Nordsyrien nicht alleine lassen!

Wir setzen uns gemeinsam mit Betroffenen aus Nordsyrien dafür ein, dass das friedliche Miteinander der Kulturen und Religionen in der Region geschützt und gefördert wird. Foto: Mandy Lüssenhopp für GfbV

Seit dem 20. Januar 2018 greifen die türkische Armee und die von der türkischen Regierung unterstützen Islamisten die mehrheitlich von Kurden bewohnte Enklave Afrin im äußersten Nordwesten von Syrien an. Dieser Krieg verursacht schon jetzt eine humanitäre Katastrophe, zehntausende Menschen sind auf der Flucht und suchen Schutz vor den türkischen Luftangriffen in Berghöhlen und Olivenhainen. Die Infrastruktur und die Treibstofflager werden gezielt unter Beschuss genommen. Auch der einzige Stausee, der mindestens 300.000 Menschen mit Trinkwasser versorgt, ist in Gefahr, weil Bomben in unmittelbarer Nähe einschlagen.

Kurden, Christen, Yeziden und rund 500.000 Bürgerkriegsflüchtlinge, die in Afrin vor dem Krieg in Syrien Schutz gesucht haben, sind nun alle von den Angriffen der türkischen Armee betroffen. Erdogan will in dem Nachbarstaat kein autonomes Kurdengebiet dulden, in dem kulturelle und religiöse Vielfalt gelebt wird. Bisher hat er deswegen auch jegliche humanitäre Hilfe für die Region blockiert. Doch nun greift er mit Kampfflugzeugen, schwerer Artillerie und Panzern an.

Die alevitische Kurdin Hevi Mustafa ist Präsidentin des Kantons Afrin im Nordwesten von Syrien. Und in dieser Funktion bittet sie von der internationalen Gemeinschaft um Hilfe für ihre Region.

Durch den türkischen Angriffskrieg geraten die Kurden, Christen, Yeziden und die vielen Flüchtlinge in Nordsyrien immer mehr in Bedrängnis. Die kurdische Führung hat diese Region an der Grenze zur Türkei, die Rojava genannt wird, für autonom erklärt.

Türkei attackiert mehrheitlich von Kurden bewohnte Dörfer

Von der türkischen Grenze bis zum Flüchtlingslager „Robar“ in der kurdisch kontrollierten Region Afrin im Nordwesten Syriens sind es nur 18 Kilometer. Tausende von Flüchtlingsfamilien aus ganz Syrien sind hier untergebracht, insgesamt soll Afrin nahezu 400.000 Schutzsuchende aufgenommen haben. Auch sie sind seit dem Beginn des türkischen Kriegs von Angriffen betroffen. Bisher konnten sie von der lokalen Bevölkerung trotz größter Anstrengungen notdürftig versorgt werden. Diese Unterstützung ist in Gefahr, da die gesamte Region von der Türkei angegriffen wird.

Afrin gehört zu Rojava, ist aber vom Rest des nordsyrischen Kurdengebiets abgeschnitten. Erdogan will im Nachbarstaat Syrien kein autonomes Kurdengebiet dulden, in dem kulturelle und religiöse Vielfalt gelebt wird. Deshalb will er auch den notleidenden Menschen in Afrin nicht helfen lassen, sondern greift sie jetzt sogar an.

Er unterstützt die Islamisten, die die Christen und Yeziden sowie die liberalen muslimischen Kurden bekämpfen. Jetzt geht er sogar soweit und lässt seine Luftwaffe kurdische Ortschaften in Nordsyrien angreifen, die Bewohner vertreiben. Dabei hat es schon Dutzende Tote gegeben. Kritik an seiner islamistisch orientierten Politik verbittet sich Erdogan und droht, den Flüchtlingsdeal mit der EU platzen zu lassen. Drei Milliarden Euro bekommt die Türkei dafür, dass sie keine Flüchtlinge mehr in Richtung Europa weiterziehen lässt. Gleichzeitig sorgt sie selbst dafür, dass immer mehr Menschen fliehen müssen.

© Tanja Wieczorek für GfbV

UNHCR muss auch in Kurdenregion Syriens helfen!

Auch im Nordosten von Rojava dicht an der Grenze zum Irak müssen schnellstens Versorgungsengpässe beseitigt werden: Dort liegt das Flüchtlingslager Al-Hawl. Schon vor der Offensive auf die Islamisten in der Metropole Mossul flohen Menschen aus dem Irak nach Rojava. Mit der Offensive wurden es täglich mehr.

Die kurdisch geführte Selbstverwaltung in Rojava hat ihnen in Al-Hawl Zuflucht gewährt, braucht dafür jedoch selbst Hilfe. „Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft uns dabei unterstützt, den Zustrom von Flüchtlingen zu bewältigen“, sagt Hozan Mahmo, ein Vertreter der autonomen Selbstverwaltung. Bisher will UNHCR für Flüchtlinge in dem Lager jedoch nichts tun. Das UN-Hilfswerk wartet auf eine Einsatzgenehmigung vom syrischen Regime in Damaskus, in dessen Hoheit die Region fällt. Da reicht es offenbar nicht aus, dass die oppositionellen Kurden Al- Hawl und die umliegenden Regionen vom IS befreit haben und heute verwalten. Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert, dass schnellstens ein Weg gefunden wird, den Flüchtlingen in Rojava unbürokratisch zu helfen.

