Zu den Shuar zählen etwa 100.000 Personen. Foto: hbieser/Pixabay; Pixabay License

In den Gebieten der Shuar und Achuar etablierten sich die katholisch-autochthone und die indigen-evangelikale Kirche. Christentum und indigene Kosmovision trafen so aufeinander. Konflikte entstanden, aber auch ein produktiver interkultureller Dialog. Ethnologin JunProf. Dr. Anna Meiser berichtet im Interview von ihrer Feldforschung, von dem Schwein Iíkmak und dem Lamm Gottes.

Foto: Wikipedia; gemeinfrei. Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Im Rahmen Ihrer Dissertation waren Sie bei den Shuar und Achuar in Ecuador und Peru auf Feldforschung. Ihre daraus entstandene Monografie trägt den Titel „Ich trinke aus zwei Flüssen“. Wofür steht diese Metapher?

Die Metapher ist ein wörtliches Zitat eines Shuar, der sich selbst als katholisch bezeichnet, dem aber seine indigene Identität als Shuar sehr wichtig ist. Ich bin eingestiegen in mein Forschungsprojekt mit der Vermutung, dass es schwierig oder paradox sei, die indigene und die christliche Identität miteinander zu verbinden. Die Shuar haben wiederum meine Annahme, dass christliche Indigene eine paradoxe Erscheinung seien, kritisiert.

So ähnlich war es auch bei meinem Zitatgeber. Auf meine Frage ‚Wie kannst du deine indigene Identität und eine christliche Identität miteinander verbinden?‘ hat er gesagt: ‚Naja, ich trinke aus zwei Flüssen.‘ Zwei Flüsse heißt, dass beide Flüsse jeweils als einzelner Fluss identifizierbar sind. Wenn man aus zwei Flüssen trinkt, dann verbinden sich diese beiden Flüsse im Körper miteinander. Dieses Zitat repräsentiert ein Bewusstsein, aus dem heraus der Sprecher ganz klar sagt: Das sind zwei unterschiedliche Quellen, aber für mich ist es lohnenswert, aus beiden zu trinken – trinken ist ja etwas sehr Existentielles – und ich kann sie in meinem Körper und in meiner Identität zusammenführen. Ein anderer indigener Christ hat auf meine Frage eine Formulierung verwendet, die in die gleiche Richtung geht: Es gehe immer darum, Beziehungen zu weben.

Vor Ort untersuchten Sie die vorherrschenden Konfessionen der katholisch-autochthonen und der evangelikal-indigenen Kirche. Wie sind diese Kirchen entstanden?

Die katholisch-autochthone Kirche entspricht mehr oder weniger der konfessionellen Tradition des Katholizismus. Die evangelikal-indigenen Kirchen sind von Missionsverbünden gegründet worden, die viele evangelische Kirchen vom protestantischen Luthertum bis hin zu evangelikalen Freikirchen vereinen.

Die katholisch-autochthone Kirche hat kirchenrechtlich den Status ad experimentum (also „testweise“; Anm. d. Red.). Dieser Status wurde nie aufgehoben, obwohl er normalerweise zeitlich beschränkt ist. Er erlaubt, dass in der Liturgie, in der Glaubenspraxis und in der Ausbildung von Katecheten ein Katholizismus praktiziert wird, in dem die indigene Glaubenstradition stärker präsent ist. Wenn Sie also katholisch sozialisiert sind und in einen katholisch-autochthonen Gottesdienst gehen, der in einer römisch-katholischen Kirche gefeiert wird, werden Sie den Gottesdienst zuerst nicht als einen katholischen erkennen.

Beide Missionarsgruppen kamen relativ spät in das Gebiet, zum Ende des 19. Jahrhunderts, und haben eine Präsenz aufgebaut. Dann kamen verschiedene Strömungen auf. Für die katholische Kirche war das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965; Anm. d. Red.) entscheidend. Bei den Evangelikalen gab es ähnliche, wenn auch nicht so klar fassbare Diskurse, die kritisch nachgefragt haben, ob es in der Mission darum gehen kann, nicht nur das Christentum, sondern auch die westliche Kultur zu exportieren. Das hat dazu geführt, dass die Missionare offener wurden und stärker in den Dialog mit der Kultur und der religiösen Tradition der Shuar und Achuar traten.

