Zur Gewinnung von Lithium wird das Wasser abgepumpt. Die Zahlreichen Lagunen, die dieses Ökosystem kennzeichnen, verändern sich drastisch. Foto: Otavio Piske/Flickr CC BY 2.0

Digitalisierung und Energiewende: Der Rohstoff Lithium trägt als Bestandteil von Batterien zu diesen Entwicklungen bei. Doch während wir in Deutschland dadurch unsere Klimabilanz verbessern, entstehen in den Abbaugebieten im Hochland Südamerikas Wasserknappheit und soziale Konflikte.

 

Von Jennifer Barbara Hutchings

Um Natur und Klima zu schützen, wollen wir weniger fossile Rohstoffe wie Erdöl und dafür mehr erneuerbare Energien wie Windkraft effizient nutzen. Oft vergessen wir dabei jedoch, dass Energiewende und Digitalisierung ebenfalls massenweise Rohstoffe verschlingen. Energie – auch erneuerbare – wird hauptsächlich in Lithium-Ionen-Batterien gespeichert. Zur Herstellung solcher Batterien sind das Metall Kobalt und das Leichtmetall Lithium wichtige Bestandteile. Die Abbauminen für Kobalt, etwa in der Demokratischen Republik Kongo, machen wegen miserabler Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit immer wieder Negativschlagzeilen. Für Lithium explodierte in den letzten Jahren der Preis, sodass es heute auch ‚weißes Gold’ genannt wird.

Die Energiewende betreffend sind im Verkehr zum Beispiel Elektroautos zentral. Deren Batterien benötigen rund 20 Kilogramm Lithium – Elektromobile der Marke Tesla sogar mehr als 50 Kilogramm. Außerdem trägt die Digitalisierung zu Deutschlands enormem Smartphone-Verschleiß bei: Die Hälfte der Nutzer kaufen sich immer das neuste Modell. Nur 12 Prozent besitzen ein Handy länger als zwei Jahre. Somit werden Unmengen Lithium benötigt, da jeder Handy-Akku ein bis drei Gramm des begehrten Leichtmetalls enthält.

Da Lithium so beliebt ist und viele Unternehmen deshalb nach weiteren Vorkommen suchen. Die amerikanische geologische Behörde USGS ging Anfang dieses Jahrs von rund 62 Millionen Tonnen aus. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Focus lagern auch in Deutschland, in Sachsen, rund 96.000 Tonnen im Boden. Etwa 80 Prozent des weltweiten Lithiumbestandes befindet sich allerdings in Salzseen im sogenannten Lithiumdreieck zwischen Südbolivien und dem Norden von Chile und Argentinien.

 

Leben in der Trockenheit

Dieses Dreiländereck in den Hochanden ist eines der trockensten Gebiete der Erde. Nahe der zahlreichen Salzseen leben hier indigene Gemeinschaften, die sich als direkte Nachfahren der Inka sehen. Um den nordchilenischen Salar de Atacama etwa wohnen seit mindestens 10.000 Jahren die Lickan Antay, ‚Menschen der Erde‘, wie sie sich in ihrer eigenen Sprache Kunza nennen. Eine ganze Zivilisation haben sie inmitten der trockensten Wüste der Welt aufgebaut, ihre Lebensweise an das raue Klima angepasst.

Die Lickan Antay halten Lamas, Alpakas, Vicuñas (gehört wie das Lama und das Alpaka zur Familie der Kamele; Anm. d. Red.) und Ziegen und verwenden Früchte der Chañar- und Johannisbrotbäume als Proteinquelle und zur Herstellung von ‚Aloha‘, einem Likör für Zeremonien und Rituale. Dank verantwortungsvoller, kommunaler Wassernutzung können sie Schneckenklee, Mais, Kartoffeln und Bohnen anpflanzen und ihre Obstbäume bewässern. Eine wichtige Einnahmequelle ist das Korn Quinoa.

Mehrere Wellen der Kolonisierung haben die Völker dieser Region überstanden. Heute leben sie auch von Einnahmen durch Touristen, die anreisen, um die eindrucksvollen Landschaften und die für die Region berühmten Flamingos zu bestaunen. Viele der Anwohner haben noch heutzutage eine spirituelle Verbindung zu den für sie überlebenswichtigen Salzseen. Diese sind für sie mit ihren Wasseradern lebendige Wesen.

