Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Der Gründer und Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker Deutschland (GfbV), Tilman Zülch, ist am Sonntag in Sarajevo zum Ehrenbürger der bosnischen Hauptstadt ernannt worden. Die bosnische Sektion der GfbV teilte am Montag mit, Oberbürgermeister Prof. Dr. Ivo Komsic habe den 74-Jährigen während der feierlichen Zeremonie im Staatstheater gewürdigt: „Das Leben von Tilman Zülch ist durch seinen überwältigenden und stetigen Einsatz für Menschenrechte der bedrohtesten Volksgruppen weltweit gekennzeichnet. Vom ersten Tag der Aggression gegen Bosnien und Herzegowina hat er sich für die Opfer des Krieges engagiert und diesen Einsatz bis heute fortgesetzt. Er hat ganz deutlich erkannt, dass das Dayton-Abkommen Bosnien und Herzegowina zwar Frieden gebracht, es jedoch nicht zu einem funktionsfähigen Staat gemacht hat. Die Opfer haben keine Gerechtigkeit erfahren. Heute gilt der Einsatz von Tilman Zülch dem dringenden und bitter nötigen EU- und NATO-Beitritt unseres Landes wie auch der Anerkennung der Verbrechen und der Bestrafung der verantwortlichen Täter. Es ist uns eine große Ehre, dass wir Herrn Tilman Zülch die Ehrenbürgerschaft der Stadt Sarajevo verleihen können und dass er ab heute auch offiziell unser Mitbürger – Bürger von Sarajevo – ist. Herr Zülch, im Namen aller Bürger von Sarajevo wie auch aller Bosnier danke ich Ihnen heute feierlich für Ihre große Unterstützung damals wie auch heute. Jede ihrer Aktionen hat uns in Sarajevo und Bosnien und Herzegowina den Mut gegeben, weiter auszuharren und die Leiden während des Krieges zu ertragen.“
Zülch dankte für die hohe Anerkennung und erklärte, er nehme sie im Namen der 19.000 Unterstützer der GfbV wie auch der etwa 350.000 Bosnier an, die während des Krieges in Deutschland Zuflucht gesucht hatten. Viele von ihnen unterstützten hier, aber auch europaweit die Initiativen und Menschenrechtsaktionen der GfbV. Da er selbst Flüchtling sei, sei es seine Pflicht, anderen Betroffenen zu Hilfe zu eilen, sagte der Menschenrechtler.
„Neben der Rolle, die Serbien bei der Zerschlagung von Bosnien und Herzegowina spielte, war das Verhalten der britischen und französischen Regierung, die sich offen auf die Seite der Aggressoren stellten, erschütternd“, erinnerte sich Zülch. „Genau das hat mir unser langjähriger Freund und Unterstützer Simon Wiesenthal gesagt und erklärt, dass Frankreich und Großbritannien in zwei Weltkriegen mit Serbien verbündet waren und dies sich auch jetzt nicht ändern würden, so dass er für Bosnien leider schwarz sehe. Das, was mich unendlich traurig macht, ist auch das Verhalten des gerade wiedervereinigten Deutschlands, das das Dayton-Friedensabkommen mitunterzeichnet und damit das Land Bosnien und Herzegowina geteilt hat. Außerdem haben wir die bosnischen Flüchtlinge, die sehr gut integriert waren, gezwungen, Deutschland zu verlassen und beispielsweise in die USA und nach Australien auszuwandern, da der Großteil von ihnen nicht in ihre Wohnorte und Häuser in der serbischen Teilrepublik Bosnien und Herzegowinas zurückkehren konnte.
Jetzt müssen alle Freunde Bosnien und Herzegowinas wie auch alle Bürger Europas darauf insistieren, dass Bosnien und Herzegowina ungeteilt und ohne Barrieren Teil der EU und des NATO-Bündnisses wird. Dies sind wir den zahlreichen Opfern in Bosnien und Herzegowina schuldig.“
An der Preisverleihung nahmen Hunderte angesehener Persönlichkeiten der Stadt Sarajevo, Vertreter aller Ethnien und Religionsgruppen des Landes wie auch Vertreter der Opfer des Krieges in Bosnien und Herzegowina teil, darunter auch Miro Lazovic, serbischer Vertreter im ehemaligen Kriegspräsidium von Bosnien und Herzegowina, heute stellvertretender Präsident des Stadtrates von Sarajevo, Stjepan Kljuic, kroatischer Vertreter im ehemaligen Kriegspräsidium von Bosnien und Herzegowina, Prof. Dr. Mirko Pejanovic, serbischer Vertreter im früheren Kriegspräsidium von Bosnien und Herzegowina, Jovan Divjak, ethnischer Serbe und General der Verteidigung von Sarajevo, Prof. Dr. Smail Cekic, Direktor des Instituts zur Erfassung von Kriegsverbrechen an der Universität von Sarajevo, Eli Tauber, Vertreter der Jüdischen Gemeinde von Sarajevo, der Franziskaner Luka Markesic, Präsident des Kroatischen Volksrates in Sarajevo.
Neben der Ernennung von Tilman Zülch zum Ehrenbürger der Stadt wurden posthum auch der kürzlich verstorbene stadtbekannte Schuhputzer von Sarajevo, der Roma Husein Hasani, genannt Cika Miso, sowie Goran Cengic und Srdjan Aleksic geehrt, die wegen ihres Widerstandes gegen Verbrechen an Bosniaken gleich zu Beginn des Krieges von serbischen Armeeeinheiten getötet wurden.