Die Weltanschauung der Shuar und Achuar weist einen produktiven Umgang mit dem Fremden auf. So kann interkultureller Dialog funktionieren. Im Bild: Ein Schamane der Achuar. Foto: CONAIE, ANPE FOTO/Patricio Realpe/Wikipedia

Der Ausgangspunkt dieses Kontaktes zwischen Missionar*innen und Indigenen ist aufgrund der Kolonialisierung trotzdem ein asymmetrisches Machtverhältnis. Wie hat sich dies auf die Interaktionen ausgewirkt?

Dieses Machtverhältnis besteht nach wie vor. Ich glaube nur, dass es für indigene Christen nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für ihren Glauben ist. Es ist etwas, was sie reflektieren. Sie sagen ganz klar: Die Missionsgeschichte des Christentums in Lateinamerika ist eingebunden in die koloniale Biographie dieses Kontinents. Da ist viel Schlimmes passiert. Ich habe zum Beispiel einen katholischen Schamanen kennengelernt, der bis in die 1950er Jahre in einem Internat war. Dort durfte er kein Shuar sprechen und ihm wurden formelhafte Gebete eingebläut. Die Verbindung mit dem Kolonialismus ist den indigenen Christen bewusst.

In der Praxis ist es so, dass zum Beispiel fast alle evangelikalen Indigenen ein sehr wichtiges Narrativ haben, das sie von evangelikalen Missionaren übernommen haben: nämlich den Unterschied zwischen guten und schlechten kulturellen Praktiken. Die Argumentation ist, dass jede Kultur überall auf der Welt über solche guten und schlechten Praktiken verfüge. Die innerethnischen Fehden, die bei den Shuar durchgeführt und durch die Missionare eingedämmt wurden und heute verboten sind, seien ein Beispiel für eine schlechte kulturelle Praxis. Das Evangelium helfe, so das Argument, diese schlechten Praktiken innerhalb der Shuar-Kultur abzulegen und die guten zu stärken. Auch das ist eine Argumentation, die in sich asymmetrisch ist. Aber sie erlaubt es, auch positiv auf die indigene Identität zu schauen und zu sagen, sie ist absolut notwendig, um als indigener Christ zu leben.

Die amazonische Kosmovision (Weltanschauung; Anm. d. Red.) beruht sehr stark darauf, produktiv mit dem Fremden umzugehen. Das ist auch ein bisschen das Fazit meiner Arbeit: Es gibt von den Missionaren bestimmte Narrative, die übernommen werden, aber die indigene Kosmovision erlaubt es per se auch, inklusiver oder interkultureller mit verschiedenen religiösen Traditionen umzugehen, als wir das vielleicht kennen.

Die Shuar und Achuar

Die Shuar und Achuar gehören der Jívaro-Sprachgruppe (Selbstbezeichnung) an, die im oberen Amazonien im Südosten Ecuadors und im Nordosten Perus lebt. Während circa 100.000 Indigene zu den Shuar zählen, sind ungefähr 10.000 Personen Achuar. Trotz kultureller Unterschiede weisen die Shuar und Achuar Gemeinsamkeiten auf: beispielsweise in Bezug auf ihre Kosmologie und ihre zerstreute Siedlungsweise. Im Gegensatz zu fast allen anderen indigenen Ethnien konnten sich die Achuar und Shuar sowohl gegen die Eroberung durch die Inka als auch durch die spanischen Kolonisator*innen erfolgreich verteidigen, so dass sie erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einen dauerhaften Kontakt mit nicht-indigenen Siedler*innen kamen. Die 1964 – mit der Unterstützung von katholischen Salesianer*innen – gegründete politische Organisation „Federación Interprovincial de Centros Shuar“ (dt.: Interprovinzielle Vereinigung der Shuar-Zentren) gehört zu den ersten und erfolgreichsten indigenen Organisationen Lateinamerikas.

Inwiefern erlaubt die indigene Kosmovision einen produktiven Umgang mit dem Christentum?

