29.04.2005

Leitsätze des "Regionalen Indianerrates des Cauca" CRIC zu Drogen und Gewalt in Kolumbien

Für die Selbständigkeit der Indigenen Völker angesichts der Konflikte, die sich gegen unser Projekt des Lebens richten

Die traditionellen Autoritäten der indigenen Völker des Cauca als Mitglieder des regionalen Indianerrates des Cauca, (CRIC), lassen sich vom eigenen Projekt des Lebens leiten:

In Erwägung...

... dass wir primär keine Kolumbianer sondern in erster Linie indigene (Ureinwohner-) Völker sind, die alte Bevölkerung dieser Gebietes und Träger unserer eigenen Entwicklung sind: Wir bewahren tausendjährige kulturelle Traditionen und Werte, mit denen wir hoffen, zum Aufbau eines neuen Kolumbiens beizutragen. Unser Kampf, in dem wir Anspruch auf eine integrale Entwicklung erheben, die in die ökonomische, politische und kulturelle Autonomie und zur Ausübung unserer eigenen Gesetze führt, gilt dem Überleben, der Einigkeit und Solidarität;

... dass wir, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, Opfer eines Krieges waren und sind, der nicht unserer ist, und den wir nicht verstehen und nicht unterstützen: In gleicher Weise haben wir unter den Folgen des Hungers, dem Mangel an Bildung, Gesundheit und Freizeit oder an Denunziation gelitten, wie unter den Folgen der Innen- und Außenpolitik der Regierungen;

... dass wir fortwährend bezichtigt werden, der Guerrilla, der Armee, dem Drogenhandel oder paramilitärischen Organisationen anzugehören: Wir sind Opfer der anhaltenden ideologischen Invasion (unter anderem von verschiedenen religiösen Missionen, politischen Parteien der Rechten und Linken, privaten und staatlichen Institutionen und NGOs,) die unsere Gemeinschaften durcheinanderbringen;

... dass die bewaffneten Gruppen in eindeutiger Verletzung unserer territorialen Selbstbestimmung durch unsere Gebiete ziehen, dass sie die Jugendlichen gegen ihren Willen in ihre Armeen einziehen und dass sie unsere Erinnerung verachten, indem sie die Namen unserer Häuptlinge und Märtyrer wie La Gaitana, Calarcá, Pigunaza missbrauchen;

... dass die Politik des Staates es in 100 Jahren Republik nicht geschafft hat, Lösungen für unsere Probleme anzubieten, sondern diese im Gegenteil verschlimmert hat, und dass in der Gegenwart mit der Erstarkung der neoliberalen Politik, der Globalisierung und der ökonomischen Öffnung die Verarmung des kolumbianischen Volkes zunimmt;

... dass die politischen Parteien dazu beitragen, unsere Gemeinschaften zu entzweien, in Verwirrung zu stürzen und auszunutzen, weshalb wir uns von keiner Seite vertreten fühlen;

... dass die Wirtschaftspolitik des Landes viele Probleme in unseren Gebieten erst hat entstehen lassen, darunter die Präsenz des Drogenhandels, der die Produkte der Region verteuert und den Waffenhandel fördert, der durch Geld erniedrigt, der die Unvernunft fördert, dessen kriminelle Geschäfte zu Mordverbrechen führen, und der die Jugendlichen glauben lässt, er sei der einzige Weg, die wirtschaftliche Situation zu verbessern;

... dass wir, obwohl unser Kampf friedlich ist, bereit sind, unsere Kultur zu verteidigen, weil wir der Überzeugung sind , dass weder die Regierung, noch die bewaffneten Gruppen, noch herausragende Persönlichkeiten unsere aktuellen Lebensumstände ändern werden, sondern dass wir selbst es sind, wenn wir die Lehre, die unsere Mutter Erde uns anbietet, nutzen und uns gemeinsam organisieren - als indigene Völker, die ein neues Projekt des Lebens aufbauen, gegründet auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit und bereit, von anderen Völkern und Kulturen zu nehmen und ihnen zu geben, um damit zum Aufbau einer wahrhaftigen Demokratie in Kolumbien beizutragen.

