Der Völkermord an den Yeziden

Ein Podcast mit Opfer und Betroffenen aus unserer Reihe „30 Minuten Menschenrechte“

Auch zwei Jahre nach dem Beginn des Völkermords bestimmen Erfahrungen und Erinnerungen das Leben der Betroffenen. Foto: Jürgen Thelen

von Benjamin Dietrich und Michaela Böttcher, GfbV-Onlineredaktion

In diesem 30-minütigen Podcast lassen wir Opfer und Unterstützer zu Wort kommen. Denn auch zwei Jahre nach dem Beginn des Völkermords an den Yeziden bestimmen Erfahrungen und Erinnerungen das Leben der Betroffenen. So erzählten uns Khalil Juma und Kolo Sido ihre Fluchtgeschichten, Yeziden in Deutschland schildern ihre Betroffenheit und Angst und wie sie seit den Angriffen auf ihre Verwandten und Freunde damit umgehen. Und die junge Jordanierin Mais Masadeh, die mehrere Jahre für die Internationale Organisation für Migration IOM tätig war, sprach über ihre Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften im Nordirak und über Kinder, die zwar aus der Gefangenschaft des IS entkommen konnten, aber von den Erlebnissen stark traumatisiert sind.

Tipp: Sie können sich den Beitrag auch kostenlos herunterladen und später offline anhören.


Alternativ können Sie hier das Transkript des Podcasts oder auch einzelne Geschichten nachlesen.

Einleitung

Vor zwei Jahren, im Sommer 2014, eroberten die Fanatiker des „Islamischen Staats“, kurz IS, die Region Sinjar und vertrieben mehr als 400.000 Yeziden aus ihrem Hauptsiedlungsgebiet im Nordwesten des Irak. Ziel der Islamisten war und ist es, die yezidische Kultur und Religion auszurotten.

Zehntausende Yeziden flohen vor den plündernden und mordenden Horden und retteten sich in das Sinjar-Gebirge. Die Bilder gingen um die Welt und erzeugten eine Welle der Empörung und des Schocks. Sie führten dazu, dass der Westen den IS wahrnahm, dass sich viele Yeziden in der Diaspora politisch engagierten. Aber vor allem erzählten uns die Bilder hautnah vom Überlebenskampf einer der ältesten Religionen der Welt. Eine monotheistische Religion mit etwa eine Millionen Angehörigen. Eine Religion, bei der Wissenschaftler davon ausgehen, dass sie aus vorrömischer Zeit stammt.

Die Yeziden wurden in ihrer Geschichte schon oftmals aus religiösen Gründen verfolgt. Da für sie der oberste Erzengel Tausi Melek eine besondere Rolle spielt, wurden und werden Yeziden von Islamisten als „Teufelsanbeter“ bezeichnet. Immer wieder sind sie Opfer von gewalttätigen Übergriffen und Angriffen. So auch 2007, als bei einem furchtbaren Anschlag in zwei yezidischen Dörfern bis zu 700 Menschen sterben. Bis heute ist er einer der schlimmsten Anschläge in der Geschichte des Irak.

Doch dann kam der Sommer 2014, der den sieben Jahre vorher so erschütternden Anschlag noch in den Schatten stellt. Mindestens 7.000 Yeziden wurden vom IS ermordet, 5.000 Frauen und Kinder gerieten in die Gefangenschaft der islamistischen Terrorgruppe, von denen tausende immer noch verschleppt sind.

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Khalil Juma: Flucht aus dem Sinjar

Die Lage der Yeziden ist auch heute, zwei Jahre nach dem Beginn des Völkermords, weiterhin schwierig. Sie leben nun, vertrieben aus ihrer ursprünglichen Heimat Sinjar, die sie selbst Shingal nennen, weltweit verstreut. So leben in Deutschland mittlerweile mehr Yeziden als in der Region Sinjar, von der weiterhin große Teile unter Kontrolle des IS sind.

