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Aktuelles News & Artikel 50 Frauen aus Srebrenica zu Besuch in Göttingen

50 Frauen aus Srebrenica zu Besuch in Göttingen

Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen

Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.

Göttingen
Das Massaker von Srebrenica, das am 11. Juli 1995 von serbischen Truppen an der Zivilbevölkerung dieser ostbosnischen Stadt begangen wurde, gilt als schlimmster Massenmord auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkrieges: Mindestens 8106 unbewaffnete „bosniakische“ Männer und Knaben wurden in der damaligen UN-Schutzzone unter den Augen niederländischer Blauhelmsoldaten kaltblütig umgebracht. Ihre Leichen wurden in Massengräber geworfen. Um Spuren zu verwischen, wurden sie später oft mit Bulldozern wieder ausgegraben und anderswo erneut verscharrt. Die Frauen, Mütter, Schwestern und Töchter der Ermordeten suchen noch heute nach ihnen. 275 Massengräber wurden bisher im Drina-Tal gefunden, die meisten in der Umgebung von Srebrenica. Bisher sind 8.106 Opfer namentlich bekannt und 6800 Opfer exhumiert. 1937 von ihnen wurden identifiziert und in der Gedenkstätte in Potocari beigesetzt.

Srebrenica ist heute eine vergessene, verelendete, von den Tätern beherrschte Stadt in der „ethnisch gesäuberten“, serbisch regierten Hälfte Bosniens, der so genannten Republika Srpska. Von den 19.473 Tätern von Srebrenica, die von einer Sonderkommission der bosnischen Regierung im Oktober 2005 registriert wurden, üben 892 heute unbehelligt öffentliche Ämter aus. Die Hauptverantwortlichen, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, sind noch immer auf freiem Fuß.

Im Bezirk Srebrenica, der Stadt und den umliegenden 56 Dörfern, lebten vor dem Krieg 37.211 Menschen, fast 73 Prozent waren Bosniaken. Heute leben dort überwiegend Serben (etwa 10 000). Bis jetzt sind nur 4.500 Bosniaken – meist Witwen mit ihren Kindern – zurückgekehrt. Manche müssen in Bretterverschlägen, Kellern oder Ruinen hausen. Nur etwa 1.500 der rund 6.500 zerstörten Häuser wurden wieder aufgebaut. Die Straßen und die Strom- und Wasserleitungen sind zerstört. In den Dörfern nützen die Rückkehrer eigene Brunnen, deren Wasserqualität noch nicht überprüft wurde. Die medizinische Versorgung ist unzureichend. Nur einmal in der Woche kommt ein Arzt aus Tuzla. Für die meisten Kinder sind Schulen unerreichbar. Die Vertreter der internationalen Gemeinschaft (SFOR, OHR, IPTF, OSCE) sind mit ihren Büros nach Bratunac umgesiedelt. Ihre Rückkehrpolitik ist gescheitert. Sie gewähren, den Rückkehrern weder Sicherheit noch spürbare Aufbauhilfe. Auch die Hilfswerke haben sich zurückgezogen. Für alle Bergdörfer zusammen gibt es nur einen Laden. Im städtischen Krankenhaus gibt es nur eine Ambulanz. Bosniakische Rückkehrer, die sich deshalb in der Föderation Bosnien-Herzegowina behandeln lassen, müssen alle Kosten selbst tragen.

Die bosnische Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat ihren Sitz in Sarajevo und unterhält in Srebrenica ein Regionalbüro. Sie hat mit Hilfe der GfbV-International den Bauernfamilien Kühe, Ziegen, Schafe, Saatgut und Ackergeräte zur Verfügung gestellt. Europa hat schon während des Bosnienkrieges versagt und leistet den Rückkehrern heute kaum humanitäre Hilfe. Die GfbV-Repräsentantin in Srebrenica, Frau Hatidza Mehmedovic, hat alle anderen männlichen Verwandten, auch beide Söhne und den Mann, während der Massaker verloren. Sie kehrte im Oktober 2002 zurück.

50 Frauen aus Srebrenica wollen am 27. Februar 2006 vor dem Gebäude des Internationalen Gerichthofes in Den Haag eine Mahnwache abhalten. Unsere Menschenrechtsorganisation, die den Genozid an den bosnischen Muslimen dokumentiert hat und sich seit Jahren für die bosnischen Opfer einsetzt, hilft ihnen dabei. Die Frauen wollen die Klage Bosnien-Herzegowinas gegen Serbien-Montenegro wegen Völkermordes und Aggression unterstützen und der 200 000 Opfer des vier Jahre währenden Genozids, gedenken. 90 % der Opfer waren Bosniaken.