Durch die amazonische Kosmovision ist es einfacher, Konversionsprozesse zu verstehen – etwa in dem Sinne, dass man eine neue Perspektive, eine neue Identität annimmt. Perspektivwechsel und neue Identitäten sind etwas, was der indigenen amazonischen Kosmovision innewohnt. Es geht darum, Beziehungen zu weben, das Neue einzubinden. Und es gibt schamanistische Vorstellungen, dass man sich die stärksten Kräfte weit weg von seinem Heimat- und Einsatzgebiet holt. Das ist ein durchaus positiver Umgang mit dem Nicht-Eigenen, mit dem Fremden. Das hat mich beeindruckt. Und es erklärt auch ein Stück weit, wie es sein kann, dass man aus zwei Flüssen trinkt.

In einem Topf über dem Feuer wird Ayahuasca zubereitet. Der Pflanzensud hat halluzinogene Wirkung, durch die in Visionen die Begegnung mit einer transzendenten Macht möglich ist. Foto: Apollo/Flickr CC BY 2.0

Können Sie uns Beispiele der Aneignung von Elementen einer Religion in die andere nennen, die Ihnen während Ihrer Feldforschung begegnet sind?

Es gibt zum Beispiel einen Text, den ich deswegen sehr zentral finde, weil er nicht von einem Missionar oder indigenem Katecheten verfasst wurde, sondern wohl von einer Gruppe indigener Autoren, die von der politischen Landkreisregierung beauftragt wurde. Er steht in einer Broschüre für den Kanton Taisha, die man als Information über diesen Landkreis lesen kann, in der ganz verschiedene Dinge angesprochen werden: Flora, Fauna, Geschichte und so weiter.

In dieser Broschüre gibt es eine Seite, die übertitelt ist mit „El Arutam“. Arutam ist im Shuar der zentrale Begriff, um die transzendente Macht zu beschreiben, die einem in Mythen oder auch in Visionen erscheint. Visionen werden durch die Einnahme von Ayahuasca (Pflanzensud mit halluzinogener Wirkung; Anm. d. Red.) hervorgerufen. Arutam wird teilweise mit Gott übersetzt. Der Text beginnt mit der Formulierung: „Gott, der Vater, der großmütig und gnädig ist, kennt seit der Schaffung der Welt und des Universums keine Grenzen, um uns mit seiner tiefen Liebe zu beschenken.“ Das ist eine Formulierung, die könnte auch in jedem christlichen Buch stehen.

Danach wird berichtet, wie Arutam den Achuar und Shuar erschienen ist: In einer Ayahuasca-Vision an einem Wasserfall ist Arutam einem Kaziken (indigener Anführer; Anm. d. Red.) erschienen und hat ihm seinen Namen verkündet. Ayahuasca und Wasserfälle sind typische Elemente der religiösen Praxis der Achuar und Shuar für Begegnungen mit dem Transzendenten. Dass Arutam seinen Namen verkündet, ist wieder ein sehr christliches Motiv. Dann geht der Kazike zurück nach Hause. Während der Wayusa-Zeremonie, die früh am Morgen mit der Familie stattfindet, schlägt er das Tuntui, eine sehr große Trommel, die traditionell verwendet wurde, um die Menschen herbeizurufen, aber die auch Eingang in den katholischen Gottesdienst gefunden hat und dort die Glocken ersetzt. Er erzählt den Menschen von seiner Begegnung mit Arutam.

In diesem Text finden sich ganz klar Motive der indigenen religiösen Praxis, denn da kommen das Tuntui und die Wayusa her. Aber dann schließt die Seite damit, dass „Jesus Shuar und Achuar“ jetzt der lebendige Glaube derer sei, die in diesem Kanton leben. Religiöse Vorstellungen werden also miteinander verbunden.

Wie wurden Elemente des Christentums in die indigene Kosmovision übersetzt?

Auf Ebene des Katechismus gibt es Versuche, zum Beispiel die Eucharistie über ein Ritual aus der Shuar-Tradition zu erklären. Es gibt den Mythos vom Schwein Iíkmak, der verwendet wird, um das Konzept des Lammes Gottes zu erklären: dass jemand unschuldig stirbt, um die Sühne aufzubrechen, damit es keine Rache mehr gibt. Das spielt in dem Katechismus der katholisch-autochthonen Kirche eine relativ große Rolle.