Viele der nach Deutschland geflohenen Yeziden hoffen aber, dass sie irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Doch einfach wird es nicht, wie auch Khalil Juma weiß. Er selbst floh mit seiner Familie im August 2014 vor dem „Islamischen Staat“ und lebt mittlerweile mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Göttingen.

"Unsere Nachbarn, mit denen wir zu tun hatten, waren auch unter den Tätern. Wir habe kein Vertrauen, weder in die kurdische Regionalregierung, noch in die irakische Zentralregierung. Sie können uns keinen Schutz gewähren. Wir brauchen internationale Garantien und internationalen Schutz, erst dann können wir wieder in unsere Heimat zurück."

Khalil stammt aus dem Dorf Kocho, das ungefähr 35 Kilometer entfernt vom Sinjargebirge liegt. Früher, so erzählte uns Khalil, wohnten die Yeziden alle im Sinjargebirge. Es bot ihnen Schutz, Wasser und Weideland für ihre Tiere. Und auch Schutz vor Angreifern. Doch vor allem unter der Herrschaft Saddam Husseins wurden sie von dort vertrieben und in die Ebene umgesiedelt, die Dörfer im Gebirge zerstört. Diese Umsiedlungspolitik ist eine der Gründe, warum die yezidischen Dörfer in der Ebene den plündernden und mordenden IS-Terroristen im Sommer 2014 schutzlos ausgeliefert waren.

„Am 2. August 2014 waren wir zu Hause im Dorf. Wir waren ganz normal zu Hause und gingen unserer Arbeit nach. Davor waren Tel Afar und Mossul schon in die Hände des „Islamischen Staats“ gefallen. Am 3. August morgens waren schon drei yezidische Dörfer vom IS erobert worden. Bei uns im Dorf waren kurdische Peschmerga-Einheiten. Wir Bewohner hatten keine schweren Waffen, nur leichte Waffen. Doch die Peschmerga hatten sich zurückgezogen, ohne uns zu informieren. Um fünf Uhr nachmittags griff der IS an, bis um acht Uhr abends konnten wir den IS zurückschlagen und das Dorf verteidigen. Als die Verteidiger nicht mehr standhalten konnten, flüchteten sich etwa 50 Familien in Richtung des Sinjar-Gebirges. Auch meine Familie hat das Dorf verlassen, mit dem Auto fuhren wir solange es ging, danach liefen wir zu Fuß weiter ins Gebirge. Es war heiß im August, viele sind gestorben, da wir nur wenig Wasser und wenig zu essen hatten. Es war so schlimm, dass wir ältere und kranke Menschen zurücklassen mussten.“

Auf dem Weg nach oben ins Sinjar-Gebirge nahmen Khalil und andere yezidische Flüchtlinge über ihre Handys Kontakt zu Bewohnern der Stadt Dohuk in Irakisch-Kurdistan auf. Diese versicherten, dass bald die irakische Armee oder kurdische Einheiten kämen, um sie zu retten. Doch niemand kam. 12 Tage liefen sie das Gebirge hinauf, bis sie das Scherfadin genannte Heiligtum der Yeziden erreichten. Die wenigen Wasser- und Nahrungsvorräte wurden immer geringer.

"Wir hatten etwas Wasser, aber nichts zu essen mehr. Viele kleine Kinder starben. Nach drei Tagen wurden wir vom IS angegriffen. Wir hatten kaum Waffen, nur ein Mann hatte ein Maschinengewehr. Alle mit Waffen scharten sich um das Maschinengewehr und versuchten, die Stellung zu verteidigen. Unsere Leute konnten kaum Widerstand leisten und die Leute des IS kamen immer näher. Ich weiß nicht genau, wie viele von uns starben, aber es waren viele. Ob vom IS überhaupt welche getötet wurden, weiß ich nicht. Vielleicht hatte jemand Kontakt zur amerikanischen Luftwaffe, denn plötzlich sind drei Flugzeuge der Amerikaner am Himmel erschienen. Sie zerstörten alle gepanzerten Fahrzeuge des IS, insgesamt acht Stück. Wir hatten Glück, denn wären sie fünf Minuten später gekommen, wären wir alle tot gewesen. Danach liefen wir zwei Tage lang ohne Wasser zur syrischen Grenze, wo syrische Kurden ein Flüchtlingslager organisiert hatten.“

