Dank der App können Kinder auf dem Smartphone spielerisch die rätoromanische Sprache üben. Foto: Johanna Fischotter/GfbV

Die Organisation Lia Rumantscha setzt sich für den Erhalt und die Förderung der rätoromanischen Sprache ein. Eine App soll helfen, besonders Kinder für die Sprache zu begeistern. Theresa Meyer hat für bedrohte Völker – pogrom mit Flurida Plouda von der Lia Rumantscha über das Projekt gesprochen.

 

Wie würden Sie die „Lia Rumantscha“ vorstellen?

Die Lia Rumantscha ist die Dachorganisation von allen regionalen romanischen Sprachorganisationen. Man kann vereinfacht sagen, dass sich die Lia Rumantscha für die Erhaltung und Förderung der rätoromanischen Sprache einsetzt.

Die Lia Rumantscha ist in verschiedene Abteilungen gegliedert: Ich arbeite zum Beispiel im Bereich „Bildung“ und bin für das Kinder- und Familienprogramm zuständig. Die „Familie Babulin“ ist ein Teil davon.

 

Und Sie haben mit in die Wege geleitet, dass die App „Babulins“ entwickelt wurde?

Sie entstand im Rahmen des Programms „kidsfits“ der Lia Rumantscha. Zu diesem Programm gehört die Familie Babulin, die Kinder beim Lernen der rätoromanischen Sprache unterstützt. Es gibt verschiedene Produkte mit der Familie Babulin: zum Beispiel illustrierte Geschichtenbücher, Trickfilme, Spiele, Tischsets oder ein Freundschaftsbuch. Wir sind dabei, noch weitere Produkte zu entwickeln. Die App ist ein Teil davon.

 

Bevor wir weiter auf die App eingehen, würden Sie mir einen Überblick über die rätoromanische Sprache geben? Was kann ich mir unter Rätoromanisch vorstellen?

Rätoromanisch ist wie Italienisch oder Französisch eine lateinische Sprache. Früher haben hier (in Graubünden, Schweiz; Anm. d. Red.) die Räter gelebt und ihre eigene Sprache gesprochen. Als die Römer das Alpengebiet eroberten, brachten sie das sogenannte Vulgärlatein mit. Aus der Vermischung von Vulgärlatein und der rätischen Sprache hat sich die rätoromanische Sprache entwickelt.

Diese Sprache hat sich bis heute erhalten. Das Besondere am Romanischen ist, dass wir fünf verschiedene Idiome haben. Jedes Idiom hat seine eigene Schriftsprache – obwohl nur circa 60.000 Menschen Rätoromanisch sprechen. Das war eine sehr große Herausforderung für die Entwicklung der App. Dann gibt es noch eine Schriftsprache für alle, das sogenannte „Rumantsch Grischun“. Dieses ist eigentlich eine künstliche Sprache, damit die Verständigung einfacher wird. Sie wurde jedoch nicht von allen Rätoromaninnen und Rätoromanen akzeptiert. Dadurch gibt es nun sechs verschiedene Schreib-Varianten.

 

Wie kamen Sie denn überhaupt auf die Idee, eine App für Rätoromanisch zu entwickeln?

Heutzutage spielen Kinder viele elektronischen Spiele. Wir dachten darum, es wäre etwas Sinnvolles, wenn die Kinder mit einer romanischen App spielen würden. So können sie spielen und zusätzlich die Sprache vertiefen. Also haben wir beschlossen, die App zu entwickeln.

Es war etwas ganz Spezielles, eine App auf Rätoromanisch zu entwickeln: Die Sprache wird manchmal mit Veraltetem und Traditionellem in Verbindung gebracht und nicht als sonderlich modern erachtet. Das war auch ein Grund, warum wir beschlossen haben, die App zu entwickeln. Sie verleiht der Sprache ein neues Image, zumindest ein bisschen. Die Kinder sehen nun, dass es auch eine moderne Art gibt, Romanisch zu lernen und kommen so mit der Sprache in Berührung.

 

War das auch ein Grund, warum Sie sich auf Kinder als Zielgruppe spezialisiert haben?

