Auf seinem Weg den Rio Doce entlang trifft der Schlamm 228 Dörfer, verseucht Trinkwasser, zerstört Ökosysteme. Er erstickt eine Fläche so groß wie Österreich  und hinterlässt eine tote Landschaft.

 

Der Süße Fluss Brasiliens ist tot. 2015 vergiftet Minenschlamm den Fluss, eine ganze Region und schließlich den Atlantik in einem Umkreis von 40 Kilometern. Es ist die größte Umweltkatastrophe, die Brasilien bisher erleben musste.

Von Yvonne Bangert


Als europäische Siedler in das Gebiet des heutigen Bundesstaates Minas Gerais im Südosten Brasiliens kamen, müssen sie sich im Paradies geglaubt haben, nannten sie doch den Fluss, der vom Gebirge Serra do Espinhaço (dt. etwa: Dornen-Gebirge) über 853 Kilometer bis zur Atlantikküste im Bundesstaat Espirito Santo fließt, Rio Doce, den Süßen Fluss. Süß ist sein Wasser heute nicht mehr. Eine Umweltkatastrophe zerstörte das einstige Paradies.

Im Quellgebiet des Rio Doce nahe der Stadt Mariana befindet sich eine Erzmine, betrieben von der Firma Samarco. Sie lagerte ihren giftigen Abraum in einem Rückhaltebecken. Am 5. November 2015 brechen dessen Dämme. Eine Schlammlawine begräbt das Dorf Bento Rodrigues unter sich, ergießt sich in den Rio Doce und einige weitere Flüsse, überflutet das angrenzende Land und breitet sich schließlich ab dem 20. November wie eine giftige Wolke im Atlantik aus.

Am Ende ergießt sich der giftige Minenschlamm in den Atlantik. Er tötet maritimes Leben im Umkreis von 40 Kilometern. Foto: Arnau Aregio/Wikipedia CC BY-SA 4.0

Nach Presseberichten ergießen sich damals mindestens 50 Millionen Tonnen Schlamm über das Land. Er ist mit Arsen, Zink, Quecksilber, Aluminium und Blei belastet. Wo die Giftbrühe vorbeikommt, erlischt alles Leben. 19 Menschen sterben, Hunderte werden obdachlos, Hunderttausende werden von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Tankwagen mit Wasser dienen als Ersatz. Entlang etwa 500 Kilometern wird das Umland des Flusses verseucht. Von der Schlammlawine überspülte Dörfer sind unbewohnbar. Fisch aus dem Rio Doce ist ungenießbar.

Lange vor den Europäern lebten bereits die Krenak am Fluss. Sie nennen ihn Watu, heiligen Fluss, und bezeichnen ihn als ihren Vater. Auf der Webseite der Menschenrechtsorganisation Amnesty International heißt es über das Verhältnis der Krenak zu ihrem Fluss: „Er bildet die Grundlage ihrer Kultur und Spiritualität, am Fluss finden traditionelle Rituale statt, wie zum Beispiel die Initiationsriten der jungen Männer. Die Krenak sind vom Rio Doce abhängig, denn sie fischen und jagen dort. Seit der Katastrophe sind sie gezwungen, Fleisch in Supermärkten zu kaufen. Sie können den Fluss nicht mehr zum Baden oder als Trinkwasserquelle nutzen. Das Absterben der Flora hat dazu geführt, dass sie ihr Einkommen durch Kunsthandwerk verloren haben.“

Menschen, die sich seit Urzeiten selbst versorgen, müssen nun ihre Nahrungsmittel kaufen. Das australisch-brasilianische Bergbauunternehmen Samarco muss ihnen auf zehn Jahre verteilt 4,6 Milliarden Euro Entschädigung zahlen. Dazu wurde es 2016 verurteilt. Doch was passiert, wenn diese Zahlungen nach Ablauf der Frist ausbleiben werden? Die Erde wird immer noch verseucht sein. Die Krenak, abhängig geworden von den Entschädigungsgeldern, werden mittellos dastehen. Schon 2017 berichtete Amnesty über Alkoholmissbrauch und Depressionen, die sich bei den Krenak ausbreiten würden.

Dabei war die Katastrophe vermeidbar. Die Umweltorganisation Greenpeace wirft den Behörden vor, nicht auf Informationen über den schlechten Zustand der Dämme reagiert zu haben. Wären sie intakt gewesen, hätten sie dem schwachen Erdbeben, das als Grund für ihr Bersten angegeben wird, standhalten sollen. Doch tatsächlich traf die Tragödie die Verantwortlichen vollkommen unvorbereitet.

Am 5. November 2015 brechen Dämme eines Absatzbeckens im Bundesstaat Minas Gerais. Die giftige Schlammlawine aus Bergbauabfällen, Erzresten und Lösungsmitteln begräbt das Bergdorf Bento Rodrigues unter sich. 19 Menschen sterben. Bild: Romerito Pontes/ Flickr CC BY 2.0

Angeklagt sind insgesamt vier Firmen, neben Samarco auch Vale, BHP Billiton und VogBR. Der Brasilien-Experte Christian Russau berichtet auf der Internetseite der Nichtregierungsorganisation KoBra über eine Klage der in mehreren Staaten Lateinamerikas tätigen Stiftung Pachamama. Diese will erreichen, dass der Rio Doce nach dem Beispiel des Whanganui in Neuseeland (siehe hierzu S. 44), der Flüsse Ecuadors und des Ganges in Indien die Anerkennung als eigenständiges Rechtssubjekt erhält. Dann nämlich wäre es möglich, die Regierung des Bundesstaates Minas Gerais und die Bundesregierung in Brasiliens Hauptstadt Brasília juristisch zur Rechenschaft zu ziehen.

„Zum ersten Mal in der Geschichte Brasiliens erhebt ein Fluss selbst Klage. Der Rio Doce, der das größte Umweltdesaster in der Geschichte Brasiliens erlebte, verlangt rechtlichen Schutz gegen künftige Desaster”, zitiert Russau den Rechtsanwalt Lafayette Garcia Novaes Sobrinho, der die Klage einreichte. Russaus Bilanz: Nach dem Dammbruch zerstörte die Schlammlawine mehrere Dörfer, 349 Häuser, Schulen und Kirchen… Die Flüsse Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo und Rio Doce wurden verseucht. Insgesamt starben 19 Menschen.

Samarco ist eine Aktiengesellschaft, die zu gleichen Teilen im Besitz von zwei Bergbauunternehmen steht: der australisch-britischen BHP Billiton Brasil Ltda. und der brasilianischen Vale S.A. Laut Erhebung der US-amerikanischen Beraterfirma Bowker Associates stellt die Katastrophe von Mariana einen Dreifach-Negativ-Rekord in der Geschichte des Bergbaus dar: 1.) Die Menge an ausgetretenem Schlamm: 32 bis 62 Millionen Kubikmeter, 2.) Die Größe des betroffenen Gebiets: 680 Kilometer Flusslauf, 3.) Die Schadenshöhe: 5 bis 55 Milliarden US-Dollar.


Yvonne Bangert ist Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.



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