Von dort wurden Khalil und seine Familie in die Provinz Dohuk in Irakisch Kurdistan gebracht. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnten sie aufatmen und ein kleines Gefühl von Sicherheit empfinden. Doch die ökonomische Lage für Flüchtlinge in Irakisch-Kurdistan ist sehr schwierig. Etwa zwei Millionen Flüchtlinge hat die Region mittlerweile aufgenommen, so viele wie die Türkei und doppelt so viele wie Deutschland 2015. Und das, obwohl die Region selbst nur etwas mehr als 8 Millionen Einwohner hat.

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Nadia Murad: Yezidin in IS-Gefangenschaft

Was Khalil Juma damals nicht ahnte, während er die Hölle im Sinjar-Gebirge erlebte: Seinem Dorf stand das Schlimmste noch bevor. Am 15. August richtete der IS in Kocho ein Blutbad an: Innerhalb einer Stunde töteten die Extremisten über 300 Männer (andere Quellen sprechen sogar von 600) sowie ältere Frauen, die man nicht mehr versklaven kann.

Die restlichen Frauen und Kinder nahmen die IS-Kämpfer gefangen und verschleppten sie mit Bussen nach Mossul. Auch Khalils junge Verwandte Nadia, damals 19 Jahre alt, ist unter denen, die verschleppt werden. Sie wird später den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu Tränen rühren, als sie persönlich von ihrem Leidensweg als Gefangene des „Islamischen Staats“ berichtet.

"Am 15. August brachten die Leute vom IS uns in die Dorfschule. Sie trennten die Männer von den Frauen und Kindern. Vom zweiten Stock der Schule sah ich, wie sie die Männer wegbrachten und töteten. Sechs meiner Brüder wurden getötet, drei überlebten den Massenmord. Wir Frauen und Kinder wurden per Bus in ein anderes Gebiet gebracht. Sie demütigten uns den ganzen Weg und berührten uns auf schändliche Art und Weise. Mit mehr als 150 yezidischen Familien brachten sie uns nach Mossul. Tausende Familien waren in einem Gebäude dort, auch Kinder, die als Geschenke weggegeben worden. Einer der Männer kam zu mir und wollte mich mitnehmen. Ich schaute auf den Boden und hatte schreckliche Panik. Als ich aufsah, sah ich einen riesigen Mann. Wie ein Monster. Ich schrie, dass ich zu jung war und er riesengroß. Doch er trat und schlug mich. Ein paar Minuten später kam ein anderer Mann zu mir. Ich schaute immer noch auf den Boden. Ich sah, dass er ein bisschen kleiner war und bat ihn, mich mitzunehme an Stelle des Riesen, vor dem ich schreckliche Angst hatte. Er nahm mich mit und sagte, ich soll meine Religion ändern. Aber ich weigerte mich. Eines Tages kam er und sagte, wir sollen, wie sie es nennen, heiraten. Ich sagte, dass ich krank war. Die meisten Mädchen hatten so Angst, dass sie ihre Tage bekamen. Ein paar Tage später kam der Mann zu mir und sagte, ich solle mich anziehen und schminkte mich. Dann, in dieser schrecklichen Nacht, vergewaltigte er mich. Nach drei Monaten konnte ich dann endlich entkommen."

Worte zu finden, die Nadias Tortur, aber auch sie selbst als Person beschreiben, sind schwierig. Denn Nadia hat nicht nur das Unaussprechliche überlebt, sie kämpft auch offensiv dagegen an. Seitdem sie über ein Programm des Landes Baden-Württemberg, bei dem über 1.000 Yezidinnen und ihre Kinder zur Behandlung aufgenommen wurden, nach Deutschland kam, gönnt sie sich selbst keine ruhige Minute. Kontinuierlich setzt sie sich für die yezidischen Frauen ein, die noch in der Gewalt des „Islamischen Staats“ sind. Dafür reist sie um die ganze Welt und trifft Politiker und Diplomaten. Ihrem Engagement ist es unter anderem zu verdanken, dass der Angriff des IS auf die Yeziden als Völkermord anderkannt wurde.