Genozid in Bosnien Herzegowina 1992-1995
- Errichtung von über 100 Konzentrations-, Internierungs- und Vergewaltigungslagern mit über 200.000 zivilen Häftlingen
- Ermordung von vielen tausend Häftlingen in Konzentrationslagern wie Omarska, Manjaca, Keraterm, Trnopolje, Luka Brcko, Sušica und Foca
- Systematische Verhaftung und Ermordung von Angehörigen der akademischen und politischen Elite.
- Flucht und Vertreibung von etwa 2,2 Millionen Bosniern und ihre Zerstreuung über vier Erdteile
- Viele tausend, von keiner Institution gezählte und nicht in die Statistiken eingegangene Todesopfer unter Kindern, Alten, Kranken und Verwundeten während Flucht und Vertreibung und deren Folgen.
- Einkesselung, Aushungerung, Beschießung und teilweise Liquidierung von 500.000 Bosniern in so genannten UN-Schutzzonen bis zu vier Jahren (Tuzla, Goražde, Srebrenica, Žepa und Bihac).
- Fast vierjähriges Bombardement der sechsten so genannten UN-Schutzzone Sarajevo mit etwa 11.000 Toten, darunter 1.500 Kinder.
- Massaker und Massenerschießungen in zahlreichen Gemeinden und Städten Nord-, West- und Ostbosniens (Posavina, Raum Prijedor und Podrinje).
- Planmäßige Zerstörung hunderter Dörfer und Stadtteile.
- Vollständige Zerstörung der materiellen islamischen und weitgehend auch der katholischen Kultur, darunter 1 189 Moscheen und Medresen und bis zu 500 katholische Kirchen und Gemeindehäuser sowie 38 orthodoxe Kirchen.
- Suche nach immer noch etwa 15.000 Vermissten und deren notwendige Exhumierung und Identifizierung.
- Geiselnahme und Missbrauch von 284 UN-Soldaten als menschliche Schutzschilde
- Vergewaltigung von mehr als 20.000 bosnisch-muslimischen Frauen in- und außerhalb der Vergewaltigungslager
- Ermordung von 8 372 Bosniaken in der Stadt Srebrenica — Männer und Jungen, unter ihnen auch 560 Frauen – und deren Verscharrung in Massengräbern
- Vernichtung von etwa 150.000 Menschen durch „ethnische Säuberungen“ oder deren Folgen
Die wichtigsten Menschenrechtsinitiativen der GfbV für Bosnien-Herzegowina während des Krieges
- Erste internationale Konferenz in Frankfurt 1992 über den Genozid in Bosnien – Herzegowina
- Symbolisches Konzentrationslager in Wien, aus Protest gegen die Passivität des Westens in Bosnien 1993
- Besetzung der kroatischen Botschaft in Bonn 1993, aus Protest gegen die kroatische Politik gegenüber Bosnien (Tilman Zülch)
- Hungerstreik bosnischer Frauen vor der Neuen Wache in Berlin 1993
- Januar 1993 Fernsehdebatte bei Sat 1 in der Sendung „Einspruch“ über den Genozid in Bosnien–Herzegowina. Die serbischen Repräsentanten scheiterten mit ihren Argumenten, dass kein Völkermord stattfand. (Stefan Schwarz, Christian Schwarz–Schilling, Tilman Zülch gegen Aleksander Buha, Vera Bojic, Dr. Zoran Konstantinovic)
- 6. März 1993, Demonstration in München, die sich an europäische Regierungen richtete, und Hilfe für die Menschen in Bosnien–Herzegowina forderte
- Gründung des Europäischen Forums für Bosnien – Herzegowina 1994
- Demonstration mit 30.000 Teilnehmern in Bonn im April 1994 gegen die Teilung Bosniens
- Am 11. Juli 1994 Demonstration unter dem Motto „Don’t divide Bosnia“ beim Besuch des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton in Berlin
- 1995 Errichtung von zwei symbolischen Konzentrationslagern in Berlin, um – 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – auf die Gräueltaten in Bosnien aufmerksam zu machen
- Protestaktion im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald 1993 und 1995 (Redner u.a. Vytautus Landsbergis, Marek Edelman, Alain Finkielkraut)
- 14. August 1995: Delegation der GfbV besucht die Krajina, Kroatien nach der Operation Sturm, durch die die serbischen Bewohner vertrieben worden waren
- Internationaler Genozid-Kongress in Bonn 1995 ( u.a. mit Rita Süssmuth, Simon Wiesenthal, Haris Silajdzic)
- 18. Juli 1995: Errichtung eines symbolischen bosnischen Friedhofes mit muslimischen Grabstelen, 200 Meter entfernt von der Villa des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, sieben Tage nach dem Fall der ostbosnischen Stadt Srebrenica
- 17. Dezember 1992: Demonstration in Bonn gegen Massenvergewaltigungen in Bosnien
- Am 28. Januar 1995 wurden 1000 muslimische Grabstelen und christliche Kreuze in Bonn aus Protest gegen die Belagerung in Sarajevo aufgestellt
- Nach Protesten der GfbV führt der WDR am 30. August 1995 ein bosnisches Programm ein
- 2./3. Mai 1996: Protestaktion gegen die Abschiebung der Flüchtlinge aus Bosnien–Herzegowina aus Deutschland: Errichtung eines symbolischen Flüchtlingscamps in Bonn und Organisation einer Anhörung mit in Bosnien tätigen humanitären Organisationen
Kontinuierlich:
- Die GfbV liefert Informationen an die Weltpresse über die Kriegsverbrechen in Bosnien Herzegowina 1993, besonders über die Geschehnisse in den Städten, die unter Schutz von UN Friedenstruppen standen
- Unterstützung der Arbeit des ICTY

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