Gericht bekräftigt Freispruch für Schriftstellerin Pinar Selek

 

Januar 2011

Am 9. Februar 2011 bekräftigte ein Gericht in Ankara einen früheren Freispruch für die Soziologin und Schriftstellerin Selek!

Ihr wurde vorgeworfen, für einen Anschlag verantwortlich zu sein, bei dem 1998 sieben Menschen starben. Ihr drohte eine lebenslange Haft. Die GfbV und viele weitere Unterstützer hatten sich im Vorfeld des Prozesses für einen Freispruch und ein gerechtes Verfahren eingesetzt.

Die Staatsanwaltschaft will allerdings Revision einlegen. Das würde bedeuten, dass sich der Große Strafsenat des Kassationsgerichtshofes mit dem Fall beschäftigen muss.

Vielen Dank an alle, die unseren Appell an den türkischen Justizminister, Sadullah Ergin unterstützt haben!

Der türkischen Soziologin und Schriftstellerin Pinar Selek droht eine lebenslängliche Haft. Der Menschenrechtlerin, die sich in ihrem Land für die Rechte von Kurden und Armeniern einsetzt, wird unterstellt, 1998 an einem angeblichen Bombenattentat der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK beteiligt gewesen zu sein. Obwohl sie bereits vor drei Jahren von den Vorwürfen freigesprochen wurde, wird ihr Prozess mit Verweis auf "Verfahrensfehler" am 9. Februar 2011 wieder aufgerollt. Die Schriftstellerin selbst wird bei dem Prozess in der Türkei nicht anwesend sein, da sie bereits 2009 über Nacht nach Berlin geflohen ist. Über 479 Autoren und Politiker unterschrieben für Selek eine Solidaritätserklärung, die von Günter Grass dem türkischen Kulturminister übergeben wurde.

Pinar Selek wird vorgeworfen, 1998 an einem angeblichen Bombenattentat der PKK im ägyptischen Basar in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Sie stand zur damaligen Zeit mit PKK-Kämpfern in Verbindung, da sie gerade eine Arbeit über die Bedeutung von Gewalt für PKK-Kämpfer verfasste. Nach dem "Attentat" wurde die Menschenrechtlerin festgenommen. Unter Anwendung von Folter wurde versucht, sie zur Herausgabe der Namen ihrer Kontaktpersonen bei der PKK zu zwingen. Zweieinhalb Jahre wurde sie im Gefängnis festgehalten. Erst 2006 – nach acht Jahren – wurde das Verfahren eingestellt, nachdem ihre Unschuld zweifelsfrei bewiesen war. Gutachter hatten festgestellt, dass die Explosion damals kein geplanter Anschlag war, sondern wahrscheinlich von einer defekten Gasflasche verursacht wurde. Zudem stellten sich Anschuldigungen eines angeblichen Komplizen als unhaltbar heraus, da sie unter Folter erzwungen wurden waren.

Nun wird das Verfahren drei Jahre später plötzlich wieder aufgenommen – wenige Monate nachdem Pinar Selek in der Türkei ihr Buch "Sürüne Sürüne Erkek Olmak" (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt: Männliche Identitäten) veröffentlichte. In dem Buch wird das in der Türkei vorherrschende Bild des Mannes und der Einfluss des Militärdienstes auf die Persönlichkeit der Soldaten analysiert und scharf kritisiert. So sollen Männer aus dem Wehrdienst als "ramponierte Wesen" hervorgehen.

Die Parallelen zwischen dem Schicksal Pinar Seleks und des Schriftstellers und Menschenrechtlers Do?an Akhanlis, der am 8. August 2010 aufgrund ähnlicher Anschuldigungen in der Türkei festgenommen wurde, sind markant. Akhanli und Selek engagieren sich für kritische Themen und diskutieren den Völkermord an den Armeniern und die Kurdenfrage in der Öffentlichkeit. Gegen beide wurden unter haltlosen Vorwürfen Verfahren angestrengt. Offenbar sollen unliebsame Menschenrechtler und Schriftsteller mit zweifelhaften Prozessen mundtot gemacht werden.

Zwar wehrt sich Pinar Selek und will zusammen mit ihrer Schwester Anwältin ihren Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen, doch sie braucht unsere Unerstützung.


Foto: Pinar Selek/flickr