"Der „Islamische Staat“ kam und hatte nur ein Ziel: Die komplette Zerstörung der yezidischen Identität mittels Gewalt, Vergewaltigung und Rekrutierung unserer Kinder als Kindersoldaten. Dies kann man nur als Völkermord bezeichnen, vor allem als Völkermord an yezidischen Frauen. Vergewaltigung diente als Mittel, um Frauen und Mädchen zu brechen und um sicher zu stellen, dass sie nie mehr ein normales Leben führen können."

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Mais Masadeh: Mitarbeiterin in Flüchtlingsunterkünften

Eine, die Nadia Murad schon 2013, als die junge Yezidin noch eine regionale Aktivistin für Menschenrechte - insbesondere für Frauen – und Minderheitenrechte – war, kennenlernte, ist die in Jordanien geborene Mais Masadeh. Mais war mehrere Jahre für die Internationale Organisation für Migration IOM tätig.

Die IOM ist eine Organisation, die nationale und internationale Projekte zu Migrationsthemen durchführt. Als Mitarbeiterin für IOM arbeitet Mais von Anfang 2015 bis zum Juli 2016 in verschiedenen Flüchtlingslagern im Nordirak.

Aus ihrer Erfahrung heraus sieht Mais die Möglichkeit, dass Yeziden bald in ihre Heimat zurückkehren können, kritisch.

"Es kann noch mehrere Jahre dauern, bis die Menschen wieder in die Sinjarregion zurückkehren können. Ich denke nicht, dass dies in nächster Zeit passiert.

Das Problem ist nicht der Wiederaufbau der Städte oder der Infrastruktur. Es gibt ein größeres Problem. Ich habe mit yezidischen Frauen gesprochen, die von ihren Nachbarn vergewaltigt worden sind. Und ihre Nachbarn wohnen immer noch dort. Man kann von den Menschen nicht erwarten, dass sie zurückkehren, und wieder mit den Tätern zusammen leben."

Dass, wie von Nadia angesprochen, vom IS yezidische Kinder als Soldaten rekrutiert werden, kann Mais ebenfalls bestätigen. Einige von ihnen konnten in den vergangenen Monaten entkommen. Doch die Hölle ist für diese Kinder damit nicht zu Ende. Ihr Charakter hat sich oftmals komplett verändert. Die Gehirnwäsche des „Islamischen Staats“ zeigt bei ihnen ihre volle Wirkung.

"Als ich das letzte Mal dort war, ist ein neues Problem aufgetreten. Und zwar sind es die entführten Kinder, die vom IS flüchten konnten. Wenn man sich traut, die Videos des „Islamischen Staats“ anzusehen, wenn sie jemanden köpfen, sieht man auch viele Kinder. Sie werden einer Gehirnwäsche unterzogen und denken dann, dass das normal ist.

Ich habe eine Mutter getroffen, die ihren sieben jährigen Sohn seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Der Sohn konnte entkommen und wurde von den Peschmerga aufgegriffen. Und sie konnten ihn zu seiner Mutter in der Provinz Dohuk bringen. Für sie ist er natürlich ihr Kind. Aber aus meiner Perspektive als humanitäre Helferin ist er eine gefährliche Person, die Hilfe benötigt. Aber die Mutter sieht das nicht so. Er schneidet die Köpfe von allen Pupen, die er sieht, ab. Alles, was man ihm gibt, zerstört er. Aus Teddybären reist er die komplette Füllung heraus. Man sieht, was er erlebt hat. Die Mutter erzählte mir, dass ihr Sohn sie schlage und auffordere zu beten, sobald er den islamischen Gebetsruf höre. Und er betet auch.

Es gab noch nicht so viele Fälle, aber es werden immer mehr.

Das ist, was der IS will. Er verbreitet es sogar via Twitter: Die Mutter vergewaltigen und versklaven, den Vater töten und die Kinder als Kindersoldaten rekrutieren."