Bei den Shuar gab es gewaltvolle Auseinandersetzungen, Blutrache und Fehden. Die Schrumpfköpfe der getöteten Krieger wurden präpariert. Es war eine gewisse Problematik, dass diese Fehden immer neue negative Antworten hervorgerufen haben. Eine Familie bringt jemanden um, die andere Familie reagiert, dann wieder die erste und so weiter. Man hat versucht, diese Verkettung aufzubrechen, indem man ein Schwein Iíkmak tötet. Dieses Schwein Iíkmak stirbt quasi, um diesen Rachemechanismus aufzuheben. Das übersetzt im Grunde das Konzept vom Lamm Gottes, weil das Lamm tatsächlich ein Symbol ist, das nicht vermittelbar ist im tropischen Regenwald Amazoniens.

Die Gemeinschaft der Shuar wird immer pluraler. Das findet zum Beispiel in verschiedenen religiösen Strömungen Ausdruck. Foto: Jlh249/Wikipedia CC BY-SA 3.0

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen den beiden Kirchen, aber auch zwischen den Konfessionsanhänger*innen und anderen Shuar und Achuar, die nicht Teil dieser Kirchen sind?

Meine Gastfamilie ist dafür ein gutes Beispiel. Die Familie besteht aus einem Shuar-Mann, der zwei Ehefrauen hat. Ich war vor allem bei der ersten Ehefrau und ihren elf Kindern. Von diesen elf Kindern war ein Sohn sehr kritisch gegenüber Mission und Kirche eingestellt und hat sich bei solchen Themen immer rausgehalten. Dann gab es einen Sohn, der eine Zeit lang in einem Kloster der Dominikaner lebte. Er hatte überlegt, Priester zu werden, hat dieses Ziel dann aber nicht weiterverfolgt. Er versteht sich als Katholik. Dann gibt es noch einen Bruder, der mit seiner Frau evangelikale Gottesdienste angeboten hat und der auch in der indigenen-evangelikalen Kirche getauft wurde. Wieder ein anderer Sohn, ebenfalls in einer indigenen-evangelikalen Kirche getauft, war zum Zeitpunkt meiner Forschung skeptisch gegenüber der Kirche. Er hat sich nicht klar positioniert und immer wieder gesagt: „Wenn ich Christ sein will, dann muss ich es als Shuar sein.“ Er hatte nicht eine solche Anti-Haltung vergleichbar mit der seines Bruders. Aber es war auch kein dezidiertes (entschiedenes) Bekenntnis wie bei seinen anderen Brüdern. Das heißt, man hat schon innerhalb einer Familie eine relative Pluralität. Diese war im Fall meiner Gastfamilie nicht konfliktiv, weil sie die Familienbande nicht überlagert hat.

Es gibt aber auch Dörfer, die mittlerweile entweder ganz evangelikal oder ganz katholisch-autochthon sind. In diesen hat die Religion dazu geführt, dass manche aus dem jeweiligen Dorf weggezogen sind. In anderen Dörfern sind dagegen beide Kirchen präsent. Es wäre falsch zu sagen, dass es keine Konflikte gegeben hat und wohl auch noch gibt. Ich würde aber sagen, dass die Gesellschaft in sich pluraler wird.

Beide Kirchen haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darum bemüht, auf politischem Feld aktiv zu werden. Sie stehen für territoriale Rechte ein und dafür, dass sich eine politische Organisation der Shuar und Achuar etablieren konnte. Landkonflikte und der Abbau von Ressourcen führen dazu, dass im Angesicht dieser existenzbedrohenden Herausforderungen die konfessionellen Unterschiede sekundär werden. Man sieht, dass man sich zusammentun muss, um gegenüber anderen Problemen zu bestehen. Trotzdem ist es so, dass es innerhalb indigener Gruppen verschiedene Meinungsbilder gibt und es zu Konflikten kommt, mittlerweile aber stärker durch den Einfluss von Erdölunternehmen als durch Kirchen.


Vanessa Axt führte das Interview am 17. Juni 2021 per Videoanruf und transkribierte es.



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