundesstaat Borno, in dem Maiduguri liegt, sind seit 2011 mindestens 25.700 Zivilisten islamistischer Gewalt oder der Gegengewalt der oft rücksichtslosen Sicherheitskräfte zum Opfer gefallen.

Armee und Polizei haben die Stadt inzwischen hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Anfangs startete Boko Haram Großangriffe auf die Metropole, um die Abwehr-Linien der Sicherheitskräfte zu überwinden. Ohne Erfolg. Dann begannen sie mit einer Strategie der Nadelstiche. Selbstmordattentäter wurden in die Stadt geschmuggelt. Anfangs waren es erwachsene Männer, die dort Sprengsätze detonieren ließen. Doch diese Attentäter wurden immer öfter von der Armee gestellt. Deshalb schickte Boko Haram Frauen und Kinder in den sicheren Tod. Die jüngsten Selbstmordattentäter waren erst sieben Jahre alt. Der Missbrauch wehrloser Kinder wird von Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen. Einige dieser Kinder waren zuvor entführt und von Boko Haram als Kindersoldaten zwangsverpflichtet worden. Manche Kinder werden an den Kontrollstellen der Armee aufgehalten. Dann lassen sie eben den Sprengstoffgürtel um ihren Bauch gleich detonieren. Der Effekt ist verheerend. Oft gibt es viele Tote und Verstümmelte unter den vor der Sicherheitskontrolle wartenden Stadtbewohnern.

Kirche in Ibadan, im Südwesten Nigerias - im Nordosten hat die Terrorgruppe Boko Haram viele christliche Gotteshäuser zerstört. Foto: Andrew Moore / Flickr CC BY-SA 2.0

Maiduguri ist zum Zufluchtsort von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen aus ländlichen Regionen geworden. Die Stadt ist hoffnungslos überfordert. So viele Menschen können nicht angemessen betreut und untergebracht werden. In den Flüchtlingslagern sind die hygienischen Bedingungen katastrophal. Immer wieder bricht Cholera aus.

Entsetzlicher Terror gegen Muslime und Christen
Doch in ihren Dörfern konnten weder Muslime noch Christen bleiben. Denn Boko Haram ließ anfangs die Kirchen angreifen. Als die Christen geflohen waren, weitete die Terrorgruppe ihre Angriffe auf Moscheen und Muslime aus. Nigerianische Kampfflugzeuge flogen hunderte Einsätze und warfen Bomben über Dörfern ab, in denen Boko-Haram-Kämpfer vermutet wurden. Niemand konnte bis heute die Opfer dieser Gegengewalt zählen, weil viele ländliche Regionen Bornos noch immer Sperrgebiet sind. Manche Landbewohner mussten schon zwei- oder dreimal aus ihren Dörfern fliehen. Viele sind traumatisiert von Flucht und Vertreibung.

Diese Kinder im überwiegend von Christen besiedelten Süde des Landes sind vom blutigen Bürgerkrieg im Norden verschont. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / Flickr CC BY-SA 2.0

In weiten ländlichen Regionen im Nordost-Nigerias ist das Leben zum Erliegen gekommen. Alleine zwischen 2011 und 2014 wurden mehr als 900 Schulen in Borno zerstört und 180 Lehrerinnen und Lehrer getötet. Der Unterricht wurde eingestellt, weil die Lehrkräfte flüchteten oder die Sicherheit nicht länger gewährleistet werden konnte. Eine ganze Region bangt um ihre Zukunft, denn das Fehlen von Bildung wird sich auch nach einem Ende des Terrors von Boko Haram als große Hypothek herausstellen.

Auch viele Christen aus dem Süden Nigerias oder aus Biafra leben unter katastrophalen Umständen als Flüchtlinge in Maiduguri. Sie hatten ihr Glück als Händler im Nordosten gesucht und wurden dann zur Zielscheibe der Islamisten. Es war leider viel zu verfrüht, als die nigerianische Regierung Boko Haram im Februar 2018 für besiegt erklärte. Allein im Mai/Juni 2018 wurden 104 Menschen bei Terroranschlägen getötet. Für die Menschen in Borno gibt es keine Sicherheit. Sie wissen nicht, wen sie mehr fürchten sollen - den Terror von Boko Haram oder den der staatlichen Sicherheitskräfte.


über den Autoren

Ulrich Delius leitet das Afrikareferat der GfbV in Göttingen und ist seit März 2017 Direktor unserer Menschenrechtsorganisation. Er ist Autor vieler Menschenrechtsreporte, Memoranden, Bücher und Artikel über verfolgte ethnische und religiöse Minderheiten. Seine Kompetenz und sein Wissen sind auch bei Journalisten sehr gefragt.