Besonders die psychische Situation dieser Kinder stellt die Hilfsorganisationen vor eine neue Herausforderung. Psychologische Unterstützung, von der es eh zu wenig auch für die betroffenen Frauen gibt, muss auf die Bedürfnisse der Kinder angepasst werden. Die vor Ort arbeitenden Organisationen versuchen zu helfen, wo sie können. So haben sie bereits Bildungsangebote für Kinder und Erwachsenen aufgebaut.

"In den Lagern werden sichere Plätze für Kinder eingerichtet, wo sie mit anderen Kindern spielen können. In den Lagern wohnen Yeziden, irakische Binnenvertriebene und syrische Flüchtlinge zusammen. Durch die vielen Flüchtlinge ist das Bildungsniveau natürlich nicht so gut. Es kann sein, dass ein Achtjähriger mit einem Fünf- oder Sechsjährigen zusammen im Klassenzimmer ist und denselben Unterricht erhält. Es gibt morgens und nachmittags Unterricht, um alle Kinder zu erreichen. Natürlich entspricht die Qualität des Unterrichts nicht der Qualität regulärer Schulbildung. Jedoch wird dadurch erreicht, dass die Kinder einen Ort haben, an den sie gehen können und man beschäftigt sie, wodurch es weniger Probleme im Camp gibt.

Zusätzlich gibt es Organisationen, die den Frauen handwerkliche Fertigkeiten beibringen oder Lesen und Schreiben. Viele yezidische Frauen, mit denen ich sprach, sind Analphabetinnen. Im Flüchtlingslager erhalten sie die Möglichkeit, sich weiterzubilden."

Allgemein hat sich die Situation in den Flüchtlingslagern in den vergangenen zwei Jahren verbessert. Bestanden sie am Anfang nur aus Zelten, so konnten diese mit zunehmenden internationalen Spenden durch Container ersetzt werden. Die Container sind sogar klimatisiert, was im Irak bei einem Sommer über 40 Grad Hitze sehr wichtig ist.

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© Michaela Böttcher für GfbV

Kolo Sido: Flucht und Widerstand im Sinjargebirge

Kolo Sido lebte auch kurzzeitig mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager in Irakisch-Kurdistan. Er ist ein sympathischer Mann, der seinen Humor nicht verloren hat. Bis zum Angriff des IS war der heute 40-Jährige Angehöriger der irakischen Polizei in der Stadt Sinjar. Wie für alle, änderte sich auch sein Leben schlagartig.

Am 2. August feierten Kolo und die anderen Yeziden im Dorf noch wie jedes Jahr das sogenannte 40-Sonnentage-Fest. Doch am Abend forderte ein kurdischer Peschmerga-Offizier Kolo Sido und die anderen Polizisten auf, ihre Gewehre abzugeben. Insgesamt waren es mehr als 300 Kalaschnikow-Gewehre, aber auch gepanzerte Fahrzeuge und Mörser. Sie sollten an Stammesangehörige verteilt werden. Kolo Sido weiß nicht genau, was die Peschmerga mit den Waffen gemacht haben. Widersetzen konnten sich die Yeziden dieser Anweisung nicht. Ohne Gewehre und Ausrüstung war auch Kolos Dorf dem IS schutzlos ausgeliefert.

"Am 2. August abends haben wir dann noch mit Tel Afar telefoniert. Dort gab es schon heftige Gefechte zwischen dem IS und Yeziden. Die ganze Nacht konnten wir nicht schlafen. Unsere Polizeiwache lag direkt gegenüber dem Krankenhaus. Um sechs Uhr morgens wurden dann zwei verletzte Peschmerga dorthin gebracht. Ein Peschmerga-Offizier kam und hat gesagt, wir sollen ins Gebirge fliehen. Wir haben dann rumtelefoniert und von überall kam die Meldung, dass die Peschmerga sich zurückgezogen haben.

