Nordsyriens "Oase des Friedens" retten!

Im Schatten des Krieges um Aleppo und Mossul

Die Bombardierung von Aleppo, unter der besonders Zivilisten leiden, ist ein Kriegsverbrechen. Foto: HosamKatan/Reuters

"Jeden Augenblick können Bomben fallen, Granaten explodieren, Häuser einstürzen. Es trifft auch die Kleinsten, Unschuldigsten und Hilflosesten - Babys, Kinder, Alte und Kranke - es ist entsetzlich", beschreibt der Nahostreferent unserer Menschenrechtsorganisation, Kamal Sido, die Lage in Aleppo. Etwa 200.000 Zivilisten sind im Ostteil der Stadt eingekesselt. Weil er von Islamisten kontrolliert wird, wird er von syrischen und russischen Kampfflugzeugen aus bombardiert. Die Islamisten werden von der Türkei, Saudi-Arabien und Katar unterstützt. Sie attackieren den Westen Aleppos, der mit Hilfe Russlands vom Assad-Regime gehalten wird. Dort leben 1,5 Millionen Zivilisten. Auch sie haben Hilfe bitter nötig. Um eine Waffenruhe wird mühsam gerungen. Die nächste humanitäre Katastrophe bahnt sich im Irak an: Die Offensive gegen die Islamisten in Mossul hat begonnen. Für Zivilisten soll es einen rettenden Korridor geben. Bis zu eine Million Flüchtlinge werden erwartet.

Im Schatten dieser schrecklichen Kämpfe und Kriegsverbrechen geraten die Kurden, Christen, Yeziden und die vielen Flüchtlinge in Nordsyrien immer mehr in Bedrängnis. Die kurdische Führung hat diese Region an der Grenze zur Türkei, die Rojava genannt wird, für autonom erklärt. Bisher ist sie eine „Oase des Friedens“. Doch sie ist in großer Gefahr: Islamisten wollen die kulturelle und religiöse Vielfalt Rojavas zerstören. Unterstützt werden sie von der Türkei. Sie lässt kaum Hilfstransporte durch und greift kurdische Orte an.



TÜRKEI BLOCKIERT HUMANITÄRE HILFE UND ATTACKIERT KURDISCHE DÖRFER

Von der türkischen Grenze bis zum Flüchtlingslager „Robar“ in der kurdisch kontrollierten Region Afrin im Nordwesten Syriens sind es nur 18 Kilometer. Tausende von Flüchtlingsfamilien aus ganz Syrien sind hier untergebracht. Von der lokalen Bevölkerung können sie trotz größter Anstrengungen nur notdürftig versorgt werden. Insgesamt soll Afrin nahezu 400.000 Schutzsuchende aufgenommen haben. Die meisten davon sind arabisch-sunnitische Flüchtlinge aus dem Raum Aleppo. Afrin gehört zu Rojava, ist aber vom Rest des nordsyrischen Kurdengebiets abgeschnitten.

© Tanja Wieczorek für GfbV

Für professionelle Hilfswerke wäre es ein Leichtes, Konvois mit Lebensmitteln, Medikamenten, Zelten, Decken und Kleidung von der Türkei aus nach „Robar“ zu organisieren. Aber das lässt die türkische Regierung unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nicht zu. Sie hält ihre Grenze geschlossen und blockiert so die humanitäre Nothilfe.

Erdogan will im Nachbarstaat Syrien kein autonomes Kurdengebiet dulden, in dem kulturelle und religiöse Vielfalt gelebt wird. Deshalb will er auch den notleidenden Menschen in Afrin nicht helfen lassen, sondern sie auf seinen Kurs zwingen:

Er unterstützt die Islamisten, die die Christen und Yeziden sowie die liberalen muslimischen Kurden bekämpfen. Erdogan geht sogar noch weiter und lässt seine Luftwaffe kurdische Ortschaften in Nordsyrien angreifen, die Bewohner vertreiben. Dabei hat es schon Dutzende Tote gegeben, berichten Vertrauenspersonen der Gesellschaft für bedrohte Völker. Kritik an seiner islamistisch orientierten Politik verbittet sich Erdogan und droht, den Flüchtlingsdeal mit der EU platzen zu lassen. Drei Milliarden Euro bekommt die Türkei dafür, dass sie keine Flüchtlinge mehr in Richtung Europa weiterziehen lässt. Gleichzeitig sorgt sie selbst dafür, dass immer mehr Menschen fliehen müssen. Drei Millionen Vertriebene aus Syrien sind bisher in der Türkei untergebracht.

UNHCR MUSS AUCH IN KURDENREGION SYRIENS HELFEN!

Auch im Nordosten von Rojava dicht an der Grenze zum Irak müssen schnellstens Versorgungsengpässe beseitigt werden: Dort liegt das Flüchtlingslager Al-Hawl. Schon vor der aktuellen Offensive auf die Islamisten in der Metropole Mossul flohen Menschen aus dem Irak nach Rojava. Jetzt werden es täglich immer mehr. Zehntausende irakische Familien werden noch erwartet. Die kurdisch geführte Selbstverwaltung in Rojava ist bereit, ihnen in Al-Hawl Zuflucht zu gewähren, braucht dafür jedoch selbst Hilfe. „In dem Camp müssen dringend Grundvoraussetzungen für die Aufnahme so vieler Menschen geschaffen werden. Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft uns dabei unterstützt, den Zustrom von Flüchtlingen zu bewältigen“, sagt Hozan Mahmo, ein Vertreter der autonomen Selbstverwaltung. Bisher will UNHCR für Flüchtlinge in dem Lager jedoch nichts tun. Das UN-Hilfswerk wartet auf eine Einsatzgenehmigung vom syrischen Regime in Damaskus, in dessen Hoheit die Region fällt. Da reicht es offenbar nicht aus, dass die oppositionellen Kurden Al- Hawl und die umliegenden Regionen vom IS befreit haben und heute verwalten. Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert, dass schnellstens ein Weg gefunden wird, den Flüchtlingen in Rojava unbürokratisch zu helfen.