Beschließen wir

In Bezug auf die bewaffneten Akteure auf indigenen Territorien:

Wir üben auch in Zukunft unser Recht auf territoriale Autonomie im Einvernehmen mit den historischen, verfassungsgemäßen Prinzipien, dem internationalen Recht und den Normen der Mutter Erde aus.

Wir erlauben nicht, dass die indianischen Jugendlichen in die bewaffneten Gruppen eintreten, denn sie verlieren damit ihre Rechte als Ureinwohner und nehmen dadurch Schaden. Wir erkennen eine Person, die Teil einer bewaffneten Gruppe wird, nicht länger als Mitglied der Indianerorganisation an.

Wir fordern die territoriale Kontrolle durch unsere indigenen Autoritäten, gemäß den Gesetzen der Natur und den konstitutionellen Normen der Gemeinschaft. Keine bewaffnete Gruppe kann Probleme innerhalb der indigenen Gemeinschaft lösen. Sollte ein Mitglied unserer Gemeinschaft die Intervention durch eine dieser Gruppen fordern, so wird er verurteilt, und alle Abmachungen werden für nichtig erklärt.

In Bezug auf den Drogenhandel:

Wir stellen klar, dass wir Ureinwohner keine Drogenhändler sind. Einige Mitglieder unserer Gemeinschaft mussten jedoch auf den Anbau der sogenannten "verbotenen Produkte" zurückgreifen, um Hunger und Elend zu mildern.

Wir erinnern daran, dass unsere Organisation mit der nationalen Regierung 1992 die Vereinbarung von Jambaló unterzeichnete, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Doch die national Politik hat die Umsetzung des Vertrages verhindert.

Wir fordern von der nationalen Regierung die Umsetzung der mit unseren Gemeinschaften vereinbarten Absprachen. Wir bekräftigen unsere Politik gegenüber verbotenen Anpflanzungen (von Koka oder Mohn als Rohstoff der Drogenproduktion; d. Ü.): Dass bedeutet, dass jedem Mitglied unserer Gemeinschaft das Land weggenommen wird, wenn es sein Land für solche Pflanzungen verpachtet. Das konfiszierte Land wird anderen Gemeindemitgliedern übergeben, damit sie zu Gunsten der Gemeinschaft arbeiten.

Wir ziehen weiterhin gestohlene oder nicht registrierte Fahrzeuge und Motorräder ein, die unser Gebiet passieren.

Wir kontrollieren durch den Cabildo und die Gemeinschaft alle fremde Personen, die auf unsere Territorien kommen.

In Bezug auf die verschieden Glaubensrichtungen:

Wir üben die territoriale Kontrolle über sämtliche Glaubensrichtungen (Missionen; d. Ü.) aus, die auf unseren Territorien arbeiten. Diese müssen sich unserem Lebensentwurf unterwerfen ohne Spaltungen zu provozieren, die sich gegen unsere territoriale und kulturelle Integrität richten. Andernfalls müssen sie unser Hoheitsgebiet verlassen.

Wir schlichten die Konflikte zwischen den Glaubensrichtungen durch den Cabildo, der im Konsensverfahren über die Ausübung der religiösen Handlungen, über die Anzahl der Personen und über die Verwendung von Lautsprechern beschließt.

Wir verwehren neuen Glaubensrichtungen den Zutritt zu unseren Gemeinschaften, da sie den Entwicklungsprozess der Gemeinschaft verwirren, behindern, und bremsen.

Wir untersagen die Einforderung von Zwangsabgaben für religiöse Aktivitäten. Sonstige Abgaben dürfen nicht überhöht sein.

Wir überwachen, dass die Kirchen sich nicht in unsere gemeinschaftlichen Aktivitäten einmischen oder diese schädigen.

Wir fordern Respekt für die kulturellen Werte unserer Gemeinschaft.

In Bezug auf die traditionellen Regierungsparteien:

Wir bestätigen, dass die wahre politische Repräsentation der Indigenen bei der Gemeinschaft und dem Cabildo liegt.