Etwas später haben wir dann die ersten gepanzerten Fahrzeuge des IS in Sinjar beobachten können. Selbst wenn wir noch die Waffen gehabt hätten, hätten wir mit den Kalaschnikows nichts gegen den IS ausrichten können. Um sieben haben die Leute dann gewusst, dass sie schutzlos waren. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Peschmerga sich zurückgezogen haben in Richtung der Autonomen Provinz Kurdistan. Ich bin dann weggefahren und habe meine Frau angerufen und ihr gesagt, dass Sinjar gefallen ist und dass wir fliehen müssen. Sie hat die Wertsachen eingepackt und unsere Familie ist ins Sinjargebirge geflohen."

Kolo war nun in relativer Sicherheit, an einem Ort, der den Yeziden schon seit Jahrhunderten Schutz vor Verfolgung gewährt hatte: das Sinjargebirge und das dort gelegene yezidische Heiligtum Scherfedin. Doch als er einen Anruf von einer Verwandten erhielt, die sich noch im Dorf aufhielt, machte er sich noch einmal auf, um sie zu retten:

"Das Dorf war etwa 30 Kilometer vom Sinjargebirge entfernt. Der direkte Weg ins Dorf war schon vom IS besetzt. Doch ich konnte über kleine Sandstraßen ins Dorf gelangen und habe mit meinem Auto die Menschen abgeholt. Elf oder zwölf Menschen konnte ich in mein Auto laden und mit ins Sinjargebirge nehmen.

Meine Familie hatte unterschiedliche Meinungen. Manche wollten am yezidischen Heiligtum Sherfedin bleiben, manche wollten weg nach Kurdistan."

Am Ende brachte Kolo Sido den Großteil seiner Familie in die Stadt Dohuk in Irakisch-Kurdistan, wo auch Khalil Juma war. Der direkte Weg war blockiert, doch mit einem Umweg über Syrien schafften sie es. Aber für den Polizisten Kolo war schnell klar, dass er nicht im Flüchtlingslager bleiben kann. Er verabschiedete sich von seiner Familie in Dohuk und kehrte, nachdem er Benzin und andere Vorräte gekauft hatte, zurück zu den anderen Flüchtlingen, die immer noch im Gebirge festsaßen und nichts zu essen hatten. Dort spitzte sich die Lage weiter zu. Fast stündlich kamen immer mehr yezidische Flüchtlinge ins Gebirge, die Bedingungen für sie alle wurden immer schlechter. Nahrungsmittel waren fast gar nicht mehr vorhanden und die Flüchtlinge im Gebirge der Sonne schutzlos ausgeliefert.

"Mit 25 Personen und drei Fahrzeugen hatten wir dann beschlossen, in die vom IS besetzen Dörfer zurückzukehren, um Lebensmittel zu suchen. Für uns Erwachsene war es ja kein Problem, ein paar Tage ohne Nahrungsmittel zu verbringen, doch für die Kinder nicht. Wir haben dann ein Dorf durchsucht und Öl, Reis, Brot mitgenommen, also alles was wir finden konnten."

Da der IS die Dörfer besetzt hatte, war die Aktion sehr riskant. Und tatsächlich entdeckte ein Konvoi der islamistischen Terrorgruppe die Yeziden. Glücklicherweise bestand die Gruppe vorrangig aus Männern, die in der Armee gewesen waren. Sie wussten daher, wie man sich verteidigt.

"Es waren drei Fahrzeuge. Schnell kam es dann zum Gefecht. Einer von uns ist gefallen, aber wir haben auch viele Islamisten getötet. Doch die Islamisten konnten Verstärkung herbeirufen, mehrere Humvees, also gepanzerte Armeefahrzeuge, die jetzt in den Händen des IS waren, kamen zu ihrer Unterstützung. Wir konnten dann ausbrechen, doch dabei ist noch einer von uns gestorben. Er sagte: Ich bleibe hier, doch ihr müsst fliehen. Er zog das gesamte Feuer auf sich und starb dabei. Doch uns ermöglichte er die Flucht.

Wir konnten dann unsere Lebensmittel in die Flüchtlinge verteilen. Doch Wasser war weiterhin knapp. Wir haben das Wasser aus den Deckeln der Flaschen getrunken, damit es möglichst lange reicht."

