Mitten in der Wüste tanzen und feiern junge Menschen bis in die frühen Morgenstunden. Der Lärm schallt viele Kilometer weit. Foto: © Wolfgang Sréter

Das Wadi Rum in Jordanien birgt Wunder aller Art: prähistorische Wandmalereien, atemberaubende Felsformationen und schallende Wüstendiscos. Eine Beduinenpolizei sorgt für Ordnung. Doch der Ort bewegt sich in einem steten Spannungsfeld zwischen nötigen touristischen Einnahmen und der Bewahrung eines kulturellen Erbes.

Von Wolfgang Sréter

Von Amman, der jordanischen Hauptstadt, fährt der Bus auf der breit ausgebauten Nationalstraße 15 und dem anschließenden Desert Highway etwa 320 Kilometer Richtung Süden über Ma‘an bis fast an die Grenze zu Saudi Arabien. Auf dieser Nord-Süd-Achse, die größtenteils durch flache Wüstenlandschaft führt, begegnet man ständig riesigen Überlandtrucks mit grün-weißen Nummernschildern. Außerdem Pkws, die voll besetzt sind und das Gepäck der Familie auf dem Dachständer transportieren. Auffallend sind dabei Autos in schicken Pastellfarben, die offensichtlich nur im Nahen Osten ausgeliefert werden.

An der Wadi Rum Kreuzung bei Rashidiyah biegt der Bus links Richtung Wadi ab und kreuzt irgendwann eine Bahnlinie, auf der ein Güterzug entgegenkommt. Der Himmel ist diesig blau, kann allerdings auch gefährlich gelb werden, wenn ein Sandsturm aufzieht. Das weltberühmte Wadi liegt östlich der Küsten- und Grenzstadt Akaba. Wie auch in Amman befindet man sich auf einer Höhe von 800 Meter über dem Meer.

 

Mitten in der Wüste tanzen und feiern junge Menschen bis in die frühen Morgenstunden. Der Lärm schallt viele Kilometer weit.
Foto: © Wolfgang Sréter

 

Eine unerwartete Stille

 

In Hochzeiten der Corona-Pandemie herrschte im gesamten Wadi Stille. Für Touristen war Jordanien geschlossen und diejenigen, die im Land gestrandet waren, mussten in speziellen Hotels ausharren und mit den Regelungen der Ausgangssperren zurechtkommen, um sich mit Essen und Trinken zu versorgen. Auch im Frühjahr 2022 wird sich der Besucherstrom in Grenzen gehalten haben, denn die Einreisebestimmungen sahen neben kostenpflichtigen Tests vor der Einreise, nach der Einreise und bei der Ausreise eine strenge Maskenpflicht vor. Viele Menschen, die im Wadi vom Tourismus leben und zum Teil Billigschmuck aus China verkaufen, hat das in Schwierigkeiten gebracht. Die Haus- und Wildtiere in der Region werden sich über die unerwartete Stille aber gefreut haben.

Das Wadi Rum mit seiner Ausdehnung von etwa 100 Kilometern in der Länge und bis zu 60 Kilometern in der Breite wurde 2011 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Für die bizarren Felsformationen aus rotem Sandstein in dem Naturreservat gelten daher strenge Regeln. Nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern sollte jeweils die Wüste durchziehen oder die Berge erklettern dürfen, und das nur auf festen Routen für die Besichtigung und in Campingzonen für die Nacht. Anstelle der selbsternannten sollten ausgebildete Führer das Kommando übernehmen. Damit wollte die Regierung versuchen, diese einmalige Landschaft mitsamt ihrer nicht endlos belastbaren Umwelt zu erhalten – wie fast überall, eher zu spät als zu früh. Leider blieben viele der guten Vorsätze auf der Strecke.

Auch deshalb gibt es eine spezielle Truppe, die als Beduinenpolizei bezeichnet wird. Es sind die einzigen Polizisten im Nahen Osten, die noch auf Kamelen reiten. Man sieht den jungen Männern in ihren braunen oder beigen Uniformen und den rot-weißen Kufiyas auf dem Kopf ihren Stolz an, denn für jeden Beduinen ist es eine Auszeichnung, dort aufgenommen zu werden. Mit zur Ausrüstung gehört ein breiter Patronengürtel, in dem ein reich verzierter Dolch steckt.

Für junge Beduinen ist es eine Ehre, in die Abteilungen der Beduinenpolizei aufgenommen zu werden.
Foto: © Wolfgang Sréter

Die Beduinenpolizei ist nicht nur für die Heimat der Nomaden zuständig. Die Nomaden waren ursprünglich aus Saudi Arabien nach Jordanien eingewandert und gehören zum Stamm der Howeitat. Es soll Zeiten gegeben haben, in denen einige Abteilungen der Beduinenpolizei zur Jagd auf Schmuggler eingesetzt waren. Aber seit diese besondere Art von Händlern auf schnellere Gefährte umgestiegen ist, hat sich das erledigt. Auch hat die Beduinenpolizei diejenigen Touristen im Blick, die gerne unter einem unbeschreiblichen Himmel die Nacht im Freien verbringen und am Morgen noch so überwältigt sind, dass sie vergessen, ihren Müll mitzunehmen.

