Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Göttingen
Jahrelang flüchteten rund 40.000 verängstigte Kinder jeden Abend vor der Lord’s Resistance Army (LRA), der „Widerstandsarmee Gottes“aus den ländlichen Gebieten der Acholi in kilometerlangen Fußmärschen in die Städte. Dort übernachteten sie auf der Straße, in Torwegen oder Busstationen. Die größeren Kinder versuchten, die Angst der Kleineren zu mildern, erzählten ihnen Geschichten oder sangen leise Lieder. Noch immer müssen Kinder Angst haben, verschleppt zu werden, und suchen deshalb abends Schutz in den Städten. In den vergangenen Wochen sind es etwas weniger geworden, weil die LRA jetzt im benachbarten Südsudan und Kongo agiert.
Frieden für Ugandas Kindersoldaten – JETZT!
Opio ist erst acht Jahre alt und noch zu klein, um auf einen Fahrradsattel zu klettern. Doch Töten kann er schon. Opio war Kindersoldat in Norduganda bei der Lord’s Resistance Army (LRA), der „Widerstandsarmee Gottes“. In dem jüngst mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Lost Children“ erzählt er, wie er anderen Kindern befehlen musste, das Gehirn eines von ihm getöteten Soldaten zu essen. „Nein: Roh, nicht gekocht!“, versichert er mit hellem Lachen. Er konnte schließlich flüchten – wie Jennifer. Sie war elf, als sie vergewaltigt wurde und eine Waffe bekam. Menschen, die sie getötet hat, verfolgen sie bis heute in ihren Träumen.
Mindestens 13.000 Kinder hat die LRA seit 2003 bei Überfällen auf Dörfer der Acholi-Volksgruppe oder auf Flüchtlingslager geraubt und sie mit äußerster Brutalität zu Kindersoldaten gedrillt. Dabei werden die verschleppten Kinder zutiefst traumatisiert. Damit sie ihre Hemmungen verlieren, werden sie nicht selten dazu gezwungen mitanzusehen, wie ihre eigenen Eltern oder Geschwister gequält und getötet werden.
Die LRA beruft sich in einem konfusen Programm auf die zehn Gebote. „Im Namen des Herrn“ müssen ihre Kindersoldaten morden, plündern und brandschatzen. Oft müssen sie ihren Kommandeuren aber auch als Sexsklaven dienen. Wie viele Kämpfer die Terrorbewegung heute noch hat, weiß niemand. Seit 20 Jahren kämpft sie gegen die ugandische Regierung. In der Bevölkerung hat sie keinen Rückhalt mehr.
Vertriebene wollen zurück
Lange hat die ugandische Regierung ausschließlich auf eine militärische Lösung des Konfliktes mit der LRA gesetzt. Dabei ist sie rücksichtslos gegen die Zivilisten im Norden des Landes vorgegangen, vor allem gegen die Acholi. Dort wurden 90 Prozent der Bevölkerung von der Armee vertrieben. Ihre Häuser wurden niedergebrannt, damit die Menschen in einem von 200 Lagern Zuflucht suchen mussten. Dort sollten die insgesamt etwa 1,8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen angeblich sicher sein. Doch immer wieder werden Flüchtlinge sowohl von LRA-Kämpfern als auch von regulären ugandischen Soldaten ausgeplündert. Frauen und Mädchen werden überfallen und vergewaltigt. In den Lagern ist die Versorgung so schlecht und die hygienischen Bedingungen sind so katastrophal, dass rund 1.000 Menschen pro Woche sterben.
Deshalb drängen die Vertriebenen auf Rückkehr. Die Regierung will sie jedoch nur in kleinere Lager verlegen, obwohl sie seit Monaten verkündet, die LRA sei besiegt. Unter den Vertriebenen wächst jetzt die Angst, dass sie nicht zurückkehren dürfen, weil sich korrupte Offiziere ihr Land aneignen wollen.
