Zum Inhalt springen
Aktuelles News & Artikel „Im Şanawbar Bezirk hat eine Augenzeugin allein mehr als 500 Leichen gezählt“

Interview mit Professor Dr. Jens Kreinath zur Lage der Alawiten in Syrien

„Im Şanawbar Bezirk hat eine Augenzeugin allein mehr als 500 Leichen gezählt“

„Im Şanawbar Bezirk hat eine Augenzeugin allein mehr als 500 Leichen gezählt“
Der Anthropologe Professor Dr. Jens Kreinath, Foto: Privat

Professor Dr. Jens Kreinath von der US-amerikanischen Wichita State University dokumentiert im Rahmen des von ihm gegründeten Instituts zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen durch Interviews mit Betroffenen die Massaker an der alawitischen Minderheit und deren systematische Ausgrenzung in Syrien. Wir sprachen mit dem Anthropologen über das Ziel, alle Syrer unter den Schirm einer einzigen Religion zu zwingen, den illusorischen Traum der Unabhängigkeit und ein syrisches Regime, das der Gewalt und den Übergriffen mindestens tatenlos zusieht.

Von Holger Isermann

Herr Kreinath, das Massaker an den Alawiten jährt sich in diesen Tagen zum ersten Mal. Können Sie die Geschehnisse seit dem Sturz von Machthaber Bashar al-Assad einmal einordnen?

Die Zeitlinie, die zum Sturz Assads am 8. Dezember 2024 führte, kam überraschend. Kaum jemand hatte erwartet, dass die H.T.S. so schnell und nahezu ohne nennenswerten Widerstand in Damaskus einmarschieren würde. Die Alawiten in der Hauptstadt und an der Westküste haben dann relativ schnell die Waffen niedergelegt, und viele waren froh, dass das Assad-Regime gestürzt wurde.

In den Medien wird immer wieder betont, dass Assad selbst Alawit war und zahlreiche Angehörige der Minderheit militärische und zivile Führungspositionen innehatten …

… ja, das wäre aber nur die halbe Wahrheit, die so der Komplexität der Lage nicht gerecht wird. Einige profitierten zweifellos vom Regime, und die offizielle Linie lautete, dass die Alawiten wie alle anderen Minderheiten geschützt wurden. Bashar al-Assad und sein Vater haben sich nur mäßig zu ihrer Herkunft bekannt; so besuchten sie beide beispielsweise das Freitagsgebet und beteten nach sunnitischer Art mit offenen Händen, was nicht der alawitischen Tradition entspricht. Bashar war unter anderem mit einer Sunnitin verheiratet.

Die meisten Vertreter der einheimischen Bevölkerung konnten sich unter dem Assad-Regime nicht organisieren und erhielten keine Vorteile; im Gegenteil, sie verarmten. Vereinzelt schlossen sich Alawiten sogar der Opposition an. Ihre vermeintliche Nähe zum Regime wurde ihnen nach dessen Zusammenbruch jedoch zum Verhängnis. Dies schützte sie jedoch nicht vor der massiven Hetze, die 2011 einsetzte und von Islamisten gezielt gesteuert wurde, um unter dem Vorwand eines „alawitischen Regimes“ Unterstützung für dessen Sturz zu mobilisieren.

Wie wird das begründet?

Ich habe vor allem unter Alawiten Kontakt zu Akademikern, die natürlich zur Elite gehören: Medizinern, Lehrern, Juristen. Da der Militärdienst in Syrien verpflichtend war, haben alle irgendwann einmal in der Armee gedient, auch wenn das 40 oder 50 Jahre her ist. Damit wurden sie nun automatisch zur Zielscheibe, jedoch nur weil sie Alawiten waren.

Für Sunniten in Syrien gilt dies nicht immer, selbst wenn sie Teil des Assad-Regimes waren, wohl aber teilweise für andere Minderheiten, obwohl Teil von denen  damals der Opposition angehörten. Jeder, der jetzt die Wahrheit bezeugt und für die jetzige Übergangsregierung nicht nützlich ist, schwebt in Lebensgefahr.

Die Tagesschau berichtete im März des vergangenen Jahres über einen Hinterhalt von Assad-Anhängern an der Westküste und die anschließenden Gefechte mit Regierungstruppen…

Es kam Anfang März 2025 zu einer Schießerei zwischen Sicherheitskräften und Angreifern an einem Checkpoint. Es kursierten Gerüchte, dass die Angreifer damals sogar von der Übergangsregierung bezahlt worden seien, was sich derzeit jedoch nicht belegen lässt. Zu betonen ist hier, dass das Ausmaß des Angriffes auf die Sicherheitskräfte sehr begrenzt war, es handelte sich um keinen ernsthaften bewaffneten Aufstand.