Student*innen der nahen Universität Akaba feiern gerne ihren Semesterabschluss im Wadi Rum. Als Vorhut kommen dann Pick-ups, gesteuert von jungen Jordaniern in blütenweißen Thawbs, den langen Gewändern der Beduinen. Auf der Ladefläche werden große Lautsprecher transportiert, die rund um eine Tanzfläche aufgebaut werden. Ein Laptop, Verstärker und Lichtorgeln machen die Wüstendisco komplett. Nach einem Festessen wird bei Einbruch der Nacht bis zum Morgen zu arabischer Popmusik getanzt. Zwischendurch kann man sich auf großen Kissen von den Anstrengungen der Abschlussarbeiten erholen.

 

Der Zauber der Wüste

 

Wer sich jedoch Zeit nimmt und zu Fuß im Wadi Rum unterwegs ist, kann Höhlenmalereien entdecken, die nicht nur prähistorisch sind, sondern zum Teil dem Oxfordabsolventen, Geheimagenten, Archäologen und britischen Offizier Thomas Edward Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, zugeschrieben werden. Es könnten versteckte Mitteilungen für Sherif Hussein, den Emir von Mekka, und seine Truppen gewesen sein, die im Ersten Weltkrieg gegen das osmanische Reich kämpften, um einen eigenen arabischen Staat aufzubauen. Legendär ist der in den „Sieben Säulen der Weisheit“ von T. E. Lawrence beschriebene 20-tägige Ritt der arabischen Aufständischen durch die Wüste in Richtung der Hafenstadt Akaba, dem letzten verbliebenen osmanischen Stützpunkt am Roten Meer.

Für die Araber war das Ergebnis ihres Aufstandes enttäuschend. Die Briten teilten sich den Nahen Osten mit den Franzosen und es entstanden 1916 auf der Grundlage des geheimen Sykes-Picot-Abkommens neue Staatsgebilde mit willkürlich gezogenen Grenzen, die im Wesentlichen bis heute Bestand haben: Irak, Syrien, Jordanien, Libanon und Palästina. Für den amerikanischen Historiker David Fromkin war es ein „Frieden, der jeden Frieden beendete“. Dieser unselige und gefährliche Nicht-Frieden hält bis in die Gegenwart an.

„Lawrence von Arabien“ war der Meinung, auch für die Beduinen sei dieser „Grand Canyon“, neben seiner spirtual loveliness, ein Tod im Leben. Der Glaube der Wüste sei ohnehin für den Städter – wahrscheinlich meinte er damit Europäer – zu fremdartig und die Majestät und Herrlichkeit der Landschaft würde für ihn nie fassbar sein. Trotzdem können sich heutige Besucher*innen auf ihren Wanderungen der Schönheit der Blumen in lichten Farben erfreuen und sogar Pilze an versteckten Orten finden. Vielleicht wundern sie sich über das kräftige Grün, das einen besonderen Kontrast zur Farbe der Dünen und den freilaufenden Dromedaren bildet. Auf alten Fotos, die der Abenteurer von seinen Reisen mitbrachte, sieht das Wadi allerdings weit mehr bewachsen aus. Durchbrochen wird die friedliche Stille immer wieder durch offene Fahrzeuge, auf denen Touristen mit ihren Kameras durch die Wüste gerüttelt werden. Die Spuren im Sand belegen, dass die vorgeschriebenen Routen selten eingehalten werden.

Der 1.800 Meter hohe Dschabal Umm ad-Dami, von dem aus man bis nach Saudi Arabien blicken kann, zieht Bergwanderer und Kletterer aus aller Welt an. Verwegene Felsbrücken, die durch Erosion entstanden sind, stellen eine besondere Herausforderung dar. Genauso wie die Felswände der „Sieben Säulen der Weisheit“ mit ihren waagerechten Einschnitten, sind sie nur für Geübte empfehlenswert. Außerdem geht man diesem Sport in einer Gegend der Welt nach, in der bei einem Unfall kein Hubschrauber landet und kein gut ausgerüstetes Krankenhaus in der Nähe ist. Die Hitze während des Tages schon im Frühjahr kommt als Belastung hinzu.

Besucher*innen bezeichnen das Wadi Rum nicht umsonst immer wieder als Kleinod von unschätzbarem Wert. Die Spannungen zwischen notwendigen touristischen Einnahmen und der Bewahrung eines Kulturerbes werden also anhalten.

 

Wie in einer Disco in der Stadt ist auch der Wüsten-DJ mit Laptop, Verstärker und Reglern für den richtigen Sound ausgestattet.
Foto: © Wolfgang Sréter

[Der Autor]

In Passau geboren, lebt Wolfgang Sréter heute in München. Er wuchs in einer deutsch-ungarischen Familie auf, studierte Volkswirtschaft und Soziologie und ist, neben seiner Tätigkeit als Autor und Fotograf, als Dozent für Kunstvermittlung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, München, tätig. Er ist Mitglied bei Reporter ohne Grenzen.



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