Nach sieben Tagen im Gebirge konnte Kolo Sido wieder zu seiner Familie nach Dohuk zurückkehren. Heute lebt er mit seiner Familie, wie auch Khalil Juma und dessen Familie, in Göttingen. Die ansässige yezidische Gemeinde hat ihnen ein neues Zuhause und ein neues Zugehörigkeitsgefühl gegeben.

Dazu kommt die Ungewissheit: Khalil beispielsweise weiß bis heute nicht, was mit seiner Schwester geschehen ist. Seit seiner Flucht aKolo Sido und Khalil Juma hatten Glück: Sie überlebten. Doch die Trauer über Verwandte, die nicht so viel Glück hatten, sitzt tief. Dazu kommt die Ungewissheit: Khalil beispielsweise weiß bis heute nicht, was mit seiner Schwester geschehen ist. Seit seiner Flucht an dem verheerenden Augusttag hatte er keinen Kontakt mit ihr. Täglich fragt er sich, ob sie tot oder in den Händen des IS ist.n dem verheerenden Augusttag hatte er keinen Kontakt mit ihr. Täglich fragt er sich, ob sie tot oder in den Händen des IS ist.

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Eytan Celik: Von der Ohnmächtigkeit zum Aktivismus

Dieses Gefühl, aus der Ferne ohnmächtig zuschauen zu müssen, kennen auch die bereits seit langem in Deutschland wohnenden oder sogar hier geborenen Yeziden ebenfalls. Auch sie litten sehr unter dem Angriff auf ihre Verwandten, die noch im Irak waren. Die junge Yezidin Eytan Celik ist eine von ihnen. Sie hat ihre Ohnmacht in politischen Aktivismus umgewandelt.

"Als ich von meinen Eltern erfahren habe, was mit den Yeziden passiert, war ich sehr schockiert. Ich habe ganz viele Bilder gesehen, wie Yeziden, schwangere Frauen und Kinder sich ins Gebirge flüchten müssen. Das Einzige was ich getan habe, war zuzuschauen. Und das wollte ich nicht. Ich wollte aktiv werden, ich wollte das, was ich in Deutschland tun kann, tun, um die Yeziden zu unterstützen. Und das habe ich gemacht und bin seit dem Völkermord politisch aktiver. Ich bin der Gesellschaft für bedrohte Völker beigetreten und auch ehrenamtliches Mitglied der Regionalgruppe Göttingen. Dort machen wir seitdem auch viele Veranstaltungen, die das Yezidentum als Thema haben."

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Nehad Isa: Mit Zivilcourage gegen Diskriminierung

Das Engagement junger Yeziden in Deutschland und die Informationen, die durch sie in die Öffentlichkeit gelangen, sind wichtig. Denn viele geflüchtete Yeziden fühlen sich auch hier in Deutschland nicht sicher und haben Angst vor Unterstützern des „Islamischen Staats“. Sie wissen, dass es auch hier religiösen Fanatismus gibt.

Nehad Isa vom „Zentrum der Êziden“ in Göttingen, berichtet, wie dieser auch in Deutschland auftritt.

"Es war auf einem Fußballplatz in Göttingen, wo ich einige Flüchtlingskinder oder Migranten spielen sah. Ich kannte dort einen Jungen, der auch Yezide ist. Seinen Namen werde ich natürlich nicht nennen. Ich sah ihn am Spielfeldrand stehen, außerhalb des Spieles. Ich dachte mir nichts dabei und bin zu ihm hin und fragte: 'Hallo. Warum spielst du denn nicht mit den Kindern?' Ganz traurig antwortete er. 'Ich möchte nicht, dass die anderen Kinder mich ärgern.' 'Warum ärgern sie dich?' 'Sie beschimpfen mich. Sie sagen zu mir „Kaffir“.'"

