Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Dem Tschad, einem der ärmsten Länder Welt, ist nach einem Szenario der Weltbank eine Zukunft politischer Stabilität und des Wohlstandes beschieden. Das Institut hat Kredite in Höhe von 125 Mio. US-Dollar bewilligt, welche die Ölproduktion im Süden des Tschad ermöglichen sollen. Jetzt will ein Konsortium aus den amerikanischen Firmen ExxonMobil (40%) und Chevron (25%) sowie der malaysischen Petronas (35%) dort 3,7 Milliarden Dollar anlegen. 300 Bohrlöcher, eine Aufbereitungsanlage für das Rohöl und eine 1.070 Kilometer lange Pipeline an die Atlantikküste Kameruns sind geplant. Anfang des Jahres 2004 soll erstes Öl durch die Pipeline fließen.
Kritiker in Europa und den USA befürchteten im Tschad ähnlich negative Folgen der Ölförderung für die Bevölkerung und die Umwelt wie im Nigerdelta. Verschiedene Organisationen unterstützen seither lokale Gruppen in der Wahrnehmung ihrer Rechte oder arbeiten politisch zu dem Projekt. 1998 fand im Marktflecken Donia in der Ölförderregion erstmals eine öffentliche Diskussion des Projektes statt, an der 100 Sprecher von Betroffenen, Vertreter internationaler NGOs sowie Repräsentanten von Esso, der Weltbank und der tschadischen Regierung teilnahmen.
„Esso muss seine Hausaufgaben neu machen“, titelte eine tschadische Zeitung nach dem Seminar. In einer mutigen Erklärung forderten lokale Gruppen den Aufschub der Bauarbeiten, um Zeit für neue Umweltverträglichkeitsstudien und vorbereitende Infrastrukturmaßnahmen zu bekommen. Erbost drohte Esso damit, das Projekt sofort zu beenden. Doch wurden innerhalb eines Jahres 19 Studien vorgelegt und die Entschädigungssätze neu verhandelt.
Obwohl in einem weiteren Seminar in der Ölregion im Frühjahr 2000 von den gleichen lokalen Beteiligten erklärt wurde, die notwendigen Vorbereitungen dauerten noch mindestens zwei, drei Jahre, entschied die Weltbank im Sommer darauf, dass die Voraussetzungen für den Projektbeginn gegeben seien. So wurden in aller Weile Fakten geschaffen. Forderungen nach Garantien für eine sozial- und umweltverträgliche Ölförderung im Tschad und eine verlässliche Verwaltung der Mittel zum Wohl der Bevölkerung waren weder vom Konsortium noch von der Regierung des Tschad erfüllt worden.
Seit Oktober 2000 laufen die Bauarbeiten an der Pipeline und an neuen Straßen. Auf den Märkten haben sich die Preise für Lebensmittel dadurch mehr als verdoppelt. Tschadische und kamerunische Unternehmer klagen, dass alle Aufträge an ausländische Firmen vergeben wurden. Da auch eine umfassende Steuerfreiheit eingeräumt wurde, haben die beiden Länder in dieser Phase fast keine Einnahmen aus dem Projekt. Arbeiter wurden zu Bedingungen angestellt, die jeder Beschreibung spotten: In Kamerun wird der gesetzliche Mindestlohn von 25.000 CFA (ca. 80 DM) pro Monat deutlich unterschritten.
Lokale Gruppen hatten versucht, ein System zu entwickeln, nach dem die Entschädigungen dazu beitragen, langfristiges Einkommen zu sichern. Esso hat sich damit nicht befasst und in großer Eile die vom Pipelinebau betroffenen Bauern nach eigenen Richtlinien mit Bargeld und Sachleistungen abgespeist. Ganze Dörfer haben ihre Existenzgrundlage verloren, weil die Felder, die ihnen ein bescheidenes Auskommen sicherten, umgepflügt werden und die Entschädigungen nach 1-2 Jahren aufgebraucht sind. ESSO lehnt alle Verhandlungen über weitere individuelle Entschädigungen ab.
Das Erdölprojekt könnte den Konflikt zwischen den Muslimen im Norden, die das Land politisch dominieren, und der christlichen Bevölkerung im Süden anfachen. zudem ist die Förderregion fast identisch mit dem Siedlungsgebiet einer ethnischen Gruppe, der Gambai. Im Februar 1998 töteten Spezialeinheiten des tschadischen Militärs etwa 200 Angehörige der Gambai, die Opfer waren häufig Dorfälteste. Die Regierung gab eine Offensive gegen bewaffnete Rebellen als Grund an. Es drängte sich jedoch der Eindruck auf, dass es darum ging, die über den Ölfeldern lebenden Menschen zu vertreiben. In der ersten Maiwoche 1998 endete der überfall plötzlich, nachdem der Anführer einer bedeutenden Rebellenorganisation, der Gambai Laokein Bardé, angeblich einen Friedensvertrag mit der Regierung geschlossen hatte. Da weder er, noch seine Gruppe jemals wieder in Erscheinung traten, liegt der Verdacht nahe, dass sie umgebracht wurden.
Bis heute sind im Tschad die Fronten des jahrzehntelangen Bürgerkrieges nicht überwunden. Anfang diesen Jahres wurde bekannt, dass die tschadische Regierung 4,5 Millionen Dollar aus Bonuszahlungen des Konsortiums für den Kauf von drei Militärhubschraubern verwendet hat. Die Armee setzt sie zur Bekämpfung der Rebellion von Youssouf Togoïmi in der Tibesti-Wüste im Norden des Landes ein. Dabei hatten die Regierung und Präsident Déby hatten immer wieder versprochen, die Erdöleinnahmen für die Entwicklung des Gesundheits- und Bildungssektors einzusetzen.
Manfred Zint ist Journalist mit Schwerpunkt Westafrika und Mitglied des Dritte Welt Journalistennetzwerks. Er kennt das Tschad/Kamerun-Erdölprojekt von Recherchereisen in den Jahren 1996 bis 2000. In der deutschen Arbeitsgemeinschaft Erdölprojekt Tschad Kamerun sind etwa 20 Gruppen organisiert, darunter Amnesty International, Brot für die Welt, Eirene, das Diakonische Werk, Urgewald, WEED oder die Initiative Pro Afrika. Weitere Informationen bietet die Homepage www.erdoel-tschad.de

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