Foto: Sebastião Salgado für die GfbV

 

Ein neuer Bericht schildert schonungslos die tägliche Gewalt, der die indigenen Yanomami auf ihrem eigenen anerkannten Gebiet durch illegale Goldgräber ausgesetzt sind. Die Regierung unternimmt nichts dagegen. Im Gegenteil. Und durch nachlässige Regelungen kommt illegal geschürftes Gold ganz leicht in den allgemeinen Verkauf.

Von Eliane Fernandes Ferreira

Wikipedia; gemeinfrei
Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Im April 2022 hat der brasilianische Dachverband der indigenen Völker Brasiliens APIB auf dem sozialen Netzwerk Instagram im Internet ein Video gepostet mit folgendem Inhalt: „Was würde passieren, wenn ein reiches Kind vergewaltigt und getötet würde? Kannst Du Dir die Aufregung vorstellen? Aber genau das passierte mitten im Urwald auf dem Yanomami-Territorium. Und welche Mobilisierung haben wir stattdessen erlebt? Pass auf: Ein 12-jähriges Kind wurde von Goldgräbern entführt und vergewaltigt. Es starb infolge der Verletzungen. Am Tag darauf wurden ein dreijähriges Kind und seine Mutter in den Fluss geworfen. Sie sind verschwunden…“

 

APIB versucht, auf die Gewalt aufmerksam zu machen, welche besonders die Yanomami schon seit Jahren betrifft und die sich in der jüngsten Vergangenheit intensiviert hat. Weder die brasilianische Gesellschaft, noch die Regierung und zuständige Institutionen unternehmen irgendetwas gegen diese Gewalt. Und dabei hat APIB Recht: Wenn ein nicht-indigenes Kind verschwunden und grausam ermordet worden wäre, würde die brasilianische Gesellschaft sich sofort empört zeigen. Die zuständigen Behörden würden rasch den Fall untersuchen und die Straftäter*innen verfolgen und bestrafen.

 

Leider erleben die indigenen Völker Brasiliens seit Jahrhunderten, dass wenn es sich um Gewalt handelt, die gegen eine indigene Person gerichtet ist, egal welchen Alters, die Behörden so gut wie nichts unternehmen. Seit März 2022 berichtet APIB beinahe täglich auf ihren Internetkanälen über die Straftaten, welche die Goldgräber auf dem Yanomami-Territorium verüben.

Um auf die Gewalt gegen die Yanomami Aufmerksam zu machen, hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) diese Solidaritäts-Fotoaktion in den sozialen Netzwerken im Internet gestartet. Im Bild: Die Autorin Eliane Fernandes Ferreira.
Foto: © GfbV

Eine lange Geschichte von Invasionen und Zerstörung

 

Seit den 1980ern und nochmal verstärkt seit 2016 leiden die Yanomami im brasilianischen Bundesstaat Roraima bereits unter den Invasionen von Goldgräbern auf ihrem Territorium. Roraima liegt ganz im Norden Brasiliens, ist der bevölkerungsärmste aller 27 Bundesstaaten und größtenteils vom tropischen Regenwald geprägt. Die Yanomami erhalten – vor allem unter der Regierung des Präsidenten Jair Bolsonaro seit Januar 2019 – keine Unterstützung oder Schutz vom brasilianischen Staat oder den zuständigen Behörden.

 

Laut einem Bericht der brasilianischen Yanomami-Organisation Hutukara nahm der illegale Bergbau allein auf dem Yanomami-Territorium der Yanomami in Brasilien zwischen den Jahren 2016 bis 2020 um unglaublich 3350 Prozent zu. Goldgewinnungsaktivitäten fanden im Dezember 2021 auf insgesamt 3.272 Hektar Land statt.