Wir fordern die Erfüllung der Abmachungen und Vereinbarungen, die der kolumbianische Staat mit unseren Organisationen und traditionellen Autoritäten getroffen hat.

Wir erinnern daran, dass die Sprecherfunktion und die Vertretung für unsere Gemeinschaften durch öffentliche Versammlungen bestimmt wird, in denen wir die Realität analysieren, über unsere eigene Zukunft nachdenken und Handlungsstrategien definieren.

Wir weisen die neoliberale Politik, die Globalisierung und die ökonomische Öffnung zurück. Sie macht die Armen ärmer und die Reichen reicher.

Wir unterstützen die Bürgerbewegungen als Ausdruck der Eigenständigkeit und Autonomie der Gemeinschaften.

Wir drücken unseren Willen und unsere Bereitschaft aus, zusammen mit anderen sozialen Sektoren weiter an einer politische Alternative zu arbeiten.

In Bezug auf die generelle Situation des Landes:

Wir unterstützen jegliche Bemühungen um einen Friedensprozess, der sich auf dem Staatsgebiet Kolumbiens entwickelt, soweit dies in Form eines Dialoges und in Abstimmung mit der Zivilbevölkerung passiert, und soweit praktische kurz-, mittel und langfristige Lösungswege vorgeschlagen werden.

Wir akzeptieren keine bewaffneten Gruppen in unserem politischen Projekt, weil wir für ein würdiges Leben kämpfen, für ein besseres Sein, das unsere der Gesellschaft unterstützt.

Wir weisen das Eingreifen der bewaffneten Gruppen in unseren Gebieten zurück, denn sie behindern die Lösung der Probleme der Gemeinschaft und vergrößern sie.

Wir erlauben keine Labore zur Herstellung von Drogen auf unseren Territorien, weil sie unser gemeinschaftliches Zusammenleben über den Haufen werfen.

Wir rufen alle zivilen Sektoren und bewaffneten Akteure auf, sich mit uns an einen Tisch zu setzen, einen Dialog zu führen, die Realität zu analysieren, die Punkte zu sehen, in denen wir übereinstimmen und in denen wir verschiedener Meinung sind. Mit Toleranz und Einheit in der Vielheit beschreiten wir Lösungswege, die im beiderseitigen Interesse liegen, um zu einer nationalen und regionalen Entwicklung beizutragen.

Wir fordern den Respekt des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte, und wir ersuchen die internationale Gemeinschaft, als Garant zu dienen und unser Leben und unsere Rechte zu verteidigen.

Wir stellen klar, dass, sollte eine staatliche Institution, Gruppe oder Organisation, die mit unserem Prozess nichts zu tun hat, gegen unseren Plan des Lebens verstoßen, wir als Völker innerhalb der kolumbianischen Nation dagegen vorgehen werden, um auf friedlichem Wege Respekt einzufordern.

Wir bestätigen, dass die indigenen Völker weiter an der Konstruktion unseres Lebensplanes arbeiten und zwar durch:

  • die Schulung und Bewusstseinsbildung, Wiedergewinnung der kulturellen Identität und Verteidigung unserer Territorien;
  • die Organisation unserer Gemeinschaften, um über Analyse, Dialog und Übereinstimmung einen gemeinsamen Willen zu ermöglichen, als Akteure unserer eigenen Entwicklung und mit der Möglichkeit, Verantwortlichkeiten entsprechend den Fähigkeiten zu delegieren, ohne jemanden zu bevorzugen, aber mit besonderer Berücksichtigung von Kindern, Jugendlichen und Frauen;
  • eine integrale Entwicklung, die aus einer Bestandsaufnahme unserer Stärken und Schwächen auf soziokulturellem, ökonomischem und politischem Gebiet resultiert und Projekte und Programme auf diesen Fachgebieten entwickelt;
  • eine Stärkung der interkulturellen Beziehungen, mit anderen Gruppen, Organisationen und Sektoren, zur kulturellen Bereicherung und Innovation;
  • die Forderung nach Umsetzung der verfassungsmäßigen Rechte und Pflichten, die auf Prinzipien basieren, die Kolumbien als multikulturellen Staat mit verschiedenen Völkern kennzeichnen, mit einem sozialen Rechtsstaat, wo das gemeinschaftliche dem Einzelinteresse vorgeht;
  • die Überzeugung, dass durch gutes Regieren, Repräsentieren, Zukunft aufbauen und Argumentieren, mit Verstand statt Gewalt, möglich ist, eine gemeinsame Nation menschlicher Wesen aufgebaut werden kann, die Vertreibung, Zerstörung, Zwang und Niederlage nicht mehr braucht .
  • Zum Abschluss rufen wir das kolumbianische Volk und die internationale Gemeinschaft auf, sich im Kampf gegen den Krieg und zur Stärkung der Autonomie der übrigen Völker in Kolumbien zu vereinigen und einen Weg des Friedens, des Dialogs und des friedlichen Zusammenlebens zu gehen. Wir sind überzeugt, dass das Wort ohne die Aktion hohl bleibt, dass die Aktion ohne das Wort blind ist, und dass das Wort und die Aktion ohne den Geist der Gemeinschaft der Tod ist.