Die Atacama-Wüste, die sich vom Norden Chiles bis zum Süden Perus erstreckt, gilt als die trockenste Wüste der Welt. Der enorme Wasserverbrauch für den Lithiumabbau bedroht Mensch und Umwelt in der Region. Auf dem Foto ist ein Vicuña-Jungtier. Foto: ALMA (ESO/NAOJ/NRAO)/René Durán/ Wikipedia CC BY 4.0

Rücksichtslosigkeit der Unternehmen

Doch nach 20 Jahren Lithiumabbau in der Region sind solche Lebensweisen bedroht. Zur Rohstoffgewinnung pumpen die Abbauunternehmen das lithiumhaltige Wasser aus den Salzseen und leiten es in Verdunstungsbecken. Da der Lithiumanteil im Wasser weniger als ein Prozent ist, verbraucht dieser Prozess Unmengen an Wasser. Um eine Tonne Lithium zu erhalten, müssen zwei Millionen Liter Wasser verdunsten. Dieser massive Eingriff in den Wasserhaushalt führt zum Absinken des Grundwasserspiegels. Das Grundwasservorkommen ist hier jedoch wegen des geringen Niederschlags und der hohen Verdunstung nicht erneuerbar. Die für Menschen, Tiere und Pflanzen so wichtigen Lagunen und Flussebenen trocknen aus.

Außerdem setzt der Lithiumabbau Chemikalien frei und Chemieabfälle werden umweltschädlich entsorgt. Für die Rohstoffunternehmen ist diese schädliche Art der Lithiumgewinnung die günstigste. Die Firmen betonen, dass der Abbau mit den indigenen Gemeinschaften in der Region abgesprochen sei und diesen zu einem besseren Leben verhelfen würde. Die Regierungen Chiles und Argentiniens öffnen den Unternehmen Tür und Tor zu grenzenlosem Abbau. In Bolivien wird die gesamte Lithiumproduktion vom Staat kontrolliert; Bürger sollten also theoretisch besser geschützt sein. Die Realität sieht in allen drei Ländern jedoch besorgniserregend aus.

 

Brot heute, Hunger morgen

Viele Indigene sehen den Lithiumabbau kritisch. Gustavo Ontiveros, Vertreter der indigenen Gemeinde Omawaqa in der nordargentinischen Provinz Jujuy, sorgt sich um die Zukunft. Einem Journalisten des Online-Magazins Mongabay erzählt er: „Sobald die Unternehmen sehen, dass sie alles Wasser aufgebraucht haben und die Dürre sie daran hindert, hier weiter Geschäfte zu machen, werden sie gehen. Und wir bleiben zurück ohne Tiere, ohne Pflanzen und mit einer verseuchten Umwelt“. Auch José del Frari, Lehrer an einer der Universität Jujuy angegliederten Bergbauschule und aufgewachsen an den Salzseen, sieht die Situation ähnlich: „Dieser Lithiumboom wird in zwei Jahren vorüber sein – er ist Brot für heute und Hunger für morgen.“

Viele Indizien weisen darauf hin, dass Unternehmen problematische Taktiken anwenden, um von lokalen Gemeinden das Einverständnis für Abbauprojekte zu erhalten. Laut Jorge Muñoz, einem Soziologen aus der Gemeinschaft Solcor im nordchilenischen San Pedro de Atacama, gibt es ein riesiges Wissensgefälle zwischen den Unternehmen und den indigenen Gemeinden. Dies belegt auch eine Studie, die nahe des weltweit größten Salzsees, dem bolivianischen Salar de Uyuni, durchgeführt wurde.

Auf diese Weise verkommt der in der UNO-Deklaration zu den Rechten indigener Völker festgehaltene Anspruch Indigener auf freie, vorherige und informierte Zustimmung über jegliche Projekte in ihren Territorien zu einer Farce. Außerdem scheinen die Unternehmen ein eindeutiges Interesse daran zu haben, bewusst die sozialen Gefüge der Gemeinden zu zerstören. Bárbara Jerez, die als Postdoktorandin die Auswirkungen des Lithiumabbaus auf das argentinisch-chilenische Hochland erforschte, erklärt dies dem Online-Magazin Mongabay: „Die Unternehmen bestechen oder bedrohen Gemeindeleiter. Und kritische Anwohner erhalten keine Anstellung in den Unternehmen.“ Mit solchen Vorgehensweisen spalten Firmen indigene Gemeinschaften: Einige verdienen ihren Lebensunterhalt bei den Unternehmen. Andere wehren sich gegen den Abbau.

 

Geeinter Widerstand

Nicht immer sind solche Taktiken jedoch erfolgreich. Im Februar 2019 blockierten rund 300 Familien der indigenen Kolla geeint die bolivianische Ruta Nacional 52, eine wichtige Straße für den Tourismus der Region. Sie erreichten, dass zwei regional tätige Lithiumunternehmen ihre Aktivitäten vorläufig niederlegten. Die Kolla verlangten von der bolivianischen Regierung, dass kein Lithiumabbau und keine anderen Projekte, die in ihren Augen Mutter Erde ‚Pachamama’ verletzen, mehr auf ihrem angestammten Gebiet stattfinden. Der Konflikt wird nun wohl vor Gericht ausgetragen. In ihrer Erklärung machen die Kolla aber klar: „Leben und Wasser sind mehr wert als Lithium.“


Jennifer Barbara Hutchings studiert zurzeit den englischsprachigen Master Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession in Berlin. In ihrer Masterarbeit befasst sie sich mit einer postkolonialen Perspektive auf den Goldhandel zwischen Peru und der Schweiz.



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