Die Macht des jetzigen Regimes wurde also nicht herausgefordert?

Nicht im Geringsten. Diese Darstellung der Ereignisse kommt dem Regime unter al-Sharaa natürlich zugute, da es damit alles, was danach folgte, als Niederschlagung eines Aufstandes interpretieren kann. Aus Interviews, die im Libanon durchgeführt wurden, geht zudem hervor, dass bereits am 10. Dezember 2024 die ersten Massaker an Alawiten stattgefunden haben, zum Beispiel in Homs.

Was genau passierte am 7. März an der Westküste?

Die Bevölkerung wurde von den Sicherheitskräften vorgewarnt, dass eine Operation gegen Anhänger Assads in der Region geplant war, und aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Anschließend kamen drei Gruppen von Milizen in der gesamten Region zum Einsatz. Die erste Gruppe erkundigte sich vor allem danach, ob die Menschen Alawiten oder Sunniten seien; aber nur die Alawiten wurden daraufhin ausgeraubt. Die zweite Gruppe erschoss die Männer unter den Alawiten entweder direkt vor Ort oder führte sie auf das Dach, wo sie regelrecht hingerichtet wurden. Ein Mann wurde vor den Augen seiner Familie enthauptet. Anschließend kam eine dritte Gruppe von Beduinen mit Frauen und Kindern zum Einsatz, die Häuser verwüstete und plünderte. Die Operation war klar organisiert und keineswegs eine außer Kontrolle geratene Situation, wie die Regierung es darstellt. Es handelt sich hier um gezielte Tötungen, deren Ausmaß einer ethnischen Säuberung sehr nahekommen.

Wer waren diese Milizen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschichte der H.T.S. über lange Zeit eng mit der von Al-Nusra und ISIS ebenso verbunden wie verfeindet war. Obwohl sich die H.T.S. nach außen stets gemäßigt gab, blieb ihre ideologische Ausrichtung immer extrem. Religiösen Minderheiten wie Alawiten, Drusen, Jesiden aber auch Christen gelten mindestens als Abtrünnige, in manchen Auslegungen werden sie nicht einmal als Menschen wahrgenommen. Genau das zeigt sich in der Art und Weise, wie sie getötet wurden. Weitere beteiligte Gruppen waren vermutlich die aus der Türkiye unterstützten Verbände der Amshat und Hamzat Divisionen. Insgesamt handelte es sich um ein Amalgam verschiedener militanter Gruppen, zu denen auch Beduinen gehörten.

Gibt es personelle Kontinuitäten? Waren am 7. März also Terroristen im Gewand von Regierungstruppen am Werk?

Absolut. Die Regierung stellt die Ereignisse immer wieder so dar, dass die Sicherheitskräfte nicht als Aggressoren erscheinen. Bilddokumente zeigen jedoch eindeutig, dass dieselben Männer, die am 7. März an der Westküste Verbrechen begingen, in as-Suwaida mit Rang und Namen gegen die Drusen aktiv waren. Sie wurden in die Regierungstruppen integriert und begehen nun im Namen der Regierung dieselben Verbrechen.

Selbst in Fällen, in denen die Sicherheitskräfte nicht direkt Gewalt gegen Minderheiten ausüben, schauen sie oft passiv zu, ohne einzugreifen. So etwa, als am 29. Dezember 2025 in Jablah ein Auto in direkter Sichtweite der Sicherheitskräfte in eine friedliche Demonstration von Alawiten fuhr und dabei mehrere Menschen getötet wurden. Die Sicherheitskräfte ließen den Fahrer einfach passieren und versuchten dann, die Demonstration gewaltsam aufzulösen. Viele Verletzte trauten sich daher anschließend nicht, ein Krankenhaus aufzusuchen.

Haben die Alawiten sich gewehrt? Gab es Widerstand?

Inzwischen habe ich über 70 Interviews unter teils höchsten Sicherheitsvorkehrungen geführt. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass sich die Alawiten gewehrt hätten. Bei den friedlichen Demonstrationen kamen beispielsweise keine Waffen von Seiten der Alawiten zum Einsatz, was bei den Gegnern der Demonstration jedoch nicht der Fall war. Ganz im Gegenteil, sie schossen unter Aufsicht der Sicherheitskräfte auf alawitische Demonstranten.

Wie viele Alawiten sind seit dem Sturz von Assad getötet worden oder verschwunden?