 

Ein Yanomami aus der Gemeinschaft Palimiu appellierte im Juni 2021: „Ich möchte, dass Sie alle, die keine Indigenen sind, Ihre Augen auf dieses Territorium richten! Und wissen Sie, warum wir das wollen? Damit alle nicht-indigenen Anführer*innen schnell kommen, um uns zu unterstützen! […] Ihr Nicht-Indigene, Ihr, die in fernen Ländern lebt, starrt uns nicht mit Desinteresse an! Ich will nicht, dass Ihr uns umsonst anstarrt! Da Ihr so viel Kraft habt, seht bitte, dass wir Yanomami wirklich leiden! […] Ich bitte Euch also dringend, eine Sperre an unserem Fluss zu errichten [um die Eindringlinge an den Invasionen zu hindern], und ich möchte, dass Ihr den Zugang zu den Goldminen schnell sperrt!“

Mehr zu der Solidaritäts-Aktion und wie Sie an ihr teilnehmen können, erfahren Sie auf der Webseite der GfbV: www.gfbv.de
Foto: © GfbV

Bereits Anfang 2021 machte Hutukara die brasilianischen Behörden auf die eskalierenden Spannungen in der Region aufmerksam. Im Jahr 2021 waren bezahlte Schläger die Protagonisten einiger der auffälligsten Ereignisse des Jahres auf Yanomami-Territorium. Vermummte Männer schossen bei verschiedenen Gelegenheiten auf Bewohner*innen der Gemeinschaft Palimiu, um Vergeltung zu üben für die Versuche von Yanomami-Jugendlichen, die Goldgräber zu stoppen. Bei einem der Angriffe ertranken zwei Yanomami-Kinder im Fluss, als sie versuchten, den Schüssen zu entgehen

 

Eine der dramatischsten direkten Auswirkungen der fortschreitenden Goldgewinnungsaktivitäten auf Yanomami-Territorium soll zudem, laut Bericht, die Zunahme der Bedrohungen (in Häufigkeit und Ausmaß) für die Sicherheit der verschiedenen Gemeinschaften und Yanomami-Vertreter*innen sein, die sich öffentlich gegen die Goldgewinnung im Yanomami-Land aussprechen.

 

Der Bericht „Yanomami unter Beschuss“

 

Im April 2022 veröffentlichte die Yanomami-Organisation Hutukara den Bericht „Yanomami unter Beschuss: illegale Goldgewinnung auf dem Land der Yanomami und Vorschläge zu ihrer Bekämpfung“. In ihren Untersuchungen stellt die Organisation fest, dass das Jahr 2021 der schlimmste Moment der Invasionen seit der Anerkennung des Yanomami Territoriums im Jahr 1992 war.

 

Die illegale Goldgewinnung im Territorium der Yanomami ist die Ursache für systematische Menschenrechtsverletzungen an den dort lebenden Gemeinschaften. Laut den Untersuchungen von Hutukara sind mindestens 110 Gemeinschaften innerhalb des Yanomami-Territoriums direkt von den Auswirkungen der Goldgewinnung betroffen. Goldgewinnung wird hier immer begleitet von Problemen wie der Abholzung von Wäldern, Zerstörung von Lebensräumen, Verschmutzung von Wasser und Böden, Zerstörung der Flussläufe und deren Verschlammung.

Stoppt die Gewalt gegen Yanomami! Foto: © GfbV

Diese Auswirkungen haben wiederum erhebliche Folgen für die Gesundheit und die traditionellen wirtschaftlichen Alltagstätigkeiten der Yanomami-Familien. Unter anderem breiten sich Infektionskrankheiten (insbesondere Malaria) aus, die Indigenen sind durch Methylquecksilber kontaminiert und das lokale Gesundheitssystem ist überlastet. Laut Bericht seien 273 Yanomami-Gemeinschaften direkt betroffen. Das sind mehr als 16.000 Menschen – und entspricht 56 Prozent der Yanomami-Bevölkerung auf brasilianischem Boden.

 

Einige Gründe, warum die Goldgewinnung auf Yanomami-Gebiet so stark zugenommen hat, seien laut dem Bericht: der Anstieg des Goldpreises auf dem internationalen Markt, die mangelnde Transparenz in der Goldproduktionskette und Regelungsmängel, die den Betrug bei der Herkunftserklärung des illegal gewonnenen Edelmetalls ermöglichen. Weitere Gründe sind die Schwächung der Umweltpolitik und des Schutzes der Rechte indigener Völker in Brasilien und folglich die fehlende Reglementierung und koordinierte Überwachung illegaler Aktivitäten in indigenen Territorien. Auffällig ist, dass die Politik der brasilianischen Regierung die Goldgewinnung insgesamt trotz ihres illegalen Charakters zu fördern und zu unterstützen scheint.