Die europäisch-islamische Gemeinschaft der bosnischen Muslime gilt als tolerant und liberal. 1.189 ihrer Moscheen wurden von den Truppen Radovan Karadzics und Slobodan Milosevics zerstört. Nur eine einzige blieb in der serbisch kontrollierten Hälfte Bosniens erhalten. Der höchste Geistliche der muslimischen Gemeinschaft Bosniens Reis-ul-ulema Mustafa Efendie Ceric, setzt sich für Frieden, Zusammenleben, Versöhnung und Gerechtigkeit in Bosnien ein. Der Gesellschaft für bedrohte Völker-Bosniens gehören muslimische, serbische, kroatische, jüdische und Roma-Bosnier an. Sie alle verurteilen Genozid und Aggression und engagieren sich für ein gemeinsames Bosnien.

Auf ihrem Weg nach Den Haag werden 50 Frauen von Srebrenica vom 24.02. bis zum 26.02.2006 unser Bundesbüro in Göttingen besuchen. Sie werden von dem Göttinger Oberbürgermeister Jürgen Danielowski im Alten Rathaus empfangen. Wir möchten gern alle 50 Frauen privat unterbringen. 20 Unterkünfte fehlen uns noch.

Hintergrund:

Im April 1992 fiel Srebrenica zum ersten Mal in serbische Hand. Nach einem Einsatz der bosnischen Verteidigungskräfte wurde die Stadt zwar befreit, doch die Einwohner der Stadt, mit Flüchtlingen waren von serbisch-bosnischen und jugoslawischen Truppen dreieinhalb Jahre von der Außenwelt abgeschnitten. Die muslimischen Einwohner der Stadt wurden Opfer von Massakern, Mordtaten, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Folterungen und Raub. Am 16. April 1993 wurde Srebrenica vom Weltsicherheitsrat zur UN-Schutzzone erklärt. Am 11. Mai 1993 wurde die Stadt von der UNO entmilitarisiert. Die Provokationen der serbischen Angreifer setzten unmittelbar danach ein. Fast zwei Jahre lang war die eingekesselte Bevölkerung dem ständigen Granatfeuer und der Willkür der serbischen Soldateska ausgesetzt. Hungertote, Fehlgeburten und Selbstmorde häuften sich. Die sog. Blauhelmtruppen der UNO kümmerten sich nicht um die Versorgung der Eingeschlossenen mit Nahrung und Medikamenten. Die europäischen Regierungen waren nur an der Sicherheit der UN-Soldaten interessiert, nicht an den sterbenden bosnischen Kindern, Frauen und Alten. Im Sommer 1995 fiel Srebrenica als UN-Schutzzone zum zweiten Mal. Serbische Soldaten unter dem Kommando von General Radislav Krstic nahmen die Stadt ein, trennten Männer von Frauen und ermordeten die muslimischen Knaben und Männern. Bis heute sind 8.106 Opfer namentlich bekannt. Den holländischen UN-Blauhelmen wurde später Verrat, unterlassene Hilfeleistung und Komplizenschaft mit den Mördern vorgeworfen. Srebrenica wurde zum Synonym für die Gräuel des bosnischen Krieges. Vier Jahre nach dem Massaker hat UN-Generalsekretär Kofi Annan eine Mitschuld der internationalen Gemeinschaft eingeräumt. Die niederländische Regierung trat im April 2002 zurück.

Was Sie tun können:

Sie können mit der Koordinatorin der Gesellschaft für bedrohte Völker in Srebrenica, Frau Hatidza Mehmedovic, Kontakt aufnehmen und Sachspenden zur Verfügung stellen. Sie können sich mit der Leiterin des Büros der Gesellschaft für bedrohte Völker in Sarajevo, Frau Fadila Memisevic, in Verbindung setzen und sich über weitere Hilfsmöglichkeiten informieren. Für weitere Auskünfte zum Beispiel über unser Patenschaftsprojekt oder Studien- und Ausbildungshilfen für Kinder steht Ihnen außerdem unsere Südosteuropa-Referentin Jasna Causevic zur Verfügung.

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