Die Ursachen des Krieges
Die Ursachen des Konflikts in Norduganda reichen weit in die britische Kolonialzeit zurück. Damals wurde mit einer Politik des „Teilens und Herrschens“ der Grundstein für spätere Auseinandersetzungen zwischen den ethnischen Gemeinschaften im Norden und Süden des Vielvölkerstaates gelegt. Während die Acholi und andere Völker im Norden einen Großteil der Armee stellten, hatten Angehörige der ethnischen Gemeinschaften im Süden mehr Einfluss in Wirtschaft und Politik. Nach der Unabhängigkeit Ugandas 1962 setzten die Regierungen diese fatale Politik fort, so dass die Spannungen zwischen Nord und Süd wuchsen und es zu blutigen Massakern kam. Unter Diktator Idi Amin (1971-1979) wurden bis zu 300.000 Oppositionelle ermordet.
In den 80er Jahren lehnten sich die Acholi gegen den Süden des Landes auf, weil sie sich immer stärker benachteiligt fühlten. Anfangs genoss die LRA Unterstützung in der Bevölkerung. Heute wird sie aufgrund ihres Terrors von den meisten Acholi und benachbarten Völkern abgelehnt. Trotzdem behaupten führende ugandische Politiker öffentlich, alle Acholi seien LRA-Unterstützer, und schüren die Spannungen so weiterhin.
Frieden jetzt!
Auch aufgrund der Initiative der autonomen Regierung des Südsudan hat sich die Regierung von Uganda jetzt zu Friedensgesprächen bereit erklärt. Damit es möglichst schnell zu einem Frieden kommt, fordern Sprecher von Bürgerrechtsbewegungen im Norden des Landes, dass der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag seine Haftbefehle gegen führende LRA-Kommandeure aufhebt. Selbst der Erzbischof von Gulu, John Odama, hat sich dafür ausgesprochen, damit die LRA-Führer ohne Risiko zu den Friedensverhandlungen kommen können.
Das tut die GfbV:
„Das Engagement der GfbV ist sehr wichtig, denn nur internationaler Druck wird uns Frieden bringen“, erklärte Erzbischof Odama im Mai. Er setzt sich seit Jahren für die Not leidende Zivilbevölkerung ein, übernachtete mit Kindern auf der Straße, um weltweit Aufmerksamkeit auf ihr Schicksal zu lenken. Mit Mahnwachen in vielen deutschen Städten hatte die GfbV Weihnachten 2005 auf die verzweifelte Lage der Kinder in Norduganda hingewiesen. In einem viel beachteten Interview in den ARD-Tagesthemen rief GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch zu einer europäischen Friedensinitiative auf, und mehr als 20.000 Menschen beteiligten sich an unserer Postkartenaktion an die österreichische Präsidentin des Rats der EU-Außenminister. In vielen Städten zeigten wir den Film „Lost Children“ und wirkten im Deutschen Bundestag an der Verabschiedung einer Resolution für ein Ende des Bürgerkrieges mit.
Jetzt werden wir rund 2000 Institutionen, religiöse und weltliche Organisationen in den westlichen Ländern bitten, sich wie die GfbV für eine schnelle Rückführung der Vertriebenen, für mehr humanitäre Hilfe und verstärkte Wiedereingliederungsprogramme für die traumatisierten Kindersoldaten einzusetzen. Außerdem sollten die in Europa ansässigen Organisationen die EU dazu drängen, Uganda großzügig finanzielle Hilfe zu gewähren, sobald der Frieden besiegelt ist. Darüber hinaus werden wir alle bitten, an den Weltsicherheitsrat zu appellieren, die Haftbefehle des Internationalen Strafge-richtshofs auszusetzen, damit der Friedensprozess nicht beeinträchtigt wird.
SO KÖNNEN SIE HELFEN:
Bitte schicken Sie unseren E-Mailprotest an den finnischen Außenminister Erkki Tuomioja ab. Er ist bis Ende 2006 Präsident des EU-Außenministerrates. Appellieren Sie so an ihn, den Druck auf Uganda zu verstärken, damit dort schnell Frieden geschlossen wird. Damit bitten Sie ihn auch, auf eine Rückkehr der Flüchtlinge zu drängen. Bitte fordern Sie dieses kostenlose Faltblatt und unsere Protestpostkarten bei uns an und verteilen Sie sie weiter (Tel. 0551 49906-26).

Gemeinsam handeln – Newsletter abonnieren
Bleiben Sie informiert über unsere Menschenrechtsarbeit, Erfolge und aktuelle Kampagnen. Unser Newsletter bringt Ihnen Stimmen unserer Partner*innen, Analysen und Möglichkeiten zum Mitmachen direkt ins Postfach.