Das war sicher auch ein Grund. Aber es hat auch damit zu tun, dass Kinder die Zukunft sind. Wir versuchen, mit dem Programm hauptsächlich Kinder im Alter bis zu neun Jahren anzusprechen, weil sie die Sprache in der Zukunft weitersprechen werden. Deshalb investieren wir einen Großteil unserer Ressourcen in diese Zielgruppe.

 

Haben Sie schon Feedback bekommen, wie die Kinder die App und das ganze Programm „kidsfits“ angenommen haben?

Das ganze Programm bekommt gute Rückmeldungen. Für die App haben wir auch ganz viele positive Reaktionen bekommen. Das zeigte sich auch in der Anzahl der Downloads. Für Sie ist es wahrscheinlich nicht viel, für uns aber schon: Die App „Babulins“ wurde über 5.000 Mal heruntergeladen. Das ist für unsere Reichweite ein sehr großer Erfolg.

Flurida Plouda arbeitet bei der Lia Rumantscha im Bereich "Bildung" und ist für das Kinder- und Familienprogramm zuständig. Foto: Flurida Plouda/Lia Rumantscha

Ich habe mir die App auch selber auf mein Handy geladen. Mir ist aufgefallen, dass Sie sie auf allen fünf Idiomen und nicht auf der Einheitssprache „Rumantsch Grischun“ veröffentlicht haben. Wieso haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Sämtliche Produkte mit und über die Familie Babulin werden in allen romanischen Idiomen veröffentlicht. Der Grund ist, dass Kinder die Zielgruppe sind. Da Kinder noch nicht schreiben können, handelt es sich bei ihnen um die gesprochene Sprache. Hinzu kommt, dass „Rumantsch Grischun“ bei den Rätoromaninnen und Rätoromanen nicht unumstritten ist.

 

Würden Sie sagen, dass die „Digitalisierung“ einen positiven Einfluss auf den Erhalt der rätoromanischen Sprache hat?

Ich würde sagen, die Digitalisierung sollte ein Teil der Erhaltung sein. Natürlich hat sie auch einen positiven Einfluss, denn die Kinder wachsen damit auf. Ich finde es sehr wichtig, dass die Romanischsprachigen da (bei der Digitalisierung; Anm. d. Red.) mitmachen. Aber digitale Formen sollten immer, und das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, nur ein Teil im Umgang mit der Sprache sein.

 

Ist es also ihr Ziel, digitale Medien und eher traditionelle Lernmethoden in Einklang zu bringen? Oder sollte man immer mehr auf Digitalisierung setzen?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich denke, man sollte schon in Richtung Digitalisierung gehen, aber den Rest nicht ganz aus den Augen verlieren.

 

Gibt es einen Plan, auch eine App für Neuerlernende wie mich zum Beispiel zu entwickeln?

Wir möchten die App weiter ausbauen. Hatten Sie das Gefühl, dass die App für ganz neue Lernende nicht geeignet ist?

 

Ein wenig. Es gibt ja kein traditionelles Vokabeltraining oder Erklärungen zur Grammatik.

Die App basiert auf dem Prinzip des immersiven Lernens. Das heißt, das Lernen soll intuitiv und implizit erfolgen. Künftig würden wir die App gerne ausbauen und auch andere Zielgruppen berücksichtigen. Es gibt aber auch Apps für Erwachsene (von anderen Organisationen; Anm. d. Red.). Ich denke, die Weiterentwicklung der App ist eine Richtung, in die wir in den nächsten Jahren gehen werden. Leider sind neue Schritte und Ideen immer mit hohen Kosten verbunden.

 

Meine letzte Frage: Wie sagt man auf Rätoromanisch „Tschüss“?

Das kommt darauf an, ob man mit der betreffenden Person per Du ist oder nicht. Zu Kindern würde man „Chau“ sagen, aber wenn man per Sie ist, dann sagt man „A revair“.

 

Dann sag ich mal „A revair“ und einen schönen Tag!


Theresa Meyer studiert Internationale Beziehungen in Malmö. Das Interview entstand während eines Praktikums im Referat Digitale Medien. 



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