Menschenleben zu retten ist höchste Pflicht!

Diese kurdische Flüchtlingsfamilie ist nach Nordsyrien zurückgekehrt, um ihr Zuhause wiederaufzubauen. Foto: © Kamal Sido

KULTURELLE UND RELIGIÖSE VIELFALT SCHÜTZEN!

Der autoritäre und intolerante Führungsstil des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erstickt nicht nur im eigenen Land die Hoffnung der Kurden, Aleviten, Armenier, assyrischen/aramäischen/chaldäischen Christen und kleineren Minderheiten auf Frieden, Anerkennung und Mitbestimmung. Sein den Islamisten zugewandter Kurs bringt auch die kulturelle und religiöse Vielfalt in Nordsyrien in Gefahr. Die türkische Blockadepolitik gegenüber Flüchtlingen im Nachbarland und die Angriffe türkischer Truppen auf Ortschaften in den von Kurden selbst verwalteten Regionen sind jedoch durch nichts zu rechtfertigen! Das muss Deutschland, die anderen europäischen Staaten und Nato-Länder alarmieren! Sie müssen auf das Nato-Mitglied Türkei einwirken, die Entwicklung demokratischer Strukturen nicht länger zu bekämpfen, humanitäre Nothilfe nicht mehr zu behindern oder zu unterbinden, die Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten zu unterlassen und Religions- und Meinungsfreiheit zu achten.

In Rojava können die assyrisch-aramäischen Christen Syriens ihr Neujahrsfest öffentlich feiern. Foto: © Kamal Sido

Das tun wir:

  • Unser Nahostreferent Kamal Sido war 2016 zwei Mal in Nordsyrien, hat mit Repräsentanten der Kurden, Yeziden, christlichen Armenier und Assyrer/Chaldäer/Aramäer sowie anderer Minderheiten Gespräche geführt. Seinen ausführlichen Bericht mit Empfehlungen für die deutsche Nahost-Politik haben wir der Bundesregierung, Parlamentariern und politischen Gremien übersandt.
  • Mit Presseerklärungen, in Interviews, auf vielen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen in zahlreichen Städten Deutschlands und tagesaktuell in den Neuen Medien informieren wir ständig über aktuelle Entwicklungen in Nordsyrien, dem Nordirak und der Türkei. Dabei steht immer die Lage der Minderheiten im Vordergrund.
  • Wir suchen das Gespräch mit Politikern, politischen Gremien auf nationaler und internationaler Ebene, um die Sache der Kurden, Aleviten, Yeziden, Christen u.a. zu vertreten, organisieren für Vertreter Betroffener Treffen mit Entscheidungsträgern.
  • Wir schlagen Alarm, wenn dringend benötigte Nothilfe die Bedürftigen vor Ort nicht erreicht, unterstützen Flüchtlinge in Deutschland, beraten in Konfliktfällen oder tragen dazu bei, Familien zusammenzuführen.
  • Wir werden uns dafür einsetzen, dass Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen des syrischen Gewaltherrschers Baschar al-Assad, der Opposition und anderer Akteure nicht straflos bleiben. Alle maßgeblich Beteiligten müssen dafür verurteilt werden.

Das fordern wir:

  • Deutschland und die EU müssen alles daran setzen, alle Kriegsparteien in Syrien und ihre Unterstützer an den Verhandlungstisch zu bekommen. Die Bombardierung von Aleppo durch die syrische und russische Luftwaffe, unter der besonders die Zivilbevölkerung leidet, und die Angriffe auf Ortschaften in den kurdisch kontrollierten Regionen durch türkische Truppen müssen sofort beendet werden.
  • Deutschland und die EU müssen die Türkei und die Golfstaaten dazu drängen, die Radikalislamisten in Syrien nicht mehr zu unterstützen. Mögliche Waffenlieferungen an die Islamisten müssen unterbunden werden. Auch Rüstungsexporte an die Türkei dürfen nicht mehr genehmigt werden.
  • Auch wenn Erdogan immer wieder damit droht, den „Flüchtlingspakt“ mit der EU aufzukündigen, dürfen Deutschland und andere EU-Regierungen sich nicht erpressen lassen. Sie dürfen die Blockade von Nothilfe und Angriffe der türkischen Armee auf die Kurdenregionen in Nordsyrien nicht tatenlos hinnehmen.
  • Die Yeziden wurden Opfer von Völkermord durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Ihnen sollte nach der Befreiung von Mossul in ihrem Hauptsiedlungsgebiet, dem nordirakischen Sinjar, ermöglicht werden, sich selbst zu verwalten. Das fordern wir auch für die christlichen Assyrer/Chaldäer/Aramäer in der benachbarten Ninive- Ebene und für andere Minderheiten.

Senden Sie unser Info- und Aktionsblatt "Nordsyriens „Oase des Friedens“ retten!" an Freunde und Bekannte: Info- und Aktionsblatt (pdf)

Sie können das Faltblatt und die Postkarte auch kostenlos in unserem Online-Shop (Kategorie: Aktionsmaterial) bestellen: Zum Shop


Bitte tragen Sie zu unserer Menschenrechtsarbeit für bedrohte Völker mit einer Spende bei.

Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft

(IBAN)DE68 2512 0510 0000 708090

(BIC) BFSWDE33HAN

Herzlichen Dank!


Die Kampagne wurde im Herbst 2016 lanciert.