 

Außerdem hat die COVID-19-Pandemie die Wirtschaftskrise in Brasilien verschärft und Zahlen von Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen lassen. Das wiederum bringt eine Masse an billigen Arbeitskräften hervor, die unter äußerst prekären und gefährlichen Bedingungen ausgebeutet werden. Dies alles trägt zur Ausweitung der Goldgewinnung auf Yanomami-Territorium bei. Und trotzdem sieht die Yanomami-Organisation die illegale Goldgewinnung nicht als unlösbares Problem. Vielmehr sei sie „die logische Folge von Entscheidungen, die die Enteignung natürlicher Ressourcen begünstigen, immer zum Nachteil der Rechte der indigenen Völker Brasiliens“, so der Bericht.

 

Lahme und korrupte Justiz

 

Im Jahr 2021, aufgrund des Drucks verschiedener Institutionen, verfolgte die Bundesstaatsanwaltschaft Brasiliens einen Geschäftsmann aus der Stadt Boa Vista wegen Beteiligung an illegaler Goldgewinnung auf Yanomami-Territorium. Die Ermittlungen ergaben, dass der Angeklagte innerhalb von zwei Jahren mehr als 425 Millionen brasilianische Reais (entspricht etwa 81 Millionen Euro) bewegt haben soll. Diese Summe war nicht mit seinen angegebenen finanziellen Möglichkeiten vereinbar. Den Ermittlungen zufolge nutzte die von dem Geschäftsmann angeführte Gruppe ein kleines Flugzeug-Unternehmen und ein weiteres Unternehmen für Brunnen-Anlagen, um Betriebsmittel und Arbeitskräfte in die Goldabbaugebiete zu transportieren. Dafür wurden sie mit Gold bezahlt.

 

Theoretisch soll in Minen gefördertes Gold nur an von der brasilianischen Zentralbank zugelassene Käufer verkauft werden. Dafür gibt es extra Tochtergesellschaften in der Nähe der zugelassenen Minen. Die geltenden Rechtsvorschriften sehen jedoch vor, dass als Garantie, dass das angebotene Gold aus einer genehmigten Abbaustätte stammt, alleine die Eigenerklärung des Überbringers für den Verkauf des Goldes an den Ankaufsstellen ausreicht. Glaubt der zugelassene Käufer der Eigenerklärung, kann illegal geschürftes Gold relativ leicht in legalen Umlauf geraten.

 

Auch wenn einige Fälle untersucht und verfolgt werden, ist die brasilianische Justiz lahm und, besonders in dieser entlegenen Region Brasiliens, korrupt. Hutukara berichtet zum Beispiel von einem Fall, bei dem eine Rekordanzahl von Flugzeugen, die Geschäftsleuten aus dem Bundesstaat Roraima gehörten, beschlagnahmt wurden. Es war bekannt, dass mit diesen Flugzeugen illegale Goldgräber im indigenen Yanomami-Territorium logistisch unterstützt wurden. Trotzdem gelang es den Geschäftsleuten, die Beschlagnahme aufgrund umstrittener Entscheidungen von Richter*innen, die politische Verbündete der Goldgräber waren, rückgängig machen zu lassen.

 

Einen weiteren gravierenden Punkt stellt die Verwicklung des organisierten Verbrechens in Form der Drogenmafia in den illegalen Goldabbau dar. Sie ist in den vom illegalen Goldabbau betroffenen Gebieten bereits präsent. In einem der erschreckendsten Vorfälle des Jahres 2021, der Serie von Angriffen auf die Yanomami-Gemeinschaft Palimiu, waren Mitglieder des brasilianischen Drogenkartells „Primeiro Comando da Capital“ (PCC, dt.: „Erstes Hauptstadtkommando“) involviert. Im Kontext des illegalen Goldabbaus auf Yanomami-Gebiet war es das erste Mal, dass die Mafia zutage trat. In anderen Bundesstaaten wie Pará oder Mato Grosso soll es bereits zum Standardverhalten geworden sein.

 

Ein Bericht wie ein Tagebuch der Zerstörung

 

Der Bericht der Yanomami-Organisation führt zahlreiche Fälle auf, die die Yanomami in den vergangenen Jahren erleben mussten. Er liest sich wie ein Tagebuch der Zerstörung des Lebens und des Territoriums der Yanomami. So näherten sich beispielsweise am 10. Mai 2021 gegen 11 Uhr sieben Boote mit bewaffneten Männern, die mit Westen und Sturmhauben bekleidet waren, der Gemeinschaft Yakepraopë. Die Männer eröffneten das Feuer auf die Bewohner*innen. Bei der Flucht kamen zwei Kinder ums Leben.