Menschenleben zu retten ist höchste Pflicht!

Diese kurdische Flüchtlingsfamilie ist nach Nordsyrien zurückgekehrt, um ihr Zuhause wiederaufzubauen. Foto: © Kamal Sido

Kulturelle und religiöse Vielfalt schützen!

Der autoritäre und intolerante Führungsstil des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erstickt nicht nur im eigenen Land die Hoffnung der Kurden, Aleviten, Armenier, assyrischen/aramäischen/chaldäischen Christen und kleineren Minderheiten auf Frieden, Anerkennung und Mitbestimmung. Sein den Islamisten zugewandter Kurs bringt auch die kulturelle und religiöse Vielfalt in Nordsyrien in Gefahr. Die türkische Blockadepolitik gegenüber Flüchtlingen im Nachbarland und die Angriffe türkischer Truppen auf Ortschaften in den von Kurden selbst verwalteten Regionen sind durch nichts zu rechtfertigen! Das muss Deutschland, die anderen europäischen Staaten und Nato-Länder alarmieren! Sie müssen auf das Nato-Mitglied Türkei einwirken, die Entwicklung demokratischer Strukturen nicht länger zu bekämpfen, humanitäre Nothilfe nicht mehr zu behindern oder zu unterbinden, die Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten zu unterlassen und Religions- und Meinungsfreiheit zu achten.

In Rojava können die assyrisch-aramäischen Christen Syriens ihr Neujahrsfest öffentlich feiern. Foto: © Kamal Sido

Das tun wir:

  • Unser Nahostreferent Kamal Sido war 2016 zwei Mal und 2017 ein Mal in Nordsyrien, hat mit Repräsentanten der Kurden, Yeziden, christlichen Armenier und Assyrer/Chaldäer/Aramäer sowie anderer Minderheiten Gespräche geführt. Seinen ausführlichen Bericht mit Empfehlungen für die deutsche Nahost-Politik haben wir der Bundesregierung, Parlamentariern und politischen Gremien übersandt.
  • Mit Presseerklärungen, in Interviews, auf vielen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen in zahlreichen Städten Deutschlands und tagesaktuell in den Neuen Medien informieren wir ständig über aktuelle Entwicklungen in Nordsyrien, dem Nordirak und der Türkei. Dabei steht immer die Lage der Minderheiten im Vordergrund.
  • Wir suchen das Gespräch mit Politikern, politischen Gremien auf nationaler und internationaler Ebene, um die Sache der Kurden, Aleviten, Yeziden, Christen u.a. zu vertreten, organisieren für Vertreter Betroffener Treffen mit Entscheidungsträgern.
  • Wir schlagen Alarm, wenn dringend benötigte Nothilfe die Bedürftigen vor Ort nicht erreicht, unterstützen Flüchtlinge in Deutschland, beraten in Konfliktfällen oder tragen dazu bei, Familien zusammenzuführen.
  • Wir werden uns dafür einsetzen, dass Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen des syrischen Gewaltherrschers Baschar al-Assad, der Opposition und anderer Akteure nicht straflos bleiben. Alle maßgeblich Beteiligten müssen dafür verurteilt werden.

Das fordern wir:

  • Deutschland und die EU müssen alles daran setzen, alle Kriegsparteien in Syrien und ihre Unterstützer an den Verhandlungstisch zu bekommen. Die Bombardierung von Aleppo durch die syrische und russische Luftwaffe, unter der besonders die Zivilbevölkerung leidet, und die Angriffe auf Ortschaften in den kurdisch kontrollierten Regionen durch türkische Truppen müssen sofort beendet werden.
  • Deutschland und die EU müssen die Türkei und die Golfstaaten dazu drängen, die Radikalislamisten in Syrien nicht mehr zu unterstützen. Mögliche Waffenlieferungen an die Islamisten müssen unterbunden werden. Auch Rüstungsexporte an die Türkei dürfen nicht mehr genehmigt werden.
  • Auch wenn Erdogan immer wieder damit droht, den „Flüchtlingspakt“ mit der EU aufzukündigen, dürfen Deutschland und andere EU-Regierungen sich nicht erpressen lassen. Sie dürfen die Blockade von Nothilfe und Angriffe der türkischen Armee auf die Kurdenregionen in Nordsyrien nicht tatenlos hinnehmen.
  • Die Yeziden wurden Opfer von Völkermord durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Ihnen sollte nach der Befreiung von Mossul in ihrem Hauptsiedlungsgebiet, dem nordirakischen Sinjar, ermöglicht werden, sich selbst zu verwalten. Das fordern wir auch für die christlichen Assyrer/Chaldäer/Aramäer in der benachbarten Ninive- Ebene und für andere Minderheiten.

Bitte tragen Sie zu unserer Menschenrechtsarbeit für bedrohte Völker mit einer Spende bei.

Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft

(IBAN)DE68 2512 0510 0000 708090

(BIC) BFSWDE33HAN

Herzlichen Dank!


Die Kampagne wurde im Herbst 2016 lanciert und im Januar 2018 aktualisiert.