    Junta Directiva Regional de Cabildos

    Jambaló, 22. und 23. März 1999

    Regionaler Indianerrat des Cauca – CRIC

     

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    Dieses Dokument wurde vom regionalen Vorstand der Dorfräte bei seiner Versammlung in Paniquitá vom 21.-23. Juni 2000 bestätigt und ergänzt:

     

    In Bezug auf die Ausbildung

    Wir lehnen jede Form des Zwangs und der Manipulation ab. Die Pläne, Projekte und Programme, die sich auf unser Leben, unser Territorium und unsere Kultur auswirken, sind dann legitim, wenn sie vom Herzen kommen und unsere Projekte und Lebenspläne stärken. Daher sind alle Vorgänge, die mit der Formulierung, Ausführung, Leitung und Evaluation zu tun haben, nicht übertragbar. Inhalt und Form von allen Projekten müssen eine Vision der Ganzheitlichkeit enthalten und immer die Interkulturalität im Blick haben, um so ein wahrhaftiges Verständnis von gegenseitiger Bewunderung und soziokultureller Bereicherung zu erreichen. Wir lehnen jegliche ethnozentristische und diskriminierende Haltung und Position ab, die Kulturen abwertet.

    Als verschiedenartige Völker fordern wir eine differenzierte Behandlung der Probleme, die Ureinwohner und andere ethnische Gruppen betreffen. Es ist zu beachten, dass im Zusammenhang mit Ureinwohnern und Kleinbauern ein Budget zu realen Kosten eingerichtet werden muss, das sich nach den Prozessen zur Verbesserung der Lebensqualität richtet. Für uns bedeutet eine qualitativ gute Erziehung, dass sie Leben und Kraft gibt, sich dem Universum zuzuwenden, der Quelle unserer Herkunft und unsere Richtschnur. Es verleiht unseren Lebensbedingungen Würde, in Übereinstimmung mit den Wurzeln unserer Vorfahren.

    Als Jahrtausende alte Völker besitzen wir Systeme der sozialen Kontrolle und Regulierung, die der kolumbianische Staat unterstützen und wiederbeleben müsste. Wir suchen keine Privilegien und wollen keine Bevormundung. Wir haben ein uraltes Wissen und viel organisatorische Erfahrung. Wir sind der Reichtum des Landes und die Schöpfer seiner biologischen Vielfalt. Wir schaffen verschiedene Räume, um uns mit anderen Sektoren und staatlichen Körperschaften zu koordinieren. Wir versuchen, die Verfahren zu beschleunigen, um die Instrumente und Mechanismen zur Überprüfung und Weiterbeschäftigung der Menschen handhabbar zu machen, die in unserem territorialen und soziokulturellen Bereich arbeiten. Unsere Traditionen des Widerstandes sind lebendig und erlauben nicht, dass in diesem neuen Jahrtausend unsere Wurzeln des Reichtums und der kulturellen Vielfalt aufhören zu existieren.

     

    Aus dem Spanischen von Eva Hameister

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