 

Auch eine Veränderung im Verhalten der Bergleute stellen die Verfasser*innen des Berichts fest: „Während früher nur die Bootsführer mit Kapuzen unterwegs waren, taten dies jetzt auch andere Männer, die fast immer schwarz gekleidet waren. Auch die Waffen haben sich verändert. Statt mit Jagdgewehren sind sie nun mit Pistolen und schweren Waffen unterwegs. Und die Annäherung an die Gemeinschaften wurde immer aggressiver und gewalttätiger. Es gibt Berichte über betrunkene Goldgräber, die in Häuser eindringen und Frauen belästigen, und über Drohungen bei Begegnungen am Fluss: ‚Wir werden die Yanomami vernichten!‘“

 

Die Yanomami aus Palimiu berichten, dass sie vor den Invasionen gut fischen und jagen konnten. Mit den Invasionen änderte sich das schnell. Der Fluss ist heute verschmutzt und das Wild weniger geworden. Durch die Goldgewinnung auf ihrem Gebiet wurden große Wald- und Flussgebiete zerstört, die früher zu ihrem täglichen Lebensraum gehörten. Heute sind sie für die Familien nicht mehr zugänglich. Um zu jagen, zu fischen und Früchte zu sammeln, müssen sich die Yanomami daher an weiter entfernte Orte begeben. Dadurch fehlt aber die Zeit für andere Aufgaben, beschreibt es der Bericht.

 

Einer der Yanomami-Vertreter, der nicht im Bericht namentlich genannt werden will, drückte seine Empörung aus: „Wir haben keine Wildtiere mehr! Unsere Kinder leiden bereits an Hautkrankheiten und Durchfall! Unsere Kinder sind bereits krank! Bolsonaro, holen Sie Ihre Goldgräber ab und nehmen Sie sie wieder mit!“

 

Sexuelle Gewalt gegen Frauen, Jugendliche und Kinder

 

Ein weiteres schweres Problem ist die sexuelle Gewalt gegen Frauen, Jugendliche und Kinder durch die Goldgräber. Die Goldgräber bedrohen die Yanomami, sind gewalttätig und erzeugen in den Dörfern ein ständiges Klima des Schreckens und der Verzweiflung. Ein Vorgehen der Goldgräber ist, dass sie versuchen, mit Essen und Kleidung das Vertrauen der Yanomami-Frauen zu gewinnen, dann machen sie sie betrunken und vergewaltigen sie.

 

Am 27. April forderte Hutukara in einer Pressemitteilung den Abzug der Goldgräber aus der Region Waikás in Roraima. Zwei Tage zuvor, am 25. April, hatten Goldgräber ein 12-jähriges Yanomami-Mädchens vergewaltigt und getötet. Die Yanomami-Organisation betonte, dass sie den Fall weiterverfolgen werde. Außerdem wies Hutukara darauf hin, dass es sich bei dem Vorfall sexueller Gewalt gegen Yanomami-Kinder und -Jugendliche nicht um einen Einzelfall in der Region handele.

 

Die Region Waikás am Fluss Uraricoera soll das am stärksten von der illegalen Goldgewinnung im Yanomami-Territorium betroffene Gebiet sein. Die Yanomami betonen in ihrer Pressemitteilung: „Wir bestehen darauf, dass der brasilianische Staat seiner verfassungsmäßigen Pflicht nachkommt und sich dringend für die Festnahme und das Vertreiben der Eindringlinge einsetzt.“

 

[Die Autorin]
Eliane Fernandes Ferreira ist Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.

 

[Zum Weiterlesen]

 

Den Yanomami-Bericht „Yanomami unter Beschuss: illegale Goldgewinnung auf dem Land der Yanomami und Vorschläge für ihre Bekämpfung“ können Sie im Internet auf Portugiesisch beim Instituto Socioambiental nachlesen:

https://acervo.socioambiental.org/acervo/documentos/yanomami-sob-ataque-garimpo-ilegal-na-terra-indigena-yanomami-e-propostas-para



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