Kaffir ist eine aus dem Koran stammende Bezeichnung für Ungläubige. Sie ist sehr abwertend gemeint und bedeutet, dass die andere Person praktisch wertlos ist. Nicht nur ungläubig, sondern auch vogelfrei. Für die Yeziden, die schon oftmals unter religiöser Verfolgung in ihrer Heimat gelitten haben, ist dies besonders schlimm. Nehad war geschockt.

"Das war, als würde mir ein Messer ins Herz gestochen [werden]. Ich musste erst einmal durchatmen. 'Ist das wirklich, was die anderen sagen?' 'Ja, ich erzähle die Wahrheit.'

Ich konnte es nicht mehr aushalten und bin auf die anderen Kinder zugegangen und habe auf Arabisch und Kurdisch mit ihnen gesprochen.

Ich fragte: 'Wie findest du den Jungen?'

'Der ist schlecht.'

'Wie meinst du das? Seid ihr Freunde?'

'Nein, der ist Kaffir.'

Als ich das nochmal von ihr gehört habe, war ich schockiert.

'Ja was heißt das denn für dich, Kaffir?'

'Kaffir heißt, er ist kein Moslem und liest den Koran nicht.'

Das waren ihre Worte. Ich musste erst runterschlucken und dachte: Oh Gott, was passiert jetzt.

'Wer hat dir denn das beigebracht? Deine Eltern?'

'Nein, nein, das ganze Heim denkt so über diese Familie.'

Und das mitten in Deutschland!"

So werden laut Nehad Isa das Fundament für religiösen Fundamentalismus und Hass aufgebaut. Sie fordert die deutsche Zivilgesellschaft auf, gemeinsam gegen diese fanatischen Gedanken zu kämpfen, damit sie sich nicht in den Köpfen von Kindern festsetzen können. An diesem Tag auf dem Fußballfeld hat auch Nehad Isa nicht weggeschaut.

"Ich habe dann versucht, die Mutter zu finden, um ihr von diesem Ereignis zu berichten. Sie war eine junge Mutter in meinem Alter. Als ich das erzählt habe, war sie schockiert und sagt sie zu mir:

‚Ja, es ist so: Meine Großmutter hat ihnen das beigebracht, genau das, was meine Tochter jetzt sagt. Ich bin sehr traurig, das heute über meine Tochter zu erfahren. Ich habe, bis ich nach Deutschland gekommen bin, genau das auch geglaubt. Nur dann habe ich viele Familien kennengelernt. Das stimmt gar nicht, dass die an den Teufel glauben! Das sind ganz normale Menschen, wie wir!'"

Zivilgesellschaftliches Engagement gegen religiösen Fanatismus und Diskriminierung von Minderheiten sind wichtig. Wenn interreligiöse Dialoge und persönliche Kontakte entstehen, kann Verständnis und Toleranz aufgebaut werden.

Aber für Nehad Isa ist das nur ein Aspekt, um Terrorgruppen die Möglichkeit zu nehmen, weiter zu wachsen. Sie weiß, wie viele andere auch, dass bereits bei der Entstehung von solchen Zusammenschlüssen eingegriffen werden muss. Denn am Ende werden Gruppen wie der „Islamische Staat“ oft viel zu lange als regionales Problem abgetan, für das man sich im Westen nicht zuständig fühlt.

"Wenn wir uns die Ereignisse der letzten Wochen in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland, vor Augen führen, dann werden wir schnell feststellen, dass nicht nur die Yeziden, sondern auch Menschen in Europa vom Terror bedroht sind. Unsere Freiheit, unsere Demokratie sind bedroht, daher appellieren wir als „Zentrum der Êziden“ in Göttingen an den Westen, seine Anstrengungen im Kampf gegen den Terror zu intensivieren. Ich frage mich immer, warum wir Terror nicht früher wahrnehmen, warum erst wenn überall auf der Welt bombardiert wird. Warum müssen erst so viele unschuldige Menschen sterben? Warum sehen wir nicht früher hin?"

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© Michaela Böttcher für GfbV

Hier finden Sie das komplette Transkript ebenfalls kostenlos zum Download: 30 Minuten Menschenrechte: Der Völkermord an den Yeziden (Transkript) (pdf)


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