Ich kann bestätigen, dass vorläufige Listen mit Namen vorliegen, die bis dato mehr als 6.300 Opfer dokumentieren. Darüber hinaus existieren zahlreiche Massengräber, und die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Im Şanawbar Bezirk hat eine Augenzeugin allein mehr als 500 Leichen gezählt. Eine transparente Dokumentation der Ereignisse gibt es bisher nicht. Ich möchte hier keine Spekulation über genaue Zahlen anstellen, jedoch steht fest, dass die tatsächliche Zahl der Opfer der Massaker vom März 2025 deutlich höher liegt als die in den Medien offiziell zirkulierenden 1.500. Nach glaubhaften Einschätzungen beläuft sich die Zahl der Opfer nach anderen bislang noch nicht verifizierten Einschätzungen auf über 30.000. Wie Videoaufnahmen und Zeugenaussagen unzweifelhaft nahelegen, wurden in Latakia und Baniyas unidentifizierte Leichen auf grausame Weise in Massengräbern verscharrt, als Gerüchte über den Besuch von U.N.-Beobachtern zu kursieren begannen.

Wie sieht das alltägliche Leben der Alawiten in den Küstenregionen momentan aus? Gehen die Menschen zur Arbeit, die Kinder zur Schule? Gibt es Wasser, Nahrung, Strom?

Die Situation ist schwer vorstellbar. Die Mehrheit der Alawiten ist arbeitslos, vielen wurde systematisch gekündigt, andere wurden sogar ohne Haftbefehl von zu Hause abgeführt und interniert. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sie trauen sich angeblich kaum auf die Straße. Nach Aussagen aus Interviews werden alawitische Kinder seit dem Sturz des Assad-Regimes nicht mehr registriert. Sterbeurkunden werden teilweise nur ausgestellt, wenn die Angehörigen unterschreiben, dass sie entweder Assad-Unterstützer oder Teil des sogenannten Aufstandes gegen die al-Sharaa-Regierung gewesen sind. So wird weitere Propaganda geschürt und falsche Evidenz generiert.

Was ist die Folge?

Manche alawitische Dörfer wirken menschenleer, verlassen und düster, während sunnitische Nachbarschaften lebendig und geschäftig sind. Ein normales Leben ist für Alawiten in manchen Orten von Syrien derzeit nicht möglich, sie stehen vor dem ökonomischen Kollaps. Aufgrund von Arbeitslosigkeit können viele ihre Kredite nicht mehr tilgen und werden einfach enteignet. Viele hungern, Frauen werden auf offener Straße entführt und sind sexueller Gewalt ausgesetzt.

Wenn das Leben derart verunmöglicht wird, bleibt kaum mehr als die Flucht oder der Tod …

Genau das zeigt die Realität vor Ort.

Haben die Alawiten Verbündete, wie etwa die syrischen Drusen mit den in Israel lebenden Teilen der Minderheit?

Nein, sie sind weitgehend isoliert. Die Alawiten verfügen kaum über Erfahrung mit politischer Partizipation und werden weiterhin öffentlich mit dem Assad-Regime in Verbindung gebracht, was ihrem internationalen Ansehen sehr schadet.

Können wir über Ihre Feldarbeit sprechen? Wie schwierig ist es von außen Geschehnisse zu beleuchten und Aussagen kritisch einzuordnen?

Es handelt sich um eine Art virtueller Feldarbeit, da wir nicht vor Ort tätig sein können. Dem begegnen wir, indem wir mit Organisationen zusammenarbeiten, die in Syrien Interviews durchführen und Ereignisse dokumentieren. Ich spreche ausschließlich mit Personen, die belastbare Aussagen machen wollen und kein politisches Interesse verfolgen. Es geht darum, die Geschehnisse detailliert zu rekonstruieren und Interpretationen als solche zu identifizieren.

Das klingt eher nach einem rechtlichen Zugang …

Als Kulturanthropologe verfüge ich über Erfahrung darin, Erinnerungen, Lebenswelten und Wahrnehmungsformen mittels Interviews zu rekonstruieren. Bereits bei den ersten Interviews habe ich mich jedoch gefragt, mit welchem Ziel diese durchführt werden, und frühzeitig Gespräche mit Juristen sowie Mitarbeitern von Polizeiakademien geführt, um neben den menschlichen Geschichten auch Beweismaterial zu erfassen. Mir ist bewusst, dass die so gewonnenen Aussagen von Juristen nicht notwendigerweise als Beweise anerkannt werden, dennoch versuchen wir möglichst belastbares Material und wichtige Evidenz zu dokumentieren.

