Der Berm zerschneidet die Westsahara. Streng bewacht und mit Minen verseucht sollte man ihm nicht zu nahekommen. Foto: Regina Dietzold

Ein stark verminter Sandwall zerschneidet die Westsahara von Nord nach Süd. Er teilt das Volk der Sahrauis. Auf der einen Seite hält Marokko völkerrechtswidrig das Gebiet besetzt. Auf der anderen Seite wartet seit Jahrzehnten die andere Hälfte des sahrauischen Volkes auf seine Freiheit. Doch wehe dem, der dem Wall zu nahekommt.

 

Von Regina Dietzold

Mauern sind kein Phänomen unserer Zeit, auch wenn es uns manchmal so vorkommen mag. Sie wurden in der Geschichte der Menschheit schon immer gebaut, um sich gegen Fremde, Feinde und Barbaren zu schützen. Man denke nur an die Chinesische Mauer oder an den Limes, den die Römer quer durch Europa errichteten.

Eine Mauer, die jedoch fast niemand kennt, ist der sogenannte ‚Berm‘. Dieser Begriff stammt aus dem Arabischen und steht für den marokkanischen Sandwall im Nordwesten Afrikas. Er zieht sich über mehr als 2.700 Kilometer durch das unwirtliche Gelände aus Sand und Steinen der Wüste: vom Südwesten nahe Mauretanien bis einige hundert Kilometer hinein nach Marokko und entlang der algerischen Grenze. Der Berm teilt die spanische Kolonie Río de Oro (dt.: „Goldfluss“), heute besser bekannt als Westsahara.

Die Westsahara liegt zwischen Marokko und Mauretanien. Marokko reklamiert sie als eigenes Stammland. Historisch gibt es dafür allerdings keine Beweise. De facto handelt es sich bei der Westsahara um die letzte Kolonie in Afrika – denn die Spanier haben sie nie in einen Entkolonisierungsprozess geführt. Stattdessen bot Spanien mit dem Abzug der eigenen Truppen bis 1975 Mauretanien und Marokko an, sich dieses Gebiet zu teilen. Keine der Parteien hatte jedoch mit dem Widerstand der Bevölkerung, der Sahrauis, gerechnet. Schon 1973 hatten sie mit der Frente Polisario einen politischen Arm gegründet, um sich gegen die spanische Besatzung zu wehren.

Östlich des Berms hält die Frente Polisario das befreite Gebiet. Auf der anderen Seite besetzt Marokko völkerrechtswidrig die Westsahara. Foto: Wikipedia gemeinfrei; Bearbeitung: Alexander Becker

Bereits 1975/76 hatte der marokkanische Herrscher König Hassan II mehr als 300.000 Marokkaner zur Besetzung in die Kolonie geschickt. Grüner Marsch wird diese Aktion bis heute genannt. Es folgten kriegerische Auseinandersetzungen der Sahrauis mit den Marokkanern und den Mauretaniern. Diese führten schließlich dazu, dass Mauretanien 1979 Frieden mit der Polisario schloss und den besetzten Teil der Westsahara an sie zurückgab. Das freigegebene Gebiet nahm im Anschluss jedoch Marokko ein und besetzte nun das gesamte Land.

Bis zum Waffenstillstandsabkommen 1991 zwischen der Polisario und Marokko hatten die Sahrauis den östlichen Teil ihres Landes zurückerobert. Nach Westen wird dieser Teil durch die „Mauer der Schande“, den Berm, begrenzt. Das Abkommen unter Führung der Vereinten Nationen (UN) garantierte den Sahrauis ein Referendum zur Abstimmung über ihre Unabhängigkeit. Zwar unterschieb Marokko das Abkommen, doch boykottiert das Königreich ein Referendum seitdem immer wieder.

Zwischen 1981 und 1987 baute Marokko acht Mauerabschnitte durch die Sahara. Sie sind beidseitig von Antipersonenminen umgeben. Auf diese Weise wollte das Königreich verhindern, dass die im Krieg nach Algerien geflüchteten Sahrauis in ihr angestammtes Heimatland zurückkehren konnten. Diese Mauerabschnitte aus Sand und Stein sind durch einen tiefen Graben geschützt und zwischen zwei bis drei Metern hoch. In Abständen von drei bis vier Kilometern befinden sich Bunker mit Armeekompagnien. Radaranlagen registrieren Bewegungen, sofern sich jemand auf weniger als 80 Kilometer nähert. Man spricht von mehr als 100.000 marokkanischen Soldaten, die hier ihren Dienst schieben. Der Unterhalt für die Mauer kostet hunderttausende Dollar täglich.

