General a.D. Jovan Divjak wurde gestern in Wien aus seiner Untersuchungshaft auf Kaution freigelassen

8.März 2011

Aufgrund eines serbischen Haftbefehls wurde der Retter Sarajevos, General a.D. Jovan Divjak, Träger des Victor-Gollancz-Preises 2008 der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), am Donnerstagabend (3. März 2011) von österreichischer Polizei festgenommen. Er befindet sich in Untersuchungshaft.

Jovan Divjak wird zusammen mit 18 weiteren bosnischen Staatsbürgern von der serbischen Justiz vorgeworfen am 3. Mai 1992 mit einem Angriff auf abziehende jugoslawische Truppen aus der bosnischen Hauptstadt Sarajevo angeblich Kriegsverbrechen begangen zu haben. Da dieser Angriff in der Dobrovoljacka-Straße stattfand wird der Fall auch als Dobrovoljacka Fall bezeichnet. Bei diesem Angriff kamen einige Offiziere, Soldaten und Zivilisten ums Leben. Eine genaue Opferzahl wurde von den damaligen jugoslawischen Behörden nie veröffentlicht. Inoffizielle serbische Angaben sprachen von mehr als 42 Toten und rund 200 gefangenen Soldaten. Divjak wird von der serbischen Justiz wegen Verbrechen gegen Kriegsgefangene und der gesetzwidrigen Tötung beschuldigt.

Laut Angaben der bosnischen Seite gibt es Unterlagen, wonach die jugoslawischen Streitkräfte in der Dobrovoljacka-Straße im Mai 1992 ein legitimes Militärziel waren, nachdem am 2. Mai 1992 der Präsident des bosnischen Staatspräsidiums, Alija Izetbegovic, von jugoslawischen Streitkräften in Sarajevo entführt worden war. Sowohl das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (ICTY) als auch die Staatsanwaltschaft Bosnien-Herzegowinas konnten bei ihren Untersuchungen keinerlei Beweise für eine Anklage wegen Kriegsverbrechen feststellen.

Das serbische Innenministerium hatte im Zusammenhang mit jenem Angriff in der Dobrovoljacka-Straße in Sarajevo Anklage gegen insgesamt 19 bosnische Staatsbürger erhoben und vor drei Jahren entsprechend Haftbefehle erlassen, darunter auch gegen die einstigen Mitglieder des bosnischen Kriegspräsidiums, Ejup Ganic und den bosnischen Kroaten Sjepan Kljuic. Im März 2010 wurde Ejup Ganic, Mitglied des Kriegspräsidiums von BiH, in London nach dem gleichen Fahndungsbefehl Serbiens verhaftet.Das Gericht in London – Westminster hat in diesem Fall entschieden, dass Ganic nicht an Serbien ausgeliefert werden sollte, da die Anklageschrift Serbiens politisch motiviert sei.


Die Verhaftung des Retters von Sarajevo ist eine Schande für Europa.

Die Regierungen nahezu aller europäischer Staaten, auch Deutschlands, haben den Völkermord an den Bosniern tatenlos zugesehen und somit direkt oder indirekt die Verbrechen serbischer und jugoslawischer Truppen begünstigt, während Divjak die Einwohner der bosnischen Hauptstadt gegen die serbischen Belagerer verteidigt hat. Nicht nur der verstorbene Freund und Förderer der Gesellschaft für bedrohte Völker Simon Wiesenthal hat die offene Parteinahme der britischen und französischen Regierung für die serbischen Angreifer verurteilt.

Fast vier Jahre lang war die multikulturelle Olympiastadt und Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas von serbischen Truppen eingeschlossen. Fast vier Jahre lang wurde Sarajevo gnadenlos von den serbischen Belagerern von den umliegenden Bergen aus beschossen und bombardiert. Fast 11.000 Einwohner der Stadt aller ethnischen Gruppen kamen dabei ums Leben, unter ihnen befanden sich etwa 1.572 Kinder.

General Divjak hat sich von der Jugoslawischen Volksarmee distanziert, als sie das kroatische Vukovar angreifen sollte, und sich dann der Aggression gegen Bosnien und der Verbrechen an der bosnischen Zivilbevölkerung widersetzt: Er ist mit Angehörigen seiner Garnison ins bedrohte Sarajevo marschiert. Dort hat er aus Zivilisten und ehemaligen Soldaten, aus Studenten und Schülern, aus Angehörigen aller bosnischen Nationalitäten, eine Verteidigungstruppe aufgebaut.

Divjak, ausgezeichnet mit zahlreichen Menschenrechtspreisen sowie den Ehrenbürgerschaften der Städte Grenoble, Padova und Montesilvano und der höchsten Auszeichnung der französischen Ehrenlegion, hat Sarajevo gerettet. Er hat die Olympiastadt vor den ethnischen Säuberungen und dem Schicksal Srebrenicas, Focas, Visegrads und vieler anderer ethnisch gesäuberter bosnischer Städte bewahrt.


Wir fordern die österreichische Bundesregierung und Justiz dazu auf, den ehemaligen General und Menschenrechtler Jovan Divjak, der inzwischen ein großartiges Hilfswerk für Kinder aufgebaut hat und führt, sofort freizulassen und sich zu entschuldigen!

Es kann nicht sein, dass der Retter Sarajevos aufgrund eines serbischen Haftbefehls festgenommen wird und die Regierung, Justiz und das Militär Serbiens den Kriegsverbrecher Ratko Mladic, einen der drei Hauptverantwortlichen des Völkermordes, weiter schützt.

Bitte unterstützen Sie unseren Appell an den deutschen Außenminister Guido Westwelle, sich für die sofortige Freilassung von Jovan Divjak in Österreich einzusetzen und dafür zu sorgen, dass Ratko Mladic endlich an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert wird.