Wenn wir uns die gegenwärtige Situation der Alawiten in Syrien anschauen, gibt es Massaker, systematische Ausgrenzung und praktisch keine Verbündeten. Sehen Sie überhaupt Anlass für Hoffnung?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Viele Alawiten sehen derzeit kaum Perspektiven, abgesehen von dem Bestreben nach möglichst großer Unabhängigkeit, die realpolitisch gesehen jedoch nahezu illusorisch erscheint. Solange die europäischen und nordamerikanischen Regierungen das derzeitige Regime in Damaskus nicht wirksam unter Druck setzen, besteht kaum Hoffnung.

Könnte die Politik mehr tun?

Selbstverständlich. Beispielsweise könnten Investitionen an Bedingungen der Einhaltung von Menschenrechten wie den Schutz von Minderheiten geknüpft werden. Möglicherweise ändert sich die Haltung der westlichen Regierungen nach den jüngsten Angriffen in Nord- und Ostsyrien.

Würden Sie der deutschen Regierung vorwerfen, dass sie aus innenpolitischen Gründen die Menschenrechtsverletzungen in Syrien wissentlich übersieht, um die Rückführung von Geflüchteten zu ermöglichen?

Politik ist grundsätzlich interessensgeleitet und nicht zwangsläufig durch Prinzipien wie die Menschenrechte bestimmt. Wenn Gerichte feststellen würden, dass es sich bei den Übergriffen auf Minderheiten in Syrien um einen Genozid handelt und bestimmte Gruppen konkret gefährdet sind, dürfte eine Rückkehr dieser Menschen in ihre Heimat nicht erfolgen. Problematisch ist jedoch, dass die jetzige syrische Regierung alles tut, um Aufklärung und rechtliche Einordnung zu erschweren.

Sehen Sie eine Chance für Frieden in Syrien?

Dafür wäre es erforderlich, die religiöse Indoktrination zu beenden und eine grundsätzliche Aufarbeitung der Verbrechen einzuleiten. In Syrien besteht eine große Vielschichtigkeit der Bevölkerung, die sich religiös und ethnisch stark unterscheidet. Damit ein friedliches Zusammenleben möglich wird, ist Versöhnungsarbeit und Verfolgung von religiös motivierten Straftaten notwendig. Die Erfahrungen der Opfer aus dem Saidnaya-Gefängnis müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Berichte über Massaker an religiösen Minderheiten vor und nach dem Fall des Assad Regimes. Selbst bei einer funktionierenden Regierung, die eine ernsthafte Aufarbeitung anstrebt, dürfte sich dieser Prozess über Generationen hinziehen.

Es hat aber nicht den Anschein, dass Ahmed al-Sharaa der richtige Mann für einen solchen Weg ist, oder?

Es kommt darauf an. Er nutzt die gleichen Unterdrückungsstrukturen wie das Assad-Regime, setzt beispielsweise das Militär gegen die Zivilbevölkerung ein, behindert Aufklärungsbemühungen, schüchtert die Bevölkerung ein. Zudem funktioniert der Unterdrückungsapparat nur eingeschränkt, es besteht keine Verlässlichkeit, und Tötungen, Entführungen oder Raubüberfälle auf offener Straße bleiben weitgehend ohne Konsequenzen.

Hat al-Sharaa die verschiedenen Gruppen im Land nicht unter Kontrolle oder geschehen die Verbrechen auf seinen Befehl hin?

Letzteres lässt sich bisher nicht eindeutig belegen, eine Unterlassung ist jedoch offensichtlich. Es gibt keine erkennbaren Bemühungen, Straftaten einzudämmen oder zu verfolgen, was darauf hindeutet, dass die Regierung ein Interesse an den Verbrechen haben könnte.

Ziel jeder Aufarbeitung und Dokumentation sollte es deshalb sein, die Verbrechen der Übergangsregierung vorbehaltslos aufzuklären und strafrechtlich zu verfolgen, sofern die Beweiskette klar nachweisbar ist. Diese Aufgabe hat sich das von mir gegründete Institut zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen an religiösen Minderheiten in der Levant zum Ziel gesetzt.

Gemeinsam handeln – Newsletter abonnieren

Bleiben Sie informiert über unsere Menschenrechtsarbeit, Erfolge und aktuelle Kampagnen. Unser Newsletter bringt Ihnen Stimmen unserer Partner*innen, Analysen und Möglichkeiten zum Mitmachen direkt ins Postfach.