Aziz Haidar kümmert sich mit seiner Organisation um Minenopfer und klärt die Bevölkerung über die Gefahren durch Minen auf. Foto: Regina Dietzold

Das Leben entlang der Mauer ist gefährlich. Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums gilt das Gebiet als eines der am stärksten durch Minen belasteten Gebiete der Welt. Die Nichtregierungsorganisation ASAVIM kümmert sich um die Minenopfer des vergangenen Krieges. Aziz Haidar, Präsident der Organisation und Onkel der gerade (2019) mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichneten Aktivistin Aminatou Haidar, hat selbst beide Unterschenkel und seinen rechten Arm durch Minen verloren.

Es gibt heute rund 1.500 Minenopfer auf beiden Seiten der Mauer. Haidar ist es wichtig, die Bevölkerung über die Gefahren der Minen aufzuklären, Opfern Hilfe zu leisten und Betroffene wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Darum arbeitet seine Organisation eng mit der in London ansässigen Nichtregierungsorganisation AOAV (Action on Armed Violence; dt. etwa: „Maßnahmen gegen bewaffnete Gewalt“) zusammen, die im befreiten Streifen der Westsahara bereits mehr als 28.000 Minen entschärft hat. Ein Besuch an der „Mauer der Schande“ ist nur in Begleitung von Polisario-Militär möglich, das die Gegend kennt und weiß, von wo man gefahrlos in das besetzte Gebiet schauen kann.

Mehr als 170.000 Sahrauis führen in den Flüchtlingslagern nahe der Garnisonsstadt Tindouf seit mehr als 40 Jahren ein karges Leben. Die Lager liegen im Südwesten Algeriens. Früher gab es von Zeit zu Zeit die Möglichkeit, Verwandte und Freunde in den besetzten Gebieten der Westsahara zu sehen. Dafür nutzten die Menschen Übergänge der UN Mission MINURSO (United Nation Mission for the Referendum in Western Sahara; dt.: Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in der Westsahara). Diese Möglichkeit besteht heute nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, dass Marokko es ablehnt, mit der Frente Polisario nach weiteren Wegen zur Durchführung des Referendums zu suchen.

Von dieser Mine geht keine Gefahr mehr aus. Sie wurde entschärft. Doch im Sand sind tausende weitere Minen verborgen. Foto: Regina Dietzold

Das Leben in den Lagern ist hart. Die Menschen sind vollkommen abhängig von der Unterstützung der Weltgemeinschaft. Jeder Liter Speiseöl, jedes Kilo Mehl und Zucker muss aus dem 1.800 Kilometer entfernten Algier, der Hauptstadt Algeriens, angeliefert werden. Es gibt kaum Arbeitsmöglichkeiten. Die jungen Menschen, die in der dritten Generation hier leben, sind frustriert. Sie lassen sich kaum noch durch die Alten beruhigen, die seit Jahrzehnten auf friedlichen Widerstand gegen die Besatzer setzen und auf die Arbeit der UN vertrauen.

Auch in dem völkerrechtswidrig besetzten Teil der Westsahara – kein einziges Land der Welt erkennt die Westsahara als Teil Marokkos an – leiden die Sahrauis. Arbeitsplätze werden nur bedingt zur Verfügung gestellt und wer es wagt, gegen die Besetzung friedlich zu demonstrieren, verliert seinen Job oder wird fernab der Familie auf einen anderen Posten versetzt. Die Sahrauis dürfen weder ihre Musik hören, noch ihre Sprache (Hassania) auf der Straße sprechen. Sie können kein Bankkonto innehaben, werden ärztlich nachlässig behandelt und sind ständigen Überwachungen, Verschleppungen und Misshandlungen ausgesetzt.

Die Sahrauis auf beiden Seiten des Berms sind frustriert und enttäuscht von der Weltgemeinschaft – ganz besonders von Europa. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wie auch der von der Europäischen Union eingerichtete Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg haben eindeutig geurteilt, dass die Westsahara und Marokko zwei unterschiedliche Territorien sind. Jegliche Aktivität in der Westsahara müssten demnach mit der Frente Polisario als offizielle Vertreter ihres Volkes zu verhandeln sein. Doch die Europäische Kommission unterläuft die Urteile, schließt Agrar- und Fischereiabkommen, die sich auf das Gebiet der Westsahara beziehen, mit Marokko ab und unterbindet nicht die Geschäfte europäischer Firmen in den besetzten Gebieten. Trotz massiver Proteste aus der Zivilgesellschaft an das europäische Parlament votierte es für die Verträge. Die Polisario hat erneut Klage am EuGH eingereicht.


Regina Dietzold ist Gründungsmitglied des Vereins Freiheit für die Westsahara e.V, der sich  für eine Lösung des Westsaharakonflikts einsetzt. Sie hat fast 40 Jahre in der Baumaschinenbranche gearbeitet